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StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Klimaschutz ist das Geschäftsmodell der Zukunft"13.05.2019

Stiftungsvorstand Deutscher Unternehmer"Klimaschutz ist das Geschäftsmodell der Zukunft"

"Wir kommen nicht umhin, unser Wirtschaftssystem komplett umzustellen", sagte Sabine Nallinger, Stiftungsvorstand von "2 Grad – Deutsche Unternehmer für Klimaschutz", im Dlf. 95 Prozent der Treibhausgase müssten reduziert werden. Nur wer hier innovativ sei, werde als Unternehmen bestehen.

Sabine Nallinger im Gespräch mit Silke Hahne

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Ein Radfahrer zeichnet sich vor dem Braunkohlekraftwerk Boxberg ab, aufgenommen in Altliebel am 11.03.2019 (imago images / photothek / Florian Gaertner)
Treibhausgase sollten einen Preis bekommen: Als erstes Regierungsmitglied befürwortete das Umweltministerin Svenja Schulze (SPD). (imago images / photothek / Florian Gaertner)
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Silke Hahne: In Berlin hat heute der zweitägige Petersberger Klimadialog begonnen – informelle Beratungen zwischen Ministern aus 35 Ländern. Sie diskutieren, wie das Pariser Klimaabkommen umgesetzt werden kann. Etwa die Begrenzung der durch Menschen verursachten Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit. Dafür setzt sich auch die Stiftung "2 Grad – Deutsche Unternehmer für Klimaschutz" ein, deren Mitglieder Wirtschaft und Klimaschutz nicht als Gegen-Pole betrachten. Mit der Vorständin der Stiftung Sabine Nallinger konnte ich vorher über die Vereinbarkeit von Wirtschaft und Klimaschutz sprechen. Und als Erstes habe ich sie gefragt:

Welche Einsichten und Motive treiben die Unternehmen Ihrer Initiative dazu an, dass die Wirtschaft mehr zum Klimaschutz beitragen muss?

Sabine Nallinger: Ich denke, gerade in den letzten Jahren ist das Thema Klimaschutz immer mehr in die Öffentlichkeit gekommen – nicht nur in die Öffentlichkeit, auch in die Wirtschaft und hier vor allem zunächst mal in die Finanzwirtschaft, wo deutliche Anzeichen bestanden haben, dass in Zukunft die Art und Weise, wie Unternehmen wirtschaften und welche Produkte sie erstellen, zukünftig auch an Finanzinvestitionen gehängt wird. Und natürlich die Einsicht, grundsätzlich Verantwortung zu übernehmen in dieser Welt, um seinen Teil dazu beizutragen, dass die zwei Grad Erderwärmung eingehalten werden kann.

Die Angst vor massiver Verteuerung

Hahne: Banken haben eigentlich nicht den allerbesten Ruf. Aber sind Banken die Treiber für mehr Klimaschutz? Verstehe ich Sie da jetzt richtig?

Nallinger: Genau. Ganz am Anfang war es tatsächlich vor allem das Bankwesen, das ganz deutlich angezeigt hat, dass Klimaschutz immer mehr Relevanz in ihren Investitionen haben wird. Es war die Angst auch vor "Stranded Investments", die Angst und die Befürchtung, dass man in Industrien, in Technologien investiert, die über die Amortisationszeit nicht mehr halten, dass Staaten zum Beispiel Reglementierungen einführen, die etwa Verbrennung Fossiler enorm verteuern, sodass herkömmliche Stahlwerke, Aluminiumwerke, Kupferwerke etc. nicht mehr entsprechend wirtschaftlich arbeiten können, weil es zu einer massiven Verteuerung kommt.

CO2 braucht einen "deutlichen Preis, der tatsächlich auch wirkt"

Hahne: Gibt es denn Unternehmen, die die Kosten schlicht nicht tragen könnten, die umweltfreundliches Handeln verursacht? Denn es ist ja mitnichten so, dass jetzt alle Unternehmen sich massiv für Klimaschutz einsetzen.

