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StartseiteHintergrundWie die Textilindustrie ihr Müllproblem lösen könnte05.07.2020

Schwieriges RecyclingWie die Textilindustrie ihr Müllproblem lösen könnte

Billig hergestellt, kurz getragen, oft kaum recyclebar – Fast Fashion sorgt für wachsende Müllberge. Junge Firmen entwickeln Ideen, um Lebensdauer und Ökobilanz der verarbeiteten Stoffe zu verbessern.

Von Katja Scherer

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Säcke mit Altkleidern (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
Durch kürzere Lebenszyklen unserer Kleidungsstücke entsteht immer mehr Müll - der Großteil ist nur schwer zu recyceln (picture alliance / dpa / Armin Weigel)
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Thomas Ahlmann läuft durch einen Sortierbetrieb für Altkleider der Diakonie Essen."Hier kommen die unsortierten Sachen an, und an den Sortiertischen werden dann die Säcke mit den Alttextilien geöffnet." Links und rechts von ihm türmen sich Kleidersäcke; auf den Tischen stapeln sich Hemden, Jacken und Hosen. Rund zehn Männer und Frauen im Raum begutachten jedes Stück davon einzeln: "Jedes Teil wird in die Hand genommen, wird geprüft auf Qualität. Da ist vor allem die Frage: Sind die Sachen noch tragbar oder nicht?"

Altkleidersortierung in Essen (Deutschlandradio / Katja Scherer)Altkleidersortierung in Essen (Deutschlandradio / Katja Scherer)

Thomas Ahlmann leitet den Dachverband "Fairwertung", also ein Netzwerk aus gemeinnützigen Altkleidersammlern, denen auch die Diakonie angehört. Die Betriebe sammeln Altkleider ein, sortieren sie und verkaufen sie entweder in Sozialkaufhäusern vor Ort oder nach Osteuropa, Asien und Afrika.

Recycling stößt an Grenzen

Allerdings: Dort landen die Altkleider irgendwann im Müll und schaffen Umweltprobleme. Und selbst hierzulande lassen sich Kleidungsstücke, die nicht verkauft oder verschenkt werden können, schwer sinnvoll wiederverwerten. Recycling stößt an Grenzen: "Es ist tatsächlich so, dass von Textilien, die in die Altkleidersammlung gegeben werden, lediglich noch 50 bis 60 Prozent überhaupt tragbar sind. Und dann stellt sich natürlich die Frage: Was machen wir mit den anderen 40 bis 50 Prozent?"

Thomas Ahlmann, Leiter des Dachverbands "Fairwertung" aus gemeinnützigen Altkleidersammlern (Deutschlandradio / Katja Scherer)Thomas Ahlmann ist Leiter des Dachverbands "Fairwertung" aus gemeinnützigen Altkleidersammlern (Deutschlandradio / Katja Scherer)

Die Antwort: Viele Kleider, die wir ablegen, sind bisher kaum noch zu etwas zu gebrauchen. Was nicht Second Hand weiterverkauft werden kann, geben Sortierbetriebe wie die Diakonie an Recycling-Betriebe – die daraus aber bisher nur Putzlappen, Dämmmaterial oder Malervlies produzieren. Statt wirklich recycelt, werden Altkleider also downgecycelt. Taugen die Altkleider auch dafür nicht, werden sie als Restmüll verbrannt. Als Beispiel zieht Ahlmann aus einem der Säcke eine dunkelrote Hose hervor, vermutlich aus Polyester:

"Hier haben wir jetzt eine Pyjama-Hose, auch wieder zum Glück gewaschen, aber hier sehen Sie schon, hier hat die Löcher. Der Stoff ist aufgeribbelt. Das können sie so nicht mehr weitergeben, das ist Müll."

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Fast Fashion verursacht hohe ökologische Kosten

Erst Mode, dann Müll: Für immer mehr Kleidungsstücke ist das ein typisches Schicksal. Viele Hersteller und Kunden setzen auf Mode, die wenig kostet, wenige Waschgänge übersteht und massenhaft verfügbar ist. Fast Fashion nennen Experten das. Diese Lust auf neue Looks lässt die Altkleiderberge weltweit wachsen – und den Müll. Denn Kleidung hochwertig zu recyceln, ist bisher technisch kaum möglich. Aus alten Blusen oder Hosen die Fasern zurückzugewinnen, um daraus neue Kleidung zu produzieren, geht also kaum: "Man schätzt, dass weltweit gesehen, weniger als ein Prozent der Alttextilien tatsächlich wieder in eine neue Kleidung reinkommt. Also insofern findet Faserrecycling in der Textilindustrie, also: für die Bekleidungsindustrie, nicht statt."

