Donnerstag, 02. Februar 2023

Sport und Demokratie
Amesberger: Sportförderung ist "kein demokratischer Vorgang"

Der Sport droht aufgrund von wirtschaftlichen und politischen Interessen instrumentalisiert zu werden. Für mehr Demokratie seien deshalb Werte wie Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität wichtig, sagt der Sportwissenschaftler Günter Amesberger.

Günter Amesberger im Gespräch mit Matthias Friebe | 08.01.2023

Porträt des Sportwissenschaftlers Günter Amesberger
Sport sei im demokratischen Verständnis ein Bildungsauftrag, sagt der Sportwissenschaftler Günter Amesberger (imago/ GEPA pictures)
Der Sport habe viele Aspekte der Freiwilligkeit, sagt der Sportwissenschaftler Günter Amesberger von der Universität Salzburg. "Jede Sportlerin, zumindest in einer Demokratie, entscheidet sich selbst für diesen Sport und weiß daher, was hier zu erwarten ist. Dass natürlich innerhalb des Sportsystems demokratische und auch autokratische Strukturen herrschen - diese Ambivalenz ist in vielen Situationen bekannt", sagt Amesberger.
Sport sei im demokratischen Verständnis ein Bildungsauftrag, "indem Menschen ihre Persönlichkeit und auch hier Sozialverhalten entwickeln können", sagt Günter Amesberger. Neben dem Gewinnen sei auch die Fairness ein ganzer wichtiger Parameter, an dem Sport letztlich gemessen werde. "Daran ist zu sehen, dass wir uns das letztlich nicht leisten können. Die Skandale sind auch entsprechend bekannt, wenn stark von Menschenrechten im Sport abgewichen wird", sagt der Sportwissenschaftler. Letztlich würden über den Sport natürlich auch humane und soziale Interessen transportiert.

Sport wird häufig instrumentalisiert

Das zeigt sich gerade immer wieder bei Großveranstaltungen. Der Sport wird gerade dann häufig instrumentalisiert, sowohl von Autokratien als auch von Demokratien. Sportliche Erfolge bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften heften sich viele Länder und viele Regierung auf ihre Fahnen. Das zeigten die Olmypischen Spiele 1972 in München mit ihren Wettbewerben zwischen den beiden beiden deutschen Staaten im Kalten Krieg. Oder aber die Olympischen Winterspiele von Sotschi, wo es Wladimir Putin wohl weniger um den Sport ging. Auch das Beispiel der ehmaligen Schwimmerin Alexandra Herasimenia aus Belarus zeigt, wie schnell Sportler und Sportlerinnen zu Staatsfeinden werden können. Herasimenia zählte jahrelang zu den erfolgreichsten Athletinnen der belarussischen Sportgeschichte - bis sie sich gegen Machthaber Lukaschenko stellte.
Aus Sicht des Sportwissenschaftlers ist es gerade deshalb wichtig, die drei Grundwerte des Menschen - Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Solidarität - "in ein Sportsystem hineinzutragen, das aufgrund von wirtschaftlichen und politischen Interessen droht, instrumentalisiert zu werden."

Demokratien haben mehr Chancen

Demokratien glaubt der Sportwissenschaftler, "haben mehr Chancen, sich mit dieser Instrumentalisierung auseinanderzusetzen und selbst Entscheidungen zu treffen". Da sei natürlich eine große Chance. Aber, so Amesberger: "Politik möchte Erfolge sehen und wir wissen Sportförderung funktioniert im Wesentlichen nach dem Erfolgsprinzip. Es werden die Sportarten gefördert, die olympisch sind, werden ganz besonders gefördert. Dort, wo Medaillenchancen bestehen, rinnt noch einmal mehr Geld rein. Das ist in sich kein sehr demokratischer Vorgang."