Sonntag, 26. Juni 2022

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Staatsdoping in Russland
"Thomas Bach muss jetzt Verantwortung übernehmen"

Angesichts der neuen Doping-Vorwürfe gegen Russland fordert Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, einen Ausschluss des russischen Teams von den Olympischen Winterspielen 2018. Das IOC und sein Präsident Thomas Bach müssten jetzt klare Grenzlinien ziehen. Man könne sich nicht weiter aus der Verantwortung stehlen.

Dagmar Freitag im Gespräch mit Bettina Klein | 10.12.2016

Die Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, Dagmar Freitag (SPD).
Die Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, Dagmar Freitag (SPD). (dpa)
Bettina Klein: Dagmar Freitag gehört der SPD an, und sie ist Vorsitzende vom Sportausschuss des Deutschen Bundestages. Sie habe ich eben gefragt, ob ein systematisches Staatsdoping in Russland nach dem McLaren-Report für sie jetzt zweifelsfrei festgestellt ist.
Dagmar Freitag: Ja, also nach allem, was ich gestern gehört habe, steht das fest, auch wenn wir ja gestern bedauerlicherweise schon feststellen mussten, dass es von russischer Seite als Lügenmärchen und ohne jegliche Belege abgetan worden ist. Das zeigt natürlich, dass dort komplett die Einsicht fehlt, dass sich wirklich etwas ändern muss, wenn Russland in den internationalen Sport zurückfinden will.
Klein: Ist es Ihrer Meinung nach richtig, dass dann so stehen zu lassen, dass Russland diesen Bericht als Lügenmärchen qualifiziert?
Freitag: Das kann man natürlich so nicht stehen lassen. Ich glaube, McLaren hat hier nun deutlich gemacht, wie gründlich er ermittelt hat. Er hat sich sehr viel Zeit genommen, und seine Seriosität steht ja – für mich jedenfalls – völlig außer Frage, das heißt also, der Mann hat sich alles angeschaut, was wichtig war, hat die entsprechenden Rückschlüsse gezogen und sie uns gestern mitgeteilt.
"IOC muss klare Grenzlinien ziehen"
Klein: Was ist Ihrer Meinung nach die wichtigste Konsequenz, die jetzt mit Blick auf Russland vom Internationalen Olympischen Komitee gezogen werden muss?
Freitag: Ja, das Internationale Olympische Komitee wird sich nicht länger aus seiner Verantwortung stehlen können. Was wir vor den Olympischen Sommerspielen in Rio erlebt haben, war aus meiner Sicht ein einziges Trauerspiel. Man hat die Verantwortung auf die Fachverbände delegiert, die in der Kürze der Zeit völlig überfordert waren. Lediglich zwei Verbände haben überhaupt den Mut gehabt, etwas zu tun. Das war der Internationale Leichtathletik-Verband und interessanterweise das Internationale Paralympische Komitee. Die haben gezeigt, dass man klare Grenzlinien ziehen kann, und das erwarte ich jetzt auch vom IOC mit seinem Präsidenten Bach.
Klein: Das heißt, Sie fordern vom IOC und von Thomas Bach, dass die russischen Sportler komplett von den Winterspielen 2018 zum Beispiel ausgeschlossen werden?
Freitag: Also das wäre aus jetziger Sicht jedenfalls eine logische Konsequenz, und da erwarte ich auch eine klare Positionierung und nicht wieder das Lavieren wie in der Vergangenheit. Das muss Thomas Bach verstehen, dass er jetzt Verantwortung übernehmen muss, und nicht nur mit Worten, sondern jetzt endlich auch mit Taten.
"Das kann nicht im Sinne des internationalen Sports sein"
Klein: Nun haben wir nicht nur aus Russland Gegenstimmen gehört, die Sie gerade auch zitiert haben, sondern es gibt da auch ähnliche Argumente auch in Deutschland, wo eben davor gewarnt wird zu sagen, eine Kollektivschuld zu sprechen und kollektiv Sportler zu bestrafen. Solche Meinungen gab es übrigens auch aus dem Sportausschuss des Deutschen Bundestages, nicht von Ihnen, aber von anderen Mitgliedern. Das heißt, diese Diskussion sollten wir jetzt nicht mehr führen.
Freitag: Also nach allem, was wir seit gestern noch mal ganz belegt wissen, kann man diese Diskussion nicht mehr führen. Wir haben ja gesehen, mit welch einem Riesenteam Russland dann trotz der fehlenden Leichtathleten in Rio an den Start gegangen ist. Und ich erwarte, dass man sich auch mal in das hineinversetzt, was saubere Sportler empfinden müssen, wenn sie sich hier gegen russische Athletinnen und Athleten durchsetzen müssen. Das kann nicht im Sinne des internationalen Sports sein, der sich so gerne auf hehre Werte zurückzieht wie Fair Play, wie Respekt. Zu Respekt gehört für mich, dass man die Sauberen bestmöglich vor den Betrügern schützt, und das heißt Ausschluss, solange sich in Russland nichts ändert.
