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StartseiteCampus & Karriere"Wir brauchen ein paar ökonomische Kompetenzen"29.11.2019

Schulfach Wirtschaft"Wir brauchen ein paar ökonomische Kompetenzen"

Es hänge vom Zufall ab, ob ein Schüler in Deutschland ein Mindestmaß an ökonomischer Bildung vermittelt bekomme, kritisiert Dirk Loerwald vom neu gegründeten Bündnis Ökonomische Bildung Deutschland. Deshalb fordert er eine nationale Strategie zur Förderung wirtschaftlicher Grundkenntnisse.

Dirk Loerwald im Gespräch mit Thekla Jahn

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Hausaufgaben machen. (Symbolfoto) (imago / blickwinkel / Bernd Leitner)
Pauken für das Fach Wirtschaft? Noch wird das Thema nicht einheitlich an den Schulen unterrichtet (imago / blickwinkel / Bernd Leitner)
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Thekla Jahn: Heute Vormittag hat sich das Berlin das Bündnis Ökonomische Bildung Deutschland gegründet, eine Initiative von Wirtschaftsverbänden, Lehrerverbänden und Wissenschaftlern. Sie wollen, dass in allen Schulen das Fach Wirtschaft unterrichtet wird. Bislang ist das nur in Bayern, Baden-Württemberg, Niedersachsen und seit diesem Schuljahr auch in Nordrhein-Westfalen der Fall. Nun ist das Gerangel um einen Platz im erweiterten Fächerkanon ja groß: Klimaschutz als Schulfach neben den Kernfächern ist eine Forderung, gesunde Ernährung einer andere und Demokratie als Schulfach steht ganz oben auf der Liste. Aber der Stundenplan ist begrenzt.

- Weshalb also - die Frage geht an Professor Dirk Loerwald vom Institut für Ökonomische Bildung der Universität Oldenburg - braucht es ein Fach Wirtschaft so dringend? Ist der ökonomische Analphabetismus in Deutschland so groß?

Dirk Loerwald: Also insgesamt muss man schon sagen, dass die Situation in den Schulen, in den verschiedenen Bundesländern eigentlich nicht dem Rechnung trägt, was von den Eltern, von den Lehrern, von den Schülern, von den Wissenschaftlern eigentlich gefordert wird, nämlich eine ökonomische Grundbildung. Es geht ja gar nicht darum, dass jetzt jeder zum Wirtschaftsspezialisten wird, aber man braucht ein paar ökonomische Grundkenntnisse, um durch das Leben zu kommen.

Jahn: Was heißt das genau?

Loerwald: Zum Beispiel im Bereich Konsum, als mündige Verbraucherinnen oder Verbraucher. Da gehe ich jeden Tag mit knappen Mitteln um und kann mich für oder gegen ein Produkt entscheiden, und dafür brauche ich ein paar ökonomische Grundkompetenzen, weil diese Produkte doch … weil ich deren Qualität im Vorhinein gar nicht so ohne weiteres einschätzen kann. Also der Tausch auf Märkten ist etwas, was Gegenstand von ökonomischer Bildung ist. Aber auch die eigene Berufswahl oder der Umgang mit Geld bis hin zu Fragen von Wirtschaftspolitik, verstehe ich eigentlich, was gerade zum Beispiel für eine neue wirtschaftspolitische Richtung in den USA eingeschlagen wird. All diese Dinge haben mit dem Leben zu tun. Und dafür brauchen wir ein paar ökonomische Kompetenzen.

"Wir haben eine sehr heterogene Situation in Deutschland"

Jahn: Es gibt doch schon Fächer, in denen Wirtschaft auch vorkommt, also die Kombination Politik oder Sozialwissenschaften mit Wirtschaftsthemen. Da ist ja die Bildung im Prinzip auch schon da. Was wollen Sie darüber hinaus leisten?

Loerwald: Wir haben eine sehr heterogene Situation in Deutschland. Wir haben mal gezählt. Und es sind über 50 verschiedene Fachbezeichnungen, in denen Ökonomie irgendwie eine Rolle spielt, ob das Gesellschaftslehre ist oder Sozialwissenschaften – in Schleswig-Holstein haben wir sogar Weltkunde – bis hin zu Wirtschaft und Recht in Bayern und Wirtschaft und Berufs- und Studienorientierung in Baden-Württemberg. Wir haben also, im Gegensatz zu anderen Fächern, wo das Fach in Deutschland Erdkunde heißt oder Geschichte, Mathematik oder Deutsch, haben wir für die ökonomische Bildung eine ganz heterogene Situation. Und die spiegelt sich auch an den Hochschulen wider. Wir haben also auch ganz unterschiedlich qualifizierte Lehrkräfte. Und dann hängt es letztlich vom Zufall ab, wo ich wohne, zu welcher Schule ich gehe, ob ich mit einem Mindestmaß an ökonomischer Bildung ausgestattet werde oder nicht. Und das wollen wir ein bisschen professioneller sehen. Deswegen fordern wir mit diesem Bündnis auch so etwas wie eine nationale Strategie ökonomische Bildung, um möglichst allen das zu ermöglichen.

