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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenEinflussreich und selbstbestimmt 07.11.2019

Soziale Stellung der Frauen im MittelalterEinflussreich und selbstbestimmt

Gebildet, vermögend und selbständig: Adelige Frauen im Hochmittelalter hatten oft einen großen Einfluss auf politische Entscheidungen und waren mit wichtigen Aufgaben betraut. Doch diese relative Selbstbestimmtheit weiblicher Adelsmitglieder endete im 12. Jahrhundert - vorerst.

Von Eva-Maria Götz

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Eine Steinplatte erinnert in Magdeburg an Kaiserin Theophanu, die Frau des deutschen Kaisers Otto II., den sie im Jahr 972 heiratete.   (imago)
Eine Steinplatte erinnert in Magdeburg an Kaiserin Theophanu, die Frau des deutschen Kaisers Otto II. (imago)
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"Sie waren Ehefrauen und Mütter, ganz klar, aber sie waren eben auch Herrscherinnen und das hat sich in den Quellen niedergeschlagen, wo sie geradezu als ‚Teilhaberinnen‘ an der Herrschaft im Kaiserreich bezeichnet worden sind."

Sagt Amalie Fößel, Professorin für die Geschichte des Mittelalters an der Universität Duisburg-Essen. Gemeint sind hier ausschließlich Frauen, die dem hohen Adel angehören. Kunigunde von Luxemburg etwa, die Frau Kaiser Heinrichs II.:

"Kunigunde erteilt militärische Befehle, während ihr Mann an der anderen Seite der Grenze Belagerungen durchführt."

Nach dem Tod ihres Ehemanns im Jahr 1024 führt sie die Regierungsgeschäfte allein weiter, bis der neue Regent, Konrad, geweiht wird. Auch hier ist Kunigunde kein Einzelfall:

"Wir haben ja in diesem hochmittelalterlichen Reich die Situation, dass sowohl Otto III. als dreijähriges Kind zum König gewählt und dann eben auch gekrönt worden ist, sein Vater stirbt und dann eben eine Regentschaft notwendig wird, die seine Mutter, die Kaiserin Theophanu und seine Großmutter, die Kaiserin Adelheid, übernehmen und später dann für Heinrich IV. eben seine Mutter Agnes die Regentschaft führt und da agieren die Kaiserinnen für den kleinen Kindkönig, treffen politische Entscheidungen, und gestalten die Politik im Reich."

Gründung früher Formen von Klöstern

Hochgebildet sind diese Frauen, vermögend und selbständig. Auch die Ehefrauen, die nicht an vorderster Stelle die Regierungsgeschäfte mitbetreiben, oder die Mütter, Schwestern, Töchter und Schwägerinnen in den Herrscherhäusern, machen ihren Einfluss geltend, sind wichtige Fürsprecherinnen, wenn es um Ämterverteilung geht und kümmern sich um die sozialen Belange im Reich. Viele von ihnen setzen ihren Besitz ein und gründen Konvente, eine frühe Form von Klöstern. Orte, an denen sie selbst als Leiterin einer Gemeinschaft leben können. Matthias Untermann, Professor für europäische Kunstgeschichte an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg:

"Diese Damenstifte haben keine strenge Ordensregel, sie müssen nicht so streng in Klausur leben, wie das Nonnen in Klöstern tun, sie sind besser versorgt und haben vornehmere Kleider. Und was im Mittelalter eine gewisse Rolle spielt: sie können auch wieder austreten, wenn sich beispielsweise die Möglichkeit für sie ergibt, zu heiraten."

Prächtige Kirchenbauten, wie zum Beispiel im oberrheinischen Ottmarsheim, im westfälischen Freckenhorst, in Quedlingburg oder das Fraumünster in Zürich zeugen bis heute vom hohen Status und Selbstbewusstsein der Stifterinnen. Großer Landbesitz garantiert ihnen ökonomischen Einfluss und Macht:

"Die Äbtissin von Säckingen ist die Stadtherrin von Säckingen, die Äbtissin des Fraumünsters war die Stadtherrin der Stadt Zürich. Diese Konvente sind ein Zeichen dafür, dass die Frauen dieser Adelsfamilien zwar arbeitsteilig andere Aufgaben übernehmen als Männer in den gleichen Familien, dass sie aber in der Verwaltung von umfangreichen Gütern stark dazu beitragen, dass diese Adelsgesellschaft funktioniert."