Nicole Kösegi arbeitet seit Jahren als Unternehmensberaterin in der Branche und vertritt auch die "Gemeinschaft für textile Zukunft", ein Bündnis der Altkleider-Industrie. Sie erklärt, dass es aus ökologischer Sicht das beste sei, Kleidung zunächst Second Hand wiederzuverwenden. Für die Stücke, die dafür nicht in Frage kämen, brauche es aber neue Lösungen. Diese, wie bisher, nur zu Putzlappen zu verarbeiten oder zu verbrennen, sei Verschwendung: "Eine Jeans beispielsweise benötigt circa 6.000 Liter. Und wenn man sich das mal anschaut, was wir als Personen für einen Wasserverbrauch haben, so entsprechen diese 6.000 Liter einem Wasserverbrauch einer Person von circa acht Jahren!"

Der Mitarbeiter Frank Kopischke von der Forster Vliesstoffe und Textilrecycling GmbH im südostbrandenburgischen Forst überprüft am Donnerstag (07.07.2005) eine 600 Meter lange Vliesrolle. In dem Ostdeutschen Unternehmen mit 37 Mitarbeitern werden jährlich rund sieben Millionen Quadratmeter Vlies produziert. Die Produktionspalette des Familienunternehmens reicht von Dämmmatten für den Hausbau über Geotextilien für Dachbegrünungen und den Straßenbau bis hin zu Matratzenschonern und Zulieferungen für die Automobilindustrie. Die Vliesstoffe für Matratzenschoner werden aus Schadstoff freien Textilien nach Öko-Tex Standard 100 hergestellt. Foto: Patrick Pleul dpa/lbn +++(c) dpa - Report+++ | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)Wenn Recycling möglich ist, dann oft zu Stoffen wie Vlies (picture alliance / dpa / Patrick Pleul)

Kreislaufwirtschaft für die Textilindustrie

Nur ein Beispiel, das zeigt: Die Herstellung von Kleidern frisst enorme Ressourcen. Das Wasser wird für den Anbau von Baumwolle benötigt, aber auch zum Bleichen und Färben. Und das ist nicht das einzige Problem. Dazu kommt, dass sowohl beim Baumwollanbau als auch bei Verarbeiten der Stoffe jede Menge Chemikalien eingesetzt werden: "Die Produktion von einem Kilo Baumwolle, da werden circa drei Kilo an Chemikalien verwendet."

Außerdem ist Herstellung von Kleidung energieintensiv und die Ware muss meist von weit her zu den Absatzmärkten transportiert werden. Eine Studie der britischen Ellen-MacArthur-Stiftung ergab: Die Textilindustrie verursacht jährlich mehr CO2 als der internationale Flug- und Schiffsverkehr zusammen. 

"Aus meiner Sicht ist das ganz wichtig, hier eine Kreislaufwirtschaft umzusetzen für die Textilindustrie", sagt Nicole Kösegi. "Vor dem Hintergrund der Ressourcenverschwendung, die momentan einfach einhergeht. Und wir brauchen einfach Lösungen für Waren, die nicht mehr als Second-Hand-Mode vermarktbar sind."

Rohstoffe werden knapper

Lange Zeit haben sich Modefirmen wie Primark, Zara, H&M und Co. wenig darum gekümmert, was mit ihren Kleidern nach dem Verkauf passiert. Zu einfach war es, neue Rohstoffe zu besorgen. Das aber ändert sich. Die Rohstoffe wie Rohöl für Kunstfasern werden knapper. Die Anbaugebiete für Baumwolle leiden unter dem Klimawandel. Erstmals gibt es daher nun ernsthafte Bemühungen von Herstellern, Start-ups und Recyclingfirmen, alte Kleidung für neue Mode nutzbar zu machen: "Ja, wenn man wieder hier die Nähte guckt… Polo-Shirt... Ja, Nähte passen... es ist nichts kaputt..."

Im Sortierbetrieb der Diakonie Essen kramt Thomas Ahlmann weiter durch aussortierte Winterpullover und zerknitterte Polo-Hemden. Fragt man ihn, warum das Recycling von alter Kleidung so schwierig ist, zeigt er auf eine bunte Bluse von einer bekannten Billigmarke. Die Qualität der Fasern sei bei solchen Produkten oft schwierig, sagt er: "Na ja, es ist grundsätzlich die Qualität der Fasern und Garne, die benutzt werden, sie sind dünner und kürzer..."

Kiel, Deutschland, 9. Nov. 2019 - Demonstration verschiedener Umwelt Organisationen vor der kürzlich eröffneten Filiale von PRIMARK gegen die Produktion des billig-Warensortiments die nur unter problematischen Umwelt- und Arbeitsbedingungen möglich ist Kiel Vorstadt Schleswig-Holstein Deutschland *** Kiel, Germany, 9 Nov 2019 Demonstration of various environmental organizations in front of the recently opened branch of PRIMARK against the production of the cheap assortment of goods which is only possible under problematic environment and working conditions Kiel Vorstadt Schleswig Holstein Germany  (imago / penofoto)Demo gegen Fast Fashion im November 2019 in Kiel (imago / penofoto)

Fasergemische machen Sortierung schwierig

Beim Recycling bleibt daher kaum etwas davon übrig. Doch auch bei qualitativ besserer Mode gibt es Probleme. Viele Kleidungsstücke bestehen nämlich heutzutage nicht mehr aus einzelnen Materialien, sondern aus Faser-Gemischen. Das macht sie angenehm zu tragen und leicht zu pflegen. Später im Recycling aber lassen sich diese Gemische kaum noch trennen. "Und die Herausforderung am Ende ist ja auch zu wissen, was habe ich hier für ein Textil, wie ist es zusammengesetzt, um es einem richtigen Recycling zuführen zu können ..."

Abgesehen davon, dass man viele Materialien also bisher technisch nicht recyceln kann, beginnen die Hürden bereits bei der Sortierung. Auf den Etiketten von Kleidern finden sich nämlich oft nur grobe Informationen darüber, welche Fasern und Chemikalien diese enthalten: "Und das ist der Schlüssel: Wir müssen am Ende der Kette wissen, was ist in einem Textil tatsächlich verarbeitet, um es dann auch gezielt dem besten Recyclingverfahren zuführen zu können."

Schwimmhilfe aus buntem Schaumstoff. (imago / Joachim Hahn) (imago / Joachim Hahn)Leichter Kunststoff, schwer zu recyceln
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Info über enthaltene Stoffe auf Chip hinterlegen

Wie aber kann das gelingen? Wie können Sortierbetriebe wissen, was Modehersteller in einem Stoff verarbeitet haben? Und zwar ohne, dass Sortierer und Sortiererinnen bei jedem Kleidungsstück erst minutenlang das Etikett studieren?

An einer Lösung des Problems arbeitet circular.fashion aus Berlin – das Start-up entwickelt eine sogenannte circularity.ID. ID steht für Identifikator.

Gründerin Ina Budde sagt: "Die circularity.ID ist ein Label im Kleidungsstück, was genau diese Information allen Stakeholdern zur Verfügung stellt, woraus ein Produkt gemacht ist. Und stellt es eben Kunden, Sortierbetrieben und Recyclern zur Verfügung."

Ihr Unternehmen hat also eine Art Chip mit zahlreichen Informationen entwickelt. Diesen Chip können Modehersteller ins Etikett von Kleidung einarbeiten – zum Beispiel in ein T-Shirt. Gespeichert wird, was das T-Shirt enthält und welcher Recyclingbetrieb es zurücknimmt. Landet das Shirt im Altkleidercontainer und dann bei einem Sortierbetrieb, brauchen die Mitarbeiter es dort nur auf einen speziellen Tisch mit integriertem Scanner zu legen:

"Da es sich um automatisch scanbare Chips handelt, müssen die Personen nicht mal mit einem Scanner diesen Chip suchen, sondern sie können ihre ganz normalen Sortierhandgriffe durchführen und der Scanner scant das eben automatisch und macht das dann sichtbar auf einem Bildschirm."

