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Olympische Winterspiele 2030
Warum Sapporo die eigene Bevölkerung nicht fragen will

In Japan will man die Olympischen Winterspiele 2030 nach Sapporo holen. Doch nach den sündhaft teuren und verschobenen Pandemie-Spielen von Tokio 2020, ist den Japanern die Lust auf Olympia vorerst vergangen. Sapporo gilt zwar als Favorit. Allerdings hat man dort offenbar Angst vor den Bürgern. Eine Volksabstimmung wird es nicht geben.

Von Felix Lill | 12.06.2022
Plakate in der U-Bahn von Sapporo werben für die Ausrichtung der Olympischen Winterspiele in der nordjapanischen Stadt.
Plakate in Sapporo werben für die Ausrichtung der Olympischen Winterspiele 2030 in der nordjapanischen Stadt. (IMAGO/Kyodo News)
Wer diese Tage in den Norden von Japan reist, erlebt Festivalstimmung:
"Im Shiroikoibito Park von Sapporo läuft jetzt das Projekt 'Eine Medaille jeden Tag' mit dem Hashtag 'Gute Menschen, gute Stadt.' Es ist eine Initiative im Rahmen der Olympiabewerbung Sapporos für die Spiele 2030", berichtete am Donnerstag der Fernsehsender STV von der japanischen Nordinsel Hokkaido:
"Man kann Fotos und Videos von sich machen und Grußbotschaften verschicken. Das Projekt läuft noch bis zum 31. August 2022."

Sapporo gilt als klarer Favorit

Dabei ist noch nicht entschieden, wo die Olympischen Winterspiele 2030 stattfinden werden. Neben Sapporo bewerben sich Barcelona und die Pyrenäen aus Spanien, Vancouver und Whistler aus Kanada sowie das US-amerikanische Salt Lake City.
Zumindest laut japanischen Medien gilt Sapporo aber als klarer Favorit. Die Nachrichtenagentur Kyodo will wissen, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) noch in diesem Jahr den Zuschlag geben dürfte.
Als vor zwei Wochen eine IOC-Delegation nach Nordjapan reiste, um sich die Pläne für Wettkampfstätten und Transportmöglichkeiten anzusehen, strahlte man in Sapporo Selbstsicherheit aus. Akihiro Okumura, ein Sprecher des japanischen Bewerbungskomitees, betonte zum Ende der IOC-Visite:
"Hier können bestehende Anlagen genutzt werden. Einige müssen womöglich renoviert werden. Wie es genau aussehen muss, wo das Management und die Anlagen noch eine Überarbeitung benötigen, das konnten wir bei der dreitägigen Inspektion jetzt nicht abschließend klären. Aber wir werden gemeinsam daran arbeiten."
Ein Poster verweist auf den 50. Jahrestag der Olympischen Winterspiele in Sapporo.
1972 fanden die Olymouschen Winterspiele bereits in Sapporo statt - fast 60 Jahre später soll es wieder so weit sein. (IMAGO/Kyodo News)

Kunstschnee wäre wohl kaum nötig

In der japanischen Nordmetropole, wo schon 1972 die Winterspiele stiegen, betont man Nachhaltigkeit. Einerseits betrifft dies die kalten Winter, wo zuverlässig Schnee fällt und Kunstschnee kaum nötig wäre. Andererseits aber auch die Finanzen: Man werde eben nur wenig neu bauen müssen – wie allerdings auch in den anderen Bewerberstädten.
Es sind Versprechen, die in vielen japanischen Ohren noch laut klingeln dürften. "Tokyo 2020" wurde anfangs als "kompaktes Olympia" angepriesen, wo alle wichtige Infrastruktur schon vorhanden sei. Am Ende aber wurde das Olympiastadion neugebaut und das Budget um ein Vielfaches überzogen.
Die Pandemie, die eine einjährige Verschiebung auf Sommer 2021 erzwang, vergrößerte das finanzielle Minus nur noch. Die Organisatoren aber ließen sich von ihren Plänen nicht abhalten. 80 Prozent der Menschen im Land waren gegen die Austragung. „Tokyo 2020“ fand trotzdem statt.
Und nun soll Sapporo 2030 folgen.

