Sexualisierte Gewalt im Sport"Damit es anderen nicht passiert"

Sexualisierte Gewalt ist Teil des Sports. Das ist in den vergangenen Jahren nicht zuletzt durch Berichte von Betroffenen immer deutlicher geworden. Vor 100 Tagen fand ein Hearing der Kommission der Bundesregierung zur Aufarbeitung von sexuellem Kindesmissbrauch statt. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Von Andrea Schültke | 31.01.2021

Ein Trainer und eine Spielerin beim Fußballtraining
Bestehende Machtverhältnisse im Sport können ausgenutzt werden. (afp / Patrik Stollarz)
Triggerwarnung:
Die folgende Sendung enthält Beschreibungen sexualisierter Gewalt, die verstörend und retraumatisierend wirken können.
Berlin, 13. Oktober 2020
"Herzlich willkommen zum 4. Hearing der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Das heutige Hearing der Kommission befasst sich mit sexuellem Kindesmissbrauch im Sport."
Betroffene sind gekommen, Vertreterinnen und Vertreter des organisierten Sports, aus Politik und Wissenschaft. Sie sind der Einladung der Aufarbeitungskommission des Bundes gefolgt. Die Kommission untersucht seit fünf Jahren sexualisierte Gewalt in Familien, Kirchen und Religionsgemeinschaften und seit 2019 auch im Sport.
"Es geht um Anerkennung von Leid und es geht um darum, das strukturelle Versagen ebenso wie das Versagen Verantwortlicher genau zu untersuchen und daraus Schlüsse zu ziehen."
So beschreibt die Kommissionsvorsitzende Sabine Andresen das Ziel von Aufarbeitung.
Die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Sabine Andresen. 
Die Vorsitzende der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, Sabine Andresen, (Deutschlandradio / Andrea Schültke)
In ihren Gesprächen in den ersten 100 Tagen nach der Veranstaltung in Berlin habe sie auch aus dem organisierten Sport Signale empfangen, dass dieser die Notwendigkeit von Aufarbeitung erkannt hat. Sabine Andresen ist aber auch klar:
"Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Sport wird auch nach wie vor nicht bei allen geliebt sein. Das braucht einen sehr langen Atem und hartnäckiges Dranbleiben. Und das Dranbleiben darf nicht den Betroffenen überlassen bleiben."

Übergriffe gibt es in allen Bereichen

Sexuelle Übergriffe gibt es in allen Bereichen des Sports und in allen Sportarten. Davon zeugen die Geschichten von mittlerweile 115 Betroffenen, die sich bei der Kommission der Bundesregierung gemeldet haben. Ulrike Breitbach war die erste.
"Ich hatte ja auch schon eine ganze Weile gezögert, mich überhaupt zu melden. Und ja, es war ein monatelanges Ringen. Das kann man wirklich nicht anders sagen. Und dann kam ich dorthin und habe meine Aussage gemacht. Und danach haben mir die beiden Anwältinnen gesagt, dass ich die Erste bin. Und da war ich auch völlig überrascht. ‘Was? Ach krass‘, da hab‘ ich auch erst mal gemerkt, dass nicht nur mir das wahrscheinlich schwerfällt, darüber zu sprechen, und dass das nichts ist, wo man irgendwie mit wehenden Fahnen irgendwo hinrennt und sagt: ‘Ja, endlich, und jetzt kann ich meine Geschichte erzählen‘, sondern dass das mit viel Überwindung, Scham und vielleicht auch teilweise etwas nicht sehen wollen zu tun hat."

"Ich will nicht ständig massiert werden"

