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StartseiteGesichter EuropasFrüher waren sie Feinde, jetzt gedenken sie gemeinsam15.06.2019

Serben, Kroaten, BosniakenFrüher waren sie Feinde, jetzt gedenken sie gemeinsam

In den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien ist es immer noch weit verbreitet, dass jede Ethnie ausschließlich der eigenen Toten gedenkt. Doch es gibt auch Initiativen, die bewusst einen anderen Weg gehen - einen gemeinsamen.

Von Dirk Auer

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"Wir erinnern uns", steht auf dem Banner, dass diese Menschen am 16. April 2019 halten, dem 26. Jahrestag des Massakers an 116 bosnischen Zivilisten in Vitez, heute Bosnien-Herzegowina (Haris Badzic/Anadolu Agency / picture alliance)
"Wir erinnern uns", steht auf diesem Banner zum Jahrestag des Massakers an 116 Zivilisten in Vitez (Haris Badzic/Anadolu Agency / picture alliance)
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32 Männer - Serben, Kroaten und bosnische Muslime. In einer Reihe stehen sie am Rand des muslimischen Friedhofs im bosnischen Vitez und schauen über das Gräberfeld. Im Krieg haben sie noch in unterschiedlichen Armeen gekämpft, sie waren Feinde. Jetzt stehen sie hier, um gemeinsam der Opfer zu gedenken. Es ist der 26. Jahrestag des Massakers von Ahmici.

"Für mich als Kroaten ist es sehr schwer, an diesen Ort zu kommen, wo meine Mitkämpfer so etwas angerichtet haben. Diese Kroaten sind keine Helden. Sie haben Verbrechen an Kindern verübt und an der unschuldigen Bevölkerung. Es ist furchtbar. Und deshalb haben wir uns hier eingefunden: um ein Stück weit die Fehler jener Leute zu korrigieren, die diese Verbrechen begangen haben", sagt Stanislav Krezic.

In Ahmici, einem Dorf mitten in Bosnien-Herzegowina, massakrierte die bosnisch-kroatische Armee am 16. April 1993 116 Bewohner, darunter elf Kinder und 32 Frauen. Auch die anderen Veteranen sind über solche Auswüchse des Krieges entsetzt. Verbrechen sind Verbrechen sagen sie, egal wer sie begangen hat - in diesem schrecklichen Krieg, den doch eigentlich niemand wirklich gewollt hätte.

"Dann haben sich alle ihren jeweiligen Armeen angeschlossen"

"Als der Krieg anfing, war ich Pazifist und habe mich zunächst geweigert in den Krieg zu ziehen", sagt Edin Ramulic, ein Muslim aus Prijedor.

"Aber dann war der Krieg plötzlich vor meiner Haustür. Ich habe sieben Familienangehörige verloren, einschließlich meines Vaters und Bruders. Und dann habe ich mich als Freiwilliger gemeldet. Und ich denke nicht, dass das ein Fehler war."

Der Serbe Milorad erzählt: "Als in Kroatien schon gekämpft wurde, saß ich mit meinen kroatischen und muslimischen Freunden noch zusammen, und wir waren uns einig: So etwas kann bei uns in Bosnien nicht passieren. Aber es ist passiert. Und dann haben sich alle ihren jeweiligen Armeen angeschlossen."

So einfach ging das damals, und schon waren aus Bäckern, Handwerkern oder Lehrern Soldaten geworden.

"Es gibt keine Empathie für die anderen"

Wir haben uns vor dem Krieg nicht gehasst, sagen die Veteranen auf dem Friedhof in Vitez. Der Hass kam mit dem Krieg: Stanislav Krezic stammt aus Mostar, er war fünf Monate in einem Lager interniert; wurde gefoltert und sah, wie um ihn herum die Leute starben. Als der Krieg vorbei war, eröffnete er in Mostar eine Bar, an der Wand hing ein Portrait von Ante Pavelic, dem kroatischen Faschistenführer aus dem Zweiten Weltkrieg. Kamen Muslime oder Serben herein, wurden sie nicht bedient.

"Aber tief in mir wusste ich, dass ich einen Fehler mache. Und als ich Kontakt zu Veteranen bekam, habe ich gesehen, dass auch die anderen Bevölkerungsgruppen gelitten haben. Das Problem ist: Wir denken immer nur darüber nach, was uns passiert ist. Es gibt keine Empathie für die anderen."

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe "Der Balkan und die Kriegsverbrechen - Verklärte Helden, verurteilte Mörder".

Vor dem Friedhof beginnt der alljährliche Gedenkmarsch. Fünf Kilometer lang ist die Route: zum Zentrum von Vitez nach Ahmici. Gut 200 Menschen laufen mit, darunter auch viele junge Menschen.

Seminare für Kriegsveteranen

Adnan Hazanbegovic arbeitet seit vielen Jahren beim Zentrum für gewaltfreie Aktion. Auch er ist ein Kriegsveteran. Während des Krieges hat er seine Stadt Sarajevo gegen die bosnisch-serbischen Belagerer verteidigt - um dann, nach dem Krieg, zum Friedensaktivisten zu werden. Schon seit über zehn Jahren organisiert er Seminare mit Kriegsveteranen.

"Im Prinzip ist das Training so konzipiert, dass wir zunächst Empathie aufbauen wollen. Die ehemaligen Kämpfer reden über ihre Erfahrungen und auch ihre Traumata, die sie durchgemacht haben. Denn oft sind die Veteranen ja auch Opfer: Sie sind verletzt worden, haben ein Bein verloren oder ihre Freunde und Familien. Und über diese gemeinsamen Erfahrungen zu reden, schafft eine Verbindung."

