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StartseiteInterview"Granatensplitter kamen runter wie glühender Stahlregen"01.11.2019

Schlacht im Hürtgenwald vor 75 Jahren"Granatensplitter kamen runter wie glühender Stahlregen"

32.000 US-Soldaten kamen bei der Schlacht im Hürtgenwald vor 75 Jahren ums Leben. Sie hätten im Gegensatz zu einigen Wehrmachtstruppen keine Erfahrung für den Kampf im Wald gehabt, sagte der Hobby-Historiker Albert Trostorf im Dlf. Wir dürften niemals vergessen, wie tapfer die Alliierten gewesen seien.

Albert Trostorf im Gespräch mit Christoph Heinemann

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Hürtgenwald: Fundort Private Cahow (Deutschlandradio / Paul Stänner)
Ein Ehrengrab für gefallene Soldaten im Bereich Hürtgenwald Eifel, die während der Allerseelenschlacht im November 1944 starben (Deutschlandradio / Paul Stänner)
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Christoph Heinemann: Die Schlacht im Hürtgenwald, das sogenannte Verdun in der Eifel, gehört zu den verlustreichsten Kämpfen. 32.000 Soldaten kamen auf amerikanischer Seite schätzungsweise ums Leben. Zum Vergleich: Im gesamten Vietnamkrieg wurden 58.000 US-Soldaten getötet. Anfang Oktober 1944 begann der Vormarsch der US-Truppen, am 2. November begann dann mit der sogenannten Allerseelenschlacht der zweite und blutigste Abschnitt der Kämpfe. Albert Trostorf ist Ortsvorsteher der Gemeinde Merode, unweit von Aachen. Er beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Schlacht im Hürtgenwald, und er veranstaltet Führungen, auch für Veteranen und Angehörige ehemaliger US-Soldaten, die im Hürtgenwald gekämpft haben. Vor dieser Sendung habe ich Albert Trostorf gefragt: Wie war heute vor 75 Jahren die militärische Lage im Hürtgenwald?

Albert Trostorf: Ja, im Großen und Ganzen sah es ja so aus, dass die Alliierten nach der Landung in der Normandie und den Schlachten in den Kesseln von Falaise Argentan und Mons Maubeuge die deutsche Wehrmacht ja größtenteils schon zerschlagen hatte. Als die Amerikaner am 12. September die deutsche Westgrenze bei Roetgen erreichten und sich die Karte vor sich nahmen, dann sah man auf der linken Flanke die Großstadt Aachen, was für die Amerikaner eine undurchdringliche Steinwüste war. Dazwischen lag ein schmaler Streifen Flachland, der sogenannte Stolberger Korridor. Dort hinein stießen die Amerikaner durch die Westwall-Linien durch, erreichten am 16. September den Ort Schevenhütte. An der rechten Flanke lag dieses riesige Waldgebiet des Hürtgenwaldes, und das ist wieder eine Erfahrung, die General Hodges, der Befehlshaber der ersten US-Armee, aus dem Ersten Weltkrieg noch hatte, als er mit einer Einheit am Argonnerwald in Frankreich vorbei vorstieß und damals die kaiserliche Armee in die Flanke gefallen ist. Das hatte einen entscheidenden Beitrag dazu, dass er den Angriff durch den Hürtgenwald befahl.

Ein weiterer Faktor war halt die zentrale Lage der Eifeltalsperren, denn wer die Talsperren kontrollierte, der kontrollierte die Rur. Falls die Amerikaner jetzt nördlich am Hürtgenwald vorbei auf Köln vorgestoßen wären und die Deutschen hätten die Grundablässe der Talsperren gesprengt - was ja auch 1945 letztendlich passiert ist -, dann wäre, wenn man über die Rur hinweg gewesen wäre, die Armee wie gesagt für Wochen vom Nachschub abgeschnitten gewesen.

"Eine Taktik, die musste komplett neu erlernt werden"

Heinemann: Wie waren denn die US-Truppen auf den Kampf im Wald vorbereitet?

Trostorf: Überhaupt nicht. Viele amerikanische Veteranen, mit denen ich gesprochen habe oder interviewt habe, die sagten mir übereinstimmend, dass der Kampf im Hürtgenwald mit enorm viel neuer Taktik verbunden war. Bisher kannte man halt den Vormarsch in Frankreich und das Kämpfen in den Großstädten wie in Aachen oder halt in Brüssel und so weiter, aber wie gesagt, im Hürtgenwald oder im Waldgebiet an und für sich, dafür gab es noch keine Erfahrung. Das war also eine Taktik, die musste komplett neu erlernt werden.

Heinemann: Wie dann später in Vietnam auch.

Trostorf: Richtig, so kann man das sagen.

Heinemann: War die Wehrmacht besser auf diese Art der Kriegsführung vorbereitet?

