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StartseiteTag für Tag„Predigt-Sprache ist verkommen“ 26.06.2020

Sibylle Lewitscharoff„Predigt-Sprache ist verkommen“

Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff wirft den Kirchen vor, „lendenlahm“ zu predigen. „Als würde die Predigt in Lenor gewaschen", sagte Lewitscharoff im Dlf. Sie sprach von einer "Weichspülorgie“ und entschuldigte sich, weil sie damit verallgemeinere.

Sibylle Lewitscharoff im Gespräch mit Andreas Main

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Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff zu Gast im Studio von Deutschlandradio Kultur. (Deutschlandradio - Andreas Buron)
Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff zu Gast im Studio im Jahr 2015 (Deutschlandradio - Andreas Buron)
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Sibylle Lewitscharoff ist 1954 in Stuttgart geboren, lebt seit langem in Berlin. Sie studierte Religionswissenschaft und seit einem Vierteljahrhundert mischt sie den Literaturbetrieb auf. Sibylle Lewitscharoffs Texte sind unverkennbar. Sie eckt auch an. Nicht nur, aber auch, weil Religion in ihren Romanen eine Rolle spielt – auf eine spannende und durchaus komplexe Art und Weise.

Andreas Main: Frau Lewitscharoff, als wir uns vor ein paar Monaten verabredet haben für diese Sendung, schrieben Sie mir in einer E-Mail: "Das Totenreich hat mich immer noch am Wickel." Sie sind also quasi Opfer der Toten? Oder suchen Sie aktiv ihre Nähe? Fühlen Sie sich hingezogen zum Totenreich, zu diesen anderen Welten?

Sibylle Lewitscharoff: Ich fühle mich zu diesem Thema hingezogen und es ist übrigens auch ein exquisit literarisches Thema, denn die Literatur kann es sich ja erlauben, sich da sozusagen "hineinzuwurmisieren", ja, also, was man sonst ja nicht so unbedingt kann. Die können ja behaupten da oben. Ja? Und das hat mir immer schon Spaß gemacht, dieses Reich auszuloten. Und das Buch, das jetzt erscheint, im September beim Herder Verlag, habe ich zusammen mit einem Kollegen geschrieben – Heiko Michael Hartmann. Und da geht es tatsächlich darum: Wir sind beide gestorben bei einem Flugzeugabsturz und wir streiten uns da oben im Himmel wie die Kesselflicker. Das ist richtig klasse. Ein Gespräch im Jenseits.

"Ich war ein sehr frommes Kind"

Main: Diese Geistwesen zwischen Himmel und Erde oder auch im Jenseits, ich vermute, Sie wollen der Idee eine Chance geben, dass es irgendwie Merkwürdigkeiten gibt jenseits des naturwissenschaftlich Bewiesenen.

Lewitscharoff: Ja, das liegt sicher auch daran. Ich war ein sehr frommes Kind. Ich habe immer sehr gerne zu Jesus und Gott gebetet. Ich habe sogar meinen Rauhaardackel mit ins Bett genommen, habe ihm die Pfoten zusammengelegt und habe mit ihm gebetet. Was der nicht so sonderlich mochte im Übrigen. Aber ich war außerordentlich fromm als Kind, wirklich, also andächtig geradezu.

Mit zwölf, 13 war das weg, zugunsten von Spartakus, Bolschewiki, Leninisten. Da gehen Sie eine ganz andere Richtung. Aber das Thema hat mich sehr schnell wieder in Berlin eingeholt. Nicht umsonst habe ich Religionswissenschaft studiert, obwohl das nicht Theologie ist. Und dann ist eigentlich auch so etwas wie ein – ich sage mal – spekulatives, nicht Gottvertrauen, aber eine spekulative Gottsuche hat wieder begonnen.

Main: Und das spielt dann eigentlich auch in Ihrem Werk fast durchgehend eine Rolle.

