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StartseiteDie neue PlatteSchostakowitsch op Lëtzebuergesch23.07.2017

Sinfonische MusikSchostakowitsch op Lëtzebuergesch

Das Orchestre Philharmonique du Luxembourg gilt als kulturelles Aushängeschild des Großherzogtums. Obwohl international besetzt, zeichnet es sich durch eine Nähe zur französischen Klangtradition aus. Mit seinem spanischen Chefdirigenten Gustavo Gimeno hat das OPL nun eine hervorragende Schostakowitsch-Aufnahme vorgelegt.

Von Georg Waßmuth

Der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch mit seiner Frau während eines Aufenthalts in Westberlin am 31. Mai 1972. 
Der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch zusammen mit seiner Frau während eines Besuchs in Berlin am 31. Mai 1972
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Erst 13 Jahre alt war Dmitri Schostakowitsch als er im Jahr 1919 sein Opus 1 für Orchester vorlegte. Ein Scherzo in fis-Moll mit dem er seinem verehrten Lehrer Maximilian Steinberg für die Aufnahme in das Konservatorium von St. Petersburg dankte. Frühe Werke des Komponisten stehen im Fokus der Produktion "shostakovich" die das Orchestre Philharmonique du Luxembourg unter seinem Chefdirigenten Gustavo Gimeno beim Label Pentatone veröffentlicht hat. Dem Scherzo gewinnt das Ensemble eine morgendliche Frische ab. Noch klingen die großen Vorbilder der russischen Schule durch, aber sein kompositorisches Handwerk versteht der 13-Jährige schon wie ein alter Meister.

Dmitri Schostakowitsch: Scherzo in fis-Moll, op. 1

Eine Produktion ganz dem sinfonischen Frühwerk des Komponisten zu widmen, ist durchaus ein interessantes Projekt. So kann man die gewaltigen Entwicklungsschritte, die Schostakowitsch innerhalb weniger Jahre machte, ohrenfällig hören.
Zum Abschluss seiner Studien am Konservatorium legte er im Jahr 1925 seine 1. Sinfonie in f-Moll vor. Sie war bei der Erstaufführung mit den Leningrader Philharmonikern nicht weniger als ein Sensationserfolg und das Publikum verlangte den rasanten zweiten Satz als Zugabe.

Schostakowitsch der "Übertreibungskünstler"

Alles, was diesen Komponisten auszeichnet, ist hier am Beginn der Karriere schon präsent. Die letzten Reste der Spätromantik hat Schostakowitsch beherzt über Bord gekippt. Er präsentiert sich als "Übertreibungskünstler", der ganz bewusst seine Einfälle mit spitzer Feder notiert. Doch es herrscht kein sinnloses Lärmen, sondern fein verästelte Struktur. Selbst in dem zweiten, schnellen Satz schiebt der Komponist ein stilles Nachdenken ein, bevor wieder alle auf die vorderste Stuhlkante rutschen. Der Schluss des Satzes endet nicht mit einem großen Trommelschlag, sondern mit sehr kräftigen Akkorden, die das Klavier im Orchester zu fahlem Streicherklang anschlagen muss.

Dmitri Schostakowitsch: 2. Satz – Allegro aus: Sinfonie Nr. 1

Das Orchestre Philharmonique du Luxembourg unter seinem Chefdirigenten Gustavo Gimeno spielte den zweiten Satz "Allegro" aus der Sinfonie Nr. 1 von Dmitri Schostakowitsch. Das Orchester zählt heute zu den Spitzenensembles der Szene, obwohl es keineswegs auf eine traditionsreiche Geschichte zurückblicken kann. Gegründet wurde es erst im Jahr 1933 als Orchester von Radio Luxembourg, noch bevor die Nazis das Land okkupierten. Als Radioorchester machte man damals seinem Namen alle Ehre. Gespielt wurde überwiegend im Studio für Live-Übertragungen. Das Repertoire war riesig, von der leichten Unterhaltungsmusik bis zum sinfonischen Repertoire kam einfach alles, womit man beim Publikum vor dem Röhrenradio punkten konnte, auf das Notenpult. Das junge Orchester wurde so innerhalb weniger Jahre zu einem enorm flexiblen Klangkörper, der sich blitzschnell auf die unterschiedlichsten Anforderungen umstellen konnte.

