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StartseiteInterview"Wir haben uns auf einen langen Kampf eingestellt"18.12.2018

Streiks bei Amazon"Wir haben uns auf einen langen Kampf eingestellt"

Die Gewerkschaft Verdi hat den Aufruf zu Warnstreik an zwei Amazon-Standorten im Weihnachtsgeschäft verteidigt. Nur so erhalte man die volle Aufmerksamkeit des Unternehmens, sagte die Amazon-Expertin bei Verdi, Lena Widmann, im Dlf. Amazon sei kein herkömmlicher Gegner: Der Konzern agiere hochgradig aggressiv.

Lena Widmann im Gespräch mit Tobias Armbrüster

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17.12.2018, Sachsen, Leipzig: Am Standort Leipzig des US-Versandhändlers Amazon streiken Gewerkschaftsmitglieder. Seit Jahren ringt die Gewerkschaft um einen Tarifvertrag bei Amazon. Mit neuerlichen Streiks kurz vor Weihnachten geht der Konflikt nun in die nächste Runde. (dpa / picture alliance / Peter Endig)
Verdi hat erneut zu Streiks bei Amazon aufgerufen: "Jeder, der bei Amazon bestellt, müsste inzwischen wissen, was das für ein Unternehmen ist", Lena Widmann von Verdi im Dlf (dpa / picture alliance / Peter Endig)
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Tobias Armbrüster: Es ist ein umstrittenes Unternehmen, trotzdem eines der weltweit erfolgreichsten: Der Online-Versandriese Amazon. Gerade jetzt in der Weihnachtszeit für viele Menschen eine der ersten Anlaufstellen beim Einkaufen online.

Aber bei Amazon gibt es einen, seit langem schwelenden Arbeitskampf. Deshalb hat die Gewerkschaft Ver.di jetzt an zwei Standorten zu Warnstreiks aufgerufen: in Leipzig und in Werne in NRW. Das alles mitten im Weihnachtsgeschäft, in dem sich wie gesagt viele Verbraucher darauf verlassen, dass Amazon rechtzeitig vor dem 24. 12. liefert.

Wir wollen das alles besprechen mit Lena Widmann. Sie ist zuständig bei Ver.di für Amazon. Schönen guten Morgen, Frau Widmann!

Lena Widmann: Schönen guten Morgen!

Armbrüster: Frau Widmann, Streiken mitten im Weihnachtsgeschäft, ist das fair?

Widmann: Ja! Das ist natürlich immer die Natur einer Dienstleistungsgewerkschaft, dass es natürlich immer die Endkundinnen und Kunden trifft. Aber nachdem wir das jetzt nicht zum ersten Mal machen und das auch schon seit mehreren Jahren machen, müsste es klar sein, dass jeder der bei Amazon bestellt inzwischen auch weiß, was das für ein Unternehmen ist.

Was man auch sagen muss ist, dass es sich ganz, ganz schnell beenden ließe, wenn Amazon sich mit uns an einen Verhandlungstisch setzt.

Armbrüster: Das heißt, Sie wollen in diesen Tagen zunächst mal die Amazon-Käufer, die Amazon-Kunden treffen, um auf diesen Tarifkonflikt aufmerksam zu machen?

Widmann: Nein. Was wir wollen ist, auf unsere Anliegen aufmerksam machen. Wir setzen uns seit mehreren Jahren für bessere Arbeitsbedingungen bei Amazon ein und da geht es um Lohn, da geht es um Gehalt, da geht es um Urlaub, um Urlaubs- und Weihnachtsgeld, um Arbeitszeiten und genauso auch um Fragen, wie komme ich gesund durchs Arbeitsleben, auch bis dann zur Rente.

Es geht den Beschäftigten, es geht unseren Mitgliedern auch um Gesundheitsfragen, was körperliche Belastungen angeht, aber auch um psychische Dinge, wie komme ich gesund bis ins Rentenalter. Um das alles verbindlich zu regeln und jetzt nicht auf die Launen eines großen Konzerns angewiesen zu sein, dafür brauchen wir einen Tarifvertrag und dafür setzen wir uns ein.

