Samstag, 18. Mai 2024

Israel-Post von Helen Fares
Das Problem mit dem Journalismus mit Aktivismus

Die wegen Boykottaufrufen für Produkte aus Israel kritisierte Helen Fares bezeichnet sich selbst als Journalistin und Aktivistin. Dabei sind das ja unterschiedliche Dinge, sagt Isolde Fugunt von der Journalistenschule ifp. Ein Gespräch über Grenzen.

Isolde Fugunt im Gespräch mit Antje Allroggen | Text: Michael Borgers (mit KNA) | 10.04.2024
Moderatorin Helen Fares kommt zur Deutschlandpremiere der 4. Staffel der Netflix-Serie "Stranger Things" im Kraftwerk Berlin.
Helen Fares 2022 bei Deutschlandpremiere der 4. Staffel der Netflix-Serie "Stranger Things" (Archivbild) (picture alliance / dpa / Monika Skolimowska)
Der Südwestrundfunk (SWR) trennte sich Anfang der Woche von Helen Fares. Sie hatte für den Sender das digitale Dialog-Format "MixTalk" moderiert, arbeitet darüber hinaus aber auch in anderen Bereichen. Sie sei nicht nur Journalistin, sondern „Aktivistin, Moderatorin, Podcasterin und Psychologin im Bereich Wirtschaft“, erklärt Fares auf ihrer eigenen Webseite. Dort bezeichnet sie sich selbst als „Syrerin in Almanya“, die ihre Reichweite nutze, um "über Gesellschaft, Politik und Wissenschaft zu sprechen".
Sie wolle einen Beitrag dazu leisten, so Fares, "dass Menschen in Zukunft nachsichtiger, vorsichtiger und liebevoller mit ihren eigenen und fremden menschlichen und natürlichen Ressourcen umgehen". Fares war in den letzten Jahren auch für das ZDF tätig und produzierte für ARD Kultur den Podcast "Akte Raubkunst" über den Umgang deutscher Museen mit Kunstobjekten aus Asien und Afrika. 2023 trat sie unter anderem beim globalen Klimastreik im September in Berlin als Rednerin auf.
Auf ihrem Instagram-Profil, wo sich die 29-Jährige „Ms Baklava“ nennt, hatte sie zuletzt eine App empfohlen, die Waren aus Israel identifiziert. Mit dieser App habe sie herausgefunden, dass der Eigentümer eines bestimmten Produkts Israel unterstütze. Deshalb kaufe sie selbst dieses Produkt nun nicht mehr, erklärt sie in dem kurzen Film.

"Ein wirklich heiß diskutiertes Thema"

Ist Helen Fares mit diesem Vorgehen ein Einzelfall? Oder steht sie einfach für eine neue Generation von Journalistinnen und Journalisten, die nicht mehr trennen will zwischen Journalismus und Aktivismus? Eine Kritik, die innerhalb der Medien immer wieder zu hören ist.
"Aktivismus und Journalismus sind zwei unterschiedliche Dinge", betont Isolde Fugunt im Interview im Deutschlandfunk; sie leitet seit 2023 als journalistische Direktorin und Geschäftsführerin die katholische Journalistenschule ifp. Und obwohl für sie die Frage klar und schnell beantwortet ist - an ihrer Schule sei sie ein "wirklich heiß diskutiertes Thema", so Fugunt. Einfach zu sagen, dort liegt die Grenze, sei schwierig.
Früher hätten Journalistinnen und Journalisten auf Social Media geschrieben, sie seien dort privat unterwegs. "Und das funktioniert ja nun einfach nicht."

Auf Social Media nicht als Privatperson unterwegs

Seit 1968 bildet das ifp in München Nachwuchs aus, darunter etwa ZDF-Chefredakteurin Bettina Schausten, Ex-"Spiegel"-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer oder Wolfgang Büchner, stellvertretender Sprecher der Bundesregierung.
Doch in den vergangenen Jahren habe sich das eigene Rollenverständnis unter den Auszubildenden extrem verändert, beobachtet Isolde Fugunt. "Da muss man sich von Anfang an klar darüber werden, dass ich nicht als Privatperson unterwegs bin, sondern dass ich immer auch in meiner journalistischen Rolle wahrgenommen werde. Und je öffentlicher ich da bin, umso mehr ist das so."
Und bei der sogenannten "Generation Z" kann man nicht mehr sagen, was noch privat und was öffentlich ist? "Ja, das würde ich auf jeden Fall so sagen", antwortet die Leiterin der Journalistenschule. "Sich damit auseinanderzusetzen, da eine Haltung zu finden, das ist wirklich viel schwieriger geworden."

SWR verweist auf weitere "problematische" Posts

Für den SWR war am Ende der Fall klar. Man habe die Moderatorin darauf hingewiesen, "dass für Moderatorinnen und Moderatoren eines Debattenformats zum Schutz der Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit der Sendung eine Pflicht zur Neutralität gelte". So begründete die Anstalt ihre Entscheidung gegen eine weitere Beschäftigung von Fares.
Journalistinnen und Journalisten könnten selbstverständlich eine politische Meinung haben, heißt es weiter in der Pressemitteilung. Doch durch Social-Media-Aktivitäten dürfe die „Unabhängigkeit des SWR und seiner Mitarbeitenden nicht beeinträchtigt oder in Zweifel gezogen werden“.
Fares sei vor den aktuellen Vorwürfen bereits zweimal darauf hingewiesen worden, dass Posts auf ihrem privaten Instagram Account aus Sicht des SWR problematisch erschienen, ergänzte man dann noch gegenüber dem Portal Übermedien, das kritisch kommentiert hatte: "Der SWR will die Reichweite von Influencern – aber ohne die Risiken".

Fares verteidigt sich gegen Kritik

Fares selbst kritisierte nach der Entscheidung des SWR auf Instagram, wie zuvor schon auf Englisch: „Die deutschen Medien versuchen, alle Stimmen zum Schweigen zu bringen, die sich für Palästina einsetzen. Deshalb müssen wir uns noch mehr und noch lauter zu Wort melden."
In einem Video verteidigt sie sich außerdem vor ihren 110.000 Followerinnen und Followern. Eine deutsche Zeitung habe ihr Antisemitismus vorgeworfen, weil sie Produkte boykottiere, die Israels Wirtschaft unterstützen würden, so Fares. Doch es sei nicht antisemitisch, ein Land zu kritisieren, gegen das aktuell der Internationale Strafgerichtshof wegen des Vorwurfs eines Völkermords ermittle, findet sie.