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StartseiteWirtschaft und GesellschaftHomeoffice bislang ein Privileg der Höherqualifizierten07.02.2019

Soziologin über Mobiles ArbeitenHomeoffice bislang ein Privileg der Höherqualifizierten

Die SPD will ein Recht auf Arbeiten zu Hause und unterwegs etablieren. Das Homeoffice-Potenzial werde nicht ausgeschöpft, meint die Soziologin Yvonne Lott von der Hans-Böckler-Stiftung im Interview mit dem Dlf. Aber es müssten Regelungslücken bei Arbeitszeiten oder Unfällen geschlossen werden.

Yvonne Lott im Gespräch mit Sina Fröhndrich

Homeoffice (picture alliance / dpa / Foto: Daniel Naupold)
Homeoffice ist noch wenig etabliert in der deutschen Arbeitswelt (picture alliance / dpa / Foto: Daniel Naupold)
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Sina Fröhndrich: Der Arbeitstag beginnt direkt nach dem Frühstück – kein Weg ins Büro, das Büro ist das zu Hause. Es ist nur eine Minderheit der deutschen Beschäftigten, die im Homeoffice arbeitet, ein bis zwei Tage pro Woche. 40 Prozent der Beschäftigten könnten so arbeiten, aber nur die Wenigsten tun es. Noch. Die SPD möchte ein Recht auf Homeoffice und mobiles Arbeiten durchsetzen. Nutzt das den Beschäftigten wirklich oder führt es zur Selbstausbeutung? Darüber haben wir mit Yvonne Lott von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung gesprochen. Frau Lott, wem würde so ein Recht in erster Linie etwas bringen?

Yvonne Lott: Ein Recht würde in erster Linie denjenigen was bringen, die momentan keinen Zugang zum Homeoffice haben. Sie haben es ja auch schon eingangs erwähnt, das sind so knapp 40 Prozent laut des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die eigentlich könnten, also, deren Tätigkeit es erlaubt, im Homeoffice zu arbeiten, aber die die Möglichkeit nicht haben. Und das ist eben häufig noch ein Grund, dass Homeoffice oft doch noch ein Privileg für die eher Höherqualifizierten oder die Leistungsträger in den Betrieben ist – und alle anderen gucken dann dumm aus der Wäsche, wenn sie eigentlich auch gerne mal ab und zu zu Hause arbeiten würden, aber ihnen dann gesagt wird, dass es nicht geht.

Fröhndrich: Wenn Sie jetzt sagen, das ist eher ein Privileg, schauen wir mal auf die andere Seite: Gibt es denn vielleicht auch schon Unternehmen, in denen es tarifvertraglich vereinbart so ein Recht auf Homeoffice schon gibt?

Kluft zwischen Anspruch und Inanspruchnahme

Lott: Also, es gibt auf jeden Fall Betriebsvereinbarungen in einigen Betrieben, wo dann meistens Homeoffice im Rahmen vom mobilen Arbeiten geregelt ist und damit dann eben letztlich auch für die Beschäftigten abgesichert ist, dass sie eigentlich auch dieses Arrangement nutzen können. Aber es ist natürlich immer eine Sache, was steht auf dem Papier, das ist ja auch mit verbrieften Rechten genauso, was wird letztlich auch in dem Betrieb gelebt. Und da gibt es oft dann auch eine Kluft, dass ich dann vielleicht den Anspruch eigentlich habe, aber dann nicht geltend mache.

Fröhndrich: Jetzt haben Sie gerade das mobile Arbeiten auch noch mal angesprochen. Vielleicht um das zu differenzieren, gibt es da eigentlich einen Unterschied zwischen Homeoffice und mobilem Arbeiten?

Lott: Das ist eine gute Frage. Tatsächlich denke ich, dass häufig mobiles Arbeiten meint auch Homeoffice, also beide werden auch so wechselseitig verwendet. Was beim Homeoffice oft so ist oder eigentlich so ist, wenn das Homeoffice als Telearbeit in den Betrieben geregelt wird, dann müsste eigentlich auch dann der Arbeitgeber nach Hause kommen und dann eben die Telearbeit oder einen Telearbeitsplatz einrichten, dafür sorgen, dass auch die Arbeitsschutzrichtlinien etc., dass die eingehalten werden. Bei mobiler Arbeit ist das ein bisschen schwammiger, das kann ja auch von allen anderen Orten sein. Und da gibt es eben einige Betriebsvereinbarungen, die das regeln, aber eben auch nicht in allen Betrieben, und das ist noch viel mehr Grauzone als jetzt beim klassischen Homeoffice, also der Telearbeit.

Auch bei Homeoffice geregelte Arbeitszeiten

Fröhndrich: Jetzt haben Sie diese Grauzone angesprochen, dass der Arbeitgeber ja eigentlich die Infrastruktur beim Homeoffice bereitstellen müsste. Wie ist es denn, wenn wir auf einen anderen Bereich schauen, auf die Arbeitszeiten zum Beispiel. Weil an einem Homeoffice-Tag geht man ja zum Geburtstagskaffee des Vaters und arbeitet dann zum Beispiel abends oder am Sonntag nach, das hätte ja eigentlich tarifrechtlich ja auch wieder Folgen.

