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Spanien und die CoronakriseFehler im System

Mehr als 160.000 diagnostizierte Fälle von COVID-19 und über 16.000 Tote gibt es in Spanien. Das öffentliche Leben steht still, die Wirtschaft ist erneut stark unter Druck. Das Land im Süden Europas hofft in der Coronakrise auf die Unterstützung der EU-Länder.

Von Hans-Günter Kellner

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Zwei Männer desinfizieren in Terrassa, Barcelona. (picture alliance / AFP7)
Desinfektion in Barcelona: Spanien ist von der Coronakrise besonders schwer betroffen (picture alliance / AFP7)
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Jeden Tag um 20 Uhr findet das Leben der Spanier noch für fünf Minuten draußen statt. Dann öffnen sie ihre Fenster, grüßen sich und klatschen Beifall. Für die Beschäftigten im Gesundheitssystem, aber auch für sich selbst. Seit vier Wochen ertragen sie nun eine strenge Ausgangssperre. Nur zum Einkaufen dürfen sie ihre Wohnungen verlassen. Sogar eine Runde Joggen um den Block würde eine Strafe von 600 Euro kosten. Aber viel zu tun hat die Polizei nicht. Die Spanier haben verstanden: Knapp 160.000 Coronafälle und 16.000 Tote haben die Behörden schon verzeichnet. Es geht darum, die Ausbreitung einzudämmen. Es geht um Menschenleben.

Am Rest des Tages ist der Klingelton der Onlinetelefondienste die vorherrschende Geräuschkulisse. Ganze Fernsehshows werden ausschließlich mit Videokonferenzen produziert. Paloma Mañas darf ihre Wohnung erst recht nicht verlassen, sie ist an Covid-19 erkrankt. Auch sie trifft ihre Freunde jetzt im Internet:

"Ich hatte große Probleme, einen Arzt zu erreichen. Die Madrider Regionalregierung hatte zwar ein Call-Center für die Coronafälle eingerichtet, aber da ging keiner ran. Aber auch hier in unserem Gesundheitszentrum hatte ich erst mal kein Glück. Erst später konnte ich jemanden erreichen. Eine Ärztin verschrieb mir Paracetamol, dreimal täglich. Ich sollte auch regelmäßig Fieber messen. Aber ich sollte nicht ins Gesundheitszentrum kommen."

Vorwurf an die spanischen Behörden

Denn die Gesundheitszentren in den Stadtteilen waren da schon überlastet. Eine Ärztin ruft die 46-Jährige, der es inzwischen besser geht, alle zwei Tage an und fragt nach ihrem Befinden. Andere Covid-19-Patienten berichten jedoch auch davon, nur einmal mit einem Arzt gesprochen und dann nie mehr wieder von ihm gehört zu haben.

"Die Arbeit ist schwer", sagt eine Ärztin kurz bevor ihre Nachtschicht auf dem Madrider Messegelände beginnt. In drei Hallen haben die Behörden dort ein Notkrankenhaus für 1.300 Patienten eingerichtet. Im Skype-Gespräch aus dem Auto auf dem Parkplatz zeigt sie ihr Gesicht nicht. Wie viele fürchtet auch sie Repressalien, wenn sie offen mit der Presse spricht. Darum hat sie darum gebeten, dass ihr Interview nachgesprochen wird.

Barcelona: Das medizinische Personal trifft sich in einem Raum eines Sportzentrums, das in ein provisorisches Krankenhaus in Barcelona umgewandelt wurde.  (Europa Press Reportajes)Ein Sportzentrum in Barcelona wurde zu einem provisorischen Krankenhaus umgewandelt (Europa Press Reportajes)

"Auch bei vielen älteren Patienten mit guter Gesundheit beginnt der Krankheitsverlauf scheinbar harmlos. Sie werden zunächst zu Hause behandelt. Dann entwickelt sich daraus doch eine beidseitige Lungenentzündung. Der Patient kommt ins Krankenhaus, bekommt akute Atemnot. Wenn er dann auch noch sehr alt ist, kann das eines von mehreren Kriterien sein, weshalb man darauf verzichtet, zu intubieren und beginnt, zu sedieren. Es sind einfach zu viele Patienten. Die Patienten sitzen auf Stühlen oder liegen auf Bettlaken auf dem Boden. Das ist Medizin wie im Krieg. Man entscheidet, wer lebt, und wer stirbt."

