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StartseiteInterview"Noch sehr viel Aufklärungsarbeit über Organspende in Kliniken zu leisten"15.01.2018

Stiftung Organtransplantation"Noch sehr viel Aufklärungsarbeit über Organspende in Kliniken zu leisten"

Die Deutschen seien sehr wohl bereit, Organe zu spenden, sagte Ulrike Wirges, geschäftsführende Ärztin bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation, im Dlf. Viele scheuten sich aber, sich schon zu Lebzeiten festzulegen. Deshalb sei es die Aufgabe in den Kliniken danach zu fragen. Diese Funktion sei aber noch nicht klar genug angekommen.

Ulrike Wirges im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Operationsbesteck während eines chirurgischen Eingriffs. (picture alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)
Der Arzt müsse sich darum kümmern herauszufinden, ob jemand eine Organspende wünscht oder gewollt hätte. Deshalb bräuchten sie mehr Freiraum für Gespräche mit den Patienten. (picture alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)
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Tobias Armbrüster: Es ist ein Thema, das in Deutschland immer wieder für hitzige Debatten sorgt, ein Thema, das jeden Einzelnen von uns angeht, aber um das viele Menschen gerne einen großen Bogen machen. Es geht um Organspenden, um die Möglichkeit, nach seinem Tod ein Stück des eigenen Körpers einem anderen Menschen zu schenken. Am Wochenende haben wir da neues Zahlenmaterial bekommen und das lässt Deutschland im internationalen Vergleich nicht besonders gut dastehen.

Auf eine Million Einwohner kommen hier bei uns in Deutschland weniger als zehn Organspender, weniger als zehn Menschen, die festgelegt haben, Ich bin bereit, nach meinem Tod ein Stück meines Körpers zur Verfügung zu stellen. Und die Zahl der Spender in Deutschland sinkt weiter. Weniger als zehn, Deutschland ist damit Schlusslicht in Europa, und mit dieser Quote wird es bei der international wichtigen Organisation Eurotransplant schon fast nicht mehr ernst genommen - eine Entwicklung, die wir etwas genauer untersuchen wollen. Am Telefon ist jetzt Ulrike Wirges. Sie ist geschäftsführende Ärztin bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO), und zwar im Bezirk Nordrhein-Westfalen. Schönen Frau Wirges, warum sind so wenige Deutsche bereit zur Organspende?

Ulrike Wirges: Die Deutschen sind sehr wohl bereit, Organe zu spenden. Es ist laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, wenn man den repräsentativen Studien folgt, die Bereitschaft relativ hoch. Sie ist sogar noch gestiegen. Die Deutschen haben eigentlich nichts gegen Organspender einzuwenden. Die Frage ist, ob sie dies für die allgemeine Sicherheit vorher schon schriftlich festgelegt haben, oder aber, ob erst noch mal im Ernstfall, in der Situation die Frage zu stellen ist, möchten Sie das tun. Denn viele scheuen ein wenig, sich schon im Vorfeld zu guten Lebenszeiten sich hierzu zu äußern.

"Das muss jeder für sich selbst festlegen"

Armbrüster: Was müsste man da besser machen?

Wirges: Na ja. Man müsste vor allen Dingen weiter aufklären, wie bedeutsam diese Festlegung zur Organspende ist, wie erleichternd sie auch für Angehörige ist zu wissen, wohin das Schiff in einer solchen Situation fährt, welche Entscheidung gewünscht ist.

Armbrüster: Wer hat da seine Hausaufgaben nicht gemacht?

Wirges: Ja, die Hausaufgaben macht zunächst mal jeder für sich selbst, indem er ein klares Bild davon hat, wie das Lebensende gestaltet ist oder gestaltet werden sollte, wie es der Wunsch - ich muss mal jetzt retrospektiv sagen - eines Verstorbenen gewesen wäre. Das muss jeder für sich selbst festlegen. Aber ich denke, dass auch im Falle einer Nichtfestlegung danach gefragt werden muss, wenn das Thema vermieden wurde zu Lebenszeiten. Festlegung und Frage gehören zueinander und wenn wir in Situationen kommen in den Kliniken, wo keine Festlegung getroffen wurde, wäre es die Aufgabe, danach zu fragen.

Armbrüster: Das heißt, den Kliniken kommt hier eine große Verantwortung  zu?

Wirges: Ganz sicherlich.

"Die Regelungen sind nicht eindeutig"

Armbrüster: Werden die dieser Verantwortung gerecht? Kriegen die das hin?

Wirges: Sie könnten es hinbekommen, ja, aber es gehören hierzu klare strukturelle Regelungen. Das heißt, der hierfür beauftragte Arzt, der Transplantationsbeauftragte, muss in jede Entscheidung am Lebensende einbezogen werden. Er muss sich darum kümmern herauszufinden, ob jemand eine Organspende wünscht oder gewollt hätte. Er muss diese wesentlichen und entscheidenden Gespräche führen. Und er muss vor allen Dingen für diese Gespräche seinen Freiraum, seine Freistellung genau für dieses Thema von der Klinikleitung bekommen und er muss von der Klinikleitung für diese Aufgabe unterstützt werden.