Jahn: Wir haben ja gerade gesehen, was mit dem Nationalen Bildungsrat passiert ist. Ob sich das mit der nationalen Strategie Ökonomie anders entwickeln wird, werden wir sehen. Ihre Forderung aber ist, dass in allen Schulen in Deutschland, also allen weiterführenden Schulen das Fach Wirtschaft als eigenes Fach etabliert wird. Verstehe ich das richtig?

Loerwald: Die Forderung ist genau, dass wir ein Mindestmaß an ökonomischer Bildung in allen Curricula an den Schulen fordern.

"Das Bündnis ist offen"

Jahn: Das heißt aber nicht, dass es unbedingt ein Fach Wirtschaft geben muss, das auch nur Wirtschaft beinhaltet.

Loerwald: Genau. Das Bündnis ist da offen. Wir sehen das Fach Wirtschaft als, solange das Schulsystem nach Fächern sortiert ist und wir auch Geschichte als Fach haben und Musik und Sport, würden wir sagen, das Schulfach Wirtschaft ist schon eine ideale Lösung, weil sie Raum und Zeit bietet und eine gute Lehrerausbildung sicherstellen kann. Aber wir müssen ja sehen, Stundenkontingenttafeln sind jetzt schon voll und die Schüler werden bis nachmittags unterrichtet. Wenn es irgendwo Kompromisslösungen gibt und Fächer zusammen unterrichtet werden, dann muss man zumindest sicherstellen, dass das einigermaßen seriös von statten geht. Das würde zum Beispiel heißen, dass man sicherstellt, dass die Lehrer, die dieses Fach unterrichten, in vernünftigem Maße auch ausgebildet werden.

Jahn: Sie haben es gerade angesprochen, die Lehrkräfte sind extrem wichtig. Bislang gibt es wenig Lehrer, die in Wirtschaftswissenschaften ausgebildet sind, denn es braucht ja zum einen die Fachkompetenz, aber auch die Fachdidaktik. Also jemand, der aus der Wirtschaft kommt, kann es nicht in der Schule unterrichten. Wie wollen Sie das lösen? Das heißt, Ihr Projekt ist eins, das angelegt ist auf, sagen wir mal, sechs Jahre, dann könnten ja frühestens Lehrkräfte in dieser Weise ausgebildet sein und an die Schulen gehen?

Loerwald: Also wir als Bündnis werden das sowieso wahrscheinlich nicht lösen können. Man wird in den 16 Bundesländern und dann wahrscheinlich sogar noch mal bezogen auf die vier, fünf Schulformen, die es da gibt, nach speziellen Lösungen suchen müssen. Wenn dann so ein Land wie Baden-Württemberg vor ungefähr zwei Jahren ein neues Fach einführt, dann muss dies damit verbunden sein, dass Studiengänge eingerichtet werden. Das ist geschehen, es sind auch Professoren eingerichtet worden. Aber Sie haben völlig richtig gesagt, das dauert dann sechs, sieben Jahre, bis die ersten Absolventen auf dem Markt sind. Das muss immer flankiert werden mit einem guten Qualifizierungssystem, dass die Lehrer in den Schulen, die auch schon zum Teil wirtschaftliche Themen unterrichten, ich sage mal, ein Upgrade in Sachen ökonomischer Bildung, und zwar fachlich als auch fachdidaktisch, bekommen. Daran hapert es meistens, weil, ganz offen gesagt, dafür ist dann in den Bundesländern das Geld nicht mehr da, sodass die Qualifizierung systematisch vernachlässigt wird. Und das ist ein Problem.

Jahn: Jetzt ist die Initiative von mehr als 50 Wirtschaftsverbänden, Lehrkräften und Wissenschaftlern gegründet worden. Das heißt auch, das Interesse der Wirtschaftsverbände ist da. Das kann man verstehen. Wie können Sie sicher sein, dass das nicht ein Einfallstor für Lobbyisten ist in die Schule hinein?

Loerwald: Da sind sich alle Partner im Netzwerk einig, die sich bis jetzt zusammengetan haben. Ganz klar, Lobbyismus hat in Schulen nichts zu suchen. Es geht hier nicht um Lobbyismus, sondern es geht eher um so etwas wie die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung. Wir haben Stiftungen dabei, es ist beispielsweise die Joachim Herz Stiftung oder die Flossbach von Storch Stiftung dabei. Wir haben andere Berufsverbände, zum Beispiel den Bundesverband der Volks- und Betriebswirte dabei. Wir haben bestimmte Institutionen dabei, wie zum Beispiel die Bundesbank oder die Deutsche Börse, die sich mit solchen Fragen auch bis jetzt immer auseinandergesetzt haben, aber auch wissenschaftliche Verbände wie beispielsweise die Deutsche Gesellschaft für ökonomische Bildung. Das macht den Charme aus meiner Sicht aus. Es ist ein übergreifendes Bündnis. Jegliche Art von Interessenpolitik oder lobbyistischer Einflussnahme ist dem Bündnis fern. Nun mag man das glauben oder nicht, wenn man sieht, wer da so alles dabei ist. Ich kann es Ihnen nur von meiner Seite aus, aus den Gesprächen mit allen, sehr glaubhaft versichern.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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