Die Ärztin erhebt schwere Vorwürfe: Die Behörden hätten spätestens seit Februar wissen müssen, was auf Europa zukommt. Jetzt müsse das Gesundheitspersonal improvisieren:

"Wie ist es möglich, dass wir in einem Land der Europäischen Union keine Schutzmasken haben? Dass wir keine Schutzanzüge haben? Das sagt sich so leicht, aber es ist nicht zu glauben. In einigen Krankenhäusern wird den Kollegen gesagt, sie sollen ihre Schutzanzüge waschen. Schutzanzüge waschen? Hinterher haben die Anzüge alle Löcher!"

Medizinisches Personal ist überlastet

Um die 20.000 Mitarbeiter in Krankenhäusern und Ärztezentren haben sich bereits infiziert, 27 sind bislang daran gestorben.

"Um arbeiten zu können, müssen wir uns schützen können. Wir scheuen das Risiko nicht, wir machen für unsere Patienten alles, was möglich ist. Aber wir sind auch keine Selbstmörder."

Weil Schutzausrüstungen fehlen, haben sich auch in den Altenheimen viele Pfleger und Heimbewohner angesteckt. Recherchen des Radiosenders "Cadenaser" zufolge sind mindestens 2.100 alte Menschen in den spanischen Seniorenresidenzen mit Covid-19 gestorben. Doch dies sind nur die zuvor positiv auf das Virus getesteten Heimbewohner. Allein die Region Madrid meldet mehr als 4.200 Todesfälle aus den Heimen, bei denen die Patienten mit Covid-19 kompatible Symptome gehabt hätten, von denen aber kein Test vorliegt. Pflegerin Juani Peñafiel über die Situation in den Seniorenresidenzen:

"Wir müssen ohne Schutzkleidung in die Zimmer. In anderen Heimen teilen sich mehrere Pfleger einen Anzug. Die Reinigungskräfte haben fast nie Schutzkleidung. Sie kommen in die Zimmer, gehen hinterher in das nächste und tragen so das Virus von einem Heimbewohner zum nächsten."

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Waschen, eincremen, essen, umlagern, auch seelischer Zuspruch, das alles sei schon vor der Coronakrise kaum zu bewältigen gewesen, sagt Peñafiel. Jetzt sei die Hälfte der Pfleger krank. Sie ruft sie um Hilfe:

"Um jemanden zu füttern, brauche man keinen Hochschulabschluss", sagt sie. Schon jetzt sind 57.000 Soldaten im Einsatz, desinfizieren auch die Altenzentren. Sie sollten jetzt auch in der Pflege eingesetzt werden:

"Wir lassen sie ja nicht allein. Wir zeigen ihnen, was sie machen müssen. Wir überlassen ihnen die leichten Fälle. Die komplizierten übernehmen wir. Wir können die alten Leute doch nicht sich selbst überlassen. Wir müssen ihnen doch wenigstens die grundlegendste Versorgung zukommen lassen."

Nach und nach verbessere sich die Situation, versichern die Behörden. Das Land beweist eine bewundernswerte Improvisationskunst: Das Gesundheitsministerium und die einzelnen Regionen kaufen auf den internationalen Märkten, was sie kriegen können, Textilketten haben ihre Produktion umgestellt, Autofabriken stellen jetzt Beatmungsgeräte her und die zu Hause eingesperrten Menschen sammeln Taucherbrillen für das Klinikpersonal.

Lage bessert sich leicht

"In den letzten Tagen nimmt der Druck auf unsere Station ab. Es kommen weniger Leute in die Notaufnahme, es werden weniger ins Krankenhaus eingewiesen, und damit haben wir auch weniger Patienten, die Intensivmedizin benötigen. Das ist ein kleiner, positiver Wandel", sagt die Ärztin Maria Cruz Martin, Chefin der Intensivstation im Universitätskrankenhaus im Madrider Vorort Torrejón.