Ulrike Wirges, geschäftsführende Ärztin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in NRW.  (picture alliance / dpa / DSO / br-photography)Ulrike Wirges, geschäftsführende Ärztin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) in NRW. (picture alliance / dpa / DSO / br-photography)

Armbrüster: Wenn man sich die Zahlen ansieht, dann kann man die Schlussfolgerung ziehen, das wird in den Kliniken viel zu selten gemacht. Ist das korrekt?

Wirges: Das ist korrekt. Es wird zu selten gemacht. Die Regelungen sind nicht eindeutig. Freistellungen gibt es nach meinem Kenntnisstand per Gesetz auch nur in einem Bundesland, in Bayern. Wir haben aber auch festgestellt, dass häufig die Transplantationsbeauftragten im Falle einer Spende, Fragestellung einer Spende gar nicht einbezogen sind.

Transplantationsbeauftragter enger einbeziehen

Armbrüster: Woran liegt das denn? Warum sind die Kliniken da so schlecht aufgestellt, wenn es um Organspenden geht? Das sollte doch eigentlich in ihrem Interesse liegen.

Wirges: Richtig. Zunächst mal ist es ein sehr seltenes Ereignis, das in vielen kleineren Kliniken vor allen Dingen nicht so häufig vorkommt, und in der Unerfahrenheit oder auch in der Nichtkenntnis dieser Situation wird vergessen, wird übersehen, nach dieser Möglichkeit der Lebensrettung zu fragen.

Armbrüster: Das heißt, Frau Wirges, wenn ich Sie da richtig verstehe? Wir können das vielleicht mal anhand eines Beispiels so beschreiben: Da verunglückt möglicherweise ein junger Motorradfahrer tödlich, liegt in der Klinik und seinem Körper könnten theoretisch mehrere Organe entnommen werden, die anderen Menschen ein weiteres Leben ermöglichen würden. Und das passiert weshalb nicht, weil ein Arzt die Angehörigen nicht fragt? Ist das korrekt?

Wirges: Das könnte ein Grund sein, oder weil keine Zeit ist. Aber Sie bringen ein Beispiel mit dem Motorradfahrer, der gar nicht mehr die Regel ist, sondern es sind in den meisten Fällen andere Menschen, die nicht so ad hoc und nicht so spontan verunglückt und zu Tode gekommen sind, sondern es sind auch ältere Menschen vor allen Dingen, die im Rahmen einer längeren Erkrankung schon bekannt sind im Krankenhaus und bei denen diese Option, diese Lebensmöglichkeit einfach übersehen oder möglicherweise nicht daran gedacht wird. Der behandelnde Arzt auf einer Intensivstation ist nicht unbedingt identisch mit den Transplantationsbeauftragten, so dass es eigentlich eine Verpflichtung werden muss, dass bei jeder dieser Fragestellungen der Transplantationsbeauftragte mit einbezogen wird. Der gehört in diesem Fall zum Behandlungsteam dazu. Diese Funktion und diese Aufgabe ist noch nicht klar genug im Krankenhaus an der Basis angekommen.

Armbrüster: Und so einen Transplantationsbeauftragten, den hat aber jedes Krankenhaus?

Wirges: Ja, das ist Gesetz in Deutschland. Transplantationsbeauftragte sind verpflichtend für jedes Krankenhaus zu benennen und man weiß, wer im Krankenhaus dafür zuständig ist, wenn das Krankenhaus diese Information an alle Mitarbeiter auch so klar weitergibt.

Armbrüster: Frau Wirges, ich nehme jetzt mal an, dass Ihre Organisation damit auch schon bei den Krankenhäusern, bei den Kliniken in Deutschland vorstellig geworden ist.

Wirges: Ja.

Armbrüster: Was kriegen Sie denn da als Reaktion zu hören?

Wirges: Wir haben ja jede Menge positive Beispiele auch dafür. Auch wenn die Zahlen zurückgegangen sind, haben wir Krankenhäuser, die schon sehr genau wissen, wie sie organisatorisch-strukturell das Thema Organspende angehen müssen. Bei den anderen, denke ich, ist sehr viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Das tun wir, das tun wir besonders gerne. Wir gehen in die Krankenhäuser. Aber die Botschaften müssen an den richtigen Stellen ankommen. Und ich würde mir wirklich sehr wünschen, dass die Krankenhausleitungen besonders stark hier einwirken und sagen, dieses Thema, so selten es auch vielleicht in kleineren Kliniken vorkommen mag, muss zum Zeitpunkt der Möglichkeit das vorrangige Thema sein, denn es rettet Leben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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