Donnerstag, 18. April 2024

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Tagebau
Widerstand in Welzow-Süd

In Welzow-Süd II in der Lausitz will der Energiekonzern Vattenfall ab 2027 über 200 Millionen Tonnen Braunkohle fördern. Nicht nur ein Solar- und ein Biokraftwerk, auch drei Ortschaften sind dem Vorhaben im Weg – deren Bürger ihre Heimat nicht räumen wollen.

Von Axel Flemming | 10.12.2013
    Zwischen Nieseln und Nebel standen sich Befürworter und Gegner des Braunkohleabbaus am Morgen gegenüber; ein breites Bündnis aus Betroffenen, Initiativen und Verbänden. Die Befürworter kommen aus den Reihen der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie, IG BCE:
    "Dass es für die Region weitergeht, das ist wichtig, für den Erhalt der Arbeitsplätze. Denn man kann sich vorstellen, wenn es hier nicht weitergehen sollte mit der Kohle, für die Region wäre es ein absoluter Rückschlag. Wo kommen neue Arbeitsplätze her? Es wird ja immer gesagt, dass erneuerbare Energie auch Arbeitsplätze schafft. In dem Maße, wie sie jetzt vorhanden sind, wird es nie wieder in der Region neue Arbeitsplätze geben.“
    Über 800 Menschen im Weg
    Beim geplanten Tagebau Welzow-Süd Teilfeld II geht es um weitere 1.900 Hektar südlich von Cottbus. 810 Menschen sind dieser Planung im Weg und müssten aus Proschim, Lindenfeld und Welzow umgesiedelt werden. Landwirte aus Proschim brachten mit Traktoren ihren Unmut zum Ausdruck. Ihr Ort, der weit über den eigenen Bedarf hinaus Strom mit Erneuerbaren Energien erzeugt, würde komplett zerstört. Hagen Rösch vom Firmenverbund Proschim, der einen Mix aus Landwirtschaft, Energie und Fleischerei betreibt und 85 Mitarbeiter hat, will sich zu Wort melden:
    "Wenn dieser Plan umgesetzt würde, würden diese Arbeitsplätze vernichtet werden. Anscheinend sollen hier Arbeitsplätze gegen Arbeitsplätze aufgewogen werden. Für mich ist ein Riesen-Skandal, was hier läuft. Die Einstellung dieses Planverfahrens ist für mich obligatorisch, in Zeiten der Energiewende, in Zeiten der widerstrebenden, dem entgegen stehenden öffentlich Interessen, unter anderem Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion. Wir leben bereits die Energiewende, wir haben ein großes Biogaskraftwerk und Solarkraftwerke in Proschim installiert, und die alle sollen jetzt für Braunkohle wieder abgerissen werden.“
    Solarkraftwerk bei Welzow in der brandenburgischen Lausitz
    Solarkraftwerk bei Welzow in der brandenburgischen Lausitz (picture alliance / dpa / Andreas Franke)
    Der erste Entwurf des Braunkohlenplanes musste wegen schwerwiegender Mängel überarbeitet werden. Gegen die nun zur Erörterung stehende Neuauflage haben mehr als 120.000 Menschen Einwendungen eingereicht. Das Verfahren wird von Berlin und Brandenburg geführt. Klaus Weymans von der gemeinsamen Landesplanungsabteilung der Länder geht offen in die Verhandlung:
    "Also, es sind überhaupt keine Würfel gefallen, das hat man uns ja auch vorgeworfen im ersten Erörterungstermin und hat gesagt, das ist nur eine Alibiveranstaltung. Wir haben gesagt, es ist keine, wir werden den Plan, wenn entsprechende Einwände kommen, auch anpassen. Und das haben wir auch getan, und deshalb sitzen wir ja auch heute hier. Gewisse Ängste, denen kann man schlecht entgegen treten, aber wir sind dabei das aufzunehmen hier und dann auch zu sehen, dass wir hier eine vernünftige Abwägung hinbekommen.“
    Respektvolles Gesprächsklima
    Die Energiewende wollen der schwedische Staatskonzern Vattenfall und die brandenburgische Landesregierung nutzen, um die Lücke, die durch den Ausstieg aus der Atomkraft entsteht, mit weiterer Braunkohleverbrennung zu füllen. Umweltschützer kritisieren dies als besonders klimaschädliche Stromerzeugung, denn dabei wird pro Tonne Kohle eine Tonne Kohlendioxid frei.
    "Also Umgang mit der Braunkohle heißt ja auch Umgang miteinander. Und wir sind immer gesprächsbereit. Wir gehen auf die Leute zu und wir versuchen natürlich auch ins Gespräch zu kommen. So ist das eben heute in unserer Demokratie: Wir müssen im Gespräch bleiben und wir müssen uns auch mit den Themen auseinandersetzen, intensiver auseinandersetzen, aber respektvoll auseinandersetzen.“
    ... sagt Uwe Grosser, Vorstand Bergbau der Vattenfall Europe Mining AG.
    Am 17. Dezember entscheidet das Bundesverfassungsgericht über zwei Enteignungsklagen aus dem rheinländischen Braunkohlerevier. Das Urteil könnte die rechtliche Situation so grundlegend ändern, dass auch Vattenfalls Pläne für fünf weitere Braunkohletagebaue in der Lausitz nicht mehr haltbar sind.