Auch die Ausstattung mit Schutzmaterial bessere sich inzwischen. Das ganze Land blickt gebannt auf die täglichen Infektionskurven, die eine deutlich langsamere Ausbreitung, aber noch keine Abnahme bei den Fallzahlen dokumentieren. Das Ausgehverbot wird jetzt ein wenig gelockert, der Weg zu Arbeitsplätzen in nicht-systemrelevanten Branchen ist wieder erlaubt. Doch Intensivmedizinerin María Cruz Martín freut sich nur verhalten. Denn schon lange sieht sie keine Patienten mehr, die sonst in die Notaufnahme kommen, zum Beispiel Herzpatienten. Viele Menschen halten Symptome, die früher durchaus eine Einlieferung gerechtfertigt hätten, scheinbar zu Hause aus, vermutet sie. Die Ärztin betont, es sei nicht die Zeit für Schuldzuweisungen. Dann sagt sie aber doch:

"Man hat versucht, so gut wie möglich zu reagieren. Aber irgendwann werden wir rückblickend analysieren, was zu diesem Ausmaß der Pandemie bei uns geführt hat. Und wir hatten hier ganz sicher ein kausales Ereignis, zusätzlich zu anderen Faktoren, das zur heutigen Situation geführt hat."

Sozialverhalten oder Demo als Pandemieverstärker?

Sie deutet damit die Demonstration zum Weltfrauentag am 8. März an, nachdem sie ihren ersten Covid-19-Patienten identifiziert hatte. Die Regierung Sánchez hatte zu der Demonstration aufgerufen und steht dafür heute in der Kritik. Zahlreiche Kabinettsmitglieder nahmen teil, drei Ministerinnen sind später positiv auf das Virus getestet worden.

Eine Schlange vor einem Supermarkt in Spanien Anfang April (Getty / David Ramos)Eine Schlange vor einem Supermarkt in Spanien (Getty / David Ramos)

"In Madrid benutzen jeden Werktag rund eine Millionen Menschen die Nahverkehrszüge, drei Millionen fahren mit der U-Bahn. Um acht Uhr morgens passt dort kein Blatt Papier zwischen die Pendler. In Madrid gibt es 18.000 Kneipen. Spanien und Italien sind die Länder mit den meisten Kneipen in ganz Europa, wo sich die Menschen nach Feierabend treffen", bestreitet hingegen der Epidemiologe Iledefonso Hernández von der Universität Alicante, dass die Demonstration der erste große Brandherd für das Coronavirus in Madrid war. Er vermutet eher ein anderes Sozialverhalten als Ursache:

"Viele alten Menschen leben in Spanien ja noch in den Familien mit ihren Kindern und Enkelkindern oder bekommen wenigstens regelmäßig Besuch von ihnen. Und von jüngeren Leuten wissen wir, dass sie Träger des Virus sein können, ohne Symptome zu entwickeln. Im Vergleich zu Deutschland mag hinzukommen, dass das Gesundheitssystem dort technisch besser ausgerüstet ist. Aber für solche Analysen ist es noch zu früh."

Systemschwächen des Gesundheitssystems

Hernández sieht aber auch systembedingte Ursachen. 2001 übernahmen die 17 autonomen Regionen Spaniens die Kompetenzen des staatlichen und steuerfinanzierten Gesundheitssystems von der Zentralregierung. Das Gesundheitsministerium der spanischen Regierung habe seither kaum noch Kompetenzen, beklagt Hernández, der von 2008 bis 2011 auch Direktor für Öffentliche Gesundheit war. In dieser Zeit hatte er ein Gesetz ausgearbeitet, das schließlich im Zuge der Wirtschaftskrise in der Schublade des Ministeriums landete:

"Keine der Richtlinien des Gesetzes wurden umgesetzt. Die jetzige Regierung hatte es wohl vor, kam damit aber zu spät. Vor allem sollten damit Kriterien zur Überwachung der öffentlichen Gesundheit festgelegt werden, ein Informationsdienst, vom zentralen Gesundheitsministerium koordiniert, bei dem alle Daten zusammenlaufen sollten."

Zwar hat die spanische Regierung mit dem ausgerufenen Notstand nun wieder die Gesundheitskompetenzen an sich gezogen, doch die Daten erheben weiterhin die Regionen, und jede tut dies auf ihre Weise. So weiß in Spanien niemand, wie viele Menschen nun tatsächlich mit dem Covid-19-Virus gestorben sind, denn manche Regionen zählen die in Altersheimen Verstorbenen dazu, andere nicht. Es gibt auch keine zuverlässigen Daten über Patienten in den Intensivstationen oder wie viele Beatmungsmaschinen zur Verfügung stehen.

