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StartseiteAus Kultur- und Sozialwissenschaften100 Jahre Volksabstimmung über dänisch-deutsche Grenze16.01.2020

Teilung Schleswigs100 Jahre Volksabstimmung über dänisch-deutsche Grenze

In zwei Volksabstimmungen fiel 1920 der Norden des früheren Herzogtums Schleswig an Dänemark, der Süden votierte für Deutschland. Die Dänen feierten ihre „Wiedervereinigung“, die Deutschen sannen lange auf eine Revision. Heute gilt