Sonntag, 29. Mai 2022

Christopher Ecker: “Herr Oluf in Hunsum”
Sprung ins Freie

Die akademische Tagung als Fegefeuer: Der manische Kunstgeschichtsprofessor Oluf Sattler erlebt Höllenqualen im Schlangenpfuhl des Uni-Betriebs, wo Applaus eine Form des Mobbings sein kann.

Von Jan Drees | 10.01.2022

Ein Portrait de sschriftstellers Arne Rautenberg und das Cover seines Romans "Herr Oluf in Husum"
Ein Kongress mit Folgen (Cover Mitteldeutscher Verlag / Autoren Portrait (c) Arne Rautenberg)
Oluf Sattler, pardon, Professor Oluf Sattler – das betont er permanent – Professor Oluf Sattler, tätig an einer Provinzuniversität, hat ein Problem. Eigentlich soll er an diesem Wochenende im angeblich niedersächsischen und tatsächlich nur im Roman existenten Hunsum einen zehnminütigen Impulsvortrag bei einer Wissenschaftstagung halten „zum Abstauben von Fördergeldern“, so lautet der Auftrag seines kunstgeschichtlichen Instituts. Doch dann werden seine Frau Miriam und das kleine Baby fürchterlich krank und liegen mit hohem Fieber im Bett. Ob er am nächsten Tag dennoch fahren könnte, fragt der Gatte.
„Das musst Du selber wissen“, antwortet daraufhin seine Frau, schlägt ihm die Tür vor der Nase zu und Professor Oluf Sattler steckt in der Klemme. Mit dem Zuschlagen dieser Tür, dem, wie später klar wird, Ende einer Ehe, beginnt diese aberwitzige Geschichte, die auf den folgenden 220 Seiten von der Neuerfindung eines eigentlich armen Würstchens erzählt. Doch zunächst befürchtet der feige Akademiker noch, sein Gesicht zu verlieren, und statt zu handeln, steht er unbeholfen im Türrahmen des ehelichen Schlafzimmers, um sich zu erklären.
„’Wäre das irgendein x-beliebiger Vortrag, würde ich ihn sofort absagen. Aber das ist eine Sache, die ich einfach nicht canceln kann.’ Canceln, denkst du, ich habe eben ‚canceln’ gesagt, was ist bloß los mit dir?“

Pinselgenau Vermeer

Was ist bloß los mit diesem Herrn Oluf, der sich frühmorgens aus dem Haus schleicht und im Mietwagen Richtung Nordseeküste fährt, die kranke Familie zurücklassend, den Kopf voller Gedanken, Selbstvorwürfen, Ängsten und vor allem: voll von kunstbeflissenen Assoziationen. An diesen transistorischen Moment der Überfahrt entzündet sich das entfesselte Spiel mit Querverweisen.
„Schon zum zweiten Mal an diesem Vormittag erinnert dich etwas an Vermeer. Dieses Mal ist es der morgendliche Himmel über der Autobahn, genauer gesagt, eine gewisse scherenförmige Wolkenkonstellation, die pinselgenau aus Vermeers ‚Ansicht von Delft’ zu stammen scheint.“
Dieses Bild wiederum hat durch Marcel Proust literarischen Weltruhm erlangt. Und mit jedem Kilometer, den Herr Oluf zurücklegt, wird klarer, dass hier nicht nur ein idiosynkratischer Doppeldenker das Weite sucht. Immer deutlicher wird auch, dass einer hochkomplexen, mannigfach verstrickten Figur haufenweise lang Verdrängtes auf die Füße fällt – die Seitensprünge, die Feigheiten und Fluchten, der Selbstbetrug. Verdrängtes, das sich nicht mehr mit Zitaten und Anekdoten überspielen lässt. Zwischen Akademikertalk, Vortragsattitüde und Antragsprosa, zwischen bissigen Gesprächen und erbitterter Konkurrenz gewahrt der Professor in Hunsum, dass er, vor den Trümmern seines verkorksten Lebens stehend, etwas völlig Neues wagen muss.
„In einem Roman hast du mal gelesen, dass man niemals eine Ratte in die Ecke drängen sollte, weil sie einem dann nämlich ins Gesicht springt, um sich festzubeißen. ‚Aus einer ausweglosen Lage’, sagst du und verhinderst mit einer wedelnden Handbewegung, dass sich die Aufzugstür schließt, ‚kommt man nur durch einen Sprung ins Freie.’”