Die ehemalige Leichtathletin spricht gegenüber dem Deutschlandfunk jetzt auch erstmals öffentlich über ihre Geschichte. Die der 15-Jährigen erfolgreichen Athletin, der die Aufmerksamkeit des jungen Trainers zunächst gefiel.
"Und irgendwann wurde das mehr, dass es nicht mehr angenehm war. Es fing an damit, dass der uns alle im Prinzip ständig massiert hat. Bei jedem kleinen Zipperlein, also auch wenn die Ferse oder der Fuß irgendwie weh getan hat, dann ging die Massage doch sehr an den Hintern. Und irgendwie merke ich: Das finde ich aber überhaupt nicht mehr angenehm und ich will auch nicht ständig massiert werden.
Wir haben also mehr Zeit miteinander verbracht, weil ich so ein bisschen eine Zeitlang die Leistungsträgerin war. Das heißt, ich bin alleine mit ihm zu Wettkämpfen gefahren, zur Auswahlwettkämpfen. Das heißt viel Zeit allein im Auto, viel Zeit in Hotels, viel Zeit alleine auch mal bei einer extra Trainingseinheit. Und am Tag vor meinem Wettkampf saß er auf meinem Bett im Hotel und ich dachte immer nur: ‚Geh raus, ich will, dass du gehst.‘
Und dann hat er gesagt, das könnte er so nicht mehr. Dann müsste ich auch damit klarkommen, wenn er die Gruppe verlässt. Und dann wäre ich dafür verantwortlich, dass die Trainingsgruppe eben keinen Trainer mehr hat. Und da hab‘ ich gedacht ‚Was für ein Bullshit! Das ist doch nicht meine Schuld. Was soll das?‘"

"Natürlich ist das sexualisierte Gewalt"

Nach 25 Jahren spricht Ulrike Breitbach zum ersten Mal öffentlich über ihre Geschichte. Sie ist als Mentaltrainerin dem Sport nach wie vor verbunden. Erst durch Gespräche mit Vertrauenspersonen und die Perspektive als ehemalige Athletin von außen habe sie realisiert:
"Natürlich ist das eine Art von sexualisierter Gewalt. Und was dazu kam war, dass es so wichtig ist zu erzählen, damit es anderen nicht passiert. Und dann merkte ich so krass, ich hab' ganz lange weggeschoben, dass anderen, das A auch passieren kann und B, dass es vielleicht viel weiter noch gehen kann."
Die Sportsoziologin Bettina Rulofs
Die Sportsoziologin Bettina Rulofs (Schültke/Dlf)
Sportsoziologin Bettina Rulofs von der Bergischen Universität Wuppertal ist die Expertin in Deutschland, wenn es um das Thema sexualisierte Gewalt im Sport geht. Sie hat die Studie "Safe Sport" geleitet, die vor knapp fünf Jahren zum ersten Mal Zahlen geliefert hat über das Ausmaß sexualisierter Gewalt im Leistungssport.

"Viel Luft nach oben"

Ein Drittel aller damals befragten Nachwuchs-Leistungssportlerinnen und -sportler hatte im Laufe der Karriere bereits Erfahrungen gemacht mit einer Form sexualisierter Gewalt. Dabei hatten die Forschenden den Begriff weit gefasst – von sexistischen Sprüchen bis hin zu Vergewaltigung. Auch Vereine und Verbände hat das Team um Bettina Rulofs befragt:
"Wo wir an der Vereinsbasis gesehen haben. Da gibt es noch viel Luft nach oben, was die Entwicklung von Bewusstsein zu dem Thema anbelangt. Und wo wir bei den Verbänden gesehen haben: Ja, es gibt eine wirklich breite, breite Entwicklung in die Richtung, dass die die sexualisierte Gewalt als Problem erkannt wird."
Fußballtor im Nebel
Sexueller Missbrauch - "Du darfst nicht reden, denn sonst passiert was"
Vergewaltigungen, sexuelle Übergriffe, Gewalt: Nadine ist erst zehn Jahre alt, als sie von Betreuern ihrer Fußballmannschaft sexuell missbraucht wird. Im Dlf-Sportgespräch spricht sie erstmals über das Erlebte.
Das Hearing in Berlin sei wichtig gewesen, um den Fokus auf die Aufarbeitung zu richten, um Fälle aus der Vergangenheit zu untersuchen. Wie die von Ulrike Breitbach oder auch die der ehemaligen Fußballerin Nadine, die nur ihren echten Vornamen öffentlich preisgeben möchte. Bei der Tagung der Aufarbeitungskommission in Berlin hat Schauspielerin Martina Gedeck Nadines Geschichte gelesen.

