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StartseiteKultur heute"Vergleich bedeutet nicht Gleichsetzung"04.05.2020

Solidaritätsbrief für Achille Mbembe"Vergleich bedeutet nicht Gleichsetzung"

Der Historiker und Politikwissenschaftler Achille Mbembe sei kein Antisemit, sagt der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik im Dlf. Mit anderen internationalen WissenschaftlerInnen hat er in einem Offenen Brief Solidarität mit dem kamerunischen Kollegen ausgedrückt.

Micha Brumlik im Gespräch mit Tanya Lieske

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Der Publizist und Preisträger der Buber-Rosenzweig-Medaille Micha Brumlik folgt am 06.03.2016 in Hannover (Niedersachsen) dem Festakt zur Eröffnung der diesjährigen christlich-jüdischen Woche der Brüderlichkeit. (dpa /  Hauke-Christian Dittrich)
"Erst umfassend informieren": der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik (dpa / Hauke-Christian Dittrich)
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"In den Augen seiner Kritiker*innen bestand Mbembes Verfehlung unter anderem darin, politische und ideengeschichtliche Ähnlichkeiten seit der Sklaverei und Kontinuitäten zwischen Kolonialregimen und der NS-Ideologie herauszuarbeiten", heißt es in dem Offenen Brief. Achille Mbembe habe "auf eine Gemeinsamkeit der NS-Politik mit der südafrikanischen Apartheid aufmerksam" gemacht, dabei aber die Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten nicht mit der Apartheid gleichgesetzt, wie behauptet worden sei.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nähmen deshalb die "schwerwiegenden Vorwürfe" gegen ihren Kollegen "mit Befremden zur Kenntnis." Unterzeichnet haben das Schreiben unter anderem Historikerinnen, Antisemitismusforscher, Soziologinnen, Afrikanologen, Ethnologinnen und Kulturwissenschaftler aus Israel, den USA, Deutschland, Großbritannien und Australien - darunter Aleida Assmann, Wolfgang Benz, Eva Illouz, Susan Neiman und Moshe Zimmermann.

Israels Recht auf Leben in Frieden

"Rassismus hat sowohl in Südafrika als auch im Nationalsozialismus geherrscht" sagte im Deutschlandfunk Micha Brumlik, emeritierter Professor für Erziehungswissenschaften an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt. Weil Achille Mbembe das Vorwort zu einem amerikanischen Buch mit dem Titel "Apartheid Israel - The Politics of an Analogy" verfasst habe, würden ihm nun - wegen angeblicher Gleichsetzung von Israel mit dem NS-Staat - die Verharmlosung des Holcaust und eine antisemitische Haltung vorgeworfen. "Im selben Text steht aber auch der Satz: 'Israel hat das Recht, in Frieden zu leben'", so Brumlik. Ein Vergleich bedeute keine Gleichsetzung.

Der Schriftsteller Achille Mbembe 2015 in der Ludwig-Maximilians-Universität in München   (dpa / picture alliance / Matthias Balk) (dpa / picture alliance / Matthias Balk)Achille Mbembe, 1957 in Kamerun geboren und zurzeit in Johannesburg lehrend, gilt als einer der wichtigsten Theoretiker des Postkolonialismus. Im August hätte er als Redner das inzwischen wegen der Coronakrise abgesagte Kunstfestival "Ruhrtriennale 2020" eröffnen sollen. Gegen diese Einladung hatte unter anderem der Antisemitimus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, protestiert. Er warf Mbembe gegenüber verschiedenen Medien eine Relativierung des Holocaust vor. Außerdem habe Mbembe in seinen wissenschaftlichen Schriften den Staat Israel mit dem Apartheidsystem in Südafrika gleichgesetzt, was "einem bekannten antisemitischen Muster" entspreche. Andere Kritiker warfen dem Wissenschaftler vor, zum Beispiel durch das Unterzeichnen einer Petition die von Kritikern als antisemitisch angesehene BDS-Bewegung zu unterstützen, die zu "Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen" gegen den Staat aufruft. In einem Beitrag für die Wochenzeitung "Die Zeit" bestritt Mbembe diese Vorwürfe ebenso. In einem E-Mail-Wechsel mit Deutschlandfunk Kultur bekräftigte er auch noch einmal, dass er das Existenzrecht Israels nie infrage gestellt, keine Verbindung zum BDS habe und keiner Interessengruppe oder Organisation angehöre.

Dem Antisemitismus-Beauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, der Mbembes Einladung zur "Ruhrtriennale" kritisiert hatte, warf Brumlik im Deutschlandfunk einen mangelnden Informationsstand vor: "Herr Klein hat überreagiert und sich nicht, was seines Amtes gewesen wäre, sachkundig gemacht." Schon früher hätten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seine Absetzung gefordert. Auch der Zentralrat der Juden sei "nicht gut beraten" gewesen, als er sich der Kritik anschloss.

Distanzierung von der BDS-Bewegung

Seine Berührungspunkte zur Israel-Boykott-Bewegung BDS in der Vergangenheit bewerte Achille Mbembe selbst inzwischen kritisch, heißt es in dem Offenen Brief der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler: "Seine damit verbundene Forderung, dass die Menschenrechte für alle gelten müssen, jedoch nicht. Wer diese Haltung als antisemitisch kritisiert, weil sie sich gegen die Politik des Staates Israel richtet, unterstützt mit derlei Argumentation die weitere Schwächung des Völkerrechts und der Menschenrechte.

Der kamerunische Historiker und Philosoph Achille Mbembe im Mai 2017 im Hamburger Thalia Theater. (dpa / Daniel Bockwoldt) (dpa / Daniel Bockwoldt)Debatte - Darum geht es beim Streit um Achille Mbembe Der kamerunische Historiker Achille Mbembe steht im Zentrum einer aufgeregten Debatte. Sie dreht sich um die gegen ihn gerichteten Vorwürfe des Antisemitismus und der Relativierung des Holocaust. Außerdem soll Mbmebe das Existenzrecht des Staates Israel infrage stellen. Wer erhebt diese Vorwürfe, aus welchen Gründen? Ein Überblick.

"Ich finde BDS auch falsch", kommentierte Micha Brumlik. "Weil auch israelische Intellektuelle, Wissenschaftler und Künstler, die sich gegen die Regierung stellen, boykottiert werden sollen." Zu lernen sei aus den aktuellen Debatten vor allem eines: "Bevor über Personen der Stab gebrochen wird, hat man sich umfassend zu informieren."

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