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StartseiteCampus & KarriereSprache als Brücke13.11.2013

Sprache als Brücke

Rentner betreuen ausländische Studierende bei Abschlussarbeiten

Damit ausländische Studierende ihre Abschlussarbeiten in fehlerfreiem Deutsch abgeben können, helfen Senioren ihnen bei Formulierungen und betreuen sie. Das Projekt aus Freiberg bringt nicht nur sauber formulierte Doktorarbeiten - es entstehen auch Freundschaften.

Von Ronny Arnold

Ausländische Studenten bekommen Hilfe bei der Arbeit an ihrer Dissertation. (AP)
Ausländische Studenten bekommen Hilfe bei der Arbeit an ihrer Dissertation. (AP)

"Komisch, egal aus welchem Land, ausländische Studierende bauen unheimliche Schachtelsätze. Sodass man, wenn man anfängt den Satz zu lesen, am Ende gar nicht mehr weiß, worum geht es eigentlich."

Hannelore Uhlig weiß, wovon sie spricht, denn die sympathische Rentnerin aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Freiberg hat mittlerweile einige Haus- und Doktorarbeiten gelesen - und korrigiert. Drei ausländische Studierende betreute sie in den letzten drei Jahren: einen Russen, eine Chinesin, zuletzt die Syrerin Eva Abdullah. Die hat gerade ihre Dissertation am Institut für Maschinenelemente eingereicht. Ein Kraftakt, so die 38-Jährige, natürlich wegen der schwierigen deutschen Sprache, vor allem aber wegen ihrer drei Kinder, die viel Zeit benötigen. Ohne Hannelore Uhlig läge die Arbeit wohl immer noch unfertig auf Eva Abdullahs Schreibtisch.

"Ich habe vor zwei Jahren den ersten Teil Frau Uhlig abgegeben. Aber damals war ich schwanger, hatte immer schlechte Laune. Aber Frau Uhlig hat immer gesagt: Eva, du schaffst das und deswegen habe ich das letztendlich geschafft."

"Sprache ist Brücke", so heißt die soeben ausgezeichnete Initiative an der TU Freiberg, über die sich Eva Abdullah und Hannelore Uhlig kennengelernt haben. Zuerst ging es um ein wenig Hilfe bei der Abschlussarbeit, doch daraus wurde schnell mehr. Der Bürgerkrieg in Syrien beschäftigte sie bald mehr als die Dissertation, heute sind die Uhligs für Eva Abdullah, ihren Mann und die Kinder fast schon eine Ersatzfamilie.

"Seit dem Anfang der Krise in Syrien konnte ich meine Eltern, meine Familie nicht besuchen. Dann fand ich Familie Uhlig wie meine Eltern, wie meine Familie hier in Deutschland. Sie passen auf meine Kinder auf, sie laden uns immer ein, das ist sehr toll. Deswegen haben wir kaum Heimweh."

Neben Hannelore Uhlig machen aktuell noch 30 weitere Freiberger beim Sprachtutoren-Programm mit. Natürlich hätten nicht alle Betreuer ein so herzliches Verhältnis zu ihren Studierenden, meint Kirsten Hutte, doch die meisten Patenschaften gingen schon über das einfache Korrekturlesen hinaus. Hutte gehört zum Verein Lichtpunkt, sie betreut das vor dreieinhalb Jahren gemeinsam mit der TU Freiberg ins Leben gerufene Projekt.

"Wir haben damals gerade ein Projekt gehabt, mit dem wir Menschen am Übergang ins Rentenalter angesprochen haben, sich vielleicht ehrenamtlich zu betätigen. Und wir haben mit der ersten Pressemitteilung auf einen Schlag 20 Tutoren gehabt. Der größte Teil ist schon so ab 55, 60, aber die Altersspanne ist momentan von 23 bis 77 Jahre. Grundtenor ist schon, helfen zu wollen und spielt natürlich auch der Fakt eine Rolle, dass die Studenten halt junge Leute sind, aus dem Ausland kommen und einen interessanten Hintergrund mitbringen."

Für die Studierenden sei "Sprache ist Brücke" eine große Hilfe, ihre Arbeiten gewinnen an Qualität, erklärt Manuela Junghans von der TU Freiberg, die sich aktuell um ca. 700 Internationale kümmert. Fast 200 haben seit dem Start am Programm teilgenommen.

"Hauptsächlich sind es ausländische Studierende in den deutschsprachigen Studiengängen, die ihre Abschlussarbeiten in korrektem Deutsch dem Betreuer vorlegen möchten. Hinzu kommen auch Studierende, die sich bewerben für Jobs oder Stipendien."

Das Projekt begann als Tutorenprogramm, mittlerweile gehören vier weitere Teile dazu: ein Patenprogramm, in dem gezielt Deutsch gepaukt wird und ein Sprachtandem, in dem die deutschen Partner Chinesisch, Polnisch, Russisch oder Arabisch lernen. Ab und an laden die Studierenden zum Märchenabend, lesen Geschichten aus ihrer Heimat. Alle zwei Monate berichten die ausländischen Studierenden den Tutoren und Paten von ihren Heimatländern. Eva Abdullah hat für diese Zusatzprogramme wenig Zeit, leider, wie sie meint. Dafür habe sie Hannelore Uhlig, mit der sie über alles reden könne.

"Wenn ich Probleme habe, nicht bezüglich meiner Doktorarbeit, dann erzähle ich das Frau Uhlig einfach, wie einer Schwester oder Mutter, das macht mich zufrieden."

Sichtlich gerührt lauscht Hannelore Uhlig Eva Abdullahs herzlichen Worten. Es mache sie unheimlich stolz, das zu hören, so die Freibergerin – und gleichzeitig ein wenig betroffen.

"Wir haben leider keine Enkel, also ist das für uns auch ein gewisser Ersatz. Und wir sind unheimlich froh, dass wir damit doch ein bisschen helfen können über die Schwierigkeiten hinweg zu kommen. Und am meisten würde mich freuen, wenn sie irgendwann in ein friedliches Syrien zurück können und wir sie dort besuchen können."

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