"Übergriffe bis zur Vergewaltigung"

Hier Auszüge daraus:
"Ich habe Fußball gespielt als Kind, Jugendliche und Erwachsene. Das Training war von meinem Heimatort ungefähr 20 Kilometer entfernt. Aber es gab Fahrdienste, die die Kinder abholten und zum Training und den Spielen brachten. Wir sind dann ins Ausland gefahren, um dort Fußball zu spielen. Ich wurde krank und konnte zu einer geplanten Exkursion mit Übernachtung nicht mitkommen. Der Betreuer erklärte sich bereit, mit mir da zu bleiben. So war er zwei Tage allein mit mir.
Und da blieb es dann nicht bei Anzüglichkeiten. Da waren Übergriffe bis zur Vergewaltigung. Ab da war alles gebrochen. Jeglicher Widerstand. Danach ging es weiter. Die Route beim Fahrdienst war immer so, dass ich als Letzte nach Hause gefahren wurde. Manchmal passierte gar nichts. Manchmal gab es Anzüglichkeiten. Manchmal wurde auch angehalten, um mich anzufassen, auszuziehen, zu vergewaltigen. Das war alles nicht voraussehbar. Ich hatte Angst und Scham ganz viel.
Aufzuhören war keine Option. In der Struktur war es tatsächlich wie in einer Familie, wo man niemanden anschwärzt und das System nicht brüchig machen möchte. Wenn man sportlichen Erfolg hat, ist man präsent und Mitglied der großen Familie. Aber bei Missbrauch dann plötzlich nicht mehr. Mit dem Missbrauch, das ist, als wenn mir einer mutwillig die Eisenstange aufs Knie gehauen hat, nur unsichtbar."

Vom "Überleben" zum "Leben"

Die Taten liegen etwa 30 Jahre zurück. Die Folgen: schwere Depressionen, lange Klinikaufenthalte. Erst mit knapp 40 konnte Nadine eine Berufsausbildung beginnen, studieren. Sie hat die schwere sexuelle Gewalt ihrer Kindheit überlebt. Der Begriff "Überleben" ist für Nadine aber nicht nur positiv behaftet, erläutert sie im Gespräch mit dem Deutschlandfunk:
"Weil es auch so ein bisschen suggeriert, dass es nur so ein Überleben gerade noch ist und so ein Dahinschwimmen. Von meiner Geschichte her kann ich sagen, dass das viele Jahre auch so war und dass das immer das Ziel ist, dass es kein einziges Überleben ist, sondern dass es auch mal ein Leben wird, was man selber steuert und kontrolliert."
Das tut sie jetzt. Auch indem sie ihre Geschichte erzählt. Erst im Rahmen eines Forschungsprojekts, dann vor zwei Jahren in einem Interview mit dem Deutschlandfunk erstmals öffentlich. Bei der Aufarbeitungskommission in Berlin hat sie vor Publikum gesprochen. Viele hörten zu, auch Verantwortliche des organisierten Sports und Vertreter*innen des Bundesinnenministeriums, BMI. Die erklärten vor Ort, sie wollten Betroffene einbinden in die Aufarbeitung. Den Worten folgten erste Taten: "Wir sind vom BMI kontaktiert worden und hatten ein Treffen, um uns auszutauschen, als Videokonferenz."
Mit "wir" meint die ehemalige Fußballerin die beiden weiteren Betroffenen, die im Oktober öffentlich ihre Geschichte erzählt haben. Die Judoka Marie Dinkel und die Reiterin Gitta Schwarz. Schauspielerin Martina Gedeck hat damals auch die Geschichte von Gitta Schwarz gesprochen:

"Der ist Oberstleutnant, das macht er nicht."

