Horn von Afrika
Somalia: geostrategisch bedeutend, im Inneren zerrissen

Die Türkei investiert massiv in Somalia und zementiert so ihren Machtanspruch in der Region. Interessant für die Türkei - aber auch viele andere Länder - ist vor allem Somalias strategisch wichtige Lage.

Von Bettina Rühl |
    Junge Männer überqueren eine Straße in Mogadischu nach heftigen Regenfällen.
    Szene aus Mogadischu Ende April nach heftigen Regenfällen: Somalia ist kein stabiles Land, wird aber dennoch stark umworben. (picture alliance / Anadolu / Abuukar Mohamed Muhidin)
    Das ostafrikanische Somalia wird seit einigen Jahren von vielen internationalen Akteuren umworben. Dabei galt es noch Anfang 2011 als hoffnungsloser Fall und war zu diesem Zeitpunkt schon zwanzig Jahre lang ein Land ohne Regierung.
    Bis heute kontrolliert die Al-Qaida-nahe Al-Shabaab-Miliz größere Landesteile. Doch davon lassen sich zahlreiche regionale Mächte nicht mehr schrecken, allen voran die Türkei. Denn Somalia hat wirtschaftliches Potential und liegt strategisch günstig am Golf von Aden.

    Inhalt

    Somalia und seine geostrategische Lage

    Somalia ist geostrategisch vor allem wegen seiner Lage am Horn von Afrika wichtig. Das Land grenzt an den Golf von Aden. Der wiederum ist über die Meerenge Bab al-Mandab mit dem Roten Meer verbunden; von dort führt die Schifffahrtsroute weiter zum Suezkanal.
    Durch die Meerenge verläuft damit ein erheblicher Teil des Seeverkehrs zwischen Europa und Asien. Einfluss am Bab al-Mandab bedeutet Einfluss auf internationale Handelswege, maritime Sicherheit und die Kontrolle dieser sensiblen Schnittstelle zwischen Afrika, der Arabischen Halbinsel und Asien.
    Karte der Region um das Horn von Afrika. Zu sehen sind unter anderem die Länder Somalia, Jemen, Äthiopien, Kenia. Die Landmassen sind in gelblich dargestellt, das Meer ist blau.
    Das Horn von Afrika: Somalias Lage verschafft dem Land strategische Bedeutung. (Getty Images / iStockphoto / PeterHermesFurian)
    Unter anderem die Türkei, die Golfstaaten, Äthiopien und Ägypten, die Vereinigten Staaten und neuerdings auch Israel verfolgen in Somalia eigene wirtschaftliche, militärische und politische Interessen. Zugleich machen innere Konflikte und die Bedrohung durch die Al-Qaida-nahe Al-Shabaab-Miliz das Land zu einem sicherheitspolitischen Brennpunkt. Gerade durch die Verbindung aus strategischer Lage, fragiler Staatlichkeit und äußeren Machtinteressen wird Somalia zu einem geopolitisch wichtigen Land.

    Somalia: innen- und sicherheitspolitisch fragil

    Somalia hat seit dem völligen Staatszerfall Anfang der 1990er-Jahre einen langen Weg zurückgelegt. Besonders in Mogadischu sind die Fortschritte sichtbar: Die Hauptstadt wirkt heute deutlich stabiler und lebendiger als 2011, als die Al-Shabaab-Miliz noch große Teile der Stadt und des Landes kontrollierte.
    Zur Verbesserung der Lage hat die somalische Bevölkerung selbst entscheidend beigetragen, indem sie dem Terror der Miliz trotzte und sich vom Wiederaufbau des Landes nicht abbringen ließ, trotz massiver Drohungen und vieler tödlicher Anschläge. Aber auch internationale Akteure wie die Afrikanische Union, die Europäische Union und die Türkei spielten eine wichtige Rolle.

    Machtkämpfe prägen das Land

    Trotz dieser Entwicklung bleibt Somalia politisch und sicherheitspolitisch fragil. Machtkämpfe zwischen der Zentralregierung, den Bundesstaaten, Klans und bewaffneten Islamisten prägen das Land. Hinzu kommt, dass die vielen internationalen Akteure die politische Fragmentierung Somalias für ihre Zwecke ausnutzen und sie damit weiter vertiefen. Davon profitieren vor allem die radikalen Islamisten.
    Al-Shabaab kontrolliert derzeit nach mehreren Analysen rund 30 Prozent Somalias und steht militärisch nah an Mogadischu. Den Grund für den Erfolg der islamistischen Miliz sehen die Analysten nicht nur in deren Stärke, sondern in der anhaltenden Schwäche des Staates.
    Als Hauptproblem gelten die wachsenden Spannungen zwischen der Regierung in Mogadischu und den Bundesstaaten. Präsident Hassan Sheikh Mohamud will den eigentlich föderal verfassten Staat zunehmend zentralistisch regieren. Zwei von sechs Bundesstaaten erkennen die Zentralregierung nicht mehr an. Somaliland erklärte schon 1991 seine Unabhängigkeit, die Mogadischu bis heute nicht anerkennt.

