Freitag, 15.11.2019
 
Seit 21:05 Uhr On Stage
StartseiteInformationen am MorgenEin Jahr nach dem Mord an Jan Kuciak und Martina Kusnirova 21.02.2019

SlowakeiEin Jahr nach dem Mord an Jan Kuciak und Martina Kusnirova

Ende Februar 2018 wurden in der Slowakei der Investigativ-Journalist Jan Kuciak und seine Verlobte Martina Kusnirova ermordet. Inzwischen sitzen vier Tatverdächtige in Untersuchungshaft. Aber die Ermittlungen laufen noch. Kuciaks Eltern zweifeln, ob das Verbrechen jemals vollständig aufgeklärt wird.

Von Peter Lange

Fotos des ermordeten Journalisten Jan Kuciak und seiner Verlobten Martina Kusnirova stehen mit Kerzen auf einem Tisch (Deutschlandradio/ Kilian Kirchgeßner)
Gedenkstelle für den ermordeten Journalisten Jan Kuciak und seine Verlobte Martina Kusnirova in Bratislava (Deutschlandradio/ Kilian Kirchgeßner)
Mehr zum Thema

Pressefreiheit "Ohne freie Presse haben Demokratien keinen Bestand"

Getroffene Slowakei Ein Land kämpft für mehr Anstand

Getroffene Slowakei( 1/5) Kuciaks Vermächtnis

Jeden Tag gehen Jozef Kuciak und seine Frau Jana auf den Friedhof von Stiavnik, zum Grab ihres Sohnes Jan. Der Schmerz und die Zweifel sind in diesen Tagen wieder sehr präsent, die Zweifel, ob das Verbrechen jemals vollständig aufgeklärt wird.

Josef Kuciak: "Wir haben jetzt das Gefühl, als ob sich jemand bemüht zu verhindern, dass die Untersuchung zuende geführt wird."

"Und das ist das Schlimmste"

Zwar sitzen vier Tatverdächtige in Untersuchungshaft, außerdem seit dem letzten Sommer ein Geschäftsmann als mutmaßlicher Auftraggeber im Hintergrund. Aber die Ermittler sind mit ihrer Arbeit noch nicht am Ende.

"Eine vollständige Aufklärung würde uns zwar unseren Sohn nicht zurückbringen. Aber es geht mir darum, dass sich etwas in der Gesellschaft ändert. Bisher ist es aber so, dass es sich wiederholen kann, dass es auch einer anderen Familie passieren kann. Und das ist das Schlimmste", sagt Kuciak.

Daniel Lipsic, ehemaliger Justizminister und Anwalt der Familie Kuciak, ist da etwas optimistischer:

"Ich habe Vertrauen in das Ermittlerteam und die Staatsanwälte. Es gab Fehler am Anfang. Aber nach den Wechseln bei der Polizei und dem öffentlichen Druck, den man nicht unterschätzen darf, sind die Ermittlungen sehr robust. Das muss ich sagen."

Ermittler mit freier Hand?

Dem stimmt auch Zuzana Petkova zu. Die ehemalige Journalistin leitet in Bratislava die Organisation "Stopp der Korruption":

"Ich hoffe, der Mord hat die Leute bei der Staatsanwaltschaft und der Polizei wirklich wachgerüttelt. Sie machen jetzt ihre Arbeit wirklich ordentlich und bemühen sich, sowohl den Mord an Kuciak als auch damit zusammenhängende Fälle zu ermitteln."

Die Ermittler hätten jetzt freie Hand, um die kriminellen, mafiösen Netzwerke in Politik und Wirtschaft aufzudecken und strafrechtlich zu verfolgen, meint auch Daniel Lipsic:

"Das sind schwerwiegende Verdachtsmomente. Und wahrscheinlich kommt dabei viel Dreck hoch. Aber ich hoffe, es hat eine heilende Wirkung für die Gesellschaft."

Die politischen Rahmenbedingungen für die Ermittler mögen sich verbessert haben. Für die Journalisten gilt das allerdings nicht, auch wenn ihre Arbeit jetzt in der Gesellschaft besser akzeptiert ist.

Zwei Polizisten und ein Polizeiauto stehen vor einem gelben Haus. (AFP/VLADIMIR SIMICEK)Vor einem Jahr: Polizei vor dem Haus in Velka Maca, in dem der slowakische Investigativjournalist Jan Kuciak und seine Freundin Marina Kusnirova ermordet wurden (AFP/VLADIMIR SIMICEK)

"Wir sehen wieder immer öfter, dass Politiker die Medien attackieren", meint Arpad Soltez, Leiter des neugegründeten Jan-Kuciak-Zentrum für investigativen Journalismus. Vielleicht ist es noch ausgeprägter als früher, weil einige dieser Leute heute nicht mehr nur ums politische Überleben kämpfen, sondern um ihre wirtschaftliche Existenz.

Kritik an neuem Pressegesetz-Entwurf

Die Lage der Journalisten könnte sich sogar noch deutlich verschlechtern. Ein neues Pressegesetz liegt im Parlament, das die Medien an die Leine legen könnte.

Soltez: "Sie wollen ein Recht auf Gegenrede für Politiker einführen. Dabei geht es nicht um ein Recht auf Gegendarstellung bei falschen oder unrichtigen Behauptungen. Sie wollen ein Recht auf Gegenrede auch bei politischen Kommentaren."

Peter Bardy ist Chefredakteur des Nachrichtenportals Aktuality.sk, für das Jan Kuciak gearbeitet hat. Bardy hofft, dass dieses Gesetz mit dem Druck internationaler Institutionen noch zu verhindern ist.

"Die Ereignisse nach dem Mord an Jan Kuciak haben uns gezeigt, dass sich ohne internationalen Druck in der Slowakei nichts ändern wird. Ich bin überzeugt, ohne diesen Druck wären auch die Mordermittlungen komplizierter und nicht dort, wo sie heute sind."

Glaubt er daran, dass der Mord an Jan Kuciak und Martina Kusnirova vollständig aufgeklärt wird? Daran habe er vom ersten Tag an nicht gezweifelt, sagt Peter Bardy.

"Als ich von dem Mord an Jan und Martina erfahren habe, habe ich gleich gesagt: Ich glaube daran, dass der Fall geklärt und die Verantwortlichen vor Gericht gestellt und bestraft werden. Heute zweifle ich genauso wenig daran. Für mich hat sich nichts geändert."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk