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Somalia
Resozialisierung für Terror-Aussteiger

In Somalia kämpfen seit Jahren islamistische Terroristen gegen die Regierung. Nach militärischen Rückschlägen haben aber hunderte Islamisten die Shabaab-Miliz verlassen, die zum Terrornetzwerk Al Kaida gehört. Die Regierung versucht, sie mit finanzieller Hilfe - auch aus Deutschland - wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Ein schwieriger Prozess.

Von Bettina Rühl | 25.02.2016

Zwei Männer arbeiten in an einem Motor.
In Lagern werden ehemalige Kämpfer der Terrorgruppe Al-Shabaab auf die Rückkehr in die Gesellschaft vorbereitet. (imago/epd)
In einem großen Saal sitzen 15 Männer und Frauen auf Plastikstühlen im Halbkreis. Sie hören ihrem Ausbilder zu, der an einer Tafel Grundlagen der Buchhaltung erklärt. Seine Auszubildenden sind alle im Gebrauch von Kalaschnikows geübter, als im Umgang mit Papier und Bleistift: Bis vor wenigen Monaten waren sie Mitglieder der somalischen Shabaab-Miliz, die zum Terrornetzwerk al-Qaida gehört. Jetzt werden sie in einem Demobilisierungszentrum in der somalischen Stadt Baidoa auf die Rückkehr in das zivile Leben vorbereitet. Das Geld dafür kommt von der deutschen Regierung. Maslan Mohamed Hassan möchte einen Laden für Kosmetika eröffnen:
"Ich habe mich der Shabaab-Miliz 2010 angeschlossen. Sie hatten fast das ganze Land unter Kontrolle. Das beeindruckte mich. Außerdem setzte mich einer ihrer Kämpfer in Baidoa ständig unter Druck. Er hat mir häufig gedroht: Wenn ich der Shabaab nicht beitrete, würde ich in meinem Leben keinen Frieden mehr finden. Schließlich gab ich nach."
"Ich wollte die Christen auslöschen"
Die Terrorgruppe eroberte damals viele Regionen Somalias, und Hassan wollte auf der Seite der Sieger sein. Nach drei Jahren stieg der heute 22-Jährige aus - und will nun ausgerechnet Kosmetika verkaufen - Produkte, die er selbst noch vor Kurzem verteufelte:
"Bei der Miliz wurde ich religiös geschult. Es hieß, dass wir einen Heiligen Krieg kämpfen. Und dass ich nach dem Tod ins Paradies komme."
Seine militärische Grundausbildung dauerte sieben Monate. Währenddessen saugte er die tödliche Ideologie der Shabaab-Miliz auf:
"Ich wollte die Christen auslöschen. Ich hatte vor gar nichts Angst. Ich scheute weder Blut noch Verletzte oder Leichen."
Zweifel kamen ihm erst, als blutige Machtkämpfe innerhalb der Miliz immer mehr Opfer forderten. Hassan bekam Angst um sein eigenes Leben - und ergriff die erste Gelegenheit zur Flucht.
"Fünf Monate lang hatte ich ständig Angst vor ihrer Rache. Dann wurde ich ruhiger."
Nach Schätzungen der Regierung haben in den vergangenen Jahren rund 1.000 Kämpfer die Shabaab-Miliz verlassen. Bis zu 4.000 Milizionäre sind demnach noch aktiv. Das macht die Demobilisierung in Somalia besonders schwierig und gefährlich. Die Mitglieder der Terrorgruppe verfolgen die Aussteiger und alle, die ihnen bei der Rückkehr in das zivile Leben helfen.
Wiedereingliederung steht noch ganz am Anfang
In dem Zentrum in Baidoa lernen etwa 120 ehemalige Kämpferinnen und Kämpfer einen Beruf. Ein junger Mann im Blaumann versucht gerade, einen Nagel in ein Bettgestell zu treiben - er will Schreiner werden. Andere lernen das Reparieren von Motoren, versuchen sich an der Imkerei oder am Gartenbau. Außerdem gibt es im Zentrum einen islamischen Geistlichen, der ihnen ein neues Islamverständnis predigt. Landesweit gibt es drei ähnliche Zentren. Koordiniert werden die Programme von den Vereinten Nationen. Verantwortlich dafür ist Waldemar Very:
"Wir arbeiten da in einem ganz neuen Bereich. Wichtig ist zu verstehen, dass es schwierig ist, Menschen mit einem bestimmten ideologisch-psychologischen Hintergrund zu rehabilitieren. Das ist eine große Herausforderung. Wie macht man das in einer Weise, die garantiert, dass der ehemalige Kämpfer seiner Ideologie tatsächlich abgeschworen hat? Wie zuverlässig können wir beurteilen, ob wir jemanden wirklich wieder in die Gesellschaft eingliedern können?"
Die meisten dieser Fragen sind noch offen - Somalia steht mit der Wiedereingliederung hunderter ehemaliger Kämpfer ganz am Anfang. Die Erfahrungen, die Somalia damit macht, können für viele Länder hilfreich sein - in immer mehr Regionen kämpfen Terrorgruppen, die hoffentlich eines Tages aufgeben werden.