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Startseite@mediasres"Wir wollen nicht von einem Image wegkommen"12.08.2020

Tanit Koch zum RTL-Kurs"Wir wollen nicht von einem Image wegkommen"

Unter der Führung von Tanit Koch baut RTL seit längerem seine journalistischen Angebote um. Es gehe darum, auch digital weiter zu wachsen, sagte die Chefin der RTL-"Zentralredaktion" im Dlf. Denn ihr Haus müsse sich auf dem Medienmarkt auch internationalen Wettbewerbern stellen.

Tanit Koch im Gespräch mit Christoph Sterz

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Tanit Koch beim Global Media Forum in Bonn. (imago images / Future Image)
Tanit Koch, Geschäftsführerin von ntv und Chefredakteurin der RTL-Zentralredaktion (imago images / Future Image)
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Christoph Sterz: Sehe ich das richtig, dass Sie da einmal RTL journalistisch komplett umkrempeln?

Tanit Koch: Wir krempeln gemeinsam, und wir krempeln auch schon seit einem Jahr. Das ist ein Transformationsprozess, der im vergangenen Frühsommer angestoßen wurde. Wir haben den Wechsel hin zu Ressorts, in denen Inhalte gebündelt werden, die dann auf den sehr vielen Ausspielflächen – Sendungen, Sendern, Digitalplattformen – ausgespielt werden können, schon eine Weile bestritten. Und haben das zuerst mit kommissarischen Funktionen gemacht und Pilotphasen. Und es freut mich wahnsinnig, dass wir jetzt aus dieser kommissarischen Phase herauskommen. Und da war die Verkündung der Personalien tatsächlich ein sehr, sehr wichtiger Schritt. Einige sind ihren Rollen, insbesondere was die Redaktionsleiterpositionen anbelangt, bestätigt worden; aber auch hier gab es Veränderungen. Insbesondere gibt es jetzt aber die Ressorts, die es vorher in der Form nicht gab, mit Ressortleiterteams. Und ich glaube, das ist insgesamt nicht nur der Größe wegen, sondern weil wir da extra Assessmentcenter eingerichtet haben, um nicht nur auf die journalistische Kompetenz zu gucken, sondern auch ganz klar auf die Führungskultur und -kompetenz der Kolleginnen und Kollegen. Es ist ein ziemlich einzigartiger Prozess, den so, glaube ich, andere Medienhäuser noch nicht bestritten haben. Aber ich kann das tatsächlich nur jedem nahelegen, weil man sehr viel über sich selber, aber auch die wichtigsten Menschen, mit denen man zusammenarbeitet, erfährt.  

Sterz: Warum musste denn so eine riesen Reform sein? Hat das vorher nicht funktioniert bei RTL? Als Sie da angekommen sind, haben Sie gemerkt: So möchte ich hier nicht arbeiten?

Koch: Das hat sensationell funktioniert. Das können Sie ja anhand der Zahlen der letzten Jahrzehnte wunderbar sehen. Die journalistischen Formate, die Nachrichtenformate, zum Beispiel RTL Aktuell und Nachtjournal, sind seit Jahrzehnten Marktführer bei der jungen Zielgruppe bis 49 Jahre. Und das hätten sie wahrscheinlich auch problemlos so noch weiter Jahrzehnte machen können. Aber wir wollen eben auch digital wachsen. Und da haben wir gesehen, Sie müssen sich das so vorstellen, dass Sendungsredaktionen vorher gewissermaßen Vollredaktionen waren und sich aber insbesondere um diese eine Sendung oder das eine Format oder den einen Sender gekümmert haben. Und ich finde es dann schade, wenn so viel journalistische Expertise verteilt ist. Und wir bündeln die jetzt eben. Und ich glaube, dass unser aller Erfahrung ist, je mehr Journalisten und Experten in einem Ressort oder in einem Raum, was über Corona ein bisschen schwieriger geworden ist, zusammen sitzen und gemeinsam entwickeln und recherchieren und brainstormen, desto mehr kommt am Ende dabei heraus. Und das haben wir jetzt umgesetzt.

Sterz: Sie haben ja ein paar neue Ressorts geschaffen, zum Beispiel Politik und Gesellschaft, das ist eins. Und dann gibt’s auch noch ein VIP-Ressort und ein Live-Ressort. Für mich klingt das jetzt erstmal nach ziemlich viel Boulevard und Menschelndem und Buntem. Ist das also auch ein wichtiger Punkt in der Neuausrichtig?

Koch: Also, ich weiß nicht, so ich bei Politik und Gesellschaft den Boulevard entdecke…

Sterz: …da nicht….

Koch: …aber werden aus dem Live-Ressort weite Teile der Corona-, auch Gesundheits- und Ratgeberberichterstattung gesteuert. Wir bilden tatsächlich mit den Sendern Marken, und das können Sie auch sehen: Sowohl RTL als auch ntv, aber auch mit den Digitalmarken innerhalb der Sender unterschiedliche Farben ab. Da sind boulevarddeskere Magazine – und das sind auch ganz klare Nachrichten, die immer den Anspruch haben, für die Menschen gemacht zu werden und nicht nur über sie zu berichten. Deshalb entsteht bei jedem, die noch nicht das Glück haben oder manchmal auch die Zeit, häufig genug bei RTL einzuschalten, gelegentlich der Eindruck, das sei alles Boulevard. Aber das sind auch Hard News, und jeder möge sich gerne ein Bild davon machen. Und daran wird sich auch nichts ändern. Aber die Herausforderung für die Ressorts ist tatsächlich, dass die Alleinstellungsmerkmale der Sendungen und der Plattformen – und die sind eben unterschiedlich, weil: Alleinstellungsmerkmal –, dass die aus den Ressorts heraus bedient und abgedeckt werden müssen.

Anfang der Woche war mit Nikolaus Blome eine prominente neue Personalie bei RTL bekannt geworden: Blome, zuletzt "Spiegel"-Kolumnist und davor stellvertretender "Bild"-Chefredakteur, soll künftig das Ressort Politik und Gesellschaft in der Zentralredaktion der RTL Deutschland leiten. Die Mediengruppe baut eine neue Zentralredaktion mit fast 30 journalistischen Führungspositionen unter Führung von Tanit Koch auf. Die Ressort-Leitungen sollen spätestens zum 1. September starten.

"Politik übersetzen und aus Berlin auch herausholen"

Sterz: Sie haben oder genauer, zuerst habe ich das Ressort angesprochen: Politik und Gesellschaft, da würde ich gerne noch ein bisschen länger drüber reden, denn eine wichtige Personalie gibt’s in diesem Ressort. Und zwar Nikolaus Blome leitet es. Der war ja lange bei Axel Springer, so wie Sie auch, und dann zwischendurch beim "Spiegel", im Moment ist er noch Autor der "Spiegel"-Kolumne "Jetzt erst recht(s)", also er ist einfach bekannt als sehr konservative Stimme. Heißt das, ab jetzt deutlich konservativere Ausrichtung bei RTL und ntv, was die Themen Politik und Gesellschaft anbelangt?

Koch: Also, mit der Einschätzung haben Sie mir was voraus. Ich kenne Nikolaus Blome sehr, sehr lange. Ich glaube, zum ersten Mal, also ich im Zuge meines Volontariats einen Monat bei der "Welt" war und er damals das Politik-Ressort da geleitet hat. Und ich schätze Nikolaus Blome als bürgerlich-liberale Stimme, auch häufig der Vernunft, und als einen der profiliertesten Journalisten des Landes. Und es freut mich sehr, dass wir ihn für diese Aufgabe gewinnen konnten. Insbesondere auch, weil – ich habe das Kulturthema gerade angesprochen – er, wie ich ihn einschätze, von der Führungskultur her sehr, sehr gut in unser Haus passt. Dem entsprechend sind wir da einfach unterschiedlicher Auffassung, was seine politische Ausrichtung anbelangt. Was wir wollen, ist weiterhin hervorragenden politischen Journalismus zu machen. Und das, glauben wir, wird mit Nikolaus Blome noch besser gelingen als ohnehin schon, insbesondere auch, weil er mit Christian Berger, der lange Zeit das Nachtjournal als Redaktionsleiter verantwortet hat, einfach eine tolle Kombination abgibt; und wir natürlich die Schwierigkeit haben, dass wir in Köln sind, und viel politisches Geschehen in Berlin stattfindet. Aber, wie eben schon mal gesagt, wir wollen nicht nur über Menschen berichten, sondern vor allem für Menschen. Und das bedeutet, dass wir die Politik übersetzen und aus Berlin auch herausholen müssen, weil Berlin – was ich sehr schätze – eben nicht Deutschland ist. Auch wir berichten für die Republik auch aus Berlin-Mitte, aber nicht nur für Berlin-Mitte.

  (picture alliance / Jörg Carstensen/dpa) (picture alliance / Jörg Carstensen/dpa)30 Jahre "RTL Aktuell": Seriöses Outfit fürs Knallbunte
Vor 30 Jahren wurde zum ersten Mal "RTL Aktuell" ausgestrahlt. Es war nicht die erste Nachrichtensendung auf RTL – und dennoch verpasste sich der Privatfernsehsender mit ihr einen neuen Anstrich.

Sterz: Es gibt ja auch andere Medien, bei denen es menschelt, zum Beispiel Medien, bei denen Sie selbst schon mal gearbeitet haben, also beim Springer-Verlag, bei "Bild", usw. Und wir haben ja schon gerade darüber gesprochen, dass Sie Ihren alten Weggefährten Nikolaus Blome geholt haben. Mir fällt auf, bei rtl.de, der Onlineseite von RTL, das sieht für mich nach einer ziemlichen Konkurrenz für bild.de aus. Also ist Ihr altes Haus Ihr Hauptkonkurrent?

Koch: Nein, wir haben eine solche Masse an Wettbewerb – das ist national, das international. Natürlich zählen auch Medien wie "Bild", wie "Welt am Sonntag", letztlich jeder, der journalistisch auch mit exklusiven Geschichten auf dem Markt ist, ist ein Wettbewerber. Ebenso "Bunte", das ist der "Spiegel" und das ist im Übrigen auch der Deutschlandfunk, wo es ja glücklicherweise auch mal menschelt, ich höre es häufig genug und freue mich dann darüber, wie über vieles andere, was ich bei Ihnen höre. Aber schauen Sie, wir sind im Wettbewerb mit Netflix und Amazon Prime. Wir haben TV Now als Streamingdienst, und aus unseren Ressorts, aus unseren Redaktionen stemmen wir News-Dokus, über Themen wie zum Beispiel Ischgl, wo der Corona-Virus ja groß gefeiert hat. Und da können wir natürlich – anders als die US-amerikanischen Unternehmen – sehr viel schneller für unseren Markt, also für den Markt Deutschland und deutschsprachig, journalistische Dokumentationen liefern. Und das ist auch ein Wettbewerber. Google, Facebook, Apple sind Wettbewerber auch auf dem Werbemarkt, insbesondere auf dem Werbemarkt, der ja das allermeiste dessen finanziert, was wir journalistisch leisten. Also wenn wir da jetzt – das ist immer so naheliegend: ah, sie war vorher bei "Bild" – das ist es nicht. Da würden wir auch was verengen und auch einen Fehler machen, uns sozusagen auf einen anderen Player im Markt zu konzentrieren. Es gibt sehr viele Player, und wir haben Ansprüche an uns selber: Wir wollen ganz klar Wachstumsgeschichte schreiben, und das tun wir natürlich, indem wir uns da nicht einengen, sondern da ganz offen sind. Und ich glaube, wenn Sie sich rtl.de ein bisschen näher anschauen, dann sehen Sie durchaus, dass da die Zielgruppe eher weiblich ist, und das ist schon mal eine große Unterscheidung zu zum Beispiel bild.de.

"Was gelegentlich noch fehlt, ist die Anerkennung"

Sterz: Wobei bild.de ja Marktführer ist. Ich habe noch mal geguckt: Im Juli hatten die über 455 Millionen Visits, da kommt beispielsweise ntv so ungefähr mit knapp der Hälfte dran, und RTL noch weiter hinten. Also das heißt, um Marktführer zu werden, müssen Sie natürlich "Bild" und Springer im Blick haben. Und dann kommt natürlich noch Ihre persönliche Geschichte hinzu, dass Sie nun mal dort waren und dann gewechselt sind.