Ein Referendum wird es nicht geben

Nach den kontroversen Spielen von Tokio mögen solche Pläne wie Wahnsinn wirken. Wobei Japans Nationales Olympisches Komitee inmitten starker Kritik verstärkten Austausch mit der Öffentlichkeit angekündigt hat. Dies wiederum passt dem IOC: 2019 verkündete dessen Vizepräsident John Coates, dass man künftig von Bewerberstädten eine erfolgreiche Volksabstimmung erwarte.
Immerhin mussten in den letzten Jahren diverse Städte ihre Bewerbungen nach aufwendigen Plänen und PR-Kampagnen wieder zurückziehen, nachdem sie bei Referenden durchgefallen waren. Dazu gehörten: Wien, Innsbruck, Sion, St. Moritz und Davos, Hamburg, Krakau, München sowie Bern.
Und Sapporo? Von einer Parlamentsabstimmung Anfang der Woche berichtet der TV-Sender UHB:
"Diese Sitzung befasst sich mit einer Initiative der Kommunistischen Partei und des Bürgernetzwerks Hokkaido. Sie sah vor, dass alle 18-jährigen Personen über die Bewerbung abstimmen sollten. Die Liberaldemokratische Partei, die Demokratische Partei und die Komeito haben dagegen gestimmt."
In anderen Worten: Das Parlament hat darüber abgestimmt, ob man die Bürgerinnen und Bürger über die Bewerbung von Sapporo abstimmen lassen solle - und dagegen entschieden. Ein Referendum wird es also nicht geben. Dies wiederum kümmert bei genauerem Hinsehen auch das IOC wenig. Dort verlangt man so etwas nämlich nur dann, wenn es von der entsprechenden Regierung vorgesehen ist.

Bizarre Taktiken der Überzeugungsarbeit

Als Argument gegen eine Volksabstimmung war diese Tage in Sapporo zu vernehmen, dass laut einer Umfrage zuletzt schon 52 Prozent für die Olympiabewerbung waren - womit eine Mehrheit ja schon vorhanden sei. Was wegen des knappen Ergebnisses auch als Argument für eine Volksabstimmung herhalten könnte, ist umso fragwürdiger, wenn man eine Umfrage der Stadt Sapporo vom März ansieht.
Die Befragten werden dort mit suggestiven Statements konfrontiert wie: „Sapporo 2030 ist nicht nur ein zeitlich begrenztes Sportevent, sondern ein Entwicklungsprojekt, damit die Stadt in der Zukunft strahlen kann“
Oder: „Die laufenden Kosten der Spiele werden durch Zuwendungen des IOC und Sponsoreneinkünfte finanziert“, sodass hierfür keine Steuergelder verwendet würden. Diesen Statements haben demnach jeweils mehr als 60 Prozent zugestimmt.
Allerdings wurde nicht erklärt, dass Infrastrukturinvestitionen im Zuge von Olympia in der Regel sehr wohl von Steuergeldern bezahlt werden und diese wiederum auch ohne Olympische Spiele getätigt werden könnten.
Es sind Taktiken der Überzeugungsarbeit, die die japanischen Bewerber schon für die Spiele von Tokio verfolgten. Die Kontroverse um die teuren Sommerspiele inmitten der Pandemie will man unterdessen schnellstmöglich vergessen lassen.
Die Regierung verkündete vor kurzem, dass sie Gemeinden im ganzen Land finanziell unterstützen wolle, wenn diese die Hinterlassenschaften von „Tokyo 2020“ promoten. Wohl auch, damit bei den neuen Plänen in Sapporo möglichst wenig schiefgeht.