Aus alten Stoffen mehr als Putzlappen machen

Die Mitarbeiter bekommen also auf dem Bildschirm angezeigt, zu welchem Recycler sie das T-Shirt weiterleiten können. Bisher gibt es allerdings erst wenige Firmen, die diese Chips tatsächlich nutzen. Einige kleinere Mode-Labels wären schon dabei, sagt Gründerin Ina Budde: "Wir sind aber auch in sehr engem Kontakt mit vielen globalen Unternehmen, die eben auch diese ID gerne implementieren möchten."

Das heißt: Lösungen, wie man die Sortierung von alten Kleidern verbessern kann, gibt es inzwischen. Doch damit hören die Probleme nicht auf. Denn auch für das eigentliche Recycling braucht es neue Lösungen.

Textilrecycling-Unternehmerin Laura Kunze (Deutschlandradio / Katja Scherer)Die Textilrecycling-Unternehmerin Laura Kunze (Deutschlandradio / Katja Scherer)

Ein Besuch in Mönchengladbach südlich von Düsseldorf. Die Stadt hat eine lange Tradition in der Textilindustrie. In einem alten Fabrikgebäude voller historischer Web- und Spinnmaschinen sitzt das Entwicklungsunternehmen imat-uve.

"Das ist jetzt unsere Vorentwicklung… und hier eben unsere Gewebeentwicklung daraus." Laura Kunze, eine junge Frau mit mittelbraunen Haaren, legt in ihrem Büro mehrere Stoffproben aus. Gemeinsam mit einem Netzwerk aus europäischen Partnern will ihr Team das bisherige Recycling von Altkleidern so verbessern, dass daraus nicht nur Putzlappen, sondern hochwertige neue Stoffe entstehen: "Dieses Gewebe hier zum Beispiel ist das, was am allerbesten abprüft. Die haben wir jetzt auch schon so vorgestellt und die würden so gekauft werden."

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Auf die Faserlänge kommt es an

Ihr Team setzt auf ein sogenanntes mechanisches Recycling. Das heißt: Die alten Textilien werden mit Maschinen in Stücke gerissen und dann mit einer Art Harke in einzelne Fasern zerlegt. Bei bisherigen Recycling-Verfahren sei dieser Prozess sehr grob gewesen, erzählt Kunze. Dadurch wurden die Fasern kurz und dünn und waren für neue Stoffe kaum zu gebrauchen. Mit ihrem Verfahren sei das anders: "Wir haben eben einzelne Parameter verändert, verfeinert, sodass wir eben auf die optimale Faserlänge zum Schluss kommen."

Die junge Frau zeigt auf eine der Stoffproben. Anders als bei einem Malervlies ist der Stoff einheitlich grau, alte Faserreste sind nicht zu erkennen. Ihr Team will das Verfahren nun standardisieren und den Stoff dann an Automobilhersteller verkaufen, die diesen zum Beispiel für Autositze, Fußmatten oder Türverkleidungen verwenden können, erklärt Kunze.

"Wir beschränken uns jetzt nicht nur auf die Automobilindustrie. Also, wir sind auch im Gespräch mit Textilherstellern, mit Modeunternehmen. Wir wollen eben nur den automobilen Standard erreichen, um zu sagen, unsere Qualität ist wirklich eine Qualität, die ein Upcycling gewährleistet und kein Downcycling."

Ansätze mit chemischem Recycling

Andere Unternehmen setzen bei der Suche nach neuen Recycling-Verfahren nicht auf bessere Maschinen, sondern auf Chemie. Das schwedische Start-up Renewcell zum Beispiel recycelt Altkleider mit hohem Baumwollanteil. Dazu wirft es die Kleider in eine Chemikalien-Lösung, löst Nicht-Baumwoll-Anteile heraus und erhält so ein Material das ursprünglicher Baumwolle stark ähnelt.