Lott: Ja, das beißt sich tatsächlich. Und ich denke, was sicherlich auch wichtig ist, ist auch, selbst wenn Beschäftigte im Homeoffice arbeiten, trotzdem noch irgendeine Art von geregelten Arbeitszeiten zu haben. Natürlich ist ein Vorteil vom Homeoffice, dass man zum Beispiel mal einen Arzttermin auch mal eventuell wahrnehmen kann. Aber nichtsdestotrotz ist es wichtig, so einen einigermaßen geregelten Arbeitsrahmen aufrechtzuerhalten. Und dann eben jetzt nicht die Arbeitszeit komplett ausfransen zu lassen. Weil wenn ich mir angewöhne, dann eben noch abends lange E-Mails zu checken oder sowieso immer mal wieder E-Mails zu checken, dann gibt es natürlich auch das Problem, dass es zu einer Entgrenzung von Arbeit kommt und sich die Arbeit dann auch letztlich doch mehr ins Privatleben reinfrisst, als man es gerne haben würde.

Fröhndrich: Jetzt könnte man ja auch andersherum auf diese Frage der Arbeitszeit schauen und sagen, na ja, wenn man im Büro acht Stunden tarifvertraglich arbeiten sollte, ist man ja vielleicht im Homeoffice nach sechs Stunden schon fertig. Das lässt sich aber wahrscheinlich nicht regeln.

Lott: Was tatsächlich die Forschung zeigt, ist, dass teilweise intensiver im Homeoffice gearbeitet wird, tatsächlich auch eventuell konzentrierter und eben auch einfach mehr vielleicht auch geschafft wird im Homeoffice, weil es eben diese Unterbrechungen nicht gibt, weil ich mich nicht dann im Flur verquatsche. Aber nichtsdestotrotz ist es ja in den Arbeitsverträgen geregelt, wie lange Beschäftigte in der Woche arbeiten müssen. Wir können da ja auch nicht die Personen im Homeoffice bevorteilen, die dann eben nur die sechs Stunden leisten und das auch nur machen müssen, weil sie dann das Ergebnis erzielt haben. Die Arbeitszeit ist ja immer noch, die vertraglich vereinbarte, ein wichtiger Parameter in dem Arbeitsprozess und nicht nur, ob ich jetzt eben schnell fertig bin mit dem Projekt oder nicht.

Regelungslücken: Was passiert bei Unfällen?

Fröhndrich: Man kann jetzt unter dem Strich so ein bisschen den Eindruck gewinnen, Homeoffice ist schon noch so ein bisschen eine Grauzone. Sie haben es auch gesagt, das sehen wir auch, wenn wir die Frage … Ja, Unfälle, die da vielleicht passieren können, Treppenstürze im Homeoffice, da stellt sich die Unfallversicherung zum Teil eher quer. Würden Sie trotzdem sagen, wir sind bereit für mehr Homeoffice?

Lott: Ja, also tatsächlich denke ich mal, wir haben ja die Debatte, und die SPD ist damit nach vorne gekommen, ein Recht auf Homeoffice zu etablieren – und das ja auch nicht ohne Grund. Weil das Thema ist auf dem Tisch und es gibt eine große Anzahl an Beschäftigten, die auch ab und zu mal gerne einfach die Möglichkeit hat, im Homeoffice zu arbeiten. Das liegt natürlich auch daran, dass eben vielleicht auch beide Partner in Familien jetzt auch berufstätig sind und damit dann vielleicht manchmal auch längere Wegezeiten haben und damit dann auch Wegezeiten gespart werden können mit Homeoffice, das auf jeden Fall. Wir haben aber trotzdem, denke ich, eine Lücke, was auch die Regelungen betrifft, also auch rechtlich ist da, was Sie ja auch sagen, bei Unfällen, die im Homeoffice passieren, da sind Beschäftigte nicht abgesichert. Und da muss einfach nachgebessert werden. Ich denke, das Thema ist relevant, und wir diskutieren darüber nicht ohne Grund, aber müssen da dann eben jetzt auch Konsequenzen ziehen und sagen, okay, dann müssen wir hier und da noch einige Regelungen verbessern oder auch ausweiten, dass das Homeoffice auch mit reingenommen wird.

Fröhndrich: Sie haben gesagt, die Frage ist relevant. Jetzt kommt das Homeoffice natürlich für bestimmte Beschäftigte gar nicht in Frage, für Fabrikarbeiterinnen, für Pfleger zum Beispiel. Ist das eher eine Oberschichtenfrage?

Lott: Also momentan sind es tatsächlich eher die höherqualifizierten Beschäftigten oder die Leistungsträgerinnen, die Homeoffice nutzen können. Aber wenn wir das wirklich jetzt ernst nehmen, dass es einfach auch gerecht wäre, so vielen wie möglich die Gelegenheit zu geben, im Homeoffice zu arbeiten, dann müssten wir auf jeden Fall die Homeoffice-Möglichkeit ausweiten, ein Recht auf Homeoffice könnte das auf jeden Fall tun. Und es könnte zum Beispiel in Tarifverträgen oder auch in Betriebsvereinbarungen festgelegt werden, dass zu prüfen ist für jeden Arbeitsplatz, erlaubt es die Tätigkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Und dann, falls es dann wirklich auf einigen Arbeitsplätzen überhaupt nicht geht, könnte man auch über Kompensationen nachdenken.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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