Frauen werden zunehmend ausgeschlossen

Ob das auch für nicht-adelige Kreise gilt, ist nicht überliefert und kann nur vermutet werden. Sicher aus den Quellen ersichtlich ist jedoch, dass diese relative Selbstbestimmtheit von Frauen im Hochmittelalter endet. Matthias Untermann:

"In der katholischen Kirche gibt es im zwölften Jahrhundert ganz deutliche Tendenzen zu einer Frauenfeindlichkeit, es wird eben zunehmend drauf geachtet, dass Frauen weniger Verantwortung bekommen, dass sie aus der Kirche eher ausgeschlossen werden, unsichtbar gemacht werden, marginalisiert, sagt die Wissenschaft."

Auch in den jüdischen Gemeinden werden zeitgleich Frauen mehr und mehr von der Öffentlichkeit verbannt. Zumindest lassen Anbauten an den Synagogen aus dem frühen 13. Jahrhundert darauf schließen. "Frauenschulen" wurden diese durchaus herrschaftlichen und repräsentativen Gebäudeteile genannt und in ihnen verschwinden die weiblichen Mitglieder der Gemeinde während des Gottesdienstes, unsichtbar:

"Interessanterweise gab es zunächst Anbauten, die sich nur eine Wand mit der Synagoge teilten, in diese Wand wurden dann die Hörfenster eingebrochen, und eine rituelle Tür wurde eingefügt."

Sagt die Kunsthistorikerin Florence Fischer. Sie forscht im Team des rheinland-pfälzischen Weltkulturerbe-Antrages für die historischen jüdischen Stätten von Worms, Speyer und Mainz. "SchUM-Stätten" heißen sie, ein Name, den sich die drei ältesten jüdischen Gemeinden in Deutschland schon im zwölften Jahrhundert selbst gegeben haben. SchUM steht dabei für die Anfangsbuchstaben der Städte Schpira, Warmaisa und Magneza. Die Gemeinden, die im gesamten askenasischen Kulturkreis hohe Autorität genießen, geben sich eine gemeinsame Satzung, die "Takkanot SchUM". Und auch hier finden sich Regeln, die die Stellung von Frauen betreffen und zeigen, wie deren Teilnahme am gesellschaftlichen Leben eingeschränkt wird. Dr. Christoph Cluse, Historiker am Arye-Maimon-Institut für Geschichte der Juden der Universität Trier:

"Die ‚Takkanot SchUm‘ beginnen ganz am Anfang mit einer Bestimmung, die sagt, kein Mann soll mit seiner Frau während der Tage ihrer ‚Unreinheit‘ zusammen essen!"

Zurückgewinnen weiblicher Autonomie

Doch trotz dieser Versuche, den Radius von Frauen mithilfe von einem für uns heute seltsam anmutenden Reinheitsverständnis zu begrenzen - so ganz gelingt es nicht, ihnen ihren Einfluss streitig zu machen. Im 14. Jahrhundert gewinnen sie wieder größere Souveränität. Christoph Cluse:

"Das 14. Jahrhundert ist insofern interessant, als dass viele Geschäftsfrauen an prominenter Stelle in den Gemeinden auftauchen. Wir haben in der volksgeschichtlichen Überlieferung Kenntnis von einer ganzen Reihe von ganz mächtigen weiblichen Bankern."

Und auch auf christlicher Seite finden viele Frauen ihre Autonomie wieder. Unter dem Schutz der Kirche, aber doch in gewisser Distanz zu ihr, gründen sie Laienschwesternschaften, "Beginen" genannt. Diese ermöglichen ein relativ freies Leben ohne männliche Aufsicht in kleinen Gruppen. Ein Beispiel: Adelheid von Dausenau aus Koblenz:

"Sie hat sehr viel geerbt und dieses Erbteil hat sie gut verwaltet."

Berichtet die Mittelalterhistorikerin Sigrid Wegner:

"Wir haben Quellen, wo genau steht, also die und die Besitzungen habe ich alle der Kartause vermacht. Aber nach meinem Tode! Immer Post Mortem! Und vorher hatten die Kartäuser ihr genaue Abgaben zu liefern."

Bis ins 15., 16. Jahrhundert erhält sich diese besondere Lebensform für Frauen, solange sind auch die autonomen jüdischen Geschäftsfrauen belegt. Aber auch in der Frühen Neuzeit haben Frauen wohl mehr Spielraum, als bislang bekannt war. Denn unsere Geschichtsschreibung geht auf das 19. Jahrhundert zurück und das war nun wirklich eine Zeit, die den Frauen nur einen Platz zubilligen wollte: den am Herd.

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