"Es ist über 30 Jahre her. Es war mein Reitlehrer, der mich ausgenutzt hat. Ich war 15 Jahre alt, als es begann. Er war schon alt, über 60 und im Reitstall eine Autoritätsperson. Ich bin zwei- bis dreimal die Woche beim Reiten gewesen und zwei- bis dreimal die Woche passierte es immer wieder.
Wenn wenig Betrieb war, hat er seine Hose ausgezogen und mich dazu genötigt, ihn oral zu befriedigen. Das ging insgesamt eineinhalb Jahre. Als ich es meinem Vater erzählte, kam der Moment, wo ich den kompletten Glauben an alles verloren habe. Er sagte, das bilde ich mir alles nur ein. Das könne nicht sein. Der ist Oberstleutnant, das macht er nicht. Doch nicht er.
Niemand hat mit diesem Mann geredet. Irgendwann bin ich zuhause schreiend auf dem Wohnzimmerboden zusammengeklappt und hatte immer das Gefühl, mich zieht irgendwie jemand an den Füßen durch den Teppich nach unten. Und dann bin ich nicht mehr geritten. Da wurde mir das Liebste genommen, was ich eigentlich hatte.
Es fehlt mir so sehr. Ich würde mir wünschen, dass die Narbe irgendwann so verheilt ist, dass ich meinen Sehnsüchten auch nachgeben kann, dass ich mich mal wieder auf einem Pferderücken setzen und losreiten kann."
Gitta Schwarz (l.) auf einem Hearing der Aufarbeitungskommission der Bundesregierung im Jahr 2020: Als Teenager war sie selbst von sexualisierter Gewalt im Sport betroffen - heute setzt sie sich für Aufarbeitung und Prävention ein.
Gitta Schwarz war als Teenager selbst von sexualisierter Gewalt im Sport betroffen - heute setzt sie sich für Aufarbeitung und Prävention ein. (Andrea Schültke/Deutschlandfunk)
Rückblickend bewertet Gitta Schwarz die Entscheidung, mit der Aufarbeitungskommission zu sprechen und dann auch noch den Schritt an die Öffentlichkeit, positiv. Auch sie hat dem Deutschlandfunk für diese 100-Tage-Bilanz ein Interview gegeben.

Ein befreiendes Gefühl

"In dem Moment, in dem ich das Podium verließ in Berlin, habe ich mich befreit gefühlt, auf eine sehr angenehme Art und Weise. Also mir war klar, okay, das war für mich persönlich der richtige Schritt. Ich kann damit besser leben. Vor allen Dingen kann ich laut darüber reden, was ich immer noch wichtig finde. Und ich kann auch wirklich jeden Betroffenen in Deutschland nur zu ermutigen, das ebenfalls zu tun, weil es wirklich befreit. Wenn man dann das Gefühl hat, dass einem zugehört wurde, dass geglaubt wird und das war ja in diesem Fall immer der Fall."
Das Gespräch mit dem für den Sport zuständigen Bundesinnenministerium sei auf Augenhöhe gewesen, bilanziert Gitta Schwarz, ein Austausch von Ideen:
"Mein persönlicher Wunsch ist es eigentlich tatsächlich, dass Betroffene durchaus Ratgeber sein können, sofern sie es denn möchten. Dazu muss man natürlich auch die Kompetenz bei den Betroffenen schaffen und auch das muss ja auf irgendeine Art und Weise finanziert werden."

Wunsch nach Fortbildungen für Betroffene

Und Nadine bilanziert:
"Es läuft im Moment immer noch so ab, dass man Betroffene fragt, anfragt und so davon ausgeht, das machen die so nebenher. Die nehmen sich da mal eben Zeit für. Und das ist ja auch im Moment so und auch häufig wird das auch gerne gemacht. Und trotzdem fehlt so ein bisschen der Background, wo ich mir vorstellen kann, dass viele Betroffene davor ein bisschen zurückschrecken, weil man es einfach nicht gewohnt ist, über diese Themen zu reden, öffentlich zu reden, viel Zeit und Energie investiert. Und dass das einfach auch mehr gewertschätzt werden könnte. Sei es auch durch Fortbildungen, wie ich mein Wissen am besten weitergeben kann."
Dass Betroffene sich in diese Aufarbeitung ehrenamtlich einbringen, dürfe niemand erwarten, so Sabine Andresen. Die Kommissionsvorsitzende spricht aus Erfahrung mit Betroffenen aus anderen Kontexten - etwa der Kirche.
"Erstens sind viele von ihnen berufstätig und müssen gucken, wie sie das leisten können. Zweitens leisten sie schon, indem sie gesprochen haben, indem sie öffentlich auftreten, ihre Geschichte und dann auch ihre Zeit zur Verfügung stellen, ungeheuer viel für die Gesellschaft. Und zu einem Konzept der Betroffenenbeteiligung gehört auch die Klärung, was es beispielsweise an Aufwandsentschädigung möglich ist und wie das auch von vornherein eingeplant und auch kommuniziert wird mit den Betroffenen."

