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StartseiteKulturfragen"Ich plädiere für gefährliche Begegnungen"24.02.2019

Soziologe zum Kulturkampf gegen rechts"Ich plädiere für gefährliche Begegnungen"

Der Kulturkampf von rechts, aber auch gegen rechts scheint in vollem Gange. Abwehr vonseiten der Kultur sei das falsche Mittel, meint Heinz Bude. "Die Kultur müsste aufgreifen, was da für eine Wut im Gange ist und wo die ganzen Verletztheiten herstammen", sagte der Soziologe im Dlf.

Heinz Bude im Gespräch mit Karin Fischer

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Der Soziologe Heinz Bude liest im Mai 2016 in Köln auf der 4. phil.COLOGNE (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)
Heinz Bude ist einer der meist gehörten Soziologen der Republik. (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)
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Mitglieder der AfD in den Landtagen spielen ihre rechtspopulistische Agenda aus, immer mehr kulturelle Institutionen fühlen sich in ihrer künstlerischen Freiheit eingeschränkt. Solche kulturellen Gegenrevolutionen gebe es in allen westlichen Gesellschaften, sagte der Soziologe Heinz Bude im Dlf. "Es ist aber interessant, dass von 'Rechts' im Grunde gesagt wird: Die Kultur ist gar keine Kultur mehr für alle, sondern eine Kultur für wenige, die eigentlich auch zu dieser Elite gehören, die verhasst ist." Gerade diese Polarisierung bringe neue kulturelle Fragen hervor, die zum Thema gemacht werden sollten, so Bude. "Ich habe eine gewisse Sorge, dass die Kultur und die Kunst in Abwehr einer möglichen Rechtsentwicklung im Grunde ihr Thema verfehlen."

Der Riss geht durch die Mitte unserer Gesellschaft

Vielmehr bestehe die Zumutung von Kultur doch darin, Themen zu behandeln, mit denen sich Einzelne nicht von alleine auseinandersetzen würden. "Wenn Kulturinstitutionen zu 'safe spaces' werden für Leute, die Dingen zuneigen, die in der Kultur sowieso gezeigt werden, dann werden wir auf die Dauer ein Problem haben", sagte Bude. "Es braucht eine selbstbewusste Kultur, die sich nicht in der Abwehrposition befindet, sondern die Dinge aufgreift, die auf der Straße liegen."

Der Soziologe stellt fest, dass ein Riss durch die Mitte unserer Gesellschaft geht. Dazu könne Kunst durchaus Fragen stellen: "Was ist das, das da in unserer Mitte gärt? Welche Art von Spannungen erzeugen sich daraus? Da sind wir ein bisschen hinterher in Deutschland. Es gibt schon ein neues Realismusproblem." 

Bude schätzt diese Entwicklungen deshalb in gewisser Weise auch als positiv ein. Rechte Positionen konfrontierten Kulturschaffende mit neuen Fragen, wie zum Beispiel: "Worüber redet ihr eigentlich?" oder "Habt ihr nur noch mit euch selbst zu tun?" Eine intensive Beschäftigung mit diesen Fragen könne eine große Bereicherung für künstlerisches Schaffen sein.

Solidarität als Thema sei von rechts aufgegriffen und von links liegen gelassen worden, meint Bude. Die Definition einer Solidarität nur des Eigenen, des Völkischen, des Nationalen, zum Teil des Ethnischen sei überaus problematisch. "Aber ich sehe von der Linken aus keinerlei Bemühungen um den Solidaritätsbegriff." Das sei ein riesiges Thema und ein wunderbarer Punkt für die Kunst und die Kultur: Sich zu überlegen, was es bedeute es, solidarisch zu sein, Verantwortung für andere zu übernehmen und was es bedeute, "dass niemand alleine in unserer Welt überleben kann".

Integration durch Konflikt

Um dem rechten Populismus etwas entgegenzusetzen, haben Kulturschaffende das Netzwerk der "VIELEN" gegründet. Damit bekennen sie sich zu einer Art Wertekodex, mit dem die offene, plurale Demokratie geschützt werden soll. Heinz Bude interpretiert das Netzwerk als einen Zusammenschluss derer, die die offene Gesellschaft zwar verteidigen wollen, die aber davor zurückscheuen, sich mit den Gründen der bestehenden Probleme auseinanderzusetzen. Seiner Ansicht nach könnten Konflikte zu Desintegration, aber auch zur Integration beitragen. Mit diesen Gedanken beschäftigten sich Kunst und Kultur momentan viel zu wenig, so Bude.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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