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StartseiteForschung aktuellGenomforscher: Kein Durchbruch - aber die Arbeit macht Mut15.07.2019

Studie zur Verjüngung von MenschenGenomforscher: Kein Durchbruch - aber die Arbeit macht Mut

Alterungsprozesse könnten einer neuen Studie zufolge aufgehalten werden. "Die Ergebnisse sind spannend, aber es verbleibt auch Skepsis", sagte Genomforscher Björn Schumacher im Dlf. Erst viel größere Studien könnten Gewissheiten bringen - aber es lohne sich, in dieser Richtung weiter zu forschen.

Björn Schumacher im Gespräch mit Ralf Krauter

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Eine Person hält eine Pille des Medikaments Metformin in der Hand (imago images / Dean Pictures)
Metformin ist eine der Substanzen, die die Probanden eingenommen haben (imago images / Dean Pictures)
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Ralf Krauter: Auf einer Konferenz in New York vermeldeten Altersforscher am vergangenen Freitag einen Erfolg, der Fachleute hellhörig macht: In einer kleinen Studie sei es gelungen, das biologische Alter von neun männlichen Probanden zurückzudrehen – und zwar um zweieinhalb Jahre. Ist der Traum von der Verjüngungskur also endlich Wirklichkeit geworden? Wird es bald eine Pille geben, die Alterungsprozesse aufhalten kann? Sicher nicht, schreibt der Journalistenkollege Ulrich Bahnsen von der "Zeit", der die Geschichte am Freitag veröffentlicht hat, denn so weit sind die Forscher noch lange nicht. Aber interessant ist das Ganze, nach allem, was man bisher weiß, schon.

Das findet zum Beispiel auch der Genomforscher Professor Björn Schumacher von der Universität Köln, ein Experte für die Biologie des Alterns. Ich habe ihn vorhin gefragt, was er von den Ergebnissen hält, über die das Biotech-Start-up-Unternehmen Intervene Immune berichtet hat.

Björn Schumacher: Die Ergebnisse sind spannend, aber es verbleibt auch Skepsis. Für das Sektkorken-Knallen ist es noch ein bisschen früh, denn das war eine sehr, sehr kleine Studie mit nur neun Probanden, ohne Kontrolle. Also da muss man sehr, sehr skeptisch sein.

Krauter: Zumal es sich auch um ein Start-up-Unternehmen handelt, das ja den künftigen Investoren immer wieder Erfolgsmeldungen präsentieren muss.

Schumacher: Ja, genau. Das muss man sich schon ganz genau angucken. Und deswegen gibt es ja so was wie klinische Studien, in denen man eben dann eine ausreichende Zahl von Probanden hätte und dann eben auch Kontrollgruppen, Placebogruppen, um wirklich festzustellen: Ja, diesen therapeutischen Erfolg hat es gegeben wegen dieser Substanz, nicht zum Beispiel rein zufällig.

"Marker des biologischen Alterns haben sich verjüngt"

Krauter: Das Ganze bleibt also bis auf Weiteres mit Vorsicht zu genießen - zumal die Arbeit noch gar nicht in einem renommierten Fachjournal publiziert worden ist und damit auch andere Forscher noch gar nicht kritisch draufschauen konnten. Das soll dieses Jahr passieren. Schauen wir trotzdem mal auf diese zugegebenermaßen kleine Studie, weil sie doch ein paar interessante Effekte offenbar gezeitigt hat: Da mussten neun Probanden im Alter von 51 bis 65 Jahren über zwölf Monate lang drei Substanzen einnehmen. Was waren das für Stoffe und was weiß man über deren Wirkung?

Schumacher: Das ganz Spannende an der Studie war ja, dass sich offenbar Marker des biologischen Alterns verjüngt haben, die im Blut gemessen wurden. Was man gemacht hat, ist, dass man drei Substanzen genommen hat: Das Metformin, das DHEA und das Wachstumshormon. Nun kennt man Metformin zum Beispiel sehr gut aus Typ-2-Diabetes, da ist das seit sehr, sehr Langem ein etabliertes Medikament. Und da hat man in der Tat auch festgestellt, dass über die Behandlung der Diabetes mellitus selbst es auch positive Effekte auf die Gesundheit gegeben hat.

Dann zum Zweiten DHEA: Das ist sogar rezeptfrei erhältlich, aber natürlich hat es auch Nebenwirkungen. Was es offenbar macht, ist, dass es so gerade bei Männern das Fett etwas abbaut. Und dann zum Dritten das Wachstumshormon: Das kennt man wirklich schon sehr lange und das macht genau das, was das Wort sagt - es heizt das Wachstum von Zellen an. Und da ist schon länger bekannt, dass der Thymus, um den es in dieser Studie ging, darauf reagiert und dann wieder wächst. Das hat man in der Tat auch da beobachtet. Und im Thymus reifen ja die T-Zellen, das heißt, das sind weiße Blutkörperchen, und die konnten dann offenbar wieder besser reifen. Das war offenbar der größte Effekt auch in dieser Studie.

