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StartseiteInterview"Pflege ist ein Milliardengeschäft"09.11.2018

Sozialexperte zum Pflegenotstand"Pflege ist ein Milliardengeschäft"

Der Autor und Sozialpädagoge Claus Fussek hat anlässlich des Gesetzes gegen den Pflegenotstand einen bundesweit verbindlichen Pflegeschlüssel gefordert. Die geplanten Personaluntergrenzen bedeuteten nur Minimalversorgung. Im Dlf sagte er: "Eine Mangelverwaltung haben wir bereits in den meisten Einrichtungen."

Claus Fussek im Gespräch mit Christiane Kaess

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Sozialpädagoge und Autor Claus Fussek, aufgenommen am 29.03.2015 in Köln. (dpa /picture alliance /Horst Galuschka)
Sozialpädagoge und Autor Claus Fussek hält Pflege für eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. (dpa /picture alliance /Horst Galuschka)
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Christiane Kaess: Tut sich künftig tatsächlich etwas in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen? Oder wird es dabei bleiben, dass sich oft viel zu wenige Pflegerinnen und Pfleger um Alte und Kranke kümmern können? Diejenigen wiederum, die die Aufgabe dann stemmen müssen, sind als Konsequenz der Unterbesetzung auf den Stationen oft völlig überlastet. Diesen Teufelskreis will die Bundesregierung jetzt mit einem Sofortprogramm in der Pflege verringern. Die Bundestagsabgeordneten haben es gerade verabschiedet.

Ich kann darüber jetzt sprechen mit dem Sozialpädagogen und Buchautor Claus Fussek. Er ist selbst pflegender Angehöriger. Guten Tag, Herr Fussek.

Claus Fussek: Guten Tag.

Kaess: Wird in Zukunft in der Pflege alles besser?

Fussek: Wissen Sie, ich habe gerade die letzten Beiträge gehört. Es ist so erbärmlich! Ich habe mir vorgestellt, wir hätten die Diskussion mal aus der Perspektive alter, pflegebedürftiger, sterbender Menschen und deren Angehörigen führen müssen. Alle Abgeordneten im Bundestag wären aufgefordert worden, während der gesamten Sitzung verlässt keiner den Saal, keiner darf zur Toilette gehen, alle bekommen Windeln, um einfach mal selbst zu erleben, in welcher Dramatik und in welcher Perspektive wir das zu diskutieren haben.

Kaess: Aber genau gegen diese Dramatik, Herr Fussek, versucht die Politik ja jetzt was zu tun.

Fussek: Na ja.

Kaess: Nehmen wir mal ein paar Punkte raus und schauen uns die an: Mehr Personal, das scheint ja ein Schwerpunkt zu sein. Ist das die Lösung, diese 13.000 zusätzlichen Stellen?

Fussek: Wissen Sie, das Problem ist ja, dass dieses Problem seit 30 Jahren bekannt ist. Das zweite Problem ist, das hat ja nichts mit Parteipolitik zu tun. Diese 13 Pflegekräfte gibt es derzeit nicht auf dem Markt!

Kaess: 13.000.

Fussek: 13.000! Es werden noch 80.000. – Nein, das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Alle sind jetzt aufgefordert, kreative Lösungen und Ideen zu finden. Wir müssen zum Beispiel auch klar und deutlich machen, dass in den meisten Pflegeheimen natürlich ganz andere Arbeitsatmosphären herrschen, ein Klima der Angst vor Mobbing. Wir wissen andererseits von Pflegeeinrichtungen, die gute Arbeit machen, die ihre Mitarbeiter wertschätzen, die die Schüler und Schülerinnen in der Ausbildung nicht ausbeuten, nicht verheizen, die mit Angehörigen zusammenarbeiten, die, die ehrenamtlich pflegen. Es geht ja auch anders. Ein großer Teil der Probleme sind hausgemacht und ich kann nur wiederholen: Jede Idee, jede Lösung, jeder Lösungsvorschlag ist angesagt. Aber eine Diskussion – und Sie haben es ja auch gemerkt an der Diskussion ambulant gegen stationär, Altenpflege gegen Krankenpflege -, das ist doch eine absurde Diskussion, die wir führen.