Nallinger: Na ja, sagen wir mal so: Wir haben heute schon das europäische Emissionshandelssystem. Das Ganze wirkt aber noch nicht richtig. Das heißt, wir müssen mit einem höheren Preis, die Wirkung muss deutlicher werden, und die wird dann deutlicher, wenn das CO2 auch einen entsprechenden Preis bekommt. Und dann geht es natürlich darum, dass man genau schaut, dass es entsprechende Ausgleichszahlungen auch gibt. Aber zunächst mal ist es wichtig, dass das CO2 so einen deutlichen Preis hat, dass es tatsächlich auch wirkt und dass CO2-arme Technologien und CO2-arme Produkte eingesetzt werden.

Ansatz, der den Wettbewerb um die besten Technologien antreibt

Hahne: Ist da vielleicht wegweisend so etwas, wie der Vorschlag von Umweltministerin Svenja Schulze für ein Klimaschutzgesetz vorsieht, nämlich, dass man einzelnen Sektoren CO2-Werte zuweist, die sie verbrauchen können, und darüber hinaus den Ausstoß von CO2 verteuert?

Nallinger: Ich denke erst mal, der Entwurf von Svenja Schulze zum Klimaschutzgesetz ist sehr löblich. Er bringt eine Ernsthaftigkeit in die Debatte und er bringt auch eine Ehrlichkeit in die Debatte. Ich denke, das Schädlichste für Wirtschaftsunternehmen ist, wenn sie keine klaren Rahmenvorgaben haben beziehungsweise wenn der Rahmen permanent nachjustiert wird, und das hatten wir bislang. 2020 werden wir die Klimaziele in Deutschland verfehlen. Das heißt, hier muss ein Zahn zugelegt werden. Und letztendlich ist so ein Hin und Her und ein Nachjustieren für die Wirtschaft gefährlich und ist sicherlich nicht förderlich. Das heißt, mit dem Klimaschutz-Gesetzentwurf von Svenja Schulze ist erst mal Klarheit entstanden, was es denn für die einzelnen Sektoren heißt, auch Klarheit darüber, dass alle Sektoren sich anstrengen müssen und dass alle Sektoren einbezogen werden, und letztendlich ist es doch ein Ansatz, der den Wettbewerb um die besten Technologien, um das beste Geschäftsmodell in den Sektoren antreibt, und das ist doch genau das, was die Wirtschaft eigentlich immer einfordert.

Die richtige Lenkung, den richtigen Rahmen für Unternehmen

Hahne: Eigentlich gelten ja Union und FDP als die Unternehmerparteien. Die allerdings wirken gerade eher als Bremsklotz. Verspielen diese Parteien gerade ihr Standing in der Wirtschaft?

Nallinger: Ich denke, klar wird, dass eigentlich immer mehr Unternehmenslenker nach außen treten und massiv sogar einen CO2-Preis einfordern. Die Wirtschaft ist da schon viel weiter und hat einfach erkannt, dass letztendlich Klimaschutz, dass ein CO2-Preis der Innovationstreiber der Zukunft ist. Ich würde sogar so weit gehen, dass Klimaschutz das Geschäftsmodell der Zukunft ist, weil letztendlich kommen wir nicht umhin, wenn wir die Lebensgrundlagen erhalten wollen, dass wir unser Wirtschaftssystem komplett umstellen.

Und was heißt das? – Das heißt, dass wir bis zu 95 Prozent der Treibhausgas-Emissionen, die wir heute noch ausstoßen, reduzieren müssen. Das ist ein komplett neues Wirtschaften. Es werden neue Produkte sein und neue Prozesse. Und die Unternehmen, die hier vorne dran sind, das werden die wirtschaftsstarken Unternehmen sein, die im internationalen Wettbewerb bestehen. Deshalb ist es originäres Interesse von Wirtschaftsunternehmen, dass sie hier vorankommen, und dazu brauchen sie die richtige Lenkung, den richtigen Rahmen.

