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StartseiteInterview"Junge Unternehmen mit unter den Rettungsschirm nehmen"21.03.2020

Startups im Ruhrgebiet"Junge Unternehmen mit unter den Rettungsschirm nehmen"

Die Coronakrise trifft die noch junge Start-up-Szene im Ruhrgebiet hart, sagte Rasmus Beck, oberster Wirtschaftsförderer der Metropolregion Ruhr, im Dlf. Er forderte schnelle, finanzielle Hilfen vom Bund. Für die Zeit nach der Coronakrise müssten zudem die Kommunen schon jetzt entlastet werden.

Rasmus Beck im Gespräch mit Jürgen Zurheide

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Die Ruhr Oel-Erdölraffinerien in Gelsenkirchen in den Abendstunden. (imago stock&people )
Das Ruhrgebiet steck tief im Strukturwandel. Eine neue wirtschaftliche Krise könnte viele junge Firmen im Kern treffen. (imago stock&people )
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Im Ruhrgebiet haben sich in den letzten Jahren erfolgreich einige Start-ups angesiedelt, doch in der Coronakrise geraten gerade diese jungen Firmen in heftige Schwierigkeiten, denn Start-ups haben man meist nur wenige Rücklagen bilden können und kaum die Chance, lange Durststrecken durchzuhalten. Rasmus Beck, oberster Wirtschaftsförderer der Metropolregion Ruhr, plädiert im Dlf für schnelle Hilfen. Die Unternehmen bräuchten schon in den nächsten zwei Wochen Geld zur Auszahlung.

Zurheide: Wie ist denn die Lage von Start-ups in diesen Tagen, was kriegen Sie für Rückmeldungen?

Beck: Ja, bei uns stehen die Telefone nicht still. Das geht auch den Kolleginnen und Kollegen in den Kommunen so. In der Tat: Wir haben in den letzten zehn Jahren ja viel dafür getan, dass sich ein Start-up-Ökosystem entwickelt, dass viele gerade junge Leute und Hochschulabsolventen die Existenzgründung eigentlich als ihre Perspektive wählen. Und das sind junge Unternehmen, die entweder im Dienstleistungsbereich arbeiten oder eben auch in direkter Kooperation mit großen Unternehmen. Und da merken wir: In einem Bereich ist die Nachfrage – jetzt gerade aus dem öffentlichen Bereich heraus – gegen null gegangen und überall anders werden Investitionen und große Projekte aufgeschoben. Das stürzt diese eigentlich gesunden Unternehmen aber dann von heute auf Morgen natürlich auch in Turbulenzen.

Sie müssen Lieferanten bezahlen, Personal halten und verfügen oft nicht über die nötigen Reserven, jetzt über Monate oder längere Zeit hinweg praktisch den Geschäftsbetrieb einzustellen. Insofern ist die Not jetzt schon da.

Coronavirus (imago / Science Photo Library) (imago / Science Photo Library)

"Hier muss schnell Geld fließen"

Zurheide: Was müsste konkret passieren, was würde da wirklich helfen? Da gibt es ja unterschiedliche Dinge. Manchmal sagt man, da müssen die Steuern nicht gezahlt werden – nur, viele von denen haben noch gar keine Steuern, weil sie eben gerade in der Investitionsphase sind, oder?

Beck: Ja, also ich denke, praktisch-technokratische Lösungen, so gut sie dann auch gemeint sind, sind nur bedingt hilfreich in dieser Form, weil wir sehen natürlich, dass wir gute Programme haben aus der letzten Wirtschaftskrise, beispielsweise das Kurzarbeitergeld, aber auch die Kreditprogramme der KfW sind natürlich gerade für den Mittelstand wirklich geeignet und werden jetzt sicherlich auch schnell Anwendung finden. Aber bei Start-ups oder auch einfach bei Gewerbetreibenden, nehmen Sie die Fitnesstrainerin, die bisher ihre Kurse in Fitnessstudios gegeben hat, denen ist letztendlich jetzt wirklich geboten, zu helfen - insofern, dass sie Liquidität brauchen. Die müssen über die Runden kommen, die Miete muss bezahlt werden, Dienstleister gehalten. Und das heißt auf gut Deutsch: Hier muss schnell Geld fließen.

Zurheide: Sie haben es gerade schon angesprochen, auf der einen Seite brauchen wir eine gewisse Bürokratie, dass das Geld nicht einfach so unter die Leute verteilt wird, aber am Ende: Wird es nicht genau darauf hinauslaufen müssen, wenn es denn helfen soll? Denn Eigenkapital haben die nicht, eine Bonität im Zweifel auch nicht, die Kosten laufen weiter. Die stehen vor der Frage: Zumachen und quasi in die Sozialhilfe fallen, oder mit einer gewissen Hilfe die Chance haben, zwei, drei Monate durchzuhalten – oder was müsste da passieren?

Beck: Also, Sie haben völlig recht in meinen Augen. Erstens: Der Verweis auf die Grundsicherung, der ja mittlerweile auch nicht mehr so im Raum steht, den hielte ich für völlig daneben. Es geht hier auch um eine gewisse Wertschätzung den Gründerinnen und Gründern gegenüber. Ich sehe gerade hier in Nordrhein-Westfalen, aber auch vom Bund her da jetzt schon Bewegung, dass man sieht letztendlich, diesen Unternehmen jetzt Zuschüsse zu zahlen und später darüber zu entscheiden, wie und ob sie zurückbezahlt werden, weil ich glaube, in der Tat: Normale Kreditvergabe oder Bonitätsprüfungsverfahren sind hier jetzt nicht hilfreich, um diesen Unternehmen wirklich schnell zu helfen, und schnell bedeutet hier wirklich, in den nächsten ein, zwei Wochen auch schon Geld zur Auszahlung zu bringen.

"Die Kommunen im Ruhrgebiet sind durch hohen Soziallasten stark beansprucht"

Zurheide: Jetzt lassen Sie uns mal reden über das Ruhrgebiet. Da hat sich einiges verändert. Gerade diese Szene, über die wir jetzt sprechen: Wie wichtig ist die denn eigentlich für das Ruhrgebiet, was ja dabei ist, diesen Strukturwandel immer noch weiter voranzutreiben und was auch noch eine Menge da vor sich hat?

Beck: Ja, im Ruhrgebiet hat sich eine gute Konstellation insofern gefunden, dass gerade das erwähnte Start-up-Ökosystem eigentlich gerade die alten Unternehmen, die großen Unternehmen, die, die in der Industrie tätig sind, für sich entdeckt haben. Alle diese Unternehmen sind in einem Change- und Transformationsprozess, hier werden Geschäftsmodelle verändert, und sie brauchen auch zum Teil die digitalsten, besten Lösungen, die sie nicht alle selbst innerhalb ihrer Firmen, sondern eben auch in Kooperation mit Start-ups entwickeln können. Und diese Konstellation, wir nennen das praktisch die B2B-Systematik in unserem Ökosystem, die ist sehr gut angelaufen, und da kann man sehen, dass sich neues Wachstum gebildet hat.

Wir haben einen industriellen Kern erhalten, wo die großen Unternehmen, die auch jeder kennt, weiter drin sind, wie Evonik oder Thyssen Krupp, aber es haben sich eben auch viele neue Unternehmen gebildet. Und das hat uns jetzt Jahre in Folge ein sehr konstantes und großes Jobwachstum gesichert.

Zurheide: Was wäre denn notwendig, damit dieses neue Ökosystem, wie Sie es da beschreiben, damit das nicht kaputt geht, dass eben genau das erhalten bleibt?

Beck: Ja, die Fragilität, die ich gerade erwähnte, die ist, denke ich, wichtig. Wir sind gut aufgestellt in der Hilfe von Industrie und Mittelstand, da haben wir auch schon einige Krisen, denke ich, in der Republik durchgemacht und insbesondere auch im Ruhrgebiet. Jetzt müsste man im Grunde adaptieren und sehen, und da wurde ja in Nordrhein-Westfalen ja auch der Rettungsschirm jetzt gespannt, dass die jungen Unternehmen hier praktisch mit unter den Schirm kommen. Und ich glaube, dass man hier als Wirtschaftsförderer natürlich genau hingucken muss und sich fragt: Welche Instrumente werden denn wirklich an der Basis gebraucht? Welche Instrumente sind jetzt in dieser Situation hilfreich, über die Einnahmeausfälle praktisch hinwegzukommen? Und da sind wir auch im engen Dialog mit Bund, Land und den Kommunen.

"Dieses Geld fehlt natürlich an anderen Ecken"

Zurheide: Jetzt schauen wir noch mal auf die Kommunen, die Sie gerade ansprechen. Gerade im Ruhrgebiet, nicht nur da, aber auch im Ruhrgebiet gibt es diese sogenannte Altschuldenproblematik, wo die Städte praktisch am Rande ihrer Handlungsfähigkeit sind, weil sie diesen Strukturwandel stemmen mussten seit 20, seit 30, seit 40 Jahren, und hohe Schulden angehäuft haben.

Da haben wir vor wenigen Monaten noch drüber diskutiert, dass den Kommunen diese Schuldenlast abgenommen werden soll. Fürchten Sie, dass jetzt, wenn diese akuten Hilfen kommen und kommen müssen, dass dann diese Altproblematik verschwindet?

Beck: Das befürchte ich eigentlich nicht, weil ich glaube, dass man aus der Altschuldenproblematik heraus ja auch gut ableiten kann, dass eine investiv tätige Kommune nicht nur für die Wirtschaft gut ist, sondern insgesamt ihre Daseinsvorsorge einfach besser gestalten kann, als wenn sie praktisch jeden Euro umdrehen muss. Aus Sicht der Wirtschaft ist für uns ganz klar, dass die Kommunen im Ruhrgebiet insbesondere durch die überproportional hohen Soziallasten stark beansprucht sind und dass dieses Geld an anderen Ecken natürlich fehlt.

Das heißt, Gewerbeflächen, die eigentlich entwickelt werden müssen, können durch die öffentliche Hand beispielsweise nicht erworben werden, aber natürlich auch Schulen, die renoviert werden müssten, bleiben im Grunde genommen länger in einem Zustand, wo man sagt, na ja, das ist vielleicht nicht so zukunftsfähig. Und ich glaube, das Ruhrgebiet hat jetzt schon eine Menge geleistet, wir haben dieses Wirtschaftswachstum hingelegt trotz im Grunde dieser Altschuldenproblematik. Und wenn man sich jetzt auch nach Corona der Frage widmet, wie man diesen Motor wieder anlaufen lässt, glaube ich, sollte man auch diese strukturellen Probleme, die schon vor der Coronakrise da waren, sofort anpacken, und dazu gehört eben auch die Übernahme der Soziallasten durch den Bund.

Zurheide: Wir reden über viele Milliarden hier.

Beck: Ja, sicher, das tun wir in diesen Tagen, glaube ich, in vielen, vielen Bereichen. Aber es sollte ja auch klar sein, dass letztendlich viele Probleme, die am Ende irgendwo angegangen und bewältigt werden müssen, eben in den Kommunen anfallen, das ist nicht nur im Ruhrgebiet so, sondern eben in der Republik, und dass die handlungsfähig sind, das sollte auch jedem ein wichtiges Anliegen sein. Und das ist es bei uns in der Wirtschaft auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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