Lewitscharoff: Ja, in vieler Hinsicht, doch, auf jeden Fall. Weil ich finde, das Tolle ist: Die Literatur kann sich das ja zutrauen, sich in Dinge hineinzudenken, zu erproben, die natürlich auch entfernt sind von Realien. Das Problem ist nur, wenn Sie literarisch solche Unternehmungen machen, die Realien müssen vorkommen, die Realität muss stark da sein. Sonst ist das eine "schwäbäbo-, schwäbibihafte" Unsinns-Tat im Grunde.

"Das Wort ‚Wunder‘ geht mir sehr locker über die Lippen"

Main: In Ihrem Roman "Das Pfingstwunder" da spricht Ihr Held angesichts dessen, was er da erlebt, ja ganz bewusst nicht von Wundern, sondern, wenn ich mich richtig erinnere, von einem Vorkommnis. Mir scheint, das ist die Art, von Wundern zu sprechen, die Sie mögen, in denen sie eben abgedroschene Wörter vermeiden oder ironisch sprechen. Ist das Ihr Ansatz?

Lewitscharoff: Nein, ist es nicht. Ich habe nur als Hauptfigur einen Mann gewählt, der völlig religionsfern ist. Für den ist dann natürlich das Wort Wunder lächerlich, ja, ganz einfach. Für mich ist es das nicht. Ich bin nicht wundergläubig. So weit geht das jetzt nicht. Aber das Wort "Wunder" geht mir doch sehr locker über die Lippen.

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"Man hat mir ja so viel gegönnt im Literaturbetrieb"

Main: Man kann ja auf zweierlei Art und Weise auf Sie reagieren. Entweder Sie religiös vereinnahmen fürs fromme Lager oder Sie ins fromme Lager abschieben und dann das Ganze gegen Sie wenden. Was geschieht öfter?

Lewitscharoff: Ach, ich glaube nicht, dass ich da je so furchtbar drunter habe leiden müssen. Man hat mir ja so viel gegönnt im Literaturbetrieb. Alleine die vielen Preise, die man mir hinterhergeworfen hat. Also, wer sich dann noch beschwert, der hat eine Meise. Ich finde nicht, dass ich da fertiggemacht wurde wegen religiöser Versuche. Zumal: Die sind ja nun nicht in irgendeinem strikten Sinn im Religionsfieber geschrieben worden.

Main: Nein, die sind auch nicht bekenntnishaft.

Lewitscharoff: Die sind nicht bekenntnishaft. Das heißt, jeder hat die Freiheit, auch, wenn er davon gar nichts hält, es vielleicht doch mit Vergnügen zu lesen.

"Ich vertraue Angela Merkel"

Main: Wenn Sie so reden über unsere Welt und das, was womöglich jenseits unserer Wahrnehmung ist, könnte es sein, dass Ihnen das Menschenbild, was uns in den vergangenen drei Monaten in den Pandemiezeiten begegnete und was dominierte, dass das Ihnen suspekt erscheint? Oder wurden Sie selbst auch zur Hobby-Virologin?

Lewitscharoff: Nein, ich bin keine Hobby-Virologin geworden. Ich vertraue da wirklich der Wissenschaft. Ich vertraue übrigens da auch Angela Merkel. Ganz einfach: Wir können uns glücklich schätzen, dass wir in diesen unruhigen Zeiten eine vernünftige Dame am Ruder haben, die Dinge in Ruhe erklären kann. Wir sind nicht mit Trump, wir sind nicht mit Johnson, wir sind nicht mit Orban, wir sind nicht mit anderen Verrückten konfrontiert, sondern wir haben eine vernünftige Frau in dieser Krise – gottlob.

Main: Und eine Naturwissenschaftlerin.

Lewitscharoff: Und eine Naturwissenschaftlerin, die sehr beherzt, aber sehr ruhig spricht. Die ist jenseits von jeglicher Hysterie. Also, ich kann nur sagen: Chapeau, die hat sich da sehr bewährt. Und ich folge ihr auch.

"Ich bin gottfroh, in einem vernünftig regierten Land zu leben"

Main: Und es stört Sie nicht – wie es manchmal im Feuilleton oder auch in dieser Sendung geäußert wurde, dass es so etwas gab oder gibt wie eine Reduzierung aufs Materielle, auf Viren, auf Lebenserhalt, auf den Körper?

