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StartseiteCampus & KarrierePolitische Bildung ein "elitäres Angebot"05.06.2019

Studie zu SchulunterrichtPolitische Bildung ein "elitäres Angebot"

Politische Bildung wird an Gymnasien umfangreicher und umfassender vermittelt als in anderen Schulformen, so das Ergebnis einer aktuellen Studie. Berufsschüler erhielten zum Beispiel weniger Befähigung zur politischen Teilhabe. Das sei ein Armutszeugnis, sagte Sabine Achour, Mitautorin der Studie, im Dlf.

Sabine Anchour im Gespräch mit Thekla Jahn

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05.04.2019, Bayern, München: Eine große Menge an Schülerinnen und Schüler - sie sind Teilnehmer der zweiten Jugend-Klimakonferenz des Bayerischen Umweltministeriums. (picture alliance / Sven Hoppe)
Politische Teilhabe muss gelernt werden - Schüler bei der zweiten Jugend-Klimakonferenz des Bayerischen Umweltministeriums (picture alliance / Sven Hoppe)
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Thekla Jahn: Politische Diskurse sind wichtig für eine funktionierende Demokratie. Damit sage ich überhaupt nichts Neues. Aber werden politische Diskurse auch in ausreichendem Maße und in fairer Weise geführt innerhalb unserer Gesellschaft? Da lässt sich dann ein deutliches Fragezeichen setzen. Umso wichtiger ist es, dass bereits in der Schule – und zwar in allen Schulformen – politische Bildung eine Rolle spielt. Nur so ist auf Dauer auch die Teilhabe aller Menschen an einer demokratischen Gesellschaft möglich. Allerdings: Es scheint so, als hätten die Schüler und Schülerinnen an den Gymnasien die besseren Karten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die gestern Abend vorgestellt wurde. Autorin der Studie ist Prof. Sabine Achour von der FU Berlin, am Telefon jetzt. Frau Achour, was genau haben Sie herausgefunden? Wie ist es um die politische Bildung der deutschen Schüler bestellt?

Sabine Achour: Ja, also wir haben herausgefunden, dass es tatsächlich eine recht deutliche Diskrepanz gibt zwischen dem Angebot, was Gymnasialschülerinnen und -schüler bekommen und Schülerinnen und Schüler, die halt nicht am Gymnasium sind in Bezug auf politische Bildung, was die Stundenanzahl betrifft. Und was dann eben sehr deutlich wird: Wenn es dann um die gymnasiale Oberstufe geht, haben quasi alle, die Abitur machen, also sehr viel oder ausreichend politische Bildung, und diejenigen, die eben nicht Abitur machen, sondern zum Beispiel in Berufsschulen gehen, eben nicht – und wenn man das dann noch mal vergleicht, dass es schon bis Klasse zehn diesen Gap gab, da merkt man ganz deutlich, dass sich da einfach auch eine politische Ungleichheit entlang an der sozialen Ungleichheit abzeichnet. Das ist natürlich – wenn wir eigentlich alle befähigen wollen, an Demokratie teilzuhaben und politisch handlungsfähig zu sein, genau die eigentlich weniger haben, die mehr bräuchten –, das ist natürlich schon ein Armutszeugnis.

"Soziale Frage" ist Schülern wichtig

Jahn: Jetzt haben Sie es gerade schon so ein bisschen so formuliert: Wer hat, dem wird gegeben. So haben Sie die Studie genannt. Das klingt auch so ein bisschen nach Klassenkampf.

Achour: Ja. Also wir bezeichnen es auch als etwas elitäres Angebot tatsächlich, politische Bildung, das hat sich auch ziemlich deutlich abgezeichnet in dieser Studie, und dass eigentlich wirklich diejenigen, die schon, ja, eine hochwertige politische Sozialisation haben, wo man abends am Küchentisch vielleicht noch mal den Koalitionsvertrag diskutiert, weil das zur Familienkultur gehört, genau die bekommen eigentlich auch noch die guten Angebote, und zwar nicht nur in Bezug auf das Fach, sondern tatsächlich auch so demokratiebildende Angebote, also wenn es um Exkursionen geht, wenn es um externe Akteure geht, die in die Schule kommen, also der Kontakt einfach in die politische Welt wird da sehr viel stärker gefördert. Und das ist dann natürlich eine starke Ungleichheit. Aber was sehr interessant ist, das ist ein Befund, weil Sie jetzt Klassenkampf meinten: Was wirklich allen Schülerinnen und Schülern wichtig ist, das ist die soziale Frage, und zwar durch alle Milieus. Also ich glaube, da gibt es eine Sensibilität, die gerade nicht nur für Nachhaltigkeit nur da ist, sondern tatsächlich auch, wenn es um Verteilungsgerechtigkeit geht.

Jahn: Das heißt, das Fach politische Bildung oder auch politische Bildung im Rahmen anderer Fächer würde auf fruchtbaren Boden bei den Schülerinnen und Schülern aller Schulformen fallen?

