Dienstag, 17. Mai 2022

Spitzensportreform in Deutschland
Welche Auswirkung die PotAS-Bewertungen auf die Sommersportarten hat

Deutschland ist längst nicht mehr Weltspitze bei den Sommersportarten. Damit es wieder aufwärts geht mit dem Spitzensport in Deutschland, setzen die Verantwortlichen auf das Potenzialanalysesystem PotAS. Das führt zu Diskussionen, denn – wie immer im Sport – gibt es Gewinner und Verlierer.

Von Wolf-Sören Treusch | 14.05.2022

Ohne Spitzensportreform wird Deutschland weniger Olympiasieger wie Tennisprofi Alexander Zverev haben.
Stolz präsentiert Alexander Zverev in Tokio seine olympische Goldmedaille. (imago images/Paul Zimmer)
PotAS wirkt. Die Spitzensportreform in Deutschland lässt zwar weiter auf sich warten, die Bewertungen des so genannten Potenzialanalysesystems, kurz PotAS, schlagen sich aber bereits auf die Fördersummen der einzelnen Sportverbände nieder. Wer oben steht im PotAS-Ranking, erhält mehr. So verzeichnet der auf Platz eins stehende Deutsche Leichtathletikverband ein Plus von zwölf Prozent. Verhaltene Freude beim Vorstandsvorsitzenden Idriss Gonschinska:
„Zwölf Prozent im Vergleich zu 2019 und Gleichstand im Vergleich zu den letzten Jahren durch die Rückführmittel und die Sonderförderung, die eingebracht wurde, insofern kann man in Summe davon noch nicht sprechen.“

Basketball steht im Ranking ganz unten

Der Generalsekretär des Deutschen Basketball Bundes Wolfgang Brenscheidt dagegen ist enttäuscht. Sein Verband steht ganz unten im PotAS-Ranking, die junge Trendsportart 3x3 Basketball im schlimmsten Fall auf der Kippe. „Wir haben jetzt natürlich mit substanziell hohen Einschränkungen zu kämpfen, in der Größenordnung: knapp 400.000 Euro, fast an die 60 Prozent der Förderung, aber nichtsdestotrotz lassen wir uns jetzt nicht beirren, werden wir weiterarbeiten.“
In diesem Jahr steht für die Basketballer eine Heim-Europameisterschaft an. Das für den Sport zuständige Bundesministerium des Innern (BMI) und der Deutsche Olympische Sportbund DOSB nehmen die PotAS-Daten und -Analysen mit in die Förderkommission. Dort wird abschließend über die anzustrebende Förderungshöhe für die Spitzenverbände im jeweiligen Olympischen Zyklus entschieden. 

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Basketballfunktionär Brenscheidt hofft, dass es für die Bewertung seiner Sportart noch Spielraum gibt. Individual- und Mannschaftssport seien nicht vergleichbar, argumentiert er, Erfolgsaussichten und Kaderpotenzial im Basketball schwer messbar.
„Es ist ein Unterschied im Profisport, ob sie nur einmal alle vier Jahre eine Chance haben, an einem bestimmten Termin die Olympia-Quali zu schaffen, bis hin zu Fragen: Wie viele Startplätze gibt es? Wie ist die Konkurrenzsituation in der Welt? Da haben wir einige Eingaben gemacht, uns stehen ja teilweise Weltklasseathleten über einen großen Zeitraum gar nicht zur Verfügung. Weil zum Beispiel in den Fenstern, wo wir um WM- und EM-Quali spielen, die NBA-Spieler, und davon hat Deutschland sieben, nicht zur Verfügung stehen.“

