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Der Fall Neymar
Brasiliens rechte Fußballstars

Brasiliens Superstar Neymar hatte vor Turnierbeginn - und seiner Verletzung - angekündigt, sein erstes Tor dem rechtsextremen Noch-Präsidenten Jair Bolsonaro zu widmen. Dieser hatte vor wenigen Wochen die Wahl gegen Herausforderer Lula verloren. Aber warum hat Bolsonaro in der Nationalmannschaft so viele Unterstützer?

Von Carsten Wolf und Niklas Franzen | 26.11.2022
Collage von Jair Bolsonaro, rechtspopulistischer Präsidentschaftskandidat (l.) und Neymar Jr., Fußballstar und Unterstützer Bolsonaros.
Neymar (r.) hat während des Wahlkampfs den Präsidentschaftskandidaten und amtierenden Präsidenten, den Rechtspopulisten Bolsonaro, unterstützt. (AFP / NELSON ALMEIDA ANNE-CHRISTINE POUJOULAT)
Brasiliens Superstar Neymar postete kurz vor der Präsidentenwahl ein Video. Lachend sitzt er in einem Drehstuhl und wippt zur Musik. Mit seinen beiden Händen zeigt er eine 22. Das ist die Wahlnummer von Bolsonaro. Und Neymar ist ein großer Fan. Das TikTok-Video schlug ein wie eine Bombe. Neymar unterstützt den rechtsextremen Präsidenten. Später plauderte der Stürmer von Paris Saint Germain mit Bolsonaro direkt in einem Livestream.
Ich wollte unseren Präsidenten irgendwie unterstützen. Wir wissen, was das Beste für Brasilien ist.“ Und Bolsonaro freute sich über die Unterstützung: „Es wurde zum Trend. Cool. Hahahahaha.“
In dem Gespräch deutete Neymar auch an, sein erstes Tor bei der WM in Katar Bolsonaro zu widmen. Millionen sahen die Videos. Und auch seine Bolsonaro-freundlichen Posts auf Instagram. Dort hat Neymar rund 180 Millionen Follower. Wichtige Unterstützung für den amtierenden Präsidenten Brasiliens. Trotzdem verlor Bolsonaro eine Woche später knapp die Stichwahl gegen den Sozialdemokraten Lula.
Er hat mit Leib und Seele eine faschistische Regierung unterstützt“: So sieht das Walter Casagrande. Er ist ehemaliger Nationalspieler Brasiliens. Heute arbeitet er als Kommentator für das Fernsehen. In seiner aktiven Zeit als Fußballprofi setzte er mit einigen Mitspielern auf dem Platz Zeichen gegen Brasiliens Militärdiktatur. Er gilt als scharfer Kritiker Neymars und Bolsonaros. Der Präsident hatte in den letzten Jahren die Militärdiktatur immer wieder verherrlicht.
Auch Gerd Wenzel erlebte die Diktatur am eigenen Leib. Der bekannte Fußballkommentator ist gebürtiger Deutscher, lebt seit seiner Kindheit aber in Brasilien. Während der Diktatur arbeitete Wenzel als Pastor. Mehrfach wurde er verhaftet. "1970 wurde Brasilien bei der WM in Mexiko zum dritten Mal Weltmeister. Und die Militärregierung nutzte den Titel für die eigene Propaganda. Das passierte jetzt wieder mit Bolsonaro. Die Regierung hat die Nationalmannschaft in den letzten vier Jahren für ihre Zwecke missbraucht." 

