Gebrauchte Mode
Das Geschäft mit Secondhand

Plattformen wie Vinted, Sellpy und Momox haben den Handel mit gebrauchter Kleidung zum Milliardenmarkt gemacht. Millionen Menschen kaufen und verkaufen dort Mode. Doch wie nachhaltig ist der Boom und welche Folgen hat er für die Modebranche?

    Auf einem Laptop ist die Secondhand-Plattform Vinted geöffnet. Zu sehen sind mehrere Anzeigen mit gebrauchten Kleidungsstücken, die Nutzerinnen und Nutzer über die Plattform kaufen und verkaufen können.
    Plattformen wie Vinted haben den Handel mit gebrauchter Kleidung vereinfacht und Millionen Menschen zu Käufern und Verkäufern gemacht (Imago / Belga / Virginie Lefour )
    Statt über Flohmärkte zu schlendern, scrollen Millionen Menschen heute durch Apps und Websites, auf der Suche nach der nächsten Lieblingsjacke oder einem Designer-Schnäppchen. Onlineplattformen haben den Handel mit gebrauchter Mode so einfach gemacht wie nie zuvor und mittlerweile ein Milliardenmarkt geschaffen. Menschen kaufen und verkaufen auf den Plattformen Kleidung, angelockt von günstigen Preisen, aber auch dem Versprechen eines nachhaltigen Konsums.

    Inhalt

    Das Onlinegeschäft mit Secondhand

    Besonders erfolgreich im Online-Secondhand-Geschäft sind Plattformen wie Vinted, Sellpy und Momox. Alle drei setzen auf gebrauchte Kleidung, verfolgen dabei aber unterschiedliche Geschäftsmodelle. Die litauische Plattform Vinted funktioniert wie ein digitaler Flohmarkt. Nutzerinnen und Nutzer fotografieren ihre Kleidung selbst, stellen die Artikel online und verschicken sie eigenständig. Vinted vermittelt den Handel und verdient unter anderem an Gebühren für Käuferschutz sowie an kostenpflichtigen Zusatzangeboten. Weil die meisten Verkäufe zwischen Privatpersonen stattfinden, sind Rückgaben ausgeschlossen.
    Momox arbeitet dagegen eher wie ein klassischer Händler. Kundinnen und Kunden verkaufen ihre Kleidung direkt an das Unternehmen. Momox prüft dann die Ware und übernimmt den Weiterverkauf selbst. Auch bei Sellpy, der Secondhandanbieter des Modekonzerns H&M, schicken Nutzer ihre Kleidung an die Plattform. Die kümmert sich um Fotos, Beschreibungen und den Verkauf. Anders als bei vielen Privatverkäufen sind bei Momox und Sellpy auch Retouren möglich.
    Alle drei Plattformen profitieren vom Secondhandboom. Vinted erwirtschaftete zuletzt mehr als eine Milliarde Euro Umsatz. Das Unternehmen zählt zu den wertvollsten Start-ups im Baltikum und will weiter expandieren, unter anderem in den USA.

    Wie Secondhand die Modebranche verändert

    Secondhandmode ist längst kein Nischenmarkt mehr. Laut Statista lag der Umsatz mit gebrauchter Kleidung in Deutschland 2025 bei rund 6,8 Milliarden Euro. Und auch weltweit wächst der Secondhandmarkt laut der Boston Consulting Group deutlich schneller als der klassische Modemarkt und könnte bis 2030 auf bis zu 360 Milliarden Dollar anwachsen.
    Vor allem jüngere Menschen treiben diese Entwicklung voran. Mehr als 65 Prozent der 18- bis 29-Jährigen haben laut Greenpeace bereits Secondhandmode gekauft. Für viele gehört gebrauchte Kleidung inzwischen ganz selbstverständlich zum normalen Modekonsum dazu.
    Secondhandplattformen setzen dabei den klassischen Modehandel zunehmend unter Druck, erklärt Marika Hanschke vom Bundesverband des Deutschen Textilhandels (BTE). Denn jeder Kauf auf Vinted oder Momox ist ein Kauf, der nicht im traditionellen Einzelhandel stattfindet. Das verschärfe den Wettbewerbsdruck. Der Online-Secondhandmarkt ist ihrer Einschätzung nach mittlerweile groß genug, um auch den Modehandel zu beeinflussen. „Und das auch nicht nur punktuell, sondern wirklich strukturell”, so Hanschke.
    Plattformen wie Vinted werden aber auch für Hersteller und Händler immer wichtiger als Datenquelle. Denn Secondhandplattformen zeigen laut Hanschke in Echtzeit, welche Marken gefragt sind, welche Kleidung tatsächlich getragen wird und welche Produkte ihren Wert behalten. Diese Daten könnten für Sortimentplanung und Zielgruppenanalysen genutzt werden.
    Auch das Verhältnis vieler Menschen zu Kleidung verändert sich durch den Secondhandtrend. Katharina Spraul, Professorin für nachhaltiges Wirtschaften, beobachtet, dass Käufer inzwischen stärker darauf achten könnten, wie gut sich ein Kleidungsstück später weiterverkaufen lässt, ähnlich wie man es bei Autos oder Elektronik schon kennt.
    Viele Modehändler reagieren inzwischen auf den Secondhandboom. Unternehmen wie H&M, Armed Angels oder Bergzeit bauen eigene Secondhandangebote und Wiederverkaufsmodelle auf. H&M betreibt nicht nur die Plattform Sellpy, sondern bietet zusätzlich die Rückgabe alter Kleidung gegen Gutscheine an. Ziel der Unternehmen ist es dabei, Kundinnen und Kunden länger an die eigene Marke zu binden und selbst stärker am Weiterverkauf gebrauchter Kleidung zu verdienen.