Nach der Analyse steht pro Verband ein Wert

PotAS, das ist das Herzstück der deutschen Spitzensportreform. Seit fünf Jahren analysiert eine unabhängige Kommission die Chancen der olympischen Disziplinen. Sportliche Erfolge, Kaderpotenzial und Verbandstrukturen werden ausgewertet, am Ende des komplizierten Verfahrens steht pro Verband ein Wert. Anpassungen seien möglich, sagt der Leiter der Kommission Urs Granacher von der Universität Potsdam, PotAS sei ein lernendes System. Aber am Ende zähle eben vor allem der Erfolg, egal ob in der Einzelsportart oder mit der Mannschaft.
„In Tokio war es so, dass keine Mannschaftssportart eine Medaille gewonnen hat. Männerhockey, das waren die besten mit Platz vier. Das ist gut, aber der Erfolg spielt im Moment tatsächlich den größten Faktor in Bezug auf das Abschneiden dieser Mannschaftssportarten.“

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Noch weiß niemand, wie die vor sechs Jahren gestartete Spitzensportreform in Deutschland exakt aussehen wird. BMI und DOSB kommen in der Frage kaum voran. PotAS jedoch wird mittlerweile als wichtiger Teil des Qualitätsmanagements in der deutschen Sportwelt akzeptiert. Auch wenn es weiterhin Kritik gibt an einzelnen Bewertungsgrundlagen.

Sabine Poschmann (SPD) fordert öffentliche Debatte

In der vergangenen Woche lud der Sportausschuss des Bundestages eine Reihe von Sachverständigen zu dem Thema ein. Fraktionsübergreifend waren sich die Politikerinnen und Politiker hinterher einig: PotAS sei kein Allheilmittel, aber eine gute Basis. Jetzt müssten die Ziele präzisiert werden, so die sportpolitische Sprecherin der SPD, Sabine Poschmann.
„Wenn wir sagen, wir wollen mehr Erfolge durch Medaillen sehen, wie definieren wir das? Also wollen wir da an der Spitzengruppe anknüpfen, was ich glaube, schwer möglich ist - wollen wir unter die ersten zehn? Wollen wir mehr in die Breite? Das ist noch nicht ausdiskutiert und festgelegt, das ist im Moment halt nur diese Zielsetzung: mehr Erfolge, natürlich einen sauberen Sport, nicht auf Kosten der Athleten, das ist etwas zu allgemein.“

Tina Winklmann (Bündnis 90/Die Grünen) will Spitzensport und Breite

Die Finanzmittel jedoch fließen seit diesem Jahr schon abhängig vom PotAS-Ranking. Tina Winklmann von Bündnis 90/Die Grünen ist gespalten: Spitzensport ja, aber sie plädiert auch für die Vielfalt im Sport: „Wir sind eine Sportnation. Wir haben wunderbare Sportler:innen, wir haben hervorragende Sportstätten, wir möchten das auch der Welt zeigen. Und wenn wir den Breitensport vergessen, dann habe ich keinen Nachwuchs. Aber wenn ich die Spitze nicht habe, habe ich nicht das Idol, habe ich nicht das Poster im Kinderzimmer, und das brauche ich um zu sagen: ich mache das auch mal.“

Trübe Aussichten für den Medaillenspiegel

Klar ist: Um wieder annähernd so erfolgreich zu sein wie beispielsweise 1992 bei den Sommerspielen von Barcelona, muss es jetzt schnell gehen. Damals gewann das wiedervereinigte deutsche Team 82 Medaillen. Seitdem wurde die Zahl stetig kleiner.
Hält dieser Trend an, rechnet Urs Granacher vor, dann werden es: „31 in Paris, 26 in Los Angeles und 20 in Brisbane", prognostiziert Granacher für die kommenden drei Sommerspiele bis 2032. „Wenn wir das vermeiden wollen, ist jetzt höchste Eisenbahn, etwas zu tun. Da wird PotAS alleine nicht ausreichen können. Da braucht es ein konzertiertes Vorgehen.“ Verlierer dieser Entwicklung könnte am Ende die Vielfalt des Sports sein. Erfolglose Disziplinen werden bald noch weniger Geld erhalten.