Aber natürlich bleibt ein solcher Dialog nicht immer konfliktfrei, vor allem dann, wenn es um die Schuldfrage geht.

"Oft erleben wir dann einen Zusammenprall dieser ganzen nationalistischen Erzählungen über den Krieg, das ist nicht immer leicht. Im Prinzip stimmen alle darüber überein, dass es nicht erlaubt ist, Zivilisten zu töten, und dass Kriegsverbrechen nicht akzeptabel sind. Aber es gibt trotzdem unterschiedliche Meinungen darüber, was ein Kriegsverbrecher ist. Selbst unter unseren Leuten findet man zum Beispiel bei den Serben manchmal die Meinung, dass Radovan Karadzic nicht so schuldig ist, wie immer behauptet wird. Dasselbe gilt für Ratko Mladic."

"Immerhin eine Bereitschaft zur Empathie mit allen Opfern"

Es ist schwer, sich der Verantwortung zu stellen, sagt Adnan Hazanbegovic - besonders dann, wenn man davon überzeugt ist, selbst saubere Hände behalten zu haben.

"Wir versuchen viel darüber zu reden, was direkte Schuld und was menschliche Verantwortung ist. Es ist ein andauernder Dialog. Aber immerhin: Es gibt eine grundlegende Bereitschaft zur Empathie mit allen Opfern. Es tut ihnen leid, was passiert ist, und sie wollen, dass es sich nicht wiederholt. Und das ist schon eine große Sache."

Zumal in Bosnien, wo jede ethnische Gruppe ihren Opferstatus pflegt - und der Nationalismus die Politik und Medien bis heute dominiert.

"Alle richten sich nur an ihre eigene ethnische Gruppe"

Auf der Hauptstraße in Vitez kommt der Gedenkmarsch zum Stehen - genau an der Stelle, wo 1993 eine Bombe, platziert auf einem abgestellten Lkw, sechs Menschen in den Tod riss. An einem kleinen Denkmal werden Blumen niedergelegt. Währenddessen dröhnen patriotische Lieder aus dem Lautsprecher. Edin Ramulic kennt das auch von anderen Gedenkveranstaltungen.

"Es ist leider immer noch so, dass sich in Bosnien-Herzegowina alle immer nur an ihre eigene ethnische Gruppe richten. Es gibt politische Reden und nationalistische Symbole, aber mit unserer Anwesenheit wollen wir das durchbrechen. Und ich denke, dass die Leute danach vielleicht anfangen, etwas nachzudenken."

VITEZ, BOSNIA AND HERZEGOVINA - APRIL 16:  A woman prays at cemetery next to victims' names during the 23th anniversary of Ahmici massacre in Vitez, Bosnia and Herzegovina on April 16, 2014. In Ahmici, Croatian forces killed 116 Bosnian civilians in April 1993, during the short period in the war when Bosnians and Croatians fought each other in Vitez, central Bosnia and Herzegovina.  Samir Yordamovic / Anadolu Agency | Keine Weitergabe an Wiederverkäufer. (AA)Eine Frau betet vor der Tafel mit den Namen der Opfer (AA)

Zwei Stunden später in Ahmici, im Hof der Moschee. Vor dem Mahnmal mit den Namen der 116 Opfern des Massakers ist eine Bühne aufgebaut. Nach und nach legen politische und religiöse Vertreter ihre Kränze nieder. Stanislav Krezic steht in der Menge und schaut nach vorne.

"Es ist schade, dass hier wieder nur muslimische Vertreter gekommen sind und niemand von den beiden anderen Bevölkerungsgruppen - weder ein katholischer oder orthodoxer Priester noch ein Politiker. Das ist ziemlich traurig."

Wie üblich bleiben die Opfer unter sich

Ahmici ist heute mehrheitlich kroatisch bewohnt. Der Bürgermeister ist von der kroatisch-nationalistischen Partei HDZ. Aber wie üblich bei solchen Gedenkveranstaltungen bleiben die Opfer unter sich.

Dann werden die Veteranen vom Zentrum für gewaltfreie Aktion aufgerufen. Drei Männer treten nach vorne - ein Serbe, ein Kroate, ein muslimischer Bosniake. Sie halten kurz inne, dann legen sie einen Kranz nieder. Und schon ist alles vorbei. Es wird noch ein gemeinsames Mittagessen geben, dann wird sich die Gruppe wieder in alle Richtungen verstreuen. Adnan Hazanbegovic ist zufrieden.

"Auch andere Veteranen, die an dem Gedenken teilgenommen haben, haben uns gesehen. Das kann sie motivieren, vielleicht auch auf die andere Seite zuzugehen. Es gibt ihnen vielleicht Hoffnung, wenn sie hören, dass ehemalige Feinde kommen und Blumen niederlegen, und die Opfer des anderen Volkes ehren."

"Wir dachten alle, dass wir im Recht sind"

Ja, sagt der ehemalige kroatische Soldat Stanislav Krezic, bevor er in sein Auto steigt.

"Wir dachten alle, dass wir im Recht sind. Aber ich will wirklich, dass es nie wieder Krieg in diesem Land gibt. Und wenn Boxer sich umarmen können nach einem Wettkampf, egal wer verloren oder gewonnen hat, dann könnten auch wir Veteranen uns umarmen und sagen: Auf geht's, bauen wir nun gemeinsam den Staat auf."

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