Klein: Russland argumentiert ja nun so, dass bei anderen Nationen da einfach nur nicht so genau hingeschaut wird, es habe auch bei anderen Nationen dopende Sportler gegeben, und auch solche, die des Dopings überführt wurden, was ja heißt, dass es auch in anderen Nationen vergleichbares Staatsdoping gibt. Ist das ein berechtigtes Argument?
Freitag: Sicherlich wird woanders auch gedopt, wahrscheinlich sogar in unterschiedlichen Formen überall auf der Welt, aber was Russland angeht, haben wir jetzt eben die Beweise. Und wenn es zukünftig Beweise dafür gibt, dass in anderen Ländern Staatsdoping genauso verankert ist wie in Russland, muss man die gleichen Konsequenzen ziehen. Aber mit Verweis auf die anderen, die dopen ja auch, kann man doch seine eigenen Hände nicht in Unschuld waschen.
"Von Boykottaufrufen halte ich persönlich relativ wenig"
Klein: Frau Freitag, Sie haben gerade Ihre Forderung an das IOC formuliert, es müssen jetzt Konsequenzen gezogen werden, sagen Sie, und Russland muss jetzt auch 2018 da ausgeschlossen werden, wenn sich bis dahin nichts ändert. Was, wenn nicht, was kann dann der Sportausschuss des Deutschen Bundestages tun?
Freitag: Ja, der Sportausschuss des Deutschen Bundestages kann natürlich keinen Einfluss auf die Entscheidungen des Internationalen Olympischen Komitees nehmen. Wir können das einfordern, aber wir können das natürlich nicht beeinflussen. Aber was wir tun können, ist natürlich, dass wir mal Erwartungen auch an den deutschen Sport formulieren. Der deutsche Sport hat ja zahlreiche Vertreter in internationalen Gremien, und da kann man zum Beispiel auch mal entsprechende klare Worte erwarten und auch entsprechendes Abstimmungsverhalten, wenn es beispielsweise darum geht, welche Länder welche internationalen Sportereignisse zugesprochen bekommen.
Klein: Wenn es jetzt nicht dazu kommt, wenn alles so weitergeht wie bisher, wäre es dann aus Ihrer Sicht auch eine Möglichkeit oder eine sinnvolle Konsequenz, dann eben Olympische Spiele zu boykottieren, wenn klar ist, dass Staaten daran teilnehmen, denen Staatsdoping nachgewiesen werden konnte?
Freitag: Na ja, mit solch einer Maßnahme trifft man aus meiner Sicht die Falschen, da treffe ich ja nicht die Doper, sondern da treffe ich die Athletinnen und Athleten aus dem eigenen Land, die sich vier Jahre konsequent und sehr zielstrebig vorbereitet haben. Von Boykottaufrufen halte ich persönlich relativ wenig.
"Unbedingte Medaillenfixierung" ist ein Problem
Klein: Aber Sie haben es ja auch angedeutet, Frau Freitag, die Frage, woran sollen sich denn jetzt deutsche Sportler ein Beispiel nehmen – daran, wie man am besten an Medaillen kommt? Denn das wird belohnt, das zeigt ja das Beispiel Russland bisher.
Freitag: Ja, das ist natürlich das Problem, diese unbedingte Medaillenfixierung, und ich glaube, da sind wir alle gefragt – Politik, Gesellschaft, aber auch die Medien –, eben die Leistungen zu würdigen, die sich auch hinter den ersten drei Plätzen abspielen. Das ist auch eine gesamtgesellschaftliche Diskussion, die geführt werden muss.
Klein: Ja, aber es gab ja gerade jetzt erst die Entscheidung vom Spitzensport, dass eben solche Sportarten, die eben besonders medaillenträchtig sind, eben auch besonders gefördert werden, und das ist ja genau auch eine politische Entscheidung, die dem eigentlich zuwiderläuft, was Sie gerade gesagt haben.
Freitag: Wohl nicht ganz. Also das Konzept, das Sie gerade angesprochen haben, ist ja insofern modifiziert worden, dass eben auch deutlich geworden ist, dass zum Beispiel die Finalteilnahme ein entsprechendes Kriterium sein muss, und das ist den Diskussionen geschuldet, die dann noch nach Vorlage der ersten Kriterien geführt worden sind. Ich hab sehr bedauert, dass die Diskussion darüber nicht ausführlich und breit geführt worden ist, da hätte man sicherlich noch das ein oder andere zu beitragen können.
Mehr Würdigung für Finalteilnahmen
Klein: Aber klar ist, das Signal wird ausgegeben, wir fördern vor allen Dingen den medaillenträchtigen Sport und bringen unsere Sportler eben genau in die Situation, dann im Zweifel zu konkurrieren mit Sportlern aus solchen Nationen, wo eben Doping zum Alltag gehört.
Freitag: Das ist zumindest nach allem, was wir jetzt wissen, nicht zu leugnen, und ich denke, da werden wir gemeinsam noch eine Aufgabe haben, das eben deutlich zu machen, dass auch eine Finalteilnahme bei Olympischen Spielen, bei Weltmeisterschaften eine exzellente Leistung ist, die auch entsprechende Würdigung verdient.
Klein: Dagmar Freitag, die Vorsitzende vom Sportausschuss des Deutschen Bundestages, heute Mittag im Deutschlandfunk.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.