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Sri Lanka Übergriffe auf Kirchen und Moscheen

"Angriffe auf Kirchen in Sri Lanka nehmen zu", stellt die Menschenrechtsorganisation Open Doors fest. Sri Lanka versteht sich zwar als multireligiöse Demokratie, mit über 70 Prozent stellen singhalesische Buddhisten aber die überwiegende Mehrheit der Gläubigen dar. Die Religionsfreiheit der Minderheiten wird immer mehr eingeschränkt.

Von Nina Waldorf | 03.03.2014

Während auf der Tropeninsel der Tourismus boomt, schwelen die alten ethnischen Konflikte zwischen der singhalesisch-buddhistischen Mehrheit und der tamilisch-hinduistischen Minderheit. In jüngster Zeit kommt jetzt auch vermehrt zu Übergriffen extremistischer Buddhisten auf christliche und muslimische Gemeinden.
Lautstarker Protest Mitte Januar auf dem Weg zu einer evangelischen Kirche in Hikkaduwa an der Südküste von Sri Lanka, eine Region, die bei Touristen besonders beliebt ist. Die Lautsprecher, die man hier in dem Fernsehbeitrag eines kleinen privaten Senders hört, sind auf einem der landesüblichen Dreirad-Taxis montiert, dahinter buddhistische Mönche, die eine Menschenmenge anführen, flankiert von vereinzelten Polizisten in Uniform.
Vandalismus in Kirchen nimmt zu
Was friedlich begann, schlägt bei der kleinen Kirche in Zorn und Vandalismus um. Steine fliegen gegen die Fenster, Glas splittert: Die Mönche und der Mob haben die Kirchentüren aufgebrochen und stürmen einfach an den halbherzig agierenden Polizisten vorbei. Johlend zertrümmern sie Stühle und Bilder, Schränke werden geplündert, einige der Bibeln finden sich nach Presseberichten später halb verkohlt auf den nahen Bahnschienen wieder.
Für Albert Jebanesan, Bischof der Methodistischen Kirche von Sri Lanka (MC-SL), sind solche Ereignisse längst keine Einzelfälle mehr:
"Nach 2009 haben solche Übergriffe gegen Kirchen und muslimische Moscheen zugenommen, seit dem Ende des Krieges, aber jetzt erleben wir die Umsetzung eines systematischen Plans. Anfangs hieß es, das richtet sich nur gegen die kleineren 'neuen Kirchen' wie Charismatiker und Pfingstler, weil sie Buddhisten zum Christentum bekehren würden - auch mit materiellen Anreizen - das wurde 'unethische Bekehrung' genannt. Aber heute sind auch die großen Kirchen betroffen."
"Angriffe auf Kirchen in Sri Lanka nehmen zu", stellt auch die Menschenrechtsorganisation Open Doors fest. In ihrem Anfang Januar in Berlin vorgestellten "Weltverfolgungsindex 2014" taucht erstmals seit Jahren Sri Lanka wieder auf. Es hat auf Anhieb Platz 29 unter den 50 gelisteten Ländern erreicht, direkt hinter dem großen Nachbarn Indien - eine traurige Bilanz.
Sri Lanka versteht sich zwar als multireligiöse Demokratie, mehr als 70 Prozent der Bevölkerung sind singhalesische Buddhisten, 12 Prozent tamilische Hindus, knapp 10 Prozent Muslime und gut 7 Prozent Christen. Die Religionsfreiheit der Minderheiten jedoch wird immer mehr eingeschränkt, erzählt Albert Jebanesan:
"Ein Beispiel ist etwa die 200-Jahrfeier der Methodistischen Kirche dieses Jahr. Wir haben beschlossen dafür an einem Ort namens Buttala eine kleine Kirche für die Feierlichkeiten zu vergrößern. Dazu braucht man Baupläne und Genehmigungen, das war alles erledigt und wir haben angefangen zu bauen, aber als wir beim Dach angekommen waren, haben Demonstranten die Fertigstellung verhindert. Wir sind vor Gericht gegangen und der Richter hat gesagt: 'Sie haben doch alle nötigen Papiere.' Dann hieß es von der Verwaltung: 'Wir ziehen die Baugenehmigung zurück.' Aber das geht gar nicht, das ist gegen das Gesetz!"