Trostorf: Man kann sagen, die Einheiten, die schon Osterfahrung hatten oder die an der russischen Front beziehungsweise Ostfront gekämpft hatten, die hatten auch Erfahrungen im Waldkampf, denn es gab wie gesagt in Russland auch vergleichbare Gebiete, wie zum Beispiel das Wolchow-Gebiet oder das Gebiet um die Prypjatsümpfe, wo man halt ähnliche Erfahrungen bereits gemacht hatte – wie man sich im Wald verteidigt, wie man im Wald angreift und so weiter.

Heinemann: Herr Trostorf, mit welchen Mitteln wurde im Hürtgenwald gekämpft? Die Schlacht gilt ja als eine der schlimmsten des Zweiten Weltkrieges.

Trostorf: Die Waffe im Hürtgenwald, das war die Artillerie und das waren die Granatwerfer. Die meisten Verluste, die dort verursacht wurden an Menschen und Material, sind durch Artillerie und Granatwerferbeschuss entstanden, also weniger durch Infanteriewaffen wie Maschinengewehrfeuer oder Gewehrfeuer an und für sich. Die Granaten, die krepierten bereits in den Baumwipfeln und verursachten – die Amerikaner nannten es die sogenannten Treeebirds –, die Granaten, die explodierten in den Baumwipfeln, und die Splitter, die kamen runter wie glühender Stahlregen, und da gab es so gut wie keine Möglichkeit, sich zu schützen.

Heinemann: Deshalb die hohen Opferzahlen.

Trostorf: Genau deshalb, ja.

"Die Kämpfe waren verlustreich auf beiden Seiten"

Heinemann: Wir müssen über einen Mann reden, über Günter Stüttgen, einen deutschen Militärarzt, der nach dem Krieg von den Amerikanern geehrt wurde. Sein Eingreifen wird als das "Wunder vom Hürtgenwald" beschrieben. Wofür wurde Günter Stüttgen vom ehemaligen Gegner nach dem Krieg ausgezeichnet?

Trostorf: Ja, das hat sich dann zugetragen während der sogenannten Allerseelenschlacht im Kalltal, also im sogenannten Kall Trail, unweit der Mestrenger Mühle in Vossenack. Die Kämpfe dort waren so verlustreich auf beiden Seiten, dass Dr. Stüttgen einen Waffenstillstand mit den Amerikanern vereinbart hat. Während dieses Waffenstillstandes haben sowohl deutsche als auch amerikanische Soldaten - und Sanitätspersonal selbstverständlich - gegenseitig die verwundeten Soldaten geborgen und versorgt. Und das ist für die Amerikaner ein großes Zeichen der Barmherzigkeit gewesen, und genau deshalb wurde Dr. Stüttgen nach dem Krieg geehrt von den Amerikanern - verehrt bis heute.

Heinemann: Der ja, wenn ich das richtig gelesen habe, gerade mal 25 Jahre alt war. Der konnte doch nicht einfach so als normaler oder als niederrangiger Offizier einen Frieden schließen.

Trostorf: Ja, das sind die sogenannten Mirakel oder Wunder im Hürtgenwald, die es an anderen Stellen auch gegeben hat. Aus meinen Forschungen und Interviews habe ich erfahren, dass es mehrere solche Einzeltaten gegeben hat, die aber leider noch nicht so publiziert sind wie die Geschichte mit Dr. Stüttgen.

Heinemann: Können Sie noch ein Beispiel nennen?

Trostorf: Ja, es hat zum Beispiel in meinem Heimatort Merode eine Situation gegeben, da waren fünf Amerikaner und drei deutsche Fallschirmjäger für mehrere Tage in einem Keller eingeschlossen, während ringsum die Kämpfe tobten. Man hatte sich dann darauf geeinigt, dass man einen Waffenstillstand schließen würde. Als die Situation dann komplett ausweglos war, für die Amerikaner, da haben die Deutschen den Amerikanern angeboten, dass man sie zu den eigenen Linien zurückführen sollte, und wenn man die amerikanischen Linien dann erreicht hätte, dürften die Deutschen dann zurück in ihre eigenen Stellungen gehen.

Das wurde von den Amerikanern auch akzeptiert. Man hat dann auch in einem ruhigen Moment nachts den Keller verlassen, nur die deutschen Fallschirmspringer, die hatten befürchtet, dass die Amerikaner sie vielleicht an der Nase rumführen würden, und wenn sie die amerikanischen Linien erreicht hätten, dass man sie nicht mehr hätte zurückgehen lassen würden. Deshalb ist der Führer der deutschen Einheit mit den Amerikanern irgendwo in die Richtung gegangen, die die Amerikaner selber nicht mehr wussten, und ist dann geradezu mit den Amerikanern in den deutschen Gefechtsstand reinmarschiert, wo die Amerikaner dann gefangen genommen wurden. Der amerikanische Offizier, der damals dabei gewesen ist, er hatte eine schwere Beinverletzung, und er kam dann in ein deutsches Lazarett nach Braunschweig, und dort ist er erfolgreich operiert worden. Man hatte zunächst vorgehabt, ihm das Bein zu amputieren, letztendlich hat er es aber behalten dürfen, und dafür ist er den deutschen Chirurgen sehr dankbar gewesen, dass er so gut behandelt worden ist.

