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StartseiteForschung aktuellWer sind die Toten vom "Knochensee"?21.08.2019

Skelette vom Roopkund LakeWer sind die Toten vom "Knochensee"?

Auf über 5.000 Metern Höhe im Himalaya liegen der Roopkund-See und an seinem Ufer die Knochen hunderter Menschen. Der Fundort ist seit vielen Jahrzehnten bekannt, doch jetzt erst wird langsam klar, wer diese Menschen waren.

Michael Stang im Gespräch mit Ralf Krauter

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Eine Aufnahme des Rookpund Sees im Himalaya (Atish Waghwase / Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte)
Beim Roopkund Lake im Himalaya unterscheiden Forscher Skelette aus verschiedenen Jahrtausenden (Atish Waghwase / Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte)
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Ralf Krauter: Am Ufer des Roopkund-Sees im indischen Teil des Himalaya-Gebirges, haben Archäologen schon vor Jahrzehnten hunderte von Skeletten aus grauer Vorzeit entdeckt. Seitdem hat dieser Bergsee den Beinamen "Skelett-See" und die Forscher rätseln, was all die Toten zu ihren Lebzeite an diesem 5000 Meter hoch gelegenen Ort zu suchen hatten. Erbgut-Analysen, an denen auch Archäologe des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena mitgewirkt haben, bringen nun etwas Licht ins Dunkel, werfen aber auch neue Fragen auf. Frage an den Wissenschaftsjournalisten Michael Stang, unseren Experten für alte Knochen: Um wen handelt es sich bei den Toten?

Michael Stang: Ganz aufgeklärt ist das immer noch nicht, aber die Analysen an 72 Skeletten zeigen, dass die Geschichte offenbar weitaus kompliziert ist als bisher angenommen. Denn die Gebeine der Männer, Frauen und Kinder stammen nicht nur aus unterschiedlichen Zeiten, sondern auch aus unterschiedlichen Regionen. Und damit ist klar, dass an diesem nur gerade einmal 40 Meter breiten See nicht nur einmal zeitgleich Dutzende Menschen zu Tode gekommen sind, sondern mehrmals im Lauf von rund 1000 Jahren.

Gebeine aus zwölf Jahrhunderten

Krauter: Wann ist es erstmals zu diesem mysteriösen Massensterben gekommen?

Stang: Das internationale Forschungsteam, zu dem auch der Populationsgenetiker David Reich von der Universität Harvard gehört, hat die Gebeine mithilfe der C14-Methode datiert. Die ältesten stammen aus dem 7. Jahrhundert, die jüngsten aus dem 18.Jahrhundert – das sind aber nur die Vertreter der beiden größten Gruppen.

Krauter: Ist denn klar, woher diesen Menschen kamen? Sie sagten ja eben, dass die untersuchten Individuen aus verschiedenen Regionen stammten?

Stang: Die DNA-Analysen zeigen, dass diese Menschen mindestens drei verschiedenen genetischen Gruppen zugeordnet werden können. Die Individuen der ersten Gruppe sind den Genetikern zufolge mit Menschen aus dem heutigen Indien verwandt - aber auch dort gibt es so viele Unterschiede, dass klar ist, dass sie nicht alle zu einer Population gehören. Denn das Forschungsteam hat auch die Ernährung der Menschen untersucht und bei den Isotopen-Analysen kam heraus, dass die Ernährung sich deutlich unterschieden hat. Darauf folgt, dass die Toten zu Lebzeiten unterschiedlichen kulturellen Gruppierungen angehörten. Die zweite Gruppe - immerhin 14 Personen - zeigt eine Abstammung aus dem Mittelmeerraum und zwar eine Verwandtschaft mit den heutigen Bewohnern Griechenlands. Und dann gibt es noch Einzelfunde, allen voran ein Individuum, dessen Vorfahren aus Südostasien kommen.

Todesursachen sind noch unbekannt

Krauter: Wissen die Forscher, woran diesen Menschen gestorben sind?

Stang: Nein, das war auch nicht Thema der Studie. Hier ging es darum herauszufinden, wer diese Menschen waren und wann sie starben. Bislang ist nichts über Verletzungen oder Ähnliches bekannt, die auf eine Todesursache hinweisen könnten. Möglich wäre zum Beispiel, dass diese Menschen erfroren sind - der See ist ein Großteil des Jahres zugefrorenen -, dass sie Opfer eine Lawine oder Flut wurden, dass sie sich kollektiv das Leben genommen haben oder gewaltsam getötet wurden. Konkrete Indizien, was passiert ist, gibt es aber noch nicht – und auch keine Hinweise auf eine Infektion oder tödliche Epidemie.

Krauter: Gibt es denn wenigstens Anhaltspunkte, was diesen See in 5.000 Metern Höhe im Himalaya so attraktiv gemacht hat? Das ist ja ein Ort in eisiger Höhe, wo man nicht eben zufällig mal vorbei kommt.

Stang: Auch hier können die Forscher nur spekulieren. Soldaten oder Teilnehmer einer Expedition wären eine Option, denn die Individuen sind größtenteils  nicht miteinander verwandt. Gegen diese Hypothese spricht aber, dass es in etwa gleich viele Männer und Frauen waren, die dort umkamen, dazu auch Kinder. Eine Handelsroute gab und gibt es dort nicht, also fallen Handlelsreisende auch raus. Die derzeit plausibelste Hypothese ist, dass der See Teil einer Pilgeroute ist. In der Region werden bis heute alle 12 Jahre Wallfahrten zu Ehren der Hindu-Göttin Nanda Devi gemacht. Und Inschriften in benachbarten Tempeln zeigen, dass es diese Pilgerreisen schon vor 1.200 Jahren gab - also könnte ein Teil der Toten vielleicht bei einer solchen Wallfahrt gestorben sein, aber bislang ist das reine Spekulation.

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