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StartseiteForschung aktuell"Es braucht mehr Zeit, um sich zu integrieren"13.03.2018

Stipendien für geflüchtete Forscher"Es braucht mehr Zeit, um sich zu integrieren"

Die Philipp-Schwartz-Initiative will geflüchteten Wissenschaftlern helfen, auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Die Integration brauche Zeit,sagte Georg Scholl, Pressesprecher der Alexander von Humboldt-Stiftung. Die politische Unterstützung sei aber groß und so werde man das Programm auch noch weiterentwickeln.

Georg Scholl im Gespräch mit Ralf Krauter

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Georg Scholl, Pressesprecher der Alexander von Humboldt-Stiftung (Georg Scholl                )
"Hier geht es um Personen, die in erster Linie in Not sind und denen wir helfen wollen", sagte Georg Scholl, Pressesprecher der Humboldt-Stiftung im Dlf (Georg Scholl )
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Ralf Krauter: Die Reportage mitgehört hat Georg Scholl, Pressesprecher der Alexander von Humboldt-Stiftung, die geflüchtete Forscher im Rahmen der sogenannten Philipp-Schwartz-Initiative fördert. Das Geld dafür kommt unter anderem vom Auswärtigen Amt, der Robert-Bosch-Stiftung und dem Stifterverband. Herr Scholl: Aktuell läuft die vierte Ausschreibungsrunde für zweijährige Vollstipendien für gefährdete Forschende. Wer kann sich da bewerben und wie sieht der ideale Kandidat für so ein Philipp-Schwarz-Stipendium aus?

Georg Scholl: Bewerben kann sich jeder Wissenschaftler, jede Wissenschaftlerin, die in ihrem Land gefährdet ist, zunächst einmal. Das wird attestiert von einer Partnerorganisation, beispielsweise das Scholars at Risk Network, das mit uns zusammenarbeitet. Danach gucken wir, nachdem diese grundsätzliche Voraussetzung erfüllt ist, wie gut ist die Passung in Deutschland. Die Stipendiaten bewerben sich bei uns ja nicht selbst, sondern werden vorgeschlagen, werden nominiert von einer deutschen Einrichtung, einer Universität in der Regel.

Und hier wird beim Antrag gesagt, der Doktor X oder die Professorin Y passt besonders gut in unsere Universität, in unseren Fachbereich, weil das Forschungsprojekt stimmt, weil wir hier ein Projekt laufen haben, bei dem die Person gut mitarbeiten kann. Und wir wollen mit diesen und jenen Plänen die Person hier gut integrieren und dafür sorgen, dass sie in Deutschland wissenschaftlich arbeiten kann, wissenschaftlich Fuß fasst, idealerweise auch über die zwei Jahre hinaus, die das Stipendium läuft.

Die meisten Stipendiaten aus der Türkei

Krauter: Wie viele Stipendiaten haben Sie denn bisher gefördert, also indirekt über diesen Umweg über die Hochschulen/Forschungsorganisationen?

Scholl: Wir haben bisher 124 Stipendien finanziert über die Hochschulen und es sind 98 Stipendiaten bislang in Deutschland dann auch tatsächlich angekommen und haben ihr Stipendium angetreten.

Krauter: Wenn wir mal zurückschauen auf die gut zwei Jahre, die das Ganze jetzt läuft, wie haben sich denn die Profile der Bewerber und Stipendiaten in dieser Zeit verändert?

Scholl: Die augenfälligste Änderung ist der Wechsel in den Herkunftsländern. Am Anfang kamen die meisten noch aus Syrien, mittlerweile liegt die Türkei an der Spitze, wenn man so sagen will - das ist ja eine traurige Spitzenposition. 70 Personen sind bislang aus der Türkei ausgewählt worden. Dann kommt Syrien mit 38 Personen, dann der Irak, Jemen, Venezuela, und dann noch wenige einzelne Länder, aus denen wir dann nur einen oder zwei Stipendiaten haben.