"Das sind sehr emotionelle Momente"

Heinemann: Herr Trostorf, Sie könnten wahrscheinlich stundenlang solche Anekdoten jetzt erzählen. Warum beschäftigen Sie sich mit der Hürtgenwald-Schlacht?

Trostorf: Geschichte ist schon immer mein Hobby gewesen, ich möchte aber auch dazu beitragen, die Menschen aufzuklären, wie grausam und wie schrecklich Krieg ist. Der Veteran Hubert (Anmerkung der Redaktion: unverständlich) hat immer zitiert, dass Krieg das Schlimmste ist, was die Menschen sich antun können. Wir dürfen uns heute glücklich schätzen, dass wir hier in Frieden, Freiheit und Demokratie leben, und dass es Regierungen gegeben hat, wie die Alliierten, und Soldaten, die tapfer gewesen sind, und uns von dem nationalsozialistischen Regime und von diesem Terror erlöst haben. Ja, und das dürfen wir niemals vergessen.

Heinemann: Deshalb haben Sie ja viele ehemalige Kämpfer eingeladen. Was erleben Sie, wenn Sie Angehörige ehemaliger US-Soldaten in der Gegend herumführen?

Trostorf: Ich treffe auch noch Veteranen, den letzten hab ich jetzt erst am letzten Wochenende getroffen, aber überwiegend zuerst Angehörige heutzutage. Man muss da unterscheiden: Kommen die aus Geschichtsinteressen oder kommen die aus familiären Gründen? Wenn jemand aus Geschichtsinteresse kommt, der möchte sich halt mit der Landschaft vertraut machen. Der möchte einen Eindruck haben, wie das damals hier gewesen sein könnte, der möchte sich die Relikte wie den Westwall, die Höckerlinie, Schützengräben und so weiter ansehen.

Wenn aber die Leute kommen aus familiären Gründen - da gibt es zum Beispiel Kriegswaisen, die haben ihren Vater nie kennenlernen dürfen, weil sie noch nicht geboren waren, als der Vater hier gestorben ist. Die haben ein hohes Bedürfnis, die Orte oder die Stellen aufzusuchen, wo ihr Vater damals gekämpft hat und gestorben sind. Das sind sehr emotionelle Momente, die man dort erlebt, das kann man in Worten nicht ausdrücken, das muss man erleben. Und man erlebt immer neue Situationen, und die sind auch für mich, der das jetzt schon seit 42 Jahren macht, stets sehr ergreifend. Das ist immer sehr bewegend und emotionell, das wühlt einen auf. Aber letztendlich ist es eine Freude für mich, dass ich diesen Leuten und diesen Kriegswaisen helfen konnte oder helfen kann, ihre Wünsche zu erfüllen.

"Hände von Munition und Waffen lassen"

Heinemann: Und da sind auch Freundschaften entstanden.

Trostorf: Da sind viele Freundschaften entstanden.

Heinemann: Herr Trostorf, was sollten Erwachsene, aber auch Kinder und Jugendliche mitnehmen, wenn sie in der Eifel auf Spuren der Schlacht im Hürtgenwald stoßen?

Trostorf: Grundsätzlich ist es so, dass man die Hände von Munition und Waffen lassen sollte, die noch zahlreich im Wald oder auf dem Waldboden herumliegen. Man sollte das mitnehmen, man sollte mal in sich hineingehen und mal nachdenken, was da passiert ist, wer dort gelitten hat, wer dort gestorben ist. Keiner, der im Hürtgenwald verstümmelt wurde oder gefallen ist, hat das freiwillig gemacht. Hinter jedem Schicksal stand ein Mensch, hinter jedem Menschen stand eine Mutter, hinter jedem Menschen stand eine Familie, und die leiden bis heute noch unter dem Verlust des Sohnes, des Vaters oder des Ehemannes. Und das kann man auch selber mit Reenactors oder in Spielfilmen nicht darstellen, man muss halt mit den Zeitzeugen, solange man die Chance noch hat, reden, um das zu verstehen. Und jeder, der den Hürtgenwald besucht, der sollte die Gedenkstätten besuchen, der sollte das Museum in Vossenack besuchen, und der sollte sich Zeit nehmen, mal darüber nachzudenken, wie schön wir doch heute in dieser Landschaft leben können und genießen können, dass wir die Freiheit und Demokratie haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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