Viele wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen

Auch in Interviews des Deutschlandfunks mit Betroffenen ist klar geworden: Viele wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen, wenn sie über die Übergriffe sprechen möchten und wo sie Hilfe bekommen können. Die Sport-Fachverbände müssen inzwischen Ansprechpersonen für das Thema "sexualisierte Gewalt" haben, wenn sie öffentliche Fördergelder bekommen wollen. Aber die Hürde, sich an einen Menschen aus dem Verband zu wenden, der möglicherweise als Täterorganisation wahrgenommen wird, ist hoch. Zumal dann, wenn die Taten Jahrzehnte zurückliegen. Das Vertrauen fehlt.
Helfen könnte da eine unabhängige Anlaufstelle für Betroffene aus dem Sport.
"So ein bisschen ähnlich wie die NADA, die unabhängig sein soll in im Dopingbereich, sodass man als Sportler oder Angehörige, oder wie auch immer man beteiligt ist, sich an diese Stelle wenden können und die nicht in die Sportverbände einbezogen ist, sondern unabhängig Aufarbeitung betreiben kann. Und ja auch helfen kann. Akute Hilfen anbieten kann, den Betroffenen und auch den Vereinen, in denen Vorfälle stattfinden."
Das war ein Wunsch. Den habe sie unter anderem im Gespräch mit dem Bundesinnenministerium vorgebracht, schildert die ehemalige Fußballerin Nadine.
Doch das Ministerium möchte sich zu dem Gespräch und den Inhalten "aus Gründen des Opferschutzes und mit Rücksicht auf die zugesagte Vertraulichkeit" nicht äußern, schreibt auf Dlf-Anfrage lediglich allgemein, es stehe:
"Bei der Bekämpfung sexualisierter Gewalt im Sport in Kontakt mit verschiedenen Betroffenen, Institutionen und Verbänden. Die in diesem Rahmen gewonnenen Informationen, Ideen und Meinungen fließen in die Überlegungen des BMI, […] ein."

Es braucht Strukturen für die Aufarbeitung

Mit dem Wunsch nach einer unabhängigen Anlaufstellte greift Fußballerin Nadine eine Idee auf, die Bettina Rulofs beim Hearing in Berlin angeregt hat. Nach Ansicht der Sportsoziologin fehlen dem Sport bisher Strukturen für eine unabhängige Aufarbeitung:
"Und das muss eben dann auch eine Organisationsform sein, die in der Lage ist, mehrere Perspektiven zu betrachten. Nicht nur die Verbandsperspektive, sondern auch die Perspektive des Betroffenen oder die Perspektive des Vereins mit einzunehmen. Das heißt, da sehe ich schon noch eine große Lücke."
(Vortrag von Bettina Rulofs auf dem Hearing am 13. Oktober)
Vonseiten des organisierten Sports kommen, was eine unabhängige Anlaufstelle für Betroffene angeht, positive Signale. DOSB-Vizepräsidentin Petra Tzschoppe kann nachvollziehen, dass manche Betroffene ungern Kontakt zu der Sportorganisation aufnehmen, in der die Übergriffe passiert sind.
"Und deswegen ist der Gedanke in einer unabhängigen Anlaufstelle auf jeden Fall zu unterstützen. Entbindet aber definitiv nicht Vereine und Verbände davon, auch selbst ein Klima zu schaffen, in dem eine Offenheit und Vertrauen herrscht und wo Personen, die dann in irgendeiner Art und Weise sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern, Jugendlichen oder auch gegenüber Erwachsenen ausüben, in ihrem Tun auch kontrolliert und gebremst werden."