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Lewitscharoff: Nein. Es ist einfach eine Krisensituation, die den Körper ja angreift. Also, da kann ich jetzt nicht anfangen, nur über Kunst und Kultur zu faseln. Das ist ja lächerlich. Also, das heißt, da geht es ja tatsächlich um Krankheitstatbestände, die einfach gefährlich sind. Und Politiker können da auch anderes Zeug mal vergessen. Ich finde nicht, dass da die Kunst obsiegen kann, in dieser Zeit. Das ist ja Quatsch. Ich finde auch die Maßnahmen, die sie verordnet haben, die finde ich relativ vernünftig. Insofern bin ich plötzlich gottfroh, in einem vernünftig regierten Land zu leben. Ich meine, das ist doch eine Sensation hier. Das muss man doch mal sagen. Im Vergleich zu vielen, vielen, vielen aberhunderten von Ländern auf der Welt, die fürchterlich regiert sind.

"Unsere Virologen haben wirklich etwas zu sagen"

Main: Wir sprachen eingangs über jene unsichtbaren Wesen, die in Ihrem Roman "Von oben" im Himmel über Berlin unterwegs sind und Sie kündigten an, dass Sie ein Zwiegespräch aus dem Jenseits veröffentlichen werden. Unsichtbare Menschen sprechen dort. Dieses Virus ist auch unsichtbar und durchaus wirkmächtig. Hat Sie dieses Virus bei allem Schrecken auch irgendwie fasziniert?

Lewitscharoff: Ja, interessiert sehr, weil mein Vater war Mediziner. Also, da ist das schon ein bisschen einprogrammiert, dass man sich informiert oder überhaupt auch eine Neugierde hat, eine gewisse Neugierde über Krankheiten. Und ich fand einfach auch: Der Name ist doch entzückend. Also, Corona, das klingt doch erst mal wunderhübsch. Ja, da ist ein kleines Krönchen, hockt auf einem Virus. Ist das nicht hübsch? Ja? Und dann ist der so gemein, dieser Teufel da, ja. Also, mich haben auch solche Sachen fasziniert. Wie heißt das Ding? Was geschieht? Wie wird darüber gesprochen? Die ganzen Hysteriker stehen wieder auf der Matte. Umgekehrt: Vernünftige Leute haben, Gott sei Dank, viel geredet.

Auch unsere Virologen - die haben ja wirklich auch etwas zu sagen. Denen muss man auch zuhören. Das sind unterschiedliche Meinungen, weil man ja noch nicht so genau weiß, wohin die Reise geht. Das kann man ja auch nicht schon festlegen. Die Naturwissenschaft muss ja da auch herumstreiten. Aber ich finde, wir haben ein außerordentlich vernünftiges Trapez hier in der Gesellschaft gebildet, damit es nicht noch schlimmer kommt.

Main: An Sie als Religionswissenschaftlerin die Frage: Ich suche nach Antworten auf die Frage, welche Traditionen von Religion unsere Abwehrkräfte in der Pandemie stärken könnten, was uns helfen kann, diesen Teufel, von dem Sie da eben sprachen, zu besiegen. Das meine ich jetzt nicht im Gegensatz zur Naturwissenschaft.

Lewitscharoff: Natürlich nicht.

"Religiosität kann Hysterie-Bremse sein"

Main: Sondern: Gibt es da Antworten in den Religionen, die Ihnen womöglich auch helfen?

Lewitscharoff: Also, ich finde, zunächst einmal ist eine gewisse Form der Religiosität eine große Hysterie-Bremse. Das finde ich schon mal ganz wichtig. Das heißt, also ein Mensch, der eine religiöse Verankerung besitzt und nicht fanatisch wird - weil, das ist ja nun das Schreckensmodell des Religiösen –, der hat natürlich eine etwas andere, kohärentere innere Verfasstheit. Ja, weil er den Tod zwar natürlich auch fürchtet, aber nicht so, als wenn man nur dieses eine Leben und nur, und nur, und nur, und nur dieses zur Verfügung hat und nur in diesem Leben gewinnen muss. Also, das hat ja auch mit Egomanie zu tun, ja. Dieses Leben ist meins und ich muss das Beste und das Teuerste und das Tollste daraus machen – irgendwie so. Da sind ja Menschen, die etwas religiöser verfasst sind, etwas anders. Die sind ruhiger.

"Die Kirchen sind so lendenlahm im Predigen"

Main: Welchen Raum hatte dieser Gedanke, der Gedanke an Sterblichkeit, in den öffentlichen Debatten der vergangenen Monate?

Lewitscharoff: Zu wenig – finde ich. Doch zu wenig, weil das Problem ist: Die Kirchen sind ja so was von lendenlahm im Predigen. Die verstehen ja vom Tod eigentlich gar nichts mehr. Das ist ja schrecklich. Die sind ja so aufs Diesseits fixiert, die Protestanten noch schärfer als die Katholiken. Aber die Katholiken sind ganz auf diesem Wege auch. Im Grunde hat sich eine areligiöse Gesellschaft in den Kirchen breitgemacht, weil sie vom Jenseits überhaupt keine Vorstellung mehr haben.

  (picture alliance / dpa / Arno Burgi) (picture alliance / dpa / Arno Burgi)Literatur: Die neue Lust an ReligionIn der Gegenwartsliteratur sind religiöse Motive zu finden, mal offen, mal versteckt. Das macht Belletristik für Theologen interessant. Aber wie können sie sich annähern, ohne sich zu nahe zu treten? Bei einer Poetik-Dozentur in Wien machen Theologen und Schriftsteller Schritte aufeinander zu.

Haben Sie mal eine Predigt gehört, die irgendwie von da oben überhaupt handelt? Also, ich wüsste nicht. Also, ich höre die im Radio immer an. Ich gehe manchmal auch in die Kirche, auch mal in katholische Kirche. Das kommt nicht vor. Es gibt die Hoffnung auf Erlösung nicht in irgendeiner Form – sei es wunschnaiv, sei es schönheitstrunken, sei es in Gedichtform irgendwie ausgekleidet. Das gibt es nicht.

Das Gottvertrauen wird beschworen. Ja. Aber worauf vertraut man denn, wenn es nicht ein wirkliches Leben und ein erfülltes Leben nach dem Tod gibt? Und was bedeutet überhaupt Erlösung? Das ist doch eine interessante Frage. Darüber kann man doch predigen.

"Ich bin jetzt ein bisschen zu scharf"

Main: Sehen Sie auch Gegenbeispiele gelungener Predigt oder Vorträge, Essays in dieser Richtung?

Lewitscharoff: Natürlich, die gibt es. Ich bin jetzt ein bisschen zu scharf. Das ist ein bisschen unverschämt gegenüber einzelnen Menschen, die es sehr gut können. Die gibt es ja immer.

Main: Frau Lewitscharoff, der katholische Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück hat Sie vor ein paar Jahren eingeladen zu einer Poetik-Dozentur. Was ihm als Theologe an Schriftstellern wie Ihnen wichtig ist, so sagt er, dass Sie "protestieren gegen einen banalen, eindimensionalen Realismus, der die Welt auf das beschränkt, was sichtbar, greifbar ist. Religion ist die Chiffre für das Dahinter", so Tück. Ich finde, schöner kann man es nicht sagen.

Lewitscharoff: Nein, Tück ist wunderbar. Das ist einer, den verehre ich zutiefst. Ist übrigens auch ein ganz fundierter Theologe. Also, sein Buch über Thomas von Aquin ist wunderbar. Thomas von Aquin, darüber gut zu schreiben, ist eine sehr, sehr schwierige Lektüre auch überhaupt, ja. Also, ich finde diesen Mann glanzvoll. Außerdem ist er von einer, ich würde sagen, auch demokratisch verfassten Munterkeit, die ihresgleichen sucht. Das ist auch schön.

Main: Bevor wir jetzt aber eine Heiligsprechung aus- …

Lewitscharoff: Doch, wir sprechen ihn ein bisschen heilig. Warum denn nicht?