Die Hoffnungen, die solche Verfahren wecken, sind groß. Renewcell zum Beispiel hat schon Millionen Dollar von Investoren eingesammelt, auch von der Billig-Warenkette H&M. Kritiker dagegen bezweifeln, dass chemisches Recycling wirklich nachhaltig ist. Schließlich kommen auch bei der Umwandlung wiederum Chemikalien zum Einsatz. Und:

"Man muss sagen, dass dieses Recycling sich immer noch in den Kinderschuhen befindet", sagt Unternehmensberaterin Nicole Kösegi. Kösegi warnt daher vor übertrieben Erwartungen. Sie sagt: Damit das Recycling künftig funktioniere und auch wirtschaftlich Sinn mache, müsse sich vor allem die Mode selbst verändern: "Es gibt natürlich unterschiedlichste Arten von Bekleidung, mit verschiedensten Fasern, Inhalten, aber auch Applikationen, Aufdrucken… und insofern sind aber auch nicht alle Textilien für ein Recycling geeignet."

09.09.2019, Berlin: Gerd Müller (CSU), Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, trägt während seiner Pressekonferenz einen Anstecker mit dem Symbol des staatlichen Textilsiegel "Grüner Knopf" am Revers. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa | Verwendung weltweit (picture alliance / Britta Pedersen) (picture alliance / Britta Pedersen)Nachhaltige Mode - Schick statt schädlich
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Kleidungsstücke gleich recyclebar entwerfen

Das heißt: Kleidungsstücke müssten an sich anders – sprich: recycelbarer – designt werden. Auch daran wird gearbeitet: Das Berliner Start.up circular.fashion zum Beispiel hat dafür, neben dem Info-Chip für Sortierbetriebe, ein zweites Produkt entwickelt: eine Designsoftware für Modehersteller. Diese könnten Hersteller nutzen, um nach besser recycelbaren Material-Kombinationen zu suchen, erklärt Gründerin Ina Budde: "Da würde ich erstmal das Grundmaterial von meinem Produkt auswählen und dann wird die Design-Software mir eben auch gute Alternativen, die eben auch genau für diesen Kreislauf zusammenpassen, vorschlagen."

Damit sich ein Produkt gut recyceln lasse, sei es zum Beispiel wichtig, dass sich Verzierungen – wie Kragen aus Kunstpelz – abnehmen lassen, erklärt Budde. Und: Auch bestimmte Chemikalien oder Materialkombinationen sollten überdacht werden. "Wenn man zum Beispiel eine Jacke hat, die klassischerweise eine Baumwollfaser als Außenmaterial hat und eine Polyesterfaser als Innenfutter. Kann man das Futter auch wunderbar durch ein Tencel ersetzen, was das Produkt auch viel recyclingfähiger macht."

Eine Frau sortiert am Donnerstag (30.11.2006) im "diakonia Textilrecycling" in München Wäschestücke aus Altkleidersammlungen nach Qualität und Zustand und legt sie anschließend zusammen. Danach werden die diversen Kleidungsstücke in Plastiksäcke verpackt und im "diakonia - GebrauchtWarenhaus" verkauft. Die diakonia GmbH ist ein sozialer Integrations- und Beschäftigungsbetrieb und versteht sich als ein Angebot für Menschen, die aufgrund schwieriger Lebenslagen oder anderer Beeinträchtigungen schwer Arbeit finden. In den Betrieben der diakonia wurden nahezu 200 Arbeitsplätze und Beschäftigungsgelegenheiten mit sehr unterschiedlichen Anforderungen geschaffen. Die diakonia ist eine gemeinsame Gesellschaft des Evangelisch-Lutherischen Dekanatsbezirks und der Inneren Mission München. Foto: Peter Kneffel  +++(c) dpa - Report+++ | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Peter Kneffel)Manche dieser Altkleider werden weitergeben, aber viele wandern als untragbar gleich in den Müll (picture alliance / dpa / Peter Kneffel)

Modeketten geben sich innovativ

Tencel ist eine neuartige Faser aus Buchen und Eukalyptus-Bäumen. Branchen-Expertin Nicole Kösegi nennt darüber hinaus einen weiteren Aspekt, den sie beim Design von Kleidung wichtig findet: nämlich eine Zusage der Textilindustrie, künftig vermehrt recycelte Fasern einzusetzen.

"Wirklich zu sagen: Für uns ist Recycling-Faser wirklich ein ganz normaler Bestandteil des Rohwaren-Einkaufs. Und durch diese Nachfrage werden sich dann entsprechend auch die Innovationen weiterentwickeln können und somit auch wirklich eine Recycling-Industrie entstehen können."