"Das ist schon ein Sprung ins kalte Wasser"

Krauter: In der Reportage eben war ja zu hören, dass neben der Sprachbarriere viele geflüchtete Forscher offenbar doch unterschätzt haben, wie anders, wie viel höher zum Teil die Standards und Anforderungen sind, denen Wissenschaftler in Deutschland genügen müssen. Deckt sich das auch mit Ihren Erfahrungen?

Scholl: Ja, das deckt sich mit unseren Erfahrungen. Wir haben hier ein Programm, das vor allen Dingen einen humanitären Aspekt hat. Die Humboldt-Stiftung wählt normalerweise exzellente Forscher aus aller Welt aus, die in ihren Disziplinen zur absoluten Spitze gehören. Hier geht es um Personen, die in erster Linie in Not sind und denen wir helfen wollen und die teilweise aus Ländern kommen, in denen die einzelnen Fächer international nicht so kompetitiv sind, wie das bei den Kolleginnen und Kollegen hier in Deutschland der Fall ist.

Und natürlich, neben dem ganzen kulturellen Wechsel, neben auch den Bürden, die man mitbringt, wenn man traumatisiert ist, wenn man in Haft war, wenn man aus einem Bürgerkriegsland kommt - neben all dem kommt dann eben hier der kompetitive Charakter unseres Wissenschaftssystems natürlich zum Tragen. Das ist schon ein Sprung ins kalte Wasser teilweise.

"Es braucht mehr Zeit"

Krauter: Wie sieht denn Ihre persönliche Bilanz sozusagen aus, also von den Geförderten, wie hoch ist der Prozentsatz von denen, wo Sie sagen würden, die werden es tatsächlich schaffen, hier dauerhaft Fuß zu fassen?

Scholl: Das können wir im Moment noch nicht sagen, denn die ersten Förderungen - wir haben das Programm ja im Frühjahr 2016 gestartet - laufen jetzt erst aus. Wir sind informiert über einige Einzelfälle, wo tatsächlich es zu gelingen scheint, dass hier der Fuß ins Wissenschaftssystem gebracht wird, dass es Anschlussverträge, Anschlussfinanzierungen gibt in Forschungsprojekten. Aber generell ist unser Eindruck, dass es mehr Zeit braucht, um hier sich zu integrieren, um hier eventuell auch den Fuß in ein anderes Berufsfeld zu kriegen, wenn es in der Wissenschaft nicht klappt. Deswegen verlängern wir jetzt die Stipendien oder geben jedenfalls die Möglichkeit dazu. Die nominierenden Universitäten können einen Antrag stellen, dass wir ein Jahr Förderung hinzugeben, allerdings kofinanziert. Die Universität trägt die eine Hälfte und wir die andere.

"Die politische Unterstützung ist groß"

Krauter: Jetzt klang schon an mehreren Stellen an, dass Zeit ein kritischer Faktor ist. Wie lange wird denn der Atem der Philipp-Schwartz-Initiative reichen, um geflüchteten Forschern Starthilfe zu geben? Denn auch Sie sind ja abhängig von Geldgebern, die Ihnen die Rückendeckung jetzt noch gar nicht so langfristig zugesichert haben, oder?

Scholl: Es ist richtig, dass die Rückendeckung uns jetzt noch nicht langfristig zugesichert wurde, aber der politische Wille, die politische Unterstützung ist groß, und wir sind recht zuversichtlich, dass auf Dauer die Schwartz-Initiative weiter unterstützt wird und möglicherweise dann verstetigt wird. Und außerdem wollen wir gern das Programm auch noch weiterentwickeln, neben diesen klassischen Stipendien, die wir jetzt vergeben, auch noch mehr darin investieren, dass die Zeit danach begleitet wird, dass es beispielsweise Trainings gibt für die Betroffenen, um hier im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, oder eben auch bei ihrer Rückkehr dann gut helfen zu können.

Krauter: Infos und Einschätzungen zur Philipp-Schwartz-Initiative zur Förderung gefährdeter Wissenschaftler waren das von Georg Scholl von der Alexander von Humboldt-Stiftung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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