"Es ist nicht die Politik, es kommt aus der Industrie"

Hahne: Das was Sie gerade beschrieben haben, Klimaschutz als Innovationstreiber, ist das denn wirklich vereinbar mit einer deutschen Wirtschaft, die ihre Basis in der Industrie hat?

Nallinger: Genau das ist es ja. Es geht ja um technologische Innovationen, die ein Industrieland wie Deutschland dringend braucht. Schauen wir mal in die Automobilindustrie. Die hat mittlerweile erkannt, dass sie umsteuern muss. Bislang haben sie gut Geld verdient mit dem Verkauf ihrer fossilen Fahrzeuge. Bloß die Frage ist, wie lange geht das gut. Und ein Unternehmenslenker denkt nicht nur bis zum nächsten Jahr, sondern der schaut sein Unternehmen für die nächsten fünf und zehn Jahre an. Deswegen sind es ja gerade die Vorstandsvorsitzenden und diejenigen, die in Verantwortung stehen in den Konzernen, die jetzt massiv ein Umlenken in Richtung emissionsarme Antriebe vorantreiben. Es ist nicht die Politik, es kommt aus der Industrie, weil die Industrie einfach in längeren Zeiträumen denkt, weil sie international unterwegs ist und einfach sieht, dass sie den Anschluss verpasst, wenn sie jetzt nicht massiv und sofort umsteuert.

"Je später wir anfangen mit Maßnahmen, desto heftiger werden sie"

Hahne: Auf diesen Zeithorizont würde ich ganz gerne jetzt noch mal eingehen mit der Frage, ist fünf bis zehn Jahre denn langfristig genug gedacht. Denn im Wesentlichen ist es ja so: Je mehr Zeit vergeht, in der das Klima zu wenig geschützt wird, desto radikaler müssten ja am Ende Maßnahmen sein, um das Zwei-Grad-Ziel noch einzuhalten. Ist das den Unternehmern oft nicht klar, oder denken sie zu sehr nach dem Motto, nach mir die Sintflut, wenn sie Klimaschutz, wie das ja in Teilen der Unternehmen sehr lange der Fall war, hinten anstellen?

Nallinger: Ich denke, da ist jetzt gerade vor allem die Politik gefragt, weil wir brauchen tatsächlich den langen Horizont. Bis 2050 müssen wir die Ziele erreichen. Aber wir dürfen nicht auf 2050 schauen, sondern wir müssen auf heute schauen, wir müssen auf das nächste Jahr schauen, weil wir insgesamt ein CO2-Budget haben. Das heißt, je später wir anfangen mit den Klimamaßnahmen, desto heftiger werden sie und desto größere Brüche, Umbrüche in der Wirtschaft erfordern sie. Das ist ja genau das, was Wirtschaftsunternehmen vermeiden wollen.

"Wir brauchen für alle Sektoren einen langfristigen Plan"

Hahne: Ist das denn allen so klar?

Nallinger: Ich denke, dass immer mehr Unternehmern das klar ist. Aber vor allem, denke ich, muss das der Politik klar sein, weil nämlich dieser lange Rahmen, der muss tatsächlich von der Politik kommen. Wir brauchen jetzt einen Rahmen, der die Wirtschaftsunternehmen bei ihrer Transformation unterstützt. Schauen Sie, immer mehr Unternehmenslenker fordern einen CO2-Preis von 30, 35 Euro in Deutschland, damit ihre innovativen und zukunftsgerichteten Geschäftsmodelle tragen, und das ist doch ein eindeutiges Zeichen. Ich denke, diesen Ruf sollte man hören und das sollte man befolgen und entsprechend auch langfristig Pläne machen. Deshalb finde ich den Vorschlag von der Umweltministerin Svenja Schulze richtig zu sagen, alle Sektoren müssen ihre Hausaufgaben machen, und wir brauchen für alle Sektoren einen langfristigen Plan, den wir dann aber natürlich runterbrechen für das nächste Jahr und das übernächste Jahr, damit Unternehmen wissen, vor welchen Herausforderungen sie stehen und welche Hausaufgaben sie zu erledigen haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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