Viele brasilianische Fußballer ticken rechts

Neymar ist nicht der einzige WM-Spieler Brasiliens, der Bolsonaro unterstützt. Auch Kapitän Thiago Silva und Abwehrspieler Dani Alves sympathisieren ganz offen mit dem rechtsextremen Präsidenten. Warum ticken so viele brasilianische Fußballspieler rechts?
Die große Mehrheit der Spieler stammt aus armen Familien. Sie gehen nach Europa. Dort verdienen sie viel Geld und vergessen ihre Wurzeln“, sagt der ehemalige Fußballspieler Walter Casagrande. "30 Millionen Brasilianer hungern. Aber die Spieler im Ausland leben gut. Für sie muss sich in Brasilien nichts ändern. Es ist ein riesengroßer Egoismus."
Aber Casagrande glaubt auch nicht, dass viele Spieler überzeugte Bolsonaro-Anhänger sind. Ich weigere mich zu glauben, dass sie wirklich wissen, was Faschismus ist. Die große Mehrheit schwimmt mit dem Strom.“

Bolsonaro nutzt die Religion

Eine weitere Erklärung ist die Religion. Die ultrakonservativen Pfingstkirchen haben immer mehr Zulauf in Brasilien, in zehn Jahren könnten sie zur größten Religionsgemeinschaft werden. Gerade in den armen Vorstädten sind die Kirchen beliebt. Viele Fußballspieler sind in diesem Umfeld groß geworden. Der Fußballkommentator Casagrande meint: "Sie unterstützen Bolsonaro, weil er von Gott spricht. Aber das ist eine Lüge. Er benutzt den Glauben, um die Menschen zu manipulieren."
Manche Spieler könnten auch persönliche Gründe haben, den Präsidenten zu unterstützen. Es gibt Spekulationen über einen Steuer-Deal zwischen Neymar und Bolsonaro. Vor drei Jahren nahm Bolsonaro Neymar öffentlich in Schutz, als Vergewaltigungsvorwürfe gegen diesen laut wurden. Ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wurde eingestellt. Der Präsidenten hilft den Spielern. Und die helfen später dem Präsidenten.
Aber nicht alle Nationalspieler unterstützen Bolsonaro. Zum Beispiel Tottenham-Stürmer Richarlison. Er schoss beim ersten WM-Spiel der Brasilianer zwei Traumtore und sorgte für den 2:0-Sieg gegen Serbien. Außerhalb des Platzes gilt er als Bolsonaro-Kritiker. Viele sehen in ihm den neuen Hoffnungsträger. Er engagiert sich gegen Rassismus und für den Umweltschutz. Reporterlegende Gerd Wenzel sagt: Er spendet 10 Prozent seines Gehalts für soziale Projekte. Damit ist er eine große Ausnahme.“
Im fußballverrückten Brasilien spielt Kritik am WM-Gastgeberland Katar kaum eine Rolle. Über die katastrophale Menschenrechtssituation und die Korruption wird kaum diskutiert. Eine große Debatte aber gibt es über das gelb-grüne Nationaltrikot der Seleção. Es wird liebevoll „Amarelinha“ genannt, also das „kleine Gelbe“. In den letzten Monaten ist es zum Symbol des Bolsonarismus geworden. Regelmäßig gehen die Anhänger des Präsidenten in gelben Fußballtrikots auf die Straße, blockieren Autobahnen, belagern Armee-Stützpunkte. Einige stellen das Wahlergebnis in Frage und fordern ganz offen ein Eingreifen des Militärs.

Bolsonaro-Anhänger tragen Nationalmannschafts-Trikot

Auf allen ihren Demonstrationen tragen die Bolsonaro-Anhänger das Nationaltrikot. Sie haben das Trikot gekapert“, sagt Kommentator Gerd Wenzel. Der brasilianische Fußballverband CBF versucht nun, das Trikot mit einer Imagekampagne zu entpolitisieren.
Ob das Erfolg haben wird, ist offen. Besonders wenn Nationalspieler Neymar sein erstes Tor wirklich Bolsonaro widmen sollte, sofern er nach seiner Knöchelverletzung wieder einsatzbereit ist und zu einem Tor kommt. Dann dürfte der Streit über die rechten Statements der Nationalspieler neu aufflammen. Trotz aller Kritik. Der ehemalige Nationalspieler Walter Casagrande wird die WM im Fernsehen verfolgen, allerdings mit gemischten Gefühlen: „Ich verspüre keine Liebe für diese Nationalmannschaft, ich finde sie unsympathisch. Aber ich hoffe trotzdem, dass Brasilien den Titel gewinnt.”