Kulturelles Aushängeschild Luxemburgs

Seit dem Neubau der "Philharmonie Luxembourg" mit ihrer spektakulär geschwungenen Stahl- und Glasfassade im Jahr 2005 ist das darin beheimatete Ensemble kulturelles Aushängeschild des Großherzogtums. Nur die besten der besten werden in dem großen Konzertorchester aufgenommen. Man ist international orientiert. Die 98 Musikerinnen und Musiker stammen aus 20 Nationen, aber eine gewisse französische Spielkultur schimmert immer noch durch. Alle Positionen sind exzellent besetzt, das ist bei dieser Aufnahme deutlich zu hören, denn die Sinfonie Nr. 1 von Dmitri Schostakowitsch ist ja auch ein Schaulaufen der Instrumente. Den letzten Abschnitt des 4. Satzes leitet die Pauke mit einem markanten Solo ein, das vom Cello nahtlos übernommen wird. Die Schlussapotheose lässt dann sicher jeden Filmmusik-Komponisten vor Neid erblassen.

Dmitri Schostakowitsch: 4. Satz aus: Sinfonie Nr. 1

Das Orchestre Philharmonique du Luxembourg mit einem Ausschnitt aus dem vierten Satz der Sinfonie Nr. 1 von Dmitri Schostakowitsch. Musikdirektor und Chefdirigent des Ensembles ist der Spanier Gustavo Gimeno, der erst einmal eine Karriere als Orchester-Schlagzeuger machte.

Gustavo Gimeno - vom Schlagzeuger zum Dirigent

Gimeno ist also ein Musiker-Dirigent und das hört man deutlich. Nicht nur wenn es um exaktes Timing geht, macht ihm niemand etwas vor. Auch ein feines Gespür für Details ist ihm absolut zu Eigen und die Klangbalance zwischen den einzelnen Gruppen gelingt vorzüglich. Bei der Schostakowitsch-Aufnahme scheut Gimeno keineswegs starke Kontraste. Dort wo Fortefortissimo steht, lässt er auch lärmend aufspielen. Manchmal animiert er das Ensemble jedoch, einfach nur gemeinsam Kammermusik zu machen.

Dmitri Schostakowitsch: Fünf Fragmente für Orchester, op. 42

Ein Ausschnitt aus "Fünf Fragmente für Orchester" von Dmitri Schostakowitsch. Die sehr hörenswerte Aufnahme mit Frühwerken des Komponisten ist beim Label Pentatone erschienen. Dort kann man die Produktion auch wahlweise digital als Soundfile in allerhöchster Qualität aus dem Mischpult des Tonmeisters ordern. Den Vertrieb der CD, die ganz einfach "shostakovich" überschreiben ist, hat in Deutschland das Label Naxos übernommen.

"Mir wölle bleiwe, wat mir sinn"

Das Orchestre Philharmonique du Luxembourg muss sich übrigens keine Sorgen um seine Zukunft machen. Den Wahlspruch des kleinen Landes "Mir wölle bleiwe, wat mir sinn" kann man durchaus positiv auf den Klangkörper übertragen. Von Einsparungen hat man hier noch keinen Ton gehört. Ganz im Gegenteil wurde der Vertrag von Musikdirektor Gustavo Gimeno schon mal bis 2022 verlängert. So wird man künstlerisch auf höchstem Niveau sicher weiter planen und musizieren können. 

Dmitri Schostakowitsch: Scherzo für Orchester Es-Dur, op. 7

"shostakovich"
Orchestre Philharmonique du Luxembourg
Leitung: Gustavo Gimeno
Label: Pentatone / Vertrieb: Naxos (LC 17395)
Bestellnummer: PTC 5186622 

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