    Gründe für den Secondhand-Boom

    Der wichtigste Grund für den Secondhandboom ist laut Felix Krüger von der Boston Consulting Group: der Preis. Auf Plattformen wie Vinted, Momox oder Sellpy gibt es Markenmode oder Designerstücke oft deutlich günstiger als im klassischen Handel. Viele Käuferinnen und Käufer leisten sich dort Produkte, die neu eigentlich außerhalb ihres Budgets liegen würden.
    Hinzu kommt die große Auswahl. Neben aktuellen Kollektionen finden sich dort auch ältere oder seltene Stücke. Außerdem lässt sich die Kleidung mit wenigen Klicks suchen, kaufen oder verkaufen. Viel schneller und bequemer als auf Flohmärkten oder Kleiderbörsen. Weitere Gründe für den Secondhandtrend sind der Wunsch nach einem individuellen Kleidungsstil und auch umweltbewussteres Einkaufen und der bewusste Verzicht auf neue Kleidungsstücke der Fast-Fashion-Industrie.

    Betrug und Risiken

    Mit dem Boom von den Secondhandplattformen wachsen aber auch die Risiken. Verbraucherschützer Benjamin Räther warnt etwa vor Fake-Zahlungslinks, Phishing oder gefälschten Versandbestätigungen. Kriminelle versuchen dabei häufig, Nutzer aus dem offiziellen Bezahlsystem der Plattform herauszulocken, um an Kontodaten oder persönliche Informationen zu gelangen. Der Verbraucherschützer rät daher dringend dazu, nur die offiziellen Zahlungs- und Versandfunktionen zu nutzen.
    Hinzu kommen Probleme klassischer Privatverkäufe: Rückgaben sind meist ausgeschlossen, Fälschungen von Designerklamotten schwer zu erkennen. Auch Fälle von sexueller Belästigung kommen immer wieder vor. Persönliche Fotos können etwa mithilfe von KI missbraucht werden. Benjamin Räther warnt deshalb davor, Kleidung am eigenen Körper zu fotografieren.

    Wie nachhaltig Secondhand wirklich ist

    Secondhandmode gilt für viele Menschen als nachhaltigere Alternative zur Wegwerfmode. Und tatsächlich spart die längere Nutzung von Kleidung große Mengen an Ressourcen ein. Laut Viola Wohlgemuth von der Deutschen Umwelthilfe entstehen bereits rund 85 Prozent der Umweltbelastung eines Kleidungsstücks bei Herstellung und Produktion. Besonders problematisch sind dabei Wasserverbrauch. So würden bereits für ein einfaches Baumwoll-T-Shirt bis zu 2700 Liter Wasser benötigt.
    Auch synthetische Stoffe wie Polyester, die auf Erdöl basieren, machen der Umwelt und dem Klima zu schaffen. Die Textilindustrie verursacht enorme Mengen an Treibhausgasen.
    Auch wenn viele Modefirmen mittlerweile auch auf Secondhand setzen, bieten sie weiterhin Fast Fashion an. „Es reicht natürlich nicht, wenn man neben den neu produzierten Klamotten, die weiterhin immer mehr werden und immer schlechter werden und voller Plastik sind, wenn man dann noch so ein bisschen Secondhand anbietet“, kritisiert Viola Wohlgemuth. Häufig sei das eher Greenwashing als ein echter Wandel der Geschäftsmodelle.
    Man darf den Nachhaltigkeitseffekt auch nicht überschätzen, meint Nachhaltigkeitsprofessorin Katharina Spraul. Denn günstige Preise können dazu führen, dass Menschen insgesamt mehr Kleidung kaufen als zuvor. Spraul spricht von einem sogenannten Rebound-Effekt: Statt weniger zu konsumieren, werde Shopping durch billige Secondhand-Angebote teilweise sogar attraktiver.
    Viele Kleidungsstücke werden außerdem heute deutlich kürzer getragen als früher. Wohlgemuth verweist darauf, dass manche günstigen Trendteile im Schnitt nur noch 1,7 Mal getragen würden, bevor sie im Müll landen. Kleidung müsse deshalb wieder langlebiger und reparierbarer werden. Neben Secondhand brauche es aus ihrer Sicht auch neue Modelle wie Tauschen, Reparieren oder Leihen.
    Trotz zusätzlicher Transportwege hält Wohlgemuth Secondhand bei Onlineplattformen für sinnvoller als das Wegwerfen von Kleidung. Um die Umweltbilanz weiter zu verbessern, fordert sie regionale Suchfunktionen in den Apps, damit Transportwege kürzer werden. Die EU will außerdem Hersteller stärker für Sammlung, Recycling und Wiederverwertung ihrer Produkte in die Pflicht nehmen. Auch in Deutschland wird über ein Textilgesetz diskutiert. Rücknahmeprogramme und eigene Secondhandangebote könnten für Modeunternehmen dadurch weiter an Bedeutung gewinnen.

    Audiobeitrag: Nadine Lindner, Onlinetext: Elena Matera