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Start-ups in den USADigitales Detroit

Detroit ist unumstößlich mit der Automobilbranche verbunden. Doch mit der Krise der Autobauer stürzte auch die Stadt ab. Seitdem versucht Detroit, seine Wirtschaft auch auf andere Säulen zu stellen. Besonders im Fokus: die Start-up-Szene.

Von Silke Hahne

In der Innenstadt von Detroit gehen bei Schneefall Personen an einem Graffiti vorbei.  (dpa / picture alliance / Uli Deck)
Detroit will seinen ramponierten Ruf wiederherstellen. (dpa / picture alliance / Uli Deck)
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Das Henry Ford Museum in Dearborn nahe Detroit. Eine Mitarbeiterin zeigt Besuchern an einem Original, wie man ein Model T zusammenbaut - die legendäre "Tin Lizzie", die "Blechliesel" von Ford, über Jahrzehnte ein Verkaufsschlager weltweit. 

Das Museum ist eine Ode an die Hochzeiten der amerikanischen Autoindustrie – die spätestens in der Wirtschafts- und Finanzkrise ihr jähes Ende fand. Und mit ihr stürzte auch die Stadt Detroit, Motor City, in die Krise. Im Juli 2013 meldete Detroit Insolvenz an – die größte kommunale Pleite in der Geschichte der Vereinigten Staaten. 

Die Stadt hat damals schmerzhaft gelernt, dass ihre bis dahin große Stärke zur Abhängigkeit und damit zur Schwäche geworden war. Seither bestimmen Bilder von leeren Fabriken und heruntergekommenen Häusern ihr Image. 

"Gründungskultur hat sich in den letzten zehn Jahren komplett verändert"

Wirklich erholt hat sich Detroit von der Krise noch nicht. Es gibt sie noch, die verlassenen Straßenzüge im weitverzweigten Netz der Stadt, die einst für rund zwei Millionen Einwohner angelegt war und heute keine 700.000 mehr zählt. Die Arbeitslosenquote liegt in der Metropolregion bei rund sechs Prozent, in der Stadt selbst ist sie etwa doppelt so hoch. Aber die Detroiter haben es sich auf ihre Fahnen geschrieben, den ramponierten Ruf ihrer Stadt wieder aufzupolieren. 

Dabei helfen soll ihnen die Start-up-Szene. In der tummelt sich, jetzt schon seit 13 Jahren, Faris Alami. Er schätzt, dass es in Detroit etwa 300 bis 500 kleine Tech-Firmen gibt. "Die Tech-Branche hat sich wirklich entwickelt. Viele Unternehmen, die man heute hier findet, gab es 2004 noch gar nicht, wahrscheinlich nicht einmal vor fünf Jahren. Damals hieß es: Was machst du und wieso machst du das? Heute heißt es: wieso nicht? Die ganze Gründungskultur hat sich in den letzten zehn Jahren komplett verändert." 

Alami ist der Gründer von International Strategic Management. Die Firma bietet Starthilfen für Start-ups: Investorensuche, Marketing, Schutz von geistigem Eigentum. Damit greifen Alami und sein Team den Tech-Gründern unter die Arme. Die Arbeit ist mit den Jahren einfacher geworden. Denn die Zahl der Förderprogramme hat sich vervielfacht: "Als wir vor ein paar Jahren damit angefangen haben, da haben wir eine Liste mit möglichen Geldgebern für die Existenzgründer erstellt. Die Liste war eine Seite lang. Jetzt ist es ein Buch, und es hat 27 Seiten!" Alami nennt dieses Netzwerk "Ökosystem". 

Die Vielzahl von öffentlichen und privaten Gründerzentren und Geldgebern ist auch für Mark Denson ein Schlüsselfaktor für den erhofften Erfolg von Detroit als neues Start-up-Zentrum. Der 52-Jährige ist hier aufgewachsen, jetzt arbeitet er für die Detroit Economic Growth Corporation – eine gemeinnützige Organisation, die von der Stadt mit Aufgaben der Wirtschaftsentwicklung betreut wurde. Leicht ironisch beschreibt er, was Detroit noch attraktiv macht: Es ist billig. "Was die Start-ups nach Detroit bringt, sind die niedrigen Eintrittshürden. Es ist preiswert. Eine gute Idee ist eine gute Idee. Aber eine schlechte Idee – mit der kannst du in Portland ein Mal scheitern. Bringst du sie nach Detroit, kannst du's dir leisten, zwei oder drei Mal zu scheitern!"

Der Ausgang für die Branche ist ungewiss

Densons Witz hat ernste Hintergründe: Die Lebenshaltungskosten und Immobilienpreise an der Westküste – in Hipster-Metropolen wie Portland oder dem Silicon Valley – sind in den vergangenen Jahren explodiert. In Detroit versucht man nun, die davon frustrierten Existenzgründer zum Beispiel mit den weit günstigeren Mieten anzulocken. Und bekommt dabei – und das ist kein Witz – ausgerechnet Hilfe aus der Automobilbranche. "Ford hat ganzseitige Werbeanzeigen für den Standort Detroit in Zeitungen im Silicon Valley geschaltet und eine Website aufgesetzt. Auch andere Firmen haben Werbung für Detroit gemacht." 

Denn genau wie die Stadt muss sich auch die Automobilbranche neu erfinden. Auch sie braucht dafür: Start-ups. Sensoren und Algorithmen entwickeln die alten Größen der Auto-Industrie nicht selber. Nach wie vor sind sie aber die wichtigsten Arbeitgeber in Detroit. Die Stadt und die Autobauer - sie bilden weiter eine Schicksalsgemeinschaft. Ausgang für beide: ungewiss. 

Anmerkung der Redaktion: Recherchen für diesen Beitrag wurden unter anderem durch eine Reisekostenbeteiligung des US-Außenministeriums ermöglicht.

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