Achour: Mit Sicherheit. Also wir haben zumindest auch ziemlich deutlich sehen können, dass bestimmte Inhalte, also zum Beispiel Nachhaltigkeit, ähnlich wie Digitalisierung, dass das eigentlich Themenfelder sind, die gerade brennen. Und die Schülerinnen und Schüler sagen aber selber, dass das eigentlich ganz, ganz wenig stattfindet.

Politische Bildung in Schulen angleichen

Jahn: Sie haben herausgefunden, dass in Gymnasien die politische Bildung einen sehr viel höheren Stellenwert hat. Das liegt natürlich zum einen auch daran, dass bis zum Abitur sehr viel mehr Jahre vergehen, als wenn ich auf einer Real- oder Hauptschule bin. Was lässt sich denn ableiten aus Ihrer Studie für genau diese Schulformen, in denen politische Bildung nicht so stattfindet? Also welche Nachhilfe könnten Sie geben für Real- und Hauptschulen im Unterrichtsfach politische Bildung?

Achour: Wünschenswert wäre natürlich auf jeden Fall eine Angleichung der Stundenzahl für politische Bildung oder dass das überhaupt stattfindet – also teilweise berichten die Schülerinnen und Schüler an den Nicht-Gymnasien, dass das Fach auch gar nicht vorhanden ist, also dass es eigentlich dann überlagert wird von was auch immer, Geschichtsunterricht, Gesellschaftslehre oder so – und dass man entweder wirklich gucken muss, gut, wie kriegt man da tatsächlich auch Politikdidaktik irgendwie in die Stunden, das wäre natürlich ganz wichtig. Und auch das ist natürlich politische Bildung und Demokratiebildung, vielleicht auch mit Schülerinnen und Schülern mal darüber zu sprechen, was sie gerne machen möchten. Also dass wir jetzt gesellschaftlich plötzlich völlig erstaunt sind von Rezo und Fridays for Future zeigt ja auch ein bisschen, wie wenig wir anscheinend mitgekriegt haben von der jungen Generation, was die Themen sind, die halt da sind. Ich glaube, das hat schon ganz viel mit Motivation überhaupt für das politische Geschehen in der Bundesrepublik zu tun.

Jahn: Wir haben bis jetzt gesprochen über Gymnasien, über Haupt- und Realschulen. Wie sieht es an Berufsschulen oder Berufsfachschulen aus mit der politischen Bildung?

Achour: Wir haben da relativ kleine Fallzahlen, deshalb ist das definitiv ein ganz exemplarischer Einblick, aber da wird relativ deutlich, das sind so die abgehängten Schulformen.

Jahn: Was heißt abgehängt?

Achour: Also das ist ja so ein Bereich, es gibt gar nicht die Berufsschule, sondern die sind so unterschiedlich von der Schülerschaft, also extrem heterogen, es gibt ja da alle Ausbildungsgänge, dann gibt es teilweise Berufsschulen, die sich vor allem auf ein Fachgebiet spezialisieren, andere, da ist ganz viel zusammen, zum Teil sind das ja Schülerinnen und Schüler mit einem Hauptschulabschluss, die erst mal quasi weitergebildet werden, um sie dann in einen Ausbildungsberuf irgendwie bringen zu können – also das ist unglaublich herausfordernd. Aber es zeigt sich eben auch, dass da die Angebote politischer Bildung noch mal geringer sind. Und eigentlich sind es aber genau die Gruppen von Schülerinnen und Schülern, die sehr viel stärker an die Hand genommen werden müssen, die eigentlich sehr viel stärker motiviert werden müssen für politisches Geschehen und auch für ihre eigenen Interessen.

"Wir brauchen eine bundesweite Gesamtstrategie"

Jahn: Was schlussfolgern Sie daraus, was sind Ihre Forderungen?

Achour: Politische Bildung ist auch ganz viel Beziehungsarbeit zum Beispiel, was findet da überhaupt zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern statt, dass sich da die Institution Schule öffnet und politisch tatsächlich auch Ressourcen in die Hand genommen werden, um diese Schulen darin zu unterstützen, auch demokratische Institutionen zu werden auf diesen unterschiedlichen Bereichen, die möglich sind, und in Bezug auf Lehrkräfte Fort- und Weiterbildungen. Und was mir auch noch mal wichtig ist, was einem deutlich sein muss: Also Schule ist ja quasi eine Institution in der Gesellschaft, und die allein kann das natürlich alles auch gar nicht richten. Und wir brauchen eigentlich eine Gesamtstrategie bundesweit für die politische Bildung, und zwar frühkindlich, außerschulisch, in der Erwachsenenbildung und eben auch für die Schule, weil das natürlich ... Also wir brauchen da auch wieder Regelangebote, die so in den letzten 20 Jahren verschwunden sind, aber deutlich wird, also da müssen Strukturen verankert werden, weil das, glaube ich, die Fragen sind, damit kann man kompensieren in den Milieus, wo einfach der Bedarf auch da ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Zur Studie:

Die Studie erscheint im Sommer 2019 als Veröffentlichung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Befragt wurden knapp 3.400 Schülerinnen und Schüler an 99 Schulen in den Klassen 9-13 verschiedener Schulformen: Gymnasien, sonstige allgemeinbildende Schulen, berufliche Gymnasien und Berufs- und Berufsfachschulen.

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