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StartseiteKalenderblattDas Ende der britischen Besetzung 18.06.2016

SuezkanalzoneDas Ende der britischen Besetzung

Zusammen mit anderen Offizieren hatte sich Gamal Abdel Nasser 1952 in Ägypten an die Macht geputscht, 1954 wurde er Staatspräsident. Vor allem seine Entscheidung, den Suez-Kanal zu verstaatlichen und die Briten im anglo-ägyptischen Vertrag zum Abzug aus dem Land zu bewegen, machte ihn zum Volkshelden. Vor 60 Jahren verließen schließlich die letzten britischen Soldaten die Suezkanal-Zone.

Von Matthias Bertsch

Die südliche Einfahrt zum Suez-Kanal aus der Luft gesehen. (afp)
Die südliche Einfahrt zum Suez-Kanal aus der Luft gesehen. (afp)

"Beschluss des Präsidenten der Republik: im Namen des Volkes: Die internationale Suezkanal-Gesellschaft wird in eine staatliche ägyptische Aktiengesellschaft umgewandelt."

Als Gamal Abdel Nasser am 26. Juli 1956 die Verstaatlichung des Suezkanals verkündete, kannte die Begeisterung in Ägypten keine Grenzen: Der Staatspräsident hatte die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich in ihre Schranken verwiesen und sich das zurückgeholt, was nach Ansicht der Ägypter sowieso ihr nationales Eigentum war: den 1869 eröffneten Suezkanal, der das Rote Meer mit dem Mittelmeer verband und damit die Transportwege für die Schifffahrt erheblich verkürzte. Betrieben wurde der Kanal von einer internationalen Aktiengesellschaft, zu deren Großaktionären Frankreich und Großbritannien gehörten.

Formal war Ägypten nach vier Jahrzehnten britischer Besatzung zwar seit 1922 unabhängig, doch die Engländer hatten sich die Stationierung ihrer Truppen im Land vertraglich zusichern lassen. Das änderte sich erst, nachdem Nasser und andere nationalistische Offiziere 1952 den ägyptischen König gestürzt hatten. Sie forderten die volle Souveränität des Landes und unterzeichneten mit Großbritannien einen Vertrag, der den Abzug aller britischen Truppen aus der Kanal-Zone bis Juni 1956 vorsah. Dass die Briten dem Vertrag zustimmten, hatte durchaus eigennützige Gründe, so der Direktor des GIGA-Instituts für Nahost-Studien in Hamburg, Henner Fürtig.

"Ihnen ging es jetzt vor allen Dingen darum, die Suezkanal-Gesellschaft, das heißt die Gewinne aus dem Suezkanal zu sichern, und nicht so sehr viel Wert darauf zu legen, dass man britische Truppen unbedingt in der Kanal-Zone stationiert haben möchte, denn 1947 standen immer noch 70.000 britische Soldaten in der Kanal-Zone, das war extrem teuer, und man wollte sich das eigentlich nicht mehr leisten."

Das Militär besetzte die Büros der Suezkanal-Gesellschaft

Am 18. Juni 1956 verließen die letzten britischen Soldaten den Suezkanal, aber Nasser war zu diesem Zeitpunkt längst mit anderen Problemen beschäftigt. Der ägyptische Präsident hatte beschlossen, sein Land mithilfe des Assuan-Staudamms zu industrialisieren. Ein Riesenprojekt, für das er viel Geld brauchte. Doch weder die USA noch Großbritannien oder Frankreich waren bereit, Nasser einen Kredit für den geplanten Staudamm zu gewähren.

"Unter diesen Bedingungen hat er sich quasi gezwungen gefühlt, dass er die wichtigste Finanzquelle, die sich aus seiner Sicht ergab, und die war nun einmal der Betrieb des Suezkanals, dass er sich diese Finanzquelle sichert, und das ging nur über die Nationalisierung der Gesellschaft."

Das Militär besetzte die Büros der Suezkanal-Gesellschaft. Mit den Kanalgebühren, so verhieß der ägyptische Präsident seinem jubelnden Volk, werde er den Assuan-Damm bauen. Den Gesellschaftern stellte er zwar eine Entschädigung in Aussicht, doch diese waren nicht bereit, Nasser gewähren zu lassen.

"Es gab ja damals auch eine sehr, sehr starke Anti-Nasser-Polemik, vor allen Dingen auch in Großbritannien; man hat ihn mit Mussolini verglichen und den 'Hitler vom Nil' genannt, also diese Dinge lagen in der Luft, auch Frankreich war ausgesprochen unzufrieden mit Nasser, vor allem weil klar war, dass er den algerischen Befreiungskampf unterstützt."

Gemeinsam mit Israel, das sich durch Nassers aggressives Auftreten bedroht sah, beschlossen die Kolonialmächte, militärisch gegen die Verstaatlichung vorzugehen. Ende Oktober drangen israelische Soldaten in Ägypten ein, wenig später landeten britische und französische Fallschirmtruppen in der Kanal-Zone. Nasser reagierte mit einer flammenden Rede an sein Volk:

"Brüder, ein Krieg ist uns aufgezwungen worden, im Namen des ägyptischen Volkes, im Namen von euch allen erkläre ich hier, vor der ganzen Welt: Niemand wird uns dazu bringen, aufzugeben."

Militärisch hatte Ägypten seinen Gegnern zwar wenig entgegenzusetzen, doch Frankreich und Großbritannien hatten die Reaktion der USA falsch eingeschätzt. Nachdem die Sowjetunion ein militärisches Eingreifen androhte, forderte Präsident Eisenhower ein sofortiges Ende der Kampfhandlungen.

"Die USA hatten zum damaligen Zeitpunkt nicht vor, ich sag es jetzt etwas salopp, für Frankreich und Großbritannien die Kastanien aus dem Feuer zu holen, sich also in einen heißen Konflikt mit der Sowjetunion zu verwickeln, bloß um britische und französische Interessen in Ägypten zu sichern. Insofern waren auch die Amerikaner ganz klar für einen möglichst schnellen Rückzug und für ein Ende dieses ungewollten Krieges, was dazu geführt hat, dass die Suezkrise innerhalb von sehr, sehr kurzer Zeit vorbei war."

Ende Dezember 1956 mussten Großbritannien und Frankreich ihre Truppen wieder abziehen – ein Symbol dafür, dass ihre Zeit als Weltmächte zu Ende gegangen war. Nasser dagegen wird in der arabischen Welt bis heute als Befreier von Imperialismus und Kolonialismus verehrt.

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