    Wichtigster Partner: die Türkei in Somalia

    Die Türkei gilt als engster Partner Somalias. Das Engagement geht auf 2011 zurück, als der damalige türkische Ministerpräsident und heutige Präsident Recep Tayyip Erdoğan Somalia während einer schweren Sicherheits- und Ernährungskrise besuchte. Er versprach massive humanitäre Hilfe – und hielt sein Versprechen. Dafür ist ihm die somalische Bevölkerung bis heute dankbar.
    Daraus hat sich eine intensive strategische Partnerschaft entwickelt. Somalia bietet der Türkei einen Zugang zum Horn von Afrika sowie zu wichtigen Seewegen. Zudem diente Somalia als Brückenkopf für größeren Einfluss auf dem afrikanischen Kontinent – die Türkei hat ihre Präsenz in vielen Ländern Afrikas seit 2011 massiv ausgebaut.

    Ein Weltraumbahnhof und andere Prestigeprojekte

    Hinzu kommen ehrgeizige Wirtschafts- und Prestigeprojekte, von der Offshore-Ölexploration bis zu einem geplanten Weltraumbahnhof, dessen Bau bereits begonnen hat. Die Projekte versprechen aus türkischer Sicht nicht nur Einnahmen, sie erlauben auch den Ausbau des eigenen Status als aufstrebende Regional- oder Mittelmacht.
    Damit diese Investitionen in dem fragilen Umfeld Somalias abgesichert werden können, baut die Türkei ihre Sicherheitskooperation mit Mogadischu aus. Dafür wesentlich ist ein Sicherheitsabkommen von 2024, das Unterstützung beim Aufbau von Marine und Küstenschutz, die Ausbildung von Sicherheitskräften, Waffenlieferungen und eine verstärkte türkische Präsenz am Horn vorsieht.

    Die Interessen der EU am Horn von Afrika

    Die Europäische Union verfolgt in Somalia vor allem Sicherheits- und Stabilisierungsinteressen. Aus europäischer Sicht geht es darum, die Al-Qaida-nahe Al-Shabaab-Miliz einzudämmen, ein Wiederaufflammen der Piraterie vor Somalias Küsten zu verhindern, Migrationsbewegungen zu steuern und einen weiteren Zerfall staatlicher Strukturen am Horn von Afrika zu vermeiden. Annette Weber, EU-Sonderbeauftragte für das Horn von Afrika, verweist zudem auf die wachsende strategische Bedeutung des Roten Meeres.
    Die EU finanziert humanitäre Hilfe und Entwicklungsprogramme, beteiligt sich an Ausbildungs- und Polizeimissionen und ist mit der Marineoperation Atalanta seit Jahren ein zentraler Akteur bei der Sicherung der Seewege vor Somalia. Zugleich hat Brüssel von der Afrikanischen Union (AU) geführte Missionen in Somalia über viele Jahre mitgetragen und wesentlich finanziert.
    Zuletzt hat die Europäische Union erneut 75 Millionen Euro für die AU-Mission AUSSOM bereitgestellt, weil sie ein Scheitern derselben für zu gefährlich hält. Laut Weber ist nun entscheidend, dass Mogadischu und die Bundesstaaten wieder zu einer gemeinsamen politischen Linie finden: Ohne diese Abstimmung werde auch das europäische Sicherheitsinvestment geschwächt. Von der Fragmentierung profitiere am Ende vor allem Al-Shabaab, warnt Weber.

    Der Krieg der USA gegen Iran und die Folgen

    Der Krieg der USA gegen Iran hat auch in Somalia Folgen: Durch knapperes Getreide, Treibstoff und teurere Transportwege verschärft sich die Versorgungslage, die durch eine Dürre und die anhaltenden Konflikte im Innern ohnehin katastrophal ist.
    Mit dem Golfkrieg rückt zudem der Bab al-Mandab als zweites strategisches Nadelöhr neben der Straße von Hormus in den Fokus. Auch dieser Transportweg ist keineswegs sicher. Das hatte sich schon 2023 gezeigt: Die mit dem Iran verbündete jemenitische Huthi-Miliz griff dort Schiffe israelischer Verbündeter an, als Vergeltung für Israels Krieg in Gaza.
    Somalische Piraten nutzten die allgemeine Unsicherheit aus und verstärkten ihre Attacken seit 2023 wieder. Derzeit sind trotz des Krieges im Iran noch keine Aktivitäten der Huthis zu beobachten. Aber der Krieg kann sich auf das Gesamtgleichgewicht der maritimen Sicherheit auswirken, und die Zahl der Piratenangriffe in somalischen Gewässern hat in den vergangenen Wochen erneut spürbar zugenommen.