"Geistige Marathon-Übung"

Main: Welche Form von Theologie oder welche Autorinnen oder Autoren würden Sie mir aus der Theologie zum Studium empfehlen, falls ich sie nicht gelesen hätte?

Lewitscharoff: Na ja, ich war früher sehr begeistert und habe … aber es ist ein harter Knochen, von Karl Barth. Das ist aber schon schwer zu lesen. Also, ich muss ja sagen, da habe ich mir auch ein bisschen die Zähnchen dran ausgebissen, ja. Das ist nun keine einfache Lektüre. Aber vielleicht hat mich das damals auch so interessiert als so ein bisschen eine geistige Marathon-Übung.

Karl Barth liest man nicht so vom Fleck weg. Da muss man schon drüber nachdenken, ja. Der hat mich aber sehr beeindruckt, muss ich sagen. Also, auch dieses Merkwürdige. Auf der einen Seite Überschuss an Gedankenmaterial und zugleich dieses Beinharte, was der ja auch hat, ja. Schon in der Grammatik. Das hat mir gut gefallen.

  (dpa picture alliance/ Karl Schnoerrer) (dpa picture alliance/ Karl Schnoerrer)50. Todestag von Karl Barth: Ein Theologe im WiderspruchKarl Barth gilt als einer der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts. Auch in der gegenwärtigen Krise der Kirche könne Barths Theologie helfen, sagte die Theologin Christiane Tietz im Dlf. 

Main: Aber Sie greifen jetzt nicht in die Schublade zeitgenössischer Theologie?

Lewitscharoff: Selten – selten. Also, Tück, ja. Es gibt noch ein, zwei andere, die ich lese, aber ich bin meistens doch ein bisschen enttäuscht. Muss ich ehrlich sagen. Ich stochere aber immer wieder drin herum. Ich kenne auch etliche Theologen.

Main: Wie ist das bei zeitgenössischer Literatur? Sehen Sie da – mit Blick auf Religion – spannende Entwicklungen?

Lewitscharoff: Nicht wirklich. Aber das ist jetzt ungerecht, weil, ich kann da nicht über die Weltliteratur urteilen. Das ist ja Quatsch. Ich weiß nur von meinen früheren Lektüren her, und weil ich lange in Südamerika gelebt habe, dass für mich die südamerikanischen Autoren einen interessanten Nachhall des Religiösen immer mit sich führten, selbst wenn sie sich davon abgewandt haben. Da ist es spürbar.

Da ist das Wurmisieren woanders hin und das Drohen gen Himmel und das was weiß ich und Herabfluchen oder Hinaufflehen, das Levitieren, das können die doch alle, ja. Das machen die aus dem Nähkästchen raus – viele südamerikanische Autoren. Für die ist das gar kein Problem. Das hat mir immer gut gefallen.

Main: Sie haben jetzt schon zweimal die Wortschöpfungen "wurmisieren" und "levitieren" benutzt.

Lewitscharoff: Natürlich.

Main: Ich habe es eben versäumt nachzufragen. Jetzt verpasse ich die Chance nicht. Was meint "wurmisieren"?

Lewitscharoff: Das ist ein Lieblingsbegriff bei Heimito von Doderer, den ich sehr schätze. Wurmisieren – das können Sie sich ja vorstellen, wie ein Würmchen, das sich durch eine Materie langsam gräbt, ja, und aber nicht aufzuhalten ist. Und levitieren ist sozusagen die Körpererhebung durch den Geist.

  (dpa/ picture alliance) (dpa/ picture alliance)Vor 50 Jahren gestorben: Der österreichische Schriftsteller Heimito von Doderer
Heimito von Doderer verkörperte lebenslang Geist und Form von Alt-Österreich. Er war ein stark beobachtender Zeitgenosse. Berühmt wurde er 1951 mit dem Roman "Die Strudlhofstiege". Vor 50 Jahren starb Doderer.

Es gab bestimmte Levitationswunder, kann man auch sagen, wo die Menschen, ich sage mal, über dem Kirchenboden zehn Zentimeter hochgeschwebt sind. Ob das stimmt, lassen wir jetzt mal dahingestellt. Aber es ist eine schöne Idee. Und Levitation ist natürlich dann auch die geistige: also der Körper befreit sich sozusagen so, dass er levitieren kann, aber die Oberhoheit hat der Geist, der natürlich wirklich entschwebt.