Finanzielle Mittel fehlen

Ohne eine Förderung aus öffentlichen Mitteln dürfte eine unabhängige Anlaufstelle für Betroffene aus dem Sport aber nicht machbar sein.
Auf unsere Anfrage, ob und wie das BMI eine solche Stelle finanziell fördern oder unterstützen würde, verweist das Ministerium auf die bereits vorhandenen Fachberatungsstellen. Diese böten auch außerhalb der Sportstrukturen unabhängige Beratung an. Und weiter:
"Mittel für eine finanzielle Förderung einer unabhängigen Anlaufstelle stehen im Haushalt des BMI gegenwärtig nicht zur Verfügung."
Diese Absage des BMI an eine finanzielle Förderung dieser Stelle wirft die Frage auf, wie ernst es dem Ministerium mit der Einbindung Betroffener und ihrer Ideen tatsächlich ist.
Immerhin: Eine Lücke in der wissenschaftlichen Untersuchung der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt kann Bettina Rulofs füllen. Sie hat inzwischen von der Aufarbeitungskommission den Forschungsauftrag bekommen, die vertraulichen Anhörungen und die Geschichten der Betroffenen auszuwerten, die sich bei der Kommission gemeldet haben. Das ist die erste nationale Studie zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Sport.

Sexualisierte Gewalt "menschenrechtsrelevantes Thema"

Die Idee einer unabhängigen Anlaufstelle ist für Maximilian Klein nicht neu. Er arbeitet für den Verein "Athleten Deutschland", die unabhängige Interessenvertretung für Leistungssportlerinnen und -sportler. Auch Maximilian Klein war in Berlin vor Ort, denn der noch junge Verein sieht die Arbeit am Thema sexualisierte Gewalt als eines seiner Kernthemen:
"Da geht es sehr viel um Meinungsfreiheit. Es geht um das Thema Vereinigungsfreiheit, also Athlet*innenvertretung, um Diskriminierung, um Rassismus und eben auch Gewalt. Gewalt auch an Minderjährigen. Und all diese Themen eint, dass sie eben menschenrechtlichen Bezug haben, das sind menschenrechtsrelevante Themen.
Und genau so müssen wir diese Themen auch begreifen. Und genau das wollen wir auch erreichen. Dass wir eben nicht nur auf internationaler Ebene sagen: Okay, ich brauche ein umfassendes Bekenntnis des Sports zu Menschenrechten und auch eine umfassende Strategie zum Umgang mit den Menschenrechtsrisiken im Bereich des Sports, sondern das Ganze eben auch national."

"Sexualisierte Gewalt für unsere weiblichen Mitglieder ein riesen Problem"

Der Verein hat Kontakt aufgenommen zu Athletenvertretungen im Ausland, die schon mit großen Fällen sexualisierter Gewalt konfrontiert waren, um von dort Erfahrungen zu hören.
100 Tage nach der Veranstaltung in Berlin berichtet Maximilian Klein im Gespräch mit dem Deutschlandfunk von einer Umfrage unter den Mitgliedern von "Athleten Deutschland". Diese habe die Wichtigkeit des Themas "sexualisierte Gewalt" und die Arbeit daran noch verdeutlicht:
"Da ist eben auch noch herausgekommen und leider und traurigerweise nicht überraschend, dass dieses Thema sexualisierte Gewalt auch für unsere weiblichen Mitglieder ein riesen, riesen Problem ist und ganz, ganz gravierendere Herausforderungen darstellen.
Das ist leider nicht wirklich überraschend. Bestärkt uns aber eigentlich, da jetzt viel, viel intensiver in die Arbeit zu gehen. Einmal für unsere Mitglieder und einmal natürlich auch auf der größeren Ebene an den strukturellen Defiziten, die da immer noch vorherrschen."