Sie war wie ein Kätzchen

Während Oluf Sattler vergeblich versucht, von Hunsum aus seine Frau zu erreichen, wird er von einem immer stärker werdenden Sog ins Lebensgefährliche hinausgezogen, wie ein Schwimmer, der vom Gezeitenstrom mitgerissen wird. In der Tat gehören das Meer und seine unheilbringende Kraft zu den zentralen Motiven dieser vielschichtig konstruierten, durchweg schrecklich amüsanten Geschichte, die weithin in der zweiten Person Singular quasi direkt angeschlossen an die Gedanken des Professors erzählt.
Er spricht sich selbst als ein „Du“ an, das mal das Tagungsgeschehen kommentierend, dann Dialoge aus Sattlers Paartherapie rekapitulierend, zwischendurch eine spiegelbildliche Krimihandlung einflechtend und von einem fatalen Frankreichtrip zu Abizeiten berichtend – selbstverständlich mit einem bezaubernden Mädchen voller Charme, Elan und zwei seltenen Gaben:
„Man fühlte sich wohl in ihrer Gesellschaft und sie verstand es zu schnorren. Mal kam sie mit einem Kuchen an, mal mit zwei Flaschen Cidre, mal mit einer Pfanne Bratkartoffeln, mal mit einem Kätzchen, das in der Nacht davonlief. Jeder von euch wollte mit ihr allein sein, doch dazu kam es selten. Gerecht verteilte sie ihre Gunst. Mal saß sie auf diesem Schoß, mal auf jenem, fast wie das Kätzchen, das sie angeschleppt hatte, doch im Unterschied zu diesem war sie morgens, wenn ihr erwachtet, noch da, saß rauchend im Schneidersitz vor dem Zelt und begann ohne Punkt und Komma zu reden, sobald ihr den Reißverschluss öffnetet.“

Kunst ist kein Opossum

In Frankreich stand das Leben offen. An Herrn Olufs Wochenende in Hunsum, Jahrzehnte später, schlägt zuerst die besagte Tür zu, bevor die Falle zuschnappt. Die Wirklichkeit des Professors ist von seinen Phantasmen und Imaginationen bestimmt. Seine Welt ist hauptsächlich in seinem Kopf, wo der Schnelldenker und Nixmerker immer wieder neu den Einstieg seines lächerlich kurzen Impulsvortrags variiert, sich in abstruse Metaphern versteigt und wahnhaft glaubt, er stünde vor einem der glorreichsten Momente seiner Karriere.
Während das Meer an Hunsums Deichkanten schlägt, sprudelt es im heißlaufenden Hirn des Professors, bis es nur noch Banalitäten produzieren kann. So wird Herr Oluf später dastehen und dem Auditorium erklären, was Kunst keinesfalls ist – nämlich nicht das Leben, nicht die Wall Street, kein Opossum – um sich vollkommen zu verrennen, wenn seine Ausführungen nicht wie erwartet gelöstes Lachen, sondern stattdessen eisiges Schweigen zur Folge haben.
„Deine Augen tränen. Deine Nase fängt an zu laufen. Es wird laut gelacht. Im Bühnenflüsterton sagt jemand: ‚Wo hat der denn die letzten Jahre verbracht? In einem Bunker tief unter der Erde?’ Du räusperst dich unwillkürlich, weißt genau, wer das geflüstert hat, ein Dolchstoß. In diesem Moment stehen in der vorletzten Reihe zwei Personen auf und verlassen den Raum.“

Endlich verdiente Ruhe

Es gibt keine Buhrufe in der Akademie. Professor Oluf Sattler wird nicht beschimpft, sondern – noch demütigender – ausgeklatscht, damit er endlich aufhört zu reden. Das ist ein Tiefpunkt der geschilderten Verwicklungen, die im leichten Ton von Eitelkeiten berichten, von Tod und Sterben, von Kabale und Liebe und von einem vorgespielten Leben, das seine besten Bühnenjahre hinter sich hat. Passt das alles in einen kleinen Roman?
Es passt, ohne zu knirschen. Der Plot nimmt noch die wildeste Wendung mühelos. Und nachdem er seinen Helden Richtung Abgrund getrieben, ihn gedemütigt und beschämt, der Lächerlichkeit preisgegeben und durch alle bekannten Höllenkreise geschickt hat, wird er zum Ende versöhnlich. Am Horizont erscheint nach dem Chaos die Schönheit der Chance zum besseren Leben, sodass mit dem letzten Satz nicht nur ein rasanter Roman, sondern möglicherweise auch Herr Professor Oluf Sattler zur verdienten Ruhe findet.
Christopher Ecker: „Herr Oluf in Hunsum
Mitteldeutscher Verlag, Halle.
234 Seiten, 20 Euro.