Main: Jetzt haben wir wieder was dazugelernt, also, ich zumindest. Und jetzt levitieren wir uns mal in Ihr Buch, das im September kommen wird, das ich natürlich noch nicht kennen kann. Worüber streiten Sie sich mit dem Kollegen?

Lewitscharoff: Ach – toll. Ich gebe die sehr fromme Dame, die ich nicht so bin. Er gibt meinen absoluten Widersacher. Er ist der Widerspruchsteufel par excellence, ja. Da geht es richtig scharf zur Sache. Ich gewinne aber langsam die Oberhand, und zwar insofern, als ich mir herausnehme, dass ich langsam mit vorbeidriftenden Seelen, die sich noch nicht am Eingang des Purgatoriums befinden, schwätzen kann und natürlich auch gleich mal diskutiere mit Beckett usw. Das kann er nicht, weil er ja nicht daran glaubt. Ich bin im Vorteil. Ist witzig.

Main: Wie sind Sie auf diese verrückte Idee gekommen?

Lewitscharoff: Ach, wir wollten einfach mal was zusammen machen und wir sind … er ist ein Widerspruchsgenie, muss ich sagen. Hartmann ist ein ganz harter Jurist übrigens gewesen. Der war bei der Bankenaufklärung in den Skandalen verwickelt, also hatte er aufgeklärt. Der nimmt sich nichts. Also, der kämpft wirklich mit harten Bandagen. Da bin ich eher die Gemütlichere fast. Und das ist schon sehr spannend gewesen. Fand ich toll. Es war jedes Mal was anderes. Der Kerl hat auch immer was anderes gemacht. Da habe ich gesagt: Was macht er denn jetzt wieder? Muss ich natürlich drauf eingehen. Und so ging es ihm mit mir auch. Ist ja klar, ja.

"Frei flottierende Religiosität sagt mir nicht zu"

Main: Sie zitieren in Ihrem jüngsten Werk "Von oben" unter anderem Christian Lehnert und Martin Mosebach, durchaus Dichter mit Ecken und Kanten auf je unterschiedliche Art und Weise. Beide auch in ihren Kirchen engagiert, auch auf je unterschiedliche Weise. Die Kirchen als organisierte Form des Christentums, sie bleiben nach wie vor interessant?

  (Suhrkamp Verlag / Deutschlandradio) (Suhrkamp Verlag / Deutschlandradio)

Lewitscharoff: Ja. Ich würde auch sagen, dass es ohne kirchliche Bindung nicht wirklich geht. Also, die frei flottierende Religiosität, die sagt mir nicht zu. Es muss gebunden sein. Es muss auch im Grunde an eine gewisse tradierte Vernunft gebunden sein. Sonst wirft sich jeder sozusagen in die Fänge einer Privatreligion. Das geht schief. Ich bin auch deswegen nie aus der Kirche ausgetreten, obwohl ich vieles in meiner Kirche geradezu verabscheue. Aber ich trete nicht aus. Das heißt, ich fühle mich eher aufgerufen, mal was zu sagen, aber nicht den Zusammenhalt zu verlassen. Das möchte ich nicht. 

"Die Predigt-Sprache ist auch so verkommen"

Main: Ich möchte jetzt nicht das aus Ihnen rauslocken, was Sie verabscheuen, weil in den Kirchen doch zurzeit, glaube ich, bei einigen die Nerven blankliegen. Ich möchte Sie eher positiv fragen: Was wäre es denn, was müsste passieren, dass sich diese Abscheu – in Anführungsstrichelchen – mindern würde?

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Lewitscharoff: Die Predigten dürften sich nicht immer gedanklich an den Allerdümmsten wenden. Das finde ich schrecklich. Das heißt, natürlich muss eine Predigt einfach gehalten sein. Die muss verständlich sein. Das ist vollkommen klar. Und sie haben sehr verschiedene Gemeinden auch vor der Nase. Aber ich habe immer das Gefühl, das ist eine brutale Offensive im Gange, sich wirklich also dem kleinsten Geist immer zu widmen.