Kaess: Eine Idee ist jetzt, weil Sie gesagt haben, es gibt viel zu wenig Leute auf dem Markt, um diese Stellen zu besetzen, zum Beispiel mehr Geld für die Ausbildung von Kranken- und Pflegekräften. Ist das ein Anreiz eventuell für viele Azubis oder Auszubildende, tatsächlich einen Pflegeberuf zu ergreifen?

Fussek: Entschuldigung! Was für ein Anreiz? Es gibt doch keinen Menschen in Deutschland, der gegen eine bessere Bezahlung von Pflegekräften ist. Oder es ist doch absurd, darüber zu reden, dass wir in einem Mangelberuf darüber reden, ob eine bessere Finanzierung der Ausbildung etwas bringt. Ja selbstverständlich! Die Pflegekräfte müssen so bezahlt werden, …

"Die Pflegekräfte müssen sich solidarisieren"

Kaess: Aber meine Frage, Herr Fussek, war: Glauben Sie, dass das jetzt etwas ändert, was in diesem Gesetz dazu festgelegt wird?

Fussek: Das werden wir sehen! – Das werden wir sehen. Ich gehöre nicht zu diesen Typen, die sagen, dass sie alles schlechtreden. Aber ich habe schon den Eindruck, dass wir hier immer noch dabei sind, mit einer Wasserpistole zu versuchen, einen Waldbrand zu löschen. Diese Aufgabe heißt, wir müssen uns um unsere Angehörigen kümmern. Wir müssen, wenn unser Angehöriger dement im Krankenhaus ist, reingehen, wir müssen uns auch selber kümmern. Die Pflegekräfte müssen sich endlich mal solidarisieren, gemeinsam mit den Angehörigen aufstehen. Die Pflegekräfte müssen endlich erkennen, dass sie dafür da sind, dass die pflegebedürftigen Menschen auch geschützt werden. Und sie müssen klar und deutlich machen, es macht zum Beispiel keinen Sinn, wenn jemand von der Politik in ein Heim eingeladen wird, um sich um die Defizite zu informieren, dass man ihm dann Potemkinsche Dörfer vorführt, dass man ihm eine tolle Pflege, ein Heim der Superlative präsentiert. Wir brauchen mehr Ehrlichkeit in dieser Diskussion.

Kaess: Schauen wir noch mal konkreter auf das, was das Gesetz ändern will. Es heißt jetzt, dass für die stationäre Behandlung die Pflegekosten durch die Krankenkassen übernommen werden und Personaluntergrenzen festgelegt werden. Ist das nicht tatsächlich eine Garantie dafür, dass sich jetzt was verändert?

Fussek: Es gibt keine Garantie, weil Gesetze keine Menschen pflegen können.

Kaess: Aber es gibt Sanktionen, mit denen gedroht wird, für die Einrichtungen, wenn sie diese Vorgaben nicht erfüllen.

Fussek: Die Sanktionen hätte es jetzt schon gegeben. Sie haben das Problem: Wenn Sie niemand mehr da haben, der pflegt, was wollen Sie denn sanktionieren. Die Menschen müssen ja versorgt werden.

"Einen verbindlichen Pflegeschlüssel - bundeseinheitlich"

Kaess: Aber wenn es Personaluntergrenzen gibt, muss sich doch eine Einrichtung daran halten.

Fussek: Die gibt es doch jetzt schon. Wir reden über Untergrenzen. Wissen Sie, was Untergrenzen sind? Untergrenzen heißt Minimalversorgung. Das wäre so, wenn man Ihnen im Flugzeug sagt, mindestens ein Pilot muss da sein. Wir haben jetzt bereits die Situation, dass wir in den meisten Einrichtungen jetzt schon Untergrenzen haben, dass wir Mangelverwaltung haben, und wir brauchen keine Untergrenzen, sondern wir brauchen einen verbindlichen Pflegeschlüssel, der bundeseinheitlich ist. Das Wort Menschenrechte haben wir hier zu thematisieren und es ist eine Situation, wo wir einfach parteiübergreifend sagen müssen, Pflege ist gesamtgesellschaftliche Aufgabe und muss die Schicksalsfrage der Nation werden. Es kann nicht sein, dass wir in der Pflege Obergrenzen und Untergrenzen haben. Das geht nicht.