"Wir kämpfen durchaus das ganze Jahr hinweg"

Armbrüster: Darüber können wir auch gleich noch mal sprechen. Aber festhalten können wir: Sie warten dann mit solchen Arbeitskämpfen bis zu der Zeit, in der es wirklich brenzlig wird, in der es auch wirklich wie gesagt weh tut, und legen dann los?

Widmann: Das ist auch die Natur einer Gewerkschaft. Natürlich müssen wir gucken, wie können wir Amazon weitestgehend auf uns aufmerksam machen. Es hilft uns natürlich nichts, wenn wir Arbeitskämpfe durchführen, die nichts bringen. Das ist völlig klar. Dementsprechend müssen wir gucken, wie wir größtmöglich, ich mag das Wort Druck nicht, aber wie wir letztendlich möglichst laut werden, so dass Amazon letztendlich die Stimmen unserer Beschäftigten, unserer Mitglieder auch hört.

Armbrüster: Frau Widmann, ganz kurz noch. Jetzt kaufen die Menschen bei Amazon allerdings auch im Sommer ein, wahrscheinlich auch nicht zu knapp. Aber im Sommer machen Sie keine Arbeitskämpfe?

Widmann: Das kann ich so nicht bestätigen. Wir kämpfen durchaus das ganze Jahr hinweg. Das ist nicht beschränkt auf Weihnachten. Dementsprechend führen wir durchaus auch Arbeitskämpfe im Sommer, im Frühling, das ganze Jahr über durch. Wir überlegen allerdings schon sehr genau, wann wir wo rausgehen und wann wir wo auch einfach nichts machen – natürlich.

Armbrüster: Dieser Arbeitskampf zwischen Ver.di und Amazon, der dauert jetzt schon einige Jahre. Es ist auch nicht das erste Mal, dass so etwas zu Weihnachten stattfindet. Warum zieht sich das so in die Länge? Macht Ihre Gewerkschaft da möglicherweise was falsch?

Widmann: Na ja. Sie müssen sehen, das ist kein herkömmlicher Gegner. Amazon ist eines der größten Unternehmen, einer der größten Konzerne, die man sich vorstellen kann.

"Amazon ist ein weltweiter Gegner"

Armbrüster: Und Ver.di ist eine der mächtigsten Gewerkschaften, die man kennt.

Widmann: Das ist vollkommen richtig. Allerdings ist Amazon ein weltweiter Gegner. Amazon hat die Möglichkeit, schnellstmöglich ins Ausland umzulagern, umzusteuern. Wir haben uns auch von Anfang an auf einen langen Kampf eingestellt. So ist das nicht. Wir sind jetzt keineswegs überrascht, dass das so lange dauert. Wir sind natürlich schon besorgt darum, dass das so lange dauert und dass Amazon sich wirklich weigert, die Petitionen und den Mitgestaltungswillen unserer Mitglieder auch nur zu hören, sondern schlicht und ergreifend sagt, wir bestimmen, was einen guten Arbeitgeber ausmacht, und wir sagen, wir sind doch ein guter Arbeitgeber, auch ohne Tarifvertrag.

Das ist natürlich etwas, was uns besorgt, aber wie gesagt uns keineswegs überrascht. Das ist ein hochgradig aggressives Unternehmen. Ich weiß nicht, ob Sie das Video aus den USA kennen, wo definitiv aufgerufen wird, Gewerkschaftsmitglieder oder gewerkschaftliche Bestrebungen in Betrieben auch zu bekämpfen. Das ist ein sehr gewerkschaftsfeindliches Unternehmen. Wir haben es inzwischen geschafft, dass wir überall Betriebsräte haben, Menschen aus der Belegschaft, die mitbestimmen können, die sich für ihre Kolleginnen und Kollegen im Betrieb einsetzen können. Das war aber jetzt auch kein leichtes Ding. Das hat auch mehrere Jahre gedauert, dass wir Betriebsräte haben, dass wir dort auch starke Gewerkschafter(innen) in den Betriebsräten haben. Das ist alles nicht von heute auf morgen gekommen.

