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StartseiteCampus & KarriereWas Lehrer lernen wollen21.01.2019

Studie zur FortbildungWas Lehrer lernen wollen

Lehrkräfte an Schulen wünschen sich mehr Fortbildungsangebote zum Thema Klassenführung und Inklusion. Das zeigt eine aktuelle Studie im Auftrag der Gewerkschaft GEW zur Qualität der Lehrerfortbildung in Baden-Württemberg. Beklagt werden Zeitmangel und Unterrichtsausfall.

Von Thomas Wagner

Ein Lehrer nimmt am Dienstag (24.02.2009) an einem Gymnasium in Kerpen während des Unterrichts in einer 6. Klase einen Schüler dran. (picture alliance / Oliver Berg)
Fortbildung kann ein Weg zu erfolgreichem und wirksamen Unterricht sein - aber welche Themen und Konzepte werden gebrauchtß (picture alliance / Oliver Berg)
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Jochen Staudacher unterrichtet am Gymnasium Überlingen Deutsch, Gemeinschaftskunde und Geschichte:

"Also ich hatte eine Fortbildungsreihe. Die hieß Lernen gestalten. Da ging es um neue pädagogische, didaktische Formen des Lehrens und Lernens. Gerade diese drei Stunden Fortbildung sind ja häufig am Nachmittag. Das ist ja dann schon eine Belastung. Am Nachmittag muss der Unterricht vorbereitet werden. Da wird korrigiert. Und wenn da eine Fortbildung stattfindet, dann ist das eine Mehrbelastung."

Ein Nachmittag allein reicht nicht

Nina Felsheim unterrichtet ebenfalls am Gymnasium Überlingen Biologie und Französisch.

"Meine letzte Fortbildung war im Fach Französisch zum Bildungsplan der neunten und zehnten Klasse, auch nur einen Nachmittag leider. Mir geht es so, dass die längeren Fortbildungen oft nachhaltiger und gewinnbringender sind als die Fortbildungen, die am Nachmittag nur stattfinden."

Beide Pädagogen loben zunächst einmal ein sehr umfangreiches Angebot an Angeboten. Und das fachliche Niveau der Fortbildungen sei sehr gut. Nur: Dass Fortbildungen zu wichtigen Themen schnell mal zwischen Tür und Angel am Nachmittag angeboten werden, passe nicht zur Qualität der Inhalte. Was die beiden Überlinger Lehrter da kritisieren, steht so auch in der Studie, die Erziehungswissenschaftler der Universität Tübingen nun vorgestellt haben. Erstmals wurden dazu Pädagogen unterschiedlicher Schularten zur Qualität von Fortbildungsangeboten in Baden-Württemberg befragt.

"Wir wissen aus der internationalen Forschung, dass die Dauer der Fortbildung für Lehrinnen und Lehrer ein wichtiger Indikator für die Nachhaltigkeit der Fortbildung ist. Hier sehen wir für das Bundesland Baden-Württemberg, dass die Mehrzahl der Fortbildungen von kurzer Dauer ist. Einen halben oder einen Tag. Hier könnten die Maßnahmen gebündelt werden, dass man zu weniger, aber längeren Fortbildungen übergeht."

Zu wenig Angebote zur Inklusion

So der Tübinger Erziehungswissenschaftler Professor Colin Cramer, Mitautor der Studie. Insgesamt stellt Cramer aber fest:

"Man kann sagen, dass über 80 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer, die die Fortbildungsangebote besuchen, damit zufrieden sind."

Wobei sich die meisten Fortbildungsangebote für didaktische Inhalte beziehen. Da geht es also um Verbesserungen der Art und Weise, wie Unterricht gestaltet wird.

"Wir haben aber auch einige innovative Bereiche, Innovationsfelder, wie Digitalisierung und der Bereich Heterogenität und andere, in denen weniger Fortbildungen angeboten werden."

An diesem Punkt setzt Doro Moritz, baden-württembergische Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, mit ihrer Kritik an: Denn abseits der Didaktik gebe es viele Felder, auf denen Fortbildungsangebote für Lehrkräfte dringend ausgebaut werden müssten.

"Was die Lehrerinnen und Lehrer ganz arg beschäftigt, ist der Umgang mit der Verschiedenheit der Klasse, der Umgang mit der Heterogenität. Das Thema Klassenführung, das Thema Inklusion. Da haben wir ganz wenige Angebote.

Fortbildung führt zu Unterrichtsausfall

Und dies sei kein Wunder, habe die baden-württembergische Landesregierung doch die Budgets für die Lehrerfortbildung eingekürzt, statt aufzustocken.

"Also die Fortbildungsmittel sind gesunken in den letzten Jahren. Das ist hoch problematisch. In unserem Bereich werden nur 0,6 Prozent der Personalkosten ausgegeben. Im Bereich der Wirtschaft sind es 1,6 Prozent."

Zu wenig Geld für die Fortbildung? Hans Weber ist Schulleiter des Gymnasiums Überlingen. Der erfahrene Schulpraktiker glaubt, dass für die Fortbildung an sich genug Geld zur Verfügung stehe, aber nicht für Vertretungsstunden für Lehrer, die auf einem Fortbildungslehrgang sind.

"Das Problem ist die Arbeitszeit, in der diese Fortbildungen stattfinden. Wenn Ein-Tages oder Mehrtages-Fortbildungen stattfinden, führt das automatisch zu Unterrichtsausfall. Oder es besteht ein Angriff auf die unterrichtsfreie Zeit der Lehrkräfte, in der sie aber nicht in der Sonne liegen, sondern Unterricht vorbereiten, Korrekturen durchführen und sich fortbilden für ihre weiteren beruflichen Tätigkeiten."

Das baden-württembergische Kultusministerium teilte in einer ersten Reaktion auf die Studie mit, man werde auch bei der Lehrerfortbildung im Rahmen der gestarteten Qualitätsoffensive in der Schulbildung nachschärfen. Und man werde zukünftig auch verstärkt überprüfen, welche Fortbildungen Verbesserungen im Unterricht zur Folge haben - und welche eher nicht. Denn auch dies ist eine Forderung der Tübinger Studie - und von Schulpraktiker Hans Weber aus Überlingen:

"Man braucht zunächst Einigkeit darüber, was macht einen wirksamen und erfolgreichen Unterricht aus. Und daraus lässt sich ein Personal- und Entwicklungskonzept ableiten. Und daraus müssen dann auch die entsprechenden Fortbildungen ausgesucht werden."

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