Neuer Betroffenenrat bei der Reiterlichen Vereinigung

Die deutsche Reiterliche Vereinigung, FN, der Dachverband des Reitsports, kümmerte sich bereits als einer der ersten Verbände um das Thema sexualisierte Gewalt. Bisher hat die FN eher auf Prävention gesetzt. Die ehemalige Reiterin Gitta Schwarz berichtet jetzt: Nach dem Hearing habe der Verband zu ihr Kontakt aufgenommen. Es ging um Aufarbeitung:
"Das ist das Ziel, was in 2021 jetzt wohl angegangen wird. Dass die Betroffenen halt angerufen werden, dass aufgerufen wird zur Mitarbeit. Und da ist das Ziel, tatsächlich innerhalb der Reiterlichen Vereinigung einen Betroffenenrat zu initiieren."
Eine Mitarbeit in einem solchen Betroffenenrat könnte sie sich gut vorstellen, sagt Gitta Schwarz.
Mit diesem Rat möchte die FN "den Belangen der Betroffenen noch mehr Gehör schenken und diese in unserer Arbeit noch besser berücksichtigen", schreibt der Verband dem Deutschlandfunk.
Bei der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Sport geht es einmal darum, dass jeder Fachverband sich seiner eigenen Geschichte in diesem Zusammenhang stellt und die Betroffenen seiner Sportart einbindet.
Petra Tzschoppe (Mitte), Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).
Petra Tzschoppe (Mitte), Vizepräsidentin des DOSB, will Betroffene stärker einbinden. (Andrea Schültke / Deutschlandradio )

Auch DOSB will Betroffene stärker einbinden

Als Dachorganisation des Sports hat auch der Deutsche Olympische Sportbund, DOSB, angekündigt, sich verstärkt um Aufarbeitung kümmern zu wollen. Zentraler Punkt sei dabei die Einbindung von Betroffenen. Dabei geht es laut DOSB Vize-Präsidentin Petra Tzschoppe zum einen darum:
"Was den Bedürfnissen und Erwartungen der Betroffenen entspricht, auch im Sinne einer internen Vernetzung eines Betroffenenrates oder was auch immer dann genau die Punkte sind.
Und zum anderen nochmal aus den Dingen, die dort geschehen sind, für uns klarer dann auch diese einerseits in Prävention und Interventionsarbeit mündenden Ableitungen zu treffen, aber auch insgesamt und die Leitplanken für Vereine und Verbände zu entwickeln. Dass die Verbände insgesamt die Verantwortung im Schutz vor sexualisierter Gewalt - und dazu gehört eben auch die Aufarbeitung - dass die dieses annehmen."

"Das hat mich wahnsinnig gefreut"

Beim Hearing im Oktober in Berlin hat der DOSB Kontakte geknüpft. Auch zur ehemaligen Leichtathletin Ulrike Breitbach. Die saß im Publikum und hatte sich mehrfach zu Wort gemeldet. Nach dem Hearing hat die Deutsche Sportjugend Ulrike Breitbach kontaktiert:
"Das hat mich wahnsinnig gefreut, weil sie gesagt haben, dass die Einwürfe, die ich bei dem Hearing gemacht habe, die wirklich nicht einfach waren, muss ich dazu sagen. Das hat mich unfassbar viel Energie gekostet, auch emotional. Aber ich bin heute so froh, dass ich das gemacht habe, weil das anscheinend genau das war, wo sie sagten: 'Okay, da merken wir. Da ist jemand bereit, A) was zu sagen. Und hat B) vielleicht auch interessante Aspekte, die er mitbringt und auch eine Expertise, die für uns wichtig ist.' Und da gab es schon ein erstes Gespräch, auch ein langes Telefonat."
Es solle ein Gremium geschaffen werden von Menschen mit unterschiedlichen Expertisen, schildert Ulrike Breitbach ihre Eindrücke aus dem Telefonat:
"Mein Eindruck ist auch die Leute, die sie dafür suchen, sind sehr divers, sehr unterschiedlich. Das finde ich auch ganz toll, dass da unterschiedlichste Fachleute zusammenkommen sollen und ich auch das Gefühl hatte: Mit dem, wo sie hinwollen, damit konnte ich mich sehr identifizieren. Wie möchte ich meinen Sport auch wirklich sehen? Was ist Erfolg und unter welchem Umständen soll Erfolg auch passieren können? Das fand ich genau toll, dass diese Diskussion so möglich war, so offen war."