"Da geht es auch um die Frage von Respekt"

Armbrüster: Frau Widmann, was ist denn so verkehrt daran, wenn ein Unternehmen sagt, wir wollen so eine gewerkschaftsnahe Tarifbindung nicht, aber wir halten uns trotzdem an die Vorgaben, die in der für uns geltenden Branche – das ist im Fall Amazon, sagt das Unternehmen, die Logistikbranche -, wir halten uns an die Vorgaben, die dort gemacht werden, und unsere Mitarbeiter werden nach den höchsten Maßstäben in dieser Branche bezahlt. Was ist daran so verkehrt?

Widmann: Das sind zum einen technokratische Dinge. Die Frage ist schon, worauf sich Amazon bezieht. In dem einen Land sagt Amazon, wir sind ein Händler, in dem anderen ein Logistiker, je nachdem welcher Tarifvertrag ihnen gerade besser passt. Das muss man auch einfach mal sehen. Der Tarifvertrag für die Logistik ist ein bisschen niedriger. Allerdings muss man auch ganz deutlich klarstellen: Amazon zahlt überhaupt nicht nach Tarifvertrag, sondern sie sagen, sie orientieren sich an etwas. Das ist erst mal begrüßenswert, natürlich! Das ist aber nichts, worauf sich irgendjemand verlassen kann. Das kann sich morgen ändern.

Da kann Amazon sagen, ach nein, jetzt machen wir das doch anders, euer Weihnachtsgeld, auf das ihr euch jetzt schon verlassen habt, machen wir doch nicht. Das ist nichts Verbindliches. Was die Menschen allerdings brauchen ist schon, zu wissen, was erwartet mich denn in den nächsten Jahren, was erwartet mich bis zur Rente. Und man muss auch ganz ehrlich mal sagen: Das was Amazon letztendlich den Beschäftigten vorenthält, nämlich ein auskömmliches Gehalt, das ist das, was wir als steuerzahlende Gemeinde früher oder später wieder auffangen müssen. Das muss man einfach auch ganz klar sehen. Dafür setzen wir uns ein, dass wir einen Tarifvertrag bekommen, der ein auskömmliches Einkommen sicherstellt, worauf sich Menschen verlassen können, und zwar nicht heute, sondern auch morgen und auch in fünf Jahren, und was sie auch sicher bis in die Rente bringt. Da geht es auch nicht nur um Lohn und Gehalt; da geht es inzwischen wirklich um Gesundheitsmaßnahmen, um die Frage von Respekt.

"Dass es ein langer Kampf werden würde, darauf haben wir uns eingestellt"

Armbrüster: Frau Widmann, kann es denn sein, dass Ihre Gewerkschaft da immer noch ein bisschen nach den Vorgaben aus dem vergangenen Jahrhundert handelt und dass sie es einfach nicht aufnehmen kann mit so einem Digitalhändler, mit so einem Unternehmen des 21. Jahrhunderts, was immer einen Schritt schon vorausdenkt?

Widmann: Zum einen wage ich zu bezweifeln, dass es im Punkt Arbeitskampf einen Schritt vorausdenkt. Zum anderen: Na klar, Gewerkschaften haben gewisse Vorgaben, wie sie handeln. Denen folgen wir natürlich auch. Was wir aber auch wissen, dass es ein langer Kampf wird.

Was wir auch wissen ist, dass wir genauso global agieren werden, und von daher schließen sich immer mehr Menschen uns an. Dementsprechend ist das für uns Beweis genug, dass wir auf einem guten Weg sind. Wenn wir uns nicht richtig verhalten würden, wenn wir völlig in die falsche Richtung laufen würden, würden sich nicht mehr und mehr Leute uns anschließen und sagen, ja, ich mache da mit. Von daher kann man das so sehen, aber ich glaube, die tatsächlichen Fakten sprechen dann doch irgendwie für uns. Und wie gesagt: Dass es ein langer Kampf werden würde, darauf haben wir uns eingestellt.

Armbrüster: … sagt Lena Widmann. Sie ist bei der Gewerkschaft Ver.di zuständig für Amazon. Wir haben mit ihr gesprochen über die derzeitigen Warnstreiks beim Online-Versandhändler. Vielen Dank, Frau Widmann, für Ihre Zeit heute Morgen.

Widmann: Sehr gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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