Die Sprache ist auch so verkommen. Und das ist bei den Protestanten ja schlimm, denn die sind ja stärker auf die Predigt angewiesen als die Katholiken. Bei den Protestanten ist es wie Hagelwetter, wenn jemand dumm predigt oder es einfach nicht kann, ja. Und das ist sehr häufig der Fall.

"Mich stört auch dieser Kaugummiton"

Main: Aber ist das, was Sie da gerade fordern, nicht auch ein wenig bildungsbürgerlich-elitär? Weil, sie können nun mal nicht jedem mit dem Purgatorium und der Levitation um die Ecke kommen.

Lewitscharoff: Natürlich nicht, aber sie können doch daraus was machen. Also, ich bin so vermessen und arrogant zu sagen, ich könnte das. Ich könnte etwas so formulieren, was geistig anspruchsvoller ist, aber trotzdem von einfachen Menschen, die tagsüber einfachen Berufen nachgehen, verstanden wird. Das traue ich mir wirklich zu. Und es wäre etwas schärfer.

Mich stört auch dieser Kaugummiton, der da immer drin ist, ja. Das ist so ein bisschen wie so eine verhübschte Eismasse oder so – grauenvoll. Auch die Religion hat jede Form von Schärfe eingebüßt, also, dass man das Leben auch verwirken kann, dass es Sünde gibt. Also, von Sünde redet doch kein Mensch mehr. Also, im Sinne davon, dass es schwerste Verfehlungen gibt. Und ausgerechnet nach den Katastrophen im 20. Jahrhundert und den Naziverbrechen, nicht mehr wirklich den Begriff Sünde zu kennen und Todsünde nicht mehr zu kennen, das geht mir wirklich auf die Nerven.

Main: Da muss ich jetzt widersprechen. Es gibt – im Frühjahr erschienen von Ingolf Dalferth, einem großen evangelischen Theologen, den wir auch schon im Programm hatten und den wir zu seinem neuen Buch auch wieder im Programm haben werden, er weiß da noch nichts von – gibt es ein sehr dickes Buch mit dem Titel "Sünde".

Lewitscharoff: Das werde ich lesen. Ich kenne es nicht. Also, nein, das ist ein schöner Hinweis. Werde ich lesen, ganz sicher.

"Weichspül-Orgie: Predigt in Lenor gewaschen"

Main: Aber ich glaube, von der Tendenz her haben Sie natürlich recht, dass in der breiten Verkündigung andere Themen im Vordergrund stehen.

Lewitscharoff: Na, es ist einfach so eine Weichspül-Orgie der Sprache. Als wäre die Predigt in Lenor gewaschen. Das regt mich so auf. Es hat nicht die verbindliche Konkretion mehr. Der Begriff der Sünde ist vollkommen verwaschen, ja. Es gibt aber Mord und Totschlag. Es gibt doch alles nach wie vor.

Dafür muss man doch auch die richtigen Worte finden. Ich sage ja nicht, dass man ein Drohgewitter wie damals Abraham a Sancta Clara auf die Gemeinde loslässt. Das ist vielleicht auch von Übel. Ist ja klar. Das muss modern sein und der Sündenkatalog hat sich geändert. Wir würden ja heute einen Menschen, der fremdgeht, jetzt nicht mehr gleich in die Hölle schicken wollen. Das ist doch klar. Also, es hat sich etwas geändert. Aber man muss dafür Begriffe finden.

  (Bettina Rühl) (Bettina Rühl)Schuld und Vergebung im Christentum: Die Hölle ist kaltChristinnen und Christen sollen sich ihrer Sünden bewusst sein. Wer Reue zeigt, darf auf Vergebung hoffen. Die sexuelle Gewalt in den eigenen Reihen wurde wie eine moralische Verfehlung behandelt, aber nicht wie ein Verbrechen.

Main: Was ist denn für Sie Sünde?