Es braucht Bereitschaft, hinsehen zu wollen

Sportsoziologin Bettina Rulofs vermisst in der Debatte um Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Sport konsequentes Handeln bei Politik und Sportverbänden. Die Wissenschaftlerin vergleicht die Bemühungen im Kampf gegen sexualisierte Gewalt mit denen im Kampf gegen Doping.
"Sowohl die Politik als auch die Sportverbände sind bereit, sehr viel dafür zu tun, auch Ressourcen bereitzustellen. Und auch die Bevölkerung möchte einen sauberen Sport sehen. Aber es ist schon erstaunlich, dass sozusagen wir noch nicht den Blick dafür entwickelt haben, dass es außerhalb von Doping auch noch andere Menschenrechtsverletzungen im Sport gibt oder schwere Menschenrechtsverletzungen im Sport gibt und dass das, was wir da an sportlicher Leistung sehen, nicht unbedingt immer auf einem angemessenen Weg erreicht wird. Und da braucht es auch noch die nötige Bereitschaft von Verbänden und auch der Politik, da genau hinsehen zu wollen."

Erwartungen könnten nicht erfüllt werden

Das Hearing vor 100 Tagen scheint hierzu ein Anstoß gewesen zu sein. Erste Kontaktaufnahmen zu Betroffenen durch Sport und Politik könnten dafür ein Beleg sein. Dennoch sieht Bettina Rulofs unter anderem das Risiko:
"Dass Betroffene vielleicht Erwartungen an einen solchen Einbezug in die Sportverbände haben, die dann von den Sportverbänden nicht erfüllt werden können.
Das Risiko besteht durchaus, sodass ich denke, es kommt darauf an, dass es sehr transparente Absprachen gibt zwischen beiden Seiten."
Die Betroffenen, die mit dem Deutschlandfunk gesprochen haben, machen nicht den Eindruck, zu große Erwartungen zu haben. Reiterin Gitta Schwarz ist nach den ersten Gesprächen laut eigener Aussage eher abwartend und zurückhaltend, was die Zukunft der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Sport angeht.

"Eher Schneckentempo als Rennpferdcharakter"

"Ich würde mir Euphorie zwar wünschen, mir ist aber durchaus klar, dass es sich mehr um Schneckentempo handelt als um Rennpferdcharakter, wie sich diese ganze Geschichte entwickeln wird. Und ich glaube, am Ende hilft es auch eher, das nicht mit der heißen Nadel zu stricken."
Auch die ehemalige Fußballerin Nadine ist nicht euphorisch, sieht aber nach den ersten Gesprächen sowohl mit der Politik als auch dem organisierten Sport die Perspektive: "Dass sich tatsächlich etwas bewegt hat. Kein riesiger Stein, der ins Rollen gekommen ist, aber es hat sich was tatsächlich bewegt, finde ich, in den Köpfen und es wird im Hintergrund gearbeitet. Also das glaube ich schon, dass dann Lösungen gefunden werden wollen oder dass das Bewusstsein da ist: Es müssen Dinge grundsätzlich geändert werden und es muss grundsätzlicher über Dinge nachgedacht werden, ob die, wie sie gerade laufen, so richtig sind."
Das Wort "Kulturwandel" will Fußballerin Nadine nicht bemühen, auch wenn das aus ihrer Sicht das Ziel sein sollte.
Die Verantwortlichen aus Politik und Sport stehen unter Beobachtung. Vor 100 Tagen haben sie versprochen: Sie wollen die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Sport angehen. Daran müssen sie sich messen lassen – auch von den inzwischen mehr als 115 Betroffenen, die bei der Aufarbeitungskommission ihre Geschichte erzählt haben. Und von denen, die sich dort noch melden werden.

Den Sport besser machen

Das können sie auch weiterhin tun. Ulrike Breitbach hat damit gute Erfahrungen gemacht. Als Mentalchoach im Leistungssport ist die ehemalige Leichtathletin nach wie vor im Sportumfeld tätig. Dennoch hat sie sich entschlossen, mit ihrem Namen und ihrer Stimme hier mitzumachen und ihre Geschichte öffentlich zu erzählen:
"Die tiefste Überzeugung ist, diesen Sport besser zu machen, den Leistungssport besser zu machen und dafür muss ich dann auch und will ich mit meinem Namen und meiner Stimme hier auch stehen."
Wenn Sie sich an die Autorin wenden möchten: Andrea Schültke.