Archiv

SyphilisDie Liebesseuche, die Kriege entschied

Franzosenkrankheit, harter Schanker, Liebesseuche: Die Syphilis hatte schon viele Namen. Jahrhundertelang gab es für sie keine Heilung. Erst mit der Erfindung des Penicillins konnte die Krankheit eingedämmt werden. Ihre Symptome werden auch heute häufig noch verkannt.

Von Ulrike Burgwinkel | 31.03.2015

Syphilis-Erreger unter dem Mikroskop
Mikroskopische Phasenkontrast-Aufnahme von Syphilis-Erregern im Maßstab 1360:1. (picture-alliance / dpa / Klett GmbH)
"Erstorben ist in meiner Brust
Jedwede weltlich eitle Lust
Schier ist mir auch erstorben drin
Der Hass des Schlechten, sogar der Sinn
Für eigne wie für fremde Not
Und in mir lebt nur noch der Tod."
Der Dichter Heinrich Heine, krank und elend, spricht von seiner Pariser "Matratzengruft", vermutlich war er an Syphilis erkrankt. Wie sein komponierender Künstlerkollege Franz Schubert und etliche andere berühmte Zeitgenossen.
"Diese Erkrankung ist, so wird immer postuliert, von den Seeleuten von Christoph Kolumbus nach Europa getragen worden."
Der Dermatologe Professor Norbert Brockmeyer vom Uni-Klinikum St. Josefs Hospital in Bochum leitet das Zentrum für sexuelle Gesundheit an der Ruhruniversität.
"Was stimmt, ist, dass nach diesem Zeitpunkt die großen Syphiliszüge durch Europa gingen. Es gibt vereinzelte Funde aus früheren Zeiten, wo die Knochen, die untersucht worden sind, darauf hindeuten, dass es vielleicht Syphilis auch schon um das Jahr 1000 gegeben hat, aber die großen Syphilis-Epidemien, die auch teilweise kriegsentscheidend waren, die sind nach Christoph Kolumbus gekommen."
Kriegsentscheidend war beispielsweise der Syphilisausbruch unter den Söldnern des französischen Königs Karl VIII während der Belagerung Neapels 1495. Doch über die Ursachen herrschte damals Unklarheit.
"Die Vorstellungen früher waren ja etwas diffus, man hatte diesen Begriff von Bakterien, Viren schon mal gar nicht, weil man die nicht darstellen konnte und das zeigen dann auch die Schriften, "Liebesseuche", man hat auch von Giftstoffen, die der Körper ausscheidet und an sonstiges gedacht. Alles das, was mit dem Wissen, was damals vorhanden war, an Erklärungsmöglichkeiten zur Verfügung stand, das ist als Erklärung herangezogen worden."
Erste gezielte Therapieansätze Anfang des 20. Jahrhunderts
Erst im 19. Jahrhundert fand man den wahren Ursprung: nicht die gerechte Strafe Gottes für unrühmliches Verhalten, sondern Erreger waren die Ursache für die Geschlechtskrankheit Syphilis.
"Dann hat ja erst im 20. Jahrhundert Schaudinn und Hoffmann es geschafft, diesen Erreger dann auch wirklich im Mikroskop im Dunkelfeld nachzuweisen und es hat viele Versuche gegeben und es sind auch einige andere Erreger von der Struktur her als Auslöser bezeichnet worden, aber Schaudinn und Hoffmann waren die Ersten, die es geschafft haben, diesen Erreger zu zeigen und deutlich zu machen."
Treponema pallidum.
"Nacht lag auf meinen Augen, Blei lag auf meinem Mund, Mit starrem Hirn und Herzen Lag ich am Grabesgrund.
Wie lang, kann ich nicht sagen, Dass ich geschlafen hab; Ich wachte auf und hörte, Wie‘s pochte an mein Grab.
Willst Du nicht aufsteh’n Heinrich? Der ew’ge Tag bricht an, Die Toten sind erstanden, Die ew‘ge Lust begann."
"Die therapeutischen Möglichkeiten waren, was Infektionskrankheiten anging, im Allgemeinen schlecht bis nicht vorhanden, weil wir einfach die Antibiotika nicht hatten. Sodass dann früher mit Giftstoffen im wahrsten Sinne des Wortes behandelt worden ist. Also Quecksilber, Arsen. Man weiß dann im Nachgang nicht mehr so genau, woran sind die Leute im Endeffekt gestorben: an der Therapie oder am Erreger."
Erste Ansätze einer gezielten Therapie kamen unter dem Namen "Salvarsan" 1910 in den Handel. Der Name, bestehend aus dem lateinischen salve/retten und sanus/gesund sowie einem Rest des Wortes Arsen weist auf die Wirkweise hin: heilendes Arsen; der Wirkstoff: Arsphenamin. Es war lange das einzige Präparat mit antimikrobieller Wirkung - allerdings mit heftigen Nebenwirkungen.
"In den 30er-, 40er-Jahren, als es gelungen war, Penicillin darzustellen und herzustellen, damit war es möglich, die Syphilis zu heilen und das ist auch heute, wundersamer Weise, immer noch das Mittel der ersten Wahl. Wir haben bis heute keine Resistenzen; das gibt es sonst bei keinem einzigen Erreger, der über 70 Jahre keine Resistenzmechanismen aufgebaut hat."
Symptome werden häufig nicht erkannt
Um die gut heilbare Krankheit heilen zu können, muss allerdings zunächst die Krankheit als solche erkannt werden, vom Betroffenen selbst. Norbert Brockmeyer.
"Als erstes Symptom, was bei 50 Prozent der Patienten auftritt, ein kleines Geschwür, Ulcus, was nicht schmerzhaft ist, an der Stelle, wo der Erreger eingetreten ist. Also es kann am Glied, an den Schamlippen, aber auch an den Lippen des Mundes, an der Zunge oder an jeder anderen Körperstelle sein. Häufig wird das von den Menschen nicht wahrgenommen, weil es nach zwei bis drei Wochen von selbst wieder abheilt. Es schmerzt nicht und ist irgendwann wieder weg."
Auch das nächste Warnzeichen: Ein nicht-juckender Hautausschlag, der kommt und wieder geht, zieht nicht unbedingt einen Arztbesuch nach sich. Erst im fortgeschrittenen Stadium, wenn die Erreger sich im ganzen Körper ausgebreitet haben und zu nicht mehr wegzuleugnenden Ausfällen führen, suche der Erkrankte Hilfe. Dank Penicillin können aber selbst dann noch in den meisten Fällen die schweren Symptome geheilt werden. Vorbeugung wäre aber eindeutig die bessere Variante.
"Prävention war früher auch möglich, aber sie war nicht so elegant. Heute haben wir sehr gute und leicht anzuwendende Kondome und früher wurde ja teilweise Schweinedarm und sonstiges genommen, um das Glied zu schützen, auch als Schutz vor ungewollten Schwangerschaften. Die Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten, die über 10.000 Mitglieder hatte in den 20er-Jahren, hat sich sehr darum gekümmert, die Leute davon zu überzeugen, dass es erstmal etwas Natürliches ist, eine Geschlechtskrankheit zu bekommen und zum Zweiten, dass man sich schützen kann."
"Das Glück ist eine leichte Dirne
Und weilt nicht gern am selben Ort;
Sie streicht das Haar Dir von der Stirne
Und küsst Dich rasch und flattert fort.
Frau Unglück hat im Gegenteile
Dich liebevoll ans Herz gedrückt;
Sie sagt, sie habe keine Eile,
Setzt sich zu Dir ans Bett und strickt."