Die Liste der Übergriffe ist lang
Behördenwillkür, Diskriminierung, Angriffe auf Menschen und Gebäude, Untätigkeit von Polizei und Justiz - die Liste der Übergriffe ist lang, die überall im Land stattfinden, das ist Alltag auch für die muslimische Menschenrechtsaktivistin Shreen Saroor.
"Wir sehen eine deutliche Zunahme der Übergriffe. Alleine im letzten Jahr gab es 217 Angriffe auf Muslime und etwa 60 bis 100 auf andere Minderheiten wie Hindus und Christen."
"Wir beobachten auch, dass die Polizei nichts unternimmt, wenn diese extremistischen Gruppen Moscheen und Kirchen angreifen, sie kommen sogar zusammen und schauen zu. Wir haben viele Fälle dokumentiert, bei denen die Angreifer nicht verhaftet wurden, oder wenn sie vor Gericht erscheinen mussten, dann sind sie vom Richter auf Kaution frei gelassen worden."
Verletzung der Releigionsfreiheit
Deutliche Worte, die Shreen Saroor hier findet. Für ihre mutige Friedensarbeit vor allem unter Muslimen und Hindus im Norden ist sie international ausgezeichnet worden. Seit Kriegsende 2009 wurde Sri Lanka unter der Regierung Rajapakse immer autoritärer: Kritische Anwälte, BürgerrechtlerInnen und Journalisten sind verschwunden, verhaftet oder getötet worden. Aus Protest gegen die Menschenrechtsverletzungen und die juristisch nicht aufgearbeiteten Kriegsverbrechen sind einige Länder im letzten November nicht zum Commonwealth-Gipfel nach Colombo gereist. Die Verletzung der Religionsfreiheit ist ein Punkt mehr in der langen Liste. Shreen Saroor macht politische Gründe verantwortlich dafür:
"Indirekt fördert die Regierung den extremen Buddhismus, um die anderen Bevölkerungsgruppen klein zu halten und deutlich zu machen, dass sie weniger zählen. Das haben sie nach dem Sieg über die Tamilen schon so gemacht. Hinzu kommen Vetternwirtschaft, Korruption und die Militarisierung. Sri Lanka ist keine Demokratie, das sieht man auch am Abberufungsverfahren der Obersten Richterin letztes Jahr: Sie ist einfach von jemandem ersetzt worden, der regierungskonform ist. Das zeigt doch, dass Sri Lanka sich in ein gesetzloses Land verwandelt hat, das von nur einer Familie beherrscht wird."
Gebet für den Präsidenten und alle politisch Verantwortlichen bei einem Open Air-"Gottesdienst für religiöse Freiheit" in der srilankischen Hauptstadt Colombo. Ende Januar nahmen mehrere tausend Menschen aller Religionen daran teil. "Wir verurteilen alle Drohungen, Einschüchterungen und Gewalt gegen Menschen, die friedlich und dem Gesetz folgend ihre Religion ausüben", hieß es dort.
Gegen die buddhistische Lehre: Mönche schweigen zu den Übergriffen
Einer der Redner hier neben Katholiken, Anglikanern und anderen Kirchenführern war auch Bischof Albert Jebanesan. Der interreligiöse Dialog ist ihm wichtig, gleichzeitig hat er wenig Hoffnung, in führenden Buddhisten des Landes Verbündete zu finden. Der Buddhismus, eine friedliche Religion, wie sie sich im Westen darstellt? In Sri Lanka zeigt sich - in Verbindung mit der politische Elite - ein anderes Gesicht.
"Leider schweigen die leitenden Mönche zu dieser Sache. Der Buddhismus funktioniert nicht wie die Kirchen, die einen Bischof haben, die klar strukturiert sind und verbindliche Entscheidungen treffen. Im Buddhismus wird jeder Tempel von einem Mönch geleitet, der seine eigenen Entscheidungen treffen kann. Aber der Buddhismus ist keine gewalttätige Religion, er ist friedlich, tolerant und verurteilt Gewalt. Es ist nur ein bestimmter Teil des Buddhismus, der ihn jetzt bei uns als gewalttätige Religion erscheinen lässt. Für mich ist das völlig gegen die buddhistische Lehre."