Lewitscharoff: Es gibt nach wie vor die Menschen-Schlächtereien. Das ist sowieso klar. Also, ich sage mal, andere Menschen in brutaler Form zu Tode bringen oder ihn durch haltlose Reden, durch bösartige Reden in die Knie zu zwingen. Mal ganz einfach. Oder Menschen in einer ungeheuren Weise zu betrügen. Ich rede jetzt nicht von einem kleinen Seitensprung. Das finde ich ja noch irgendwie harmlos, ja. Aber es gibt richtige Betrugsformen. Also, das sind ja nach wie vor Sünden.

Main: Umgekehrt kann ich diejenigen, die in der Seelsorge und in der Verkündigung sind, durchaus auch verstehen. Sie haben Menschen vor sich, deren Seelen aufgescheuert sind, die hin- und hergerissen sind in diesen merkwürdigen Stimmungen, die wir in unseren Gesellschaften haben, die sehr zerrissen wirken, sehr viel Wut, sehr viel Hysterie.

Lewitscharoff: Natürlich.

"Die Schuld des Menschen muss angesprochen werden"

Main: So, dann gehen die in die Kirche. Wollen die dann auch noch ein Gewitter über sich ergehen lassen? Oder ist nicht womöglich auch manchmal Labsal genau das, was wir suchen?

Lewitscharoff: Nein, glaube ich nicht. Im Gegenteil. Also, gerade die, die sozusagen mit Aggressionen zu kämpfen haben, die brauchen auch eine Predigt, die klar zur Sache spricht. Die Schuld des Menschen muss ja angesprochen werden. Nur für die süße Befreiung, für die Erlösung finden sie ja erst recht keine Worte.

Das ist ja nur Kitsch, was die da verzapfen. Ich übertreibe wirklich. Ich weiß, dass es auch andere gibt. Aber was ist denn sozusagen die Wonne der Erlösung? Was bedeutet denn diese große Befreiung, in einer Seligkeit aufzugehen von den Schlacken des Alltages - in einer Friedfertigkeit, die der Schönheit huldigt? Da könnte man doch ganz andere Dinge bauen, ja. Das können sie ja erst recht nicht, weil sie gar nicht daran glauben. Zeigen Sie mir den Pfarrer oder die Pfarrerin, die wirklich dran glaubt. Gibt es kaum.

Main: Jetzt will ich unbedingt harmonistisch enden, damit wir beide nicht unendlich viel Hörerpost bekommen. Doch, die ist natürlich gewünscht. Das Ganze ist positiv zu verstehen, was Sie gesagt haben?

Lewitscharoff: Na, positiv insofern natürlich schon. Mir geht es ja um die Kirche. Ich will ja im Grunde ihren Bestand wahren. Ich will es ja verbessern im Grunde. Es ist vielleicht teuflisch von mir, dass ich da mit solchen Worten drüber herfalle. Und auch ganz sicher habe ich keine Ahnung von den Mühen des Pfarrerlebens. Das stelle ich mir auch schwierig vor. Das ist ja ganz klar. Ich kann da ja flott drüber weg schwätzen. Ich habe den Alltag nicht vor der Nase. Das ist mir klar. Da muss ich mich auch entschuldigen.

Main: Teuflische Literatur und Religion. Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff war das. Kurz noch mal die Titel zu jenen Büchern, auf die ich mich beziehe und die alle bei Suhrkamp erschienen sind. "Von oben", "Das Pfingstwunder" und zusammen mit Najem Wali "Abraham trifft Ibrahim". Frau Lewitscharoff, danke für Ihre sehr deutlichen Worte und für den Besuch im Studio.

Lewitscharoff: Danke Ihnen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Sibylle Lewitscharoff: "Von oben"
Suhrkamp. 240 Seiten. Gebunden: 24 Euro, Taschenbuch 12 Euro.

Sibylle Lewitscharoff: "Das Pfingstwunder"
Suhrkamp. 349 Seiten. Gebunden ca. 24 Euro, Taschenbuch 12 Euro.

Sibylle Lewitscharoff und Najem Wali: "Abraham trifft Ibrahim. Streifzüge durch Bibel und Koran"
Suhrkamp. 309 Seiten. Gebunden 24 Euro, Taschenbuch 14 Euro.

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