Koch: Ja, zunächst hatte ich die große Freiheit eines Jahres, das ich überwiegend auf Reisen verbracht habe, was ich auch nur jedem empfehlen kann. Da Sie gerade die Juli-Zahlen ansprechen: Die sind für uns extrem positiv, weil wir auch mal wieder mit beiden großen digitalen Plattformen in den Top Ten sind, ntv auf Platz drei, RTL auf Platz neun. Und wenn Sie sich die Jahresvergleiche anschauen, dann sehen Sie: Da schreibt ntv fast 50 Prozent Wachstum gegenüber dem Vorjahr und rtl.de, glaube ich, rund 30 Prozent Wachstum gegenüber dem Vorjahr. Und das sind Wachstumszahlen, die uns sehr glücklich machen. Marktführerschaft bedeutet aber natürlich zum Beispiel auch, dass, wenn wir – es gibt eine Content Alliance der Bertelsmann-Unternehmen – unsere Zusammenarbeit und anderen Teilen des Hauses intensivieren, sehen wir, dass wir sicherlich jeden zweiten erreichen können, jeden zweiten Menschen in Deutschland; alleine, wenn wir die Gruner-Titel und was wir produzieren an Reichweite, zusammenrechnen. Also: Da geht jetzt schon eine ganze Menge – aber da geht bestimmt noch mehr.

Tanit Koch ist seit vergangenem Jahr Geschäftsführerin des Nachrichtensenders n-tv sowie Chefredakteurin der Zentralredaktion der Mediengruppe. Vor ihrer Zeit bei dem Kölner Fernsehkonzern war sie von 2016 bis 2018 Chefredakteurin der "Bild"-Zeitung gewesen. Ihr Abgang dort hatten Beobachter als Ende eines Machtkampfs mit Julian Reichelt eingeordnet; Reichelt ist seitdem einziger Chefredakteur der Boulevardzeitung.

Sterz: Ganz zum Schluss, Frau Koch: Sie hatten oder wir hatten über das Image von RTL gesprochen. Sie hatten ja gesagt, dass es falsch sei, dass es nur, was weiß ich, "Dschungelcamp", sondern dass es die harten Nachrichten jetzt schon gibt. Aber trotzdem ist es ja so: Auch bei rtl.de gibt es eben den "Bachelor", der wieder verliebt ist, oder "Die sechs Deo-Fehler, die fast alle machen", habe ich heute auf der Seite gesehen. Ja, es gibt harte Nachrichten, aber ich glaube, es gibt einfach diese Mischung. Das heißt, dass Sie von diesem Image dadurch wahrscheinlich nicht wegkommen, oder?

Koch: Wir sind nicht das "Börsenblatt", da haben Sie völlig Recht. Und wir wollen auch von einem Image nicht wegkommen. Ich bin selber riesen Fan und war das schon lange, bevor ich bei RTL angefangen habe, zum Beispiel des "Dschungelcamps". Das ist eine der, wenn nicht die erfolgreichste deutsche Unterhaltungssendung mit dem – im Übrigen – höchsten Akademikeranteil aller Unterhaltungssendungen. Wenn Sie sich mal – ich gehe jetzt mal vom Deutschlandfunk weg, weil, in der Tat, die Show-Anteile in Ihrem Sender sind begrenzt -  aber das ZDF wird auch nicht nur mit Rosamunde Pilcher in Zusammenhang gebracht, und die ARD auch nicht, was weiß ich, mit "Sturm der Liebe", "Rote Rosen". Das läuft da aber auch. Das ist einfach ein Vollprogramm. Und das muss RTL natürlich auch leisten – und will es. Im Übrigen macht es der Sender auch hervorragend in weiten Teilen besser als Wettbewerber, die sich ja daran orientieren. Das ist ein Teil des Hauses, der sehr, sehr erfolgreich ist – und der andere Teil des Hauses ebenso erfolgreich, gerade wieder mit dem Fernsehpreis, den wir erhalten haben, mit auch anderen Wettbewerbern, aber unter anderem nicht nur für ntv und die Corona-Berichterstattung dort, sondern auch für RTL und das RTL Nachtjournal. Also: Die Substanz ist vorhanden, die Kompetenz ist vorhanden. Was gelegentlich noch fehlt, ist die Anerkennung dessen bei denen, die so ein bisschen den Dünkel haben, dass alles, was anspruchsvoll ist, nur mit öffentlich-rechtlichen Gebühren finanziert werden kann. Und wir sehen, dass wir uns da selber in keiner Weise nicht nur nicht verstecken müssen, sondern, wie eben erwähnt, beim Fernsehpreis, ganz genauso abräumen können.  

Das ist die lange Version dieses Interviews. Im Radio ist eine gekürzte gelaufen. 

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