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StartseiteBüchermarktAuf literarischer Spurensuche07.10.2021

Sibylle Lewitscharoff: "Warum Dante?"Auf literarischer Spurensuche

Für Sibylle Lewitscharoff gehört Dante Alighieris "Göttliche Komödie" zu den wichtigsten Werken der Weltliteratur. Warum das so ist, findet Michael Opitz in ihrem Buch nicht heraus.

Von Michael Opitz

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Sibylle Lewitscharoff: "Warum Dante?" Zu sehen sind die Autorin und das Buchcover (Cover: Suhrkamp Insel Verlag / Foto: imago / PPfotodesign)
Die Georg Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff und ihr neues Buch (Cover: Suhrkamp Insel Verlag / Foto: imago / PPfotodesign)
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In "haltlose Jubeltöne" ist Sibylle Lewitscharoff geneigt auszubrechen, wenn sie den Namen Dante hört. Dieses Bekenntnis, das sich in ihrem Buch "Warum Dante?" findet, unterscheidet sich grundlegend von der schneidenden Kritik Arno Schmidts, der dem 1265 in Florenz geborenen Dante einen fiktiven Brief schrieb, den er an das "Reichssicherheitshauptamt, Abt. Einrichtung von Lagern" adressierte. Mit Sicherheit handelt es sich dabei um die vehementeste Kritik an der "Komödie", die ein venezianischer Verleger erst 1555 mit dem Attribut "göttlich" versah.

Bedeutend für die Literatur der Shoah

Während Lewitscharoff Arno Schmidt nicht erwähnt, verweist sie in ihrer kurzen Rezeptionsgeschichte des zwischen 1307 und 1320 geschrieben Werkes auf die Bedeutung der "Commedia" für die sogenannte "Lagerliteratur". An das Dantes "Inferno" fühlten sich Primo Levi in Auschwitz und Ossip Mandelstam in einem von Stalins Lagern erinnert.

Während Goethes Verhältnis zu Dante ambivalent war – Lewitscharoff spricht davon, dass er die "Commedia" nicht "verputzen" konnte – ist es dem Bemühen der Romantiker Friedrich Schlegel und Friedrich Schelling zu danken, dass das Werk ins Deutsche übersetzt wurde. An ausgewählten Beispielen verweist Lewitscharoff auf Besonderheiten bei der Übersetzungsarbeit, wobei sie eine Lanze für die Übertragung von König Johann von Sachsen bricht, der seine Übersetzung unter dem Pseudonym Philaletes veröffentlichte. Ein Hinweis findet sich auch auf die ziemlich "irrwitzige" Dante-Übersetzung von Rudolf Borchardt, der eine eigens von ihm erfundenen Begrifflichkeit verwendete. Schließlich bezeichnet sie die Unart, Dichtung der Weltliteratur in Prosa zu übersetzen, als eine "modische Macke".

Die Autorin ist auch Illustratorin des Buches

Eine ähnlich klare Aussage vermisst man allerdings in dem mit viel Bildmaterial – darunter auch Collagen der Autorin – ausgestatteten Insel-Büchlein, wenn es um die von Lewitscharoff im Titel aufgeworfene Frage "Warum Dante?" geht. Als würde es keines ausdrücklichen Beweises bedürfen, hält sie unumwunden fest:

"Heilandzack! Ist noch das mindeste Wörtlein, das in diesem Zusammenhang in meinem Hirn rappelt – gemeint ist selbstverständlich nicht der Dichter Dante Aligheri als solcher, über den man auch nicht so viel weiß, dass man spontan ein traulich nachbarschaftliches Verhältnis zu ihm aufbauen könnte, gemeint ist sein hinreißendes Werk."

Eine Erklärung jedoch, warum es sich bei der "Commedia" um ein "hinreißendes Werk" handelt, ist diese Behauptung nicht. Von den drei Teilen der "Göttlichen Komödie" schätzt Lewitscharoff besonders das Inferno, auf das sie immer wieder zurückkommt. Hingegen schenkt sie dem "Purgatorium" und dem "Paradies" weniger Beachtung. Bemerkenswert ist für sie diese "Jenseitsreise" 

"weil Dante sein fulminantes dichterisches Können aufbietet, um uns die Hölle möglichst grell, möglichst finster, möglichst abscheulich vor Augen zu führen, so dass die darin Eingesperrten sich krass und verzweifelt in unserem Gedächtnis festsetzen, bietet gerade sie einen immensen Lesegenuss, durchaus auch für Leser, die nicht sadistisch gepolt sind. Die Verse sind einfach zu schön, ihr Vokalreigen bezaubert"

Eine große Abrechnung

Lewitscharoff liest das "Inferno" als eine "große Abrechnung", sodass sie die "Commedia" als "eine hochkarätige Kriminallektüre versteht

"die die Delikte, an denen die Gesellschaft krankt, Punkt für Punkt abarbeitet und dabei für Vergeltung sorgt. [...] Alle verborgenen Hintergründe des zeitgenössischen Geschehens [kommen] ans Licht, vom ungelösten Kriminalfall über die geheimen Laster herausragender Persönlichkeiten bis zur folgenreichen politischen Intrige."

Um ihre These zu belegen, werden diesbezügliche Textstellen nacherzählt. Viel zu selten aber löst sich die Autorin vom Werk, sodass nur selten aufblitzt, warum die "Göttliche Komödie" auch noch heute gelesen werden sollte.

Dass Dante die "Commedia" geschrieben hat, weil er hoffte, vor seinem Tod aus dem Exil wieder in seine Heimatstadt Florenz zurückkehren zu dürfen, wissen wir. Bekannt ist auch, dass es ihm die Rückkehr nicht vergönnt war – er starb 1321 in der Fremde.

Vielleicht beantwortet sich die Frage, warum man diesen Klassiker unbedingt lesen sollte also ganz von selbst beim Lesen der "Göttliche Komödie". Und dass man sie unbedingt lesen soll, dazu versteht sich Lewitscharoffs Dante-Büchlein als Einladung.

Sibylle Lewitscharoff: Warum Dante?
Mit Illustrationen und Collagen von Sibylle Lewitscharoff.
Insel Verlag, Berlin. 100 Seiten, 14 Euro.

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