Kaess: Ich versuche, Herr Fussek, mit Ihnen herauszufinden, ob sich mit diesem Gesetz tatsächlich was ändert. Deswegen lassen Sie uns noch mal auf diesen wirtschaftlichen Faktor gucken, was ich gerade schon gesagt habe: Die Pflegekosten werden durch die Krankenkassen übernommen. Das soll neu sein. Und die Pflege soll aus dieser sogenannten Fallpauschale genommen werden. Heißt unterm Strich, sie soll eigentlich nicht mehr wirtschaftlich betrachtet werden. Sehen Sie da einen bedeutenden Unterschied zu dem, wie es bisher gehandhabt wird?

Fussek: Wissen Sie, ich bin seit 40 Jahren – ich kann meine eigenen Argumente schon nicht mehr hören – skeptisch. Ich bin natürlich auch der Meinung, alles was zur Verbesserung dient, soll man nicht schlechtreden. Um Gottes willen! Aber ich sehe draußen jeden Monat Pflegekongresse in Deutschland. Pflege ist ein Milliardengeschäft geworden. Wir gehen mit der Pflege an Rendite. Krankenhäuser und Pflegeheime sind …

Kaess: Und daran würde sich nichts ändern mit diesem neuen Gesetz?

Fussek: Nichts! Gar nichts! Die Pflege, das sind börsenorientierte Wirtschaftsunternehmen. Pflege ist ein Milliardengeschäft. Und das ist noch so pervers, dass wir sogar mit schlechter Pflege mehr Geld verdienen. Wir müssten einen Perspektivenwechsel in der Pflege haben. Das heißt, mit Pflege darf man nicht an die Börse gehen. Das ist unethisch. Wir müssen da klar und deutlich machen, dass eine Gesellschaft sagt, wir brauchen viele Pflegekräfte und die müssen ordentlich bezahlt werden, müssen tariflich bezahlt werden, da gibt es keine zwei Meinungen. Die Arbeitsbedingungen müssen menschenwürdig sein. Die Angehörigen müssen entlastet werden. Wir brauchen Tagespflegen wie Kinderkrippen. Das wäre die Lösung.

Kaess: Herr Fussek, sagen Sie uns zum Schluss noch, wer Ihrer Meinung nach Schuld an den bisherigen Missständen ist? Denn man muss ja auch dazu sagen, die Politik tut jetzt etwas, weil es die Krankenhausverbände und die Pflegeverbände selbst nicht hinbekommen haben.

Fussek: Genau, Sie haben das richtig gesagt. Die Pflege-Selbstverwaltung, die Tarifparteien haben hier versagt. Die Politik hat jetzt Aufgaben übernommen, für die sie eigentlich gar nicht zuständig sind. Aber wir sind alle verantwortlich, weil wir wissen es alle. Jeder, der pflegebedürftig ist oder jemand in der Familie hat, weiß ja Bescheid. Deshalb: Mein Grundgedanke heißt, eine gesamtgesellschaftliche Solidarität. Wir müssen zusammenhalten, aufhören mit irgendwelchem partei- und berufsständischem Dünkeln und Denken. Das ist vorbei, sondern wir müssen alle dafür sorgen, dass unsere Alten, unsere Eltern gut versorgt werden. Wir müssen hinschauen, wir müssen den Mund aufmachen. Wenn allein die Pflegekräfte solidarisch werden, wenn sie sich in Gewerkschaften organisieren würden und wenn die Pflegekräfte mit den Angehörigen solidarisch wären und vor allem mit den pflegebedürftigen Menschen, es wäre die mächtigste Berufsgruppe. Die wären mächtiger als alle Piloten und Lokomotivführer zusammen.

Kaess: … sagt der Sozialpädagoge und Buchautor Claus Fussek im Gespräch im Deutschlandfunk. Vielen Dank, Herr Fussek, für Ihre Zeit heute Mittag.

Fussek: Ich danke Ihnen, dass Sie das Thema immer wieder thematisieren.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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