"Positiver Effekt auf die Wiederherstellung der Thymusfunktion"

Krauter: Die Thymusdrüse degeneriert ja mit fortschreitendem Lebensalter. Und die konnte jetzt, nach dem, was die Forscher zeigen, tatsächlich wiederbelebt werden. Kann man das so sagen?

Schumacher: Das ist offenbar so, ja. Das hatte wohl einen positiven Effekt auf die Wiederherstellung der Thymusfunktion. Und deshalb diese Verjüngung der biologischen Marker, die im Blut gemessen wurden. Das heißt, im Prinzip hat man sie eben auch in diesen weißen Blutkörperchen gemessen, die ja dann wieder besser hergestellt werden können.

"Positiver Effekt auf andere Organe nicht klar"

Krauter: Die Therapie hat - nach allem, was wir wissen - offenbar dazu geführt, dass das biologische Alter der Probanden um zweieinhalb Jahre zurückgedreht wurde. Wie misst man so was und wie aussagekräftig ist so ein Befund?

Schumacher: Das ist, glaube ich, so das Spannendste an der Studie. Viele andere Dinge sind so nicht ganz unerwartet, aber das ist der spannendste Punkt. In der Tat, erst kürzlich hat sich herausgestellt - in Arbeiten von Steve Horvath -, dass es epigenetische Marker gibt. Das sind Veränderungen an der DNA und die kann man messen. Und da kann man Hunderte verschiedene gleichzeitig messen. Und offenbar gibt das ein sehr, sehr genaues Abbild des biologischen Alterns. Und da hat man in dieser Studie eine Verjüngung dieser Marker gefunden - das ist eigentlich das Spannende.

Was das allerdings für das gesamte biologische Alter dieser Probanden bedeutet, das ist weniger klar. Denn da es hier um Thymusfunktionen ging und man die weißen Blutkörperchen wieder besser reifen konnte, hat man ja auch nur in diesen weißen Blutkörperchen im Prinzip diese epigenetische Uhr gemessen. Das heißt, es ist jetzt noch nicht klar, ob andere Organe hier auch einen positiven Effekt zeigen können. Also zum Beispiel, was im Altern ja wichtig ist, wie ist die kognitive Funktion? Wie steht der Blutdruck? Und vor allen Dingen: Wie steht es um das Krebsrisiko? Was natürlich im Alter auch zunimmt.

"Man muss langfristige Studien durchführen"

Krauter: Stichwort Krebsrisiko: Wenn man ein Wachstumshormon gibt, wie es in diesem Fall passiert ist, wäre ja vielleicht auch zu befürchten, dass da langfristige Nebenwirkungen auftreten?

Schumacher: Genau das ist das Problem. Deswegen ist es ja so wichtig, dass man, bevor man da einen zu großen Hype um solche Untersuchung drum aufbaut, erst mal mit einer sehr, sehr viel höheren Anzahl von Probanden sich das auch längerfristig anschaut. Denn genau, wie Sie sagen: Das Wachstumshormon heizt natürlich auch das Wachstum von Krebszellen an. Und deswegen ist es absolut wichtig, dass man hier wirklich eine hinreichende Anzahl von Probanden hat, dass man eine Placebokontrollgruppe hat und dann wirklich schaut. Gerade bei diesen Anti-Aging-Sachen ist es ja so, das sind langfristige Effekte. Und da muss man eben auch langfristig eine Studie durchführen.

Krauter: Das heißt, man müsste jetzt in einem nächsten Schritt Hunderte oder besser Tausende Patienten rekrutieren und über fünf bis zehn Jahre verfolgen und gleichzeitig auch eine Kontrollgruppe haben, die es in diesem Fall auch nicht gab, die die Medikamente nicht bekommt?

Schumacher: Genauso ist es. Und da wird es eben teuer, und das ist natürlich das Problem dabei. Hier solche großen Studien zu finanzieren, das ist eine sehr, sehr große Herausforderung. Sie ist aber wichtig, denn wenn man es wirklich schafft, durch solche Art von Therapien das gesunde Leben zu verlängern und Krankheitsrisiken im Alter verringert, das ist ein ganz, ganz wichtiges Ziel. Aber es braucht eben große kontrollierte Studien dazu.

"Es macht Mut, weiterzuarbeiten"

Krauter: Das heißt, was wir jetzt erleben, ist ein Auslöser, in diese Richtung weiter zu forschen, aber eben mitnichten ein tatsächlicher Durchbruch?

Schumacher: So würde ich das sehen. Es ist sehr spannend, die Arbeit. Es macht Mut, hier weiterzuarbeiten. Aber es ist natürlich noch ein langer Weg vor uns. Und wir sollten uns immer darüber bewusst werden, wie wichtig es ist für uns auch als Gesellschaft, die Gesundheit im Alter zu verlängern, die Gesundheit zu erhalten. Und deswegen sind solche Fortschritte unglaublich wertvoll und wichtig.

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