Die Modeketten jedenfalls schwimmen auf der Welle und geben sich innovativ. H&M zum Beispiel hat im Frühjahr eine neue Kollektion auf den Markt gebracht und wirbt damit, dass zumindest teilweise recycelte Fasern verarbeitet sind. Noch sei das Angebot von recycelter Kleidung aber die Ausnahme, sagt Jochen Strähle, Professor für International Fashion Management an der Hochschule Reutlingen: "Mir fällt wirklich kein Hersteller ein, der bewusst seine Produkte schon so aufbereitet, dass sie nachher tatsächlich 100 Prozent recycelbar sind."

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Recycling nicht als Ausrede missbrauchen

Strähle hält es, genau wie die meisten Experten in der Branche, für wichtig, dass sich das Recycling von Kleidung verbessert. Er warnt aber auch, dass Hersteller das nicht als Ausrede missbrauchen dürften, um weiterhin am Fast-Fashion-Geschäft festzuhalten:

"Diese neuen Systeme bringen natürlich eine Entschuldungsfunktion mit sich. Das ist ganz klar. Das ist dasselbe Phänomen was wir in Kleidertauschbörsen haben: Da sagt man im ersten Schritt natürlich auch, das ist super, weil's den Lebenszyklus der Produkte verlängert. In Konsequenz führt das dann aber oftmals zu noch mehr Konsum."

Um Ressourcen zu schonen, müsse die Branche daher vor allem eines abschaffen, sagt Strähle: den billigen Massenkonsum. Es brauche weniger und langlebigere Kleidung – die dann natürlich auch teurer sei: "Weniger ist in der Tat mehr. Und weniger heißt jetzt ja nicht umsatzmäßig weniger zu konsumieren. Ich glaube einfach, es ist auch eine Frage der Werthaltigkeit der Produkte, der Langlebigkeit der Produkte und der Weiterverwendbarkeit der Produkte."

Ohne ein Umdenken bei den Verbrauchern und vor allem auch strengere Gesetze gehe es daher nicht, sagt Strähle.

Two women in a second hand shop model released Symbolfoto property released PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY TCF05301  Two Women in a Second Hand Shop Model released Symbolic image Property released PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY TCF05301   (imago / Westend61)Kleidung second hand zu kaufen, sorgt für eine bessere Ökobilanz (imago / Westend61)

Klare Vorgaben von Design bis Recycling

Zurück im Sortierbetrieb der Diakonie Essen: Noch immer rollen dort Mitarbeiter containerweise neue Altkleider heran. Eine Mitarbeiterin säubert einen beigen Pullover und erzählt: Allein bei ihr landeten pro Tag locker über 50 Kleidersäcke.

Die Branche hat ein XXL-Problem – das ist klar. Inzwischen ist daher auch die EU-Kommission aktiv. Im Rahmen ihres sogenannten "Green Deals" will sie die Branche strenger regulieren; wie genau, wird derzeit diskutiert. Thomas Ahlmann vom Altkleidersammler-Verband Fairwertung wünscht sich vor allem klare Vorgaben – vom Design bis hin zum Recycling:

"Um eine echte Kreislaufwirtschaft umzusetzen, brauchen wir im Design schon den Gedanken der Recycling-Fähigkeit. Man sollte überlegen, welche Maßnahmen man ergreift, um Second-Hand auch weiter zu fördern. Und man muss natürlich darüber nachdenken, wie man einen Markt für recycelte Fasern zum Leben erweckt."

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Recyclinganteile zur Voraussetzung machen

Denkbar wäre ein System ähnlich wie für Verpackungsmüll, sagt er. Da gilt in Deutschland das sogenannte Verpackungsgesetz. Das verpflichtet Hersteller von Produkten ihr Müllaufkommen zu melden und das Recycling mitzufinanzieren:

"So was wäre denkbar, dass eben wir als Sammler auch von den Kosten entlastet werden. Und als zweiter Punkt wäre denkbar, dass man tatsächlich über eine Maßnahme nachdenkt, die Recyclinganteile, recycelte Fasern in Neutextilien zur Voraussetzung macht."

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