Hinzu kommt der Spardruck im Zuge der Wirtschaftskrise. Die Gewerkschaft Comisiones Obreras gibt regelmäßig eine Studie über die Situation im Gesundheitssystem heraus. Ihr Sprecher Antonio Cabrera fasst zusammen:

"Zu Beginn der Wirtschaftskrise 2009 machten unsere öffentlichen Gesundheitsausgaben 6,8 Prozent des Bruttoinlandprodukts aus. Heute sind wir bei 5,9 Prozent. Das sind acht Milliarden Euro weniger. Wir haben auch 6.000 Krankenhausbetten weniger, und weniger Personal. Zudem wurde in den letzten zehn Jahren kaum noch investiert. Und das alles mit einer immer älteren Bevölkerung, die gesundheitlich auch anfälliger ist."

Der Gesellschaft für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zufolge liegt der Anteil der öffentlichen Gesundheitsausgaben am Bruttoinlandsprodukt in Spanien inzwischen um 15 Prozent unter dem Durchschnitt in der Europäischen Union. Spanien hat knapp zehn Intensivbetten pro 100.000 Einwohner, Frankreich 16 und Deutschland fast 34. Angesichts der Kürzungen bei den öffentlichen Gesundheitsausgaben schließen hingegen immer mehr Spanier eine private Zusatzversicherung ab. Mit fast 30 Prozent liegt der Anteil privater Gesundheitsausgaben in Spanien überdurchschnittlich hoch.

Bestatter in Schutzkleidung tragen aus einem Haus in Barcelona einen Sarg mit einem Menschen, der an Covid-19 gestorben ist. (AFP / Pau Barrena)Bestatter in Schutzkleidung tragen aus einem Haus in Barcelona einen Sarg mit einem Menschen, der an Covid-19 gestorben ist. (AFP / Pau Barrena)

Und auch die Gewerkschaften fordern eine bessere Abstimmung zwischen den einzelnen Regionen:

"Es gibt einen Rat der Gesundheitsminister der Regionen, aber die dort getroffenen Entscheidungen sind nicht verbindlich. Jetzt sprechen wir von einer Pandemie. Da muss man einfach handeln. Doch das Ministerium gibt Anweisungen und hinterher kümmert es die Regionalverwaltungen nicht. Wir brauchen neue Vorschriften, die sicherstellen, dass wir ein einziges öffentliches Gesundheitssystem haben und nicht 18 unterschiedliche."

Bevor sich die Regierung über konkrete Exit-Strategien äußern will, möchte sie so schnell wie möglich 62.000 repräsentative Tests durchführen, um herauszufinden, wie viele Menschen in Spanien womöglich bereits immun gegen das Virus sind, ohne jemals Symptome der Erkrankung gehabt zu haben. Wissenschaftler gehen von wenigstens fünf Prozent der Bevölkerung aus; das wären fast zweieinhalb Millionen Menschen. Es gibt auch Überlegungen, Infizierte ohne Symptome in Hotels unterzubringen, oder auch, so genannte Tracking Apps in den Handys der Menschen einzusetzen, um ein Bild über die Mobilität der Bevölkerung zu gewinnen. Das sind harte Einschnitte in die Grundrechte, doch die Gewerkschaften zeigen dafür Verständnis. Ihr Sprecher Antonio Cabrera:

"Wenn die Wissenschaft uns sagt, dass die Ausgangsbeschränkungen Leben retten, sind wir für die Verbote. Natürlich müssen Grundrechte gewährleistet bleiben. Das Recht auf gewerkschaftliche Vertretung ebenso wie die parlamentarische Kontrolle. Wir brauchen im Parlament aber nicht nur einen Konsens für die Bewältigung der Krise im Gesundheitssystem, sondern auch der sozialen Krise, deren Ausmaß wir noch gar nicht einschätzen können."

Schlechte Datenlage zu Corona

Auch auf dem Arbeitsmarkt ist die Datenlage derzeit unübersichtlich. Der Wirtschaftszeitung "Cinco Días" zufolge sind zwischen einer und drei Millionen Anträge auf Kurzarbeitergeld gestellt worden. Bei Kurzarbeit zahlt der Staat 70 Prozent des Gehalts, was Unternehmen entlastet und den Staatshaushalt belastet. Und trotz eines allgemeinen Kündigungsverbots hat die Krise seit dem 12. März 800.000 Arbeitsplätze gekostet, so viele wie noch nie in so kurzer Zeit. Doch das ist erst der Anfang. Denn auch die Tourismussaison ist in Gefahr. Die vorläufigen Maßnahmen zum Auffangen der wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Krise belaufen sich auf 200 Milliarden Euro. Miguel Otero vom regierungsberatenden Think Tank Elcano-Institut sieht damit nicht nur Spanien, sondern ganz Europa vor einer großen Herausforderung.

"Das wird auch für Deutschland schwierig. Man wird wahrscheinlich viele Dinge wieder zu Hause produzieren müssen. Das verschiebt sich alles. Das sind auch Kosten. Jede Krise ist eine Möglichkeit. The Green New Deal zum Beispiel. Pollution: Madrid hat jetzt 70 bis 80 Prozent weniger Luftverschmutzung. Vielleicht wollen die Leute auch, dass es so bleibt?"

Europas Wirtschaft stehe vor umwälzenden Veränderungen, die aber auch Kosten verursachen, sagt Otero.

"Da macht es Sinn als eine Währungsunion, die ein gemeinsames Ziel hat, dass man sich dann überlegt, ob man das nicht zusammen finanzieren soll. Weil es billiger ist. Es ist dann nicht nur billiger für Deutschland, sondern für viele andere Länder, dass man sich zusammen verschuldet und diese Schulden zusammen zurückbezahlt."

Scheideweg für Europa

Otero spricht von den Eurobonds oder Coronabonds. Den als Alternative diskutierten Europäischen Stabilitätsmechanismus, den ESM, lehnt der Politologe zwar nicht kategorisch ab, doch er schlägt eine Reform vor. Den Finanzministern sollte die Kontrolle über dieses Instrument entzogen werden

"Das könnte man dann verbessern, wenn der ESM dann eine europäische Institution werden könnte. Ich glaube, man könnte hier wirklich eine goldene Mitte finden."

"Wir stehen am Scheideweg. Die Frage ist: Welchen Weg schlagen wir ein? Welche Antwort geben wir", fragt hingegen Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez. Sein enttäuschter Ton schwingt seit Beginn der Coronakrise auch in den spanischen Medien mit, wenn sie über Europa berichten. Die niederländische und deutsche Haltung gegenüber dem Süden Europas wird als hartherzig wahrgenommen.

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"Spanien wird nicht auf die Eurobonds verzichten. Die Kosten dieser Krise in unseren Haushalten müssen Gemeinschaftsschulden sein, denn sie betreffen die gesamte Europäische Union. Wir sind aber auch ein pragmatisches Land. Wir können Formeln finden, die Schritte in diese Föderalisierung und Integration Europas bedeuten würden. Aber Spanien wird nicht auf die Eurobonds verzichten, weil das Solidarität bedeutet. Das ist Europa."

Dennoch haben sich die europäischen Finanzminister jetzt drauf geeinigt, die Debatte um gemeinsame Anleihen zu vertagen. Dafür gibt es Kredite der Europäischen Investitionsbank für kleine und mittlere Unternehmen, die wegen der Coronakrise in Schwierigkeiten geraten sind, es wird EU-Zuschüsse zum Kurzarbeitergeld geben und der Europäische Stabilitätsmechanismus darf Kredite vergeben ohne die gefürchteten Sparauflagen aus den Zeiten der Finanzkrise. Insgesamt beläuft sich dieses Paket auf 500 Milliarden Euro. Doch Spaniens Regierungssprecherin und Finanzministerin María Jesús Montero macht klar, Spanien erwartet später auch einen Wiederaufbauplan:

"Spanien wird weiterhin auf einer Vergemeinschaftung von Schulden bestehen. Nur damit kann Europa eine gemeinsame und koordinierte Antwort auf die größte gesundheitliche Herausforderung geben, die Europa, die die Welt jemals gehabt hat. Spanien will weiterhin daran arbeiten, im europäischen Rahmen die wirtschaftlichen und sozialen Folgen dieser Pandemie aufzufangen. Je stärker Europa ist, um so stärker ist Spanien. Und um so stärker Spanien ist, um so besser kann es zum Aufbau Europas beitragen."

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