Steueroase LuxemburgMit dieser Methode spart Amazon Steuern

Der Amazon-Konzern lässt 75 Prozent seiner Geschäfte außerhalb der USA über Tochterunternehmen in Luxemburg laufen. Dort fährt das Unternehmen gezielt Verluste ein, die in Steuerrabatte umgewandelt werden, so eine Studie der University of London. Wie die Amazon-Methode funktioniert - ein Überblick.

Von Peter Kapern | 14.05.2021

Der europäische Hauptsitz von Amazon in Luxemburg
Amazon produziert über Tochterfirmen im Ausland gezielt Verluste - und spart dadurch jede Menge Steuern (picture alliance / Jean-François Frey)
Ein Londoner Forscherteam hat im Auftrag der Linken-Fraktion im Europaparlament eine Studie erstellt, die die Steuervermeidungsstrategien von Amazon untersucht. Sie trägt den Titel: "Die Amazon-Methode – Wie man das internationale Staatensystem ausnutzt, um Steuerzahlungen zu vermeiden". Sie kommt zu der Erkenntnis, dass 75 Prozent aller Amazon-Geschäfte außerhalb der USA über Tochterunternehmen in Luxemburg laufen.
Was ist die Amazon-Methode?
Im Zeitraum von 2010 bis 2020 hat Amazon eigenen Unterlagen zufolge mit seinem Geschäft außerhalb der USA steuerreduzierende Verluste im Umfang von 13,4 Milliarden US-Dollar eingefahren.
Der europäische Sitz von Amazon in Luxemburg
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Gleichzeitig aber hat der Konzern im selben Zeitraum unversteuerte Gewinne im Umfang von 17,2 Milliarden US-Dollar aufgehäuft – ebenfalls in Luxemburg. Beides, die steuerlich geltend gemachten Verluste wie die Anhäufung unversteuerter Gewinne, sind nicht das Ergebnis eines zufälligen, konjunkturell beeinflussten Geschäftsverlaufs. Sie haben Methode. Die Amazon-Methode. Und im Zentrum dieser Methode steht Luxemburg, so Ronen Palan von der University of London, Co-Autor der Studie:
"Diese magische Verwandlung von gezielt produzierten Verlusten, die in Steuerrabatte umgewandelt werden, die Amazon dann in den USA geltend machen kann, geschieht in Luxemburg. Und auch die Anhäufung der im internationalen Geschäft erzielten Gewinne geschieht in Luxemburg."
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Welche Funktion haben die Tochterfirmen im Ausland?
Eine Erkenntnis der Londoner Studie: 75 Prozent aller Amazon-Geschäfte außerhalb der USA laufen über Tochterunternehmen in Luxemburg. Auch die Geschäfte in Asien. Dort gibt es zahlreiche Tochterunternehmen, die nur einen Geschäftszweck haben: Nämlich Verluste einzufahren. Etwa jene indische Tochter, die innerhalb einer Dekade fast dreieinhalb Milliarden Dollar verloren hat. Diese Verluste werden laut den Londoner Forschern zu den Luxemburger Tochterunternehmen transferiert, wo sie in Steuergutschriften umgewandelt werden, die Amazon bei den Finanzbehörden in den USA gelten machen kann.
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Bei den Luxemburger Tochterunternehmen werden aber nicht nur die Verluste zusammengetragen, sondern auch der größte Teil der Gewinne, die Amazon außerhalb der USA macht. Dort liegen der Studie zufolge 17,2 Milliarden US-Dollar, die nie in die Gewinn- und Verlustrechnung des Gesamtkonzerns eingefügt und deshalb auch nie in den USA versteuert werden. Unversteuerte Gewinne, mit denen Amazon seine Expansion finanziert.
Welche Summe an Steuergeldern hat Amazon gespart?
Die Summe aller Steuergutschriften der letzten zehn Jahre liegt dem Gutachten zufolge bei 13,4 Milliarden US-Dollar. Und damit um rund 1,5 Milliarden Dollar über jener Summe, die in der gesamten Amazon-Firmengeschichte an Steuerzahlungen fällig gewesen wäre. Schlussfolgerung der Wissenschaftler: Unter dem Strich hat Amazon in den USA womöglich noch nie Steuern gezahlt. Dazu kommen außerdem die unversteuerten Gewinne im Umfang von 17,2 Milliarden US-Dollar.
Was sind die Hintergründe der Studie?
Wie schwierig es ist, das Amazon-Imperium und dessen Geschäftszahlen zu durchdringen, hat die EU-Kommission erst am vergangenen Mittwoch (12.05.2021) erfahren müssen. Da kassierte das EU-Gericht in erster Instanz eine Entscheidung der EU-Kommission, die Amazon dazu verdonnert hatte, 250 Millionen Euro an Steuern nachzuzahlen. Die Kommission habe nicht nachweisen können, dass der von Luxemburg gewährte Steuerrabatt tatsächlich wettbewerbswidrig gewesen sei – so die Richter.
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Mit Fördergeldern der EU ist deshalb eine Methode entwickelt worden, die es ermöglichen soll, das gigantische Firmengeflecht aus hunderten von Tochterunternehmen zu durchdringen. Equity Mapping – so heißt die Methode. Ronen Palan, Co-Autor der Studie, sagt dazu:
"Diese Technik erlaubt es uns, die innere Organisation von Unternehmen zu kartographieren. Auf diese Art können wir feststellen, wer welches Tochterunternehmen in welchem Land kontrolliert. Wir sehen auch, wo Profite und wo Verluste gemacht werden. Das ist eine Methode, die bislang nie genutzt worden ist."
Welche Konsequenzen fordern die Auftraggeber der Studie?
Martin Schirdewan, Fraktionschef der Linken im Europaparlament, forderte die EU auf, europäische Steueroasen wie Luxemburg trockenzulegen und den Fall Amazon trotz des Urteils des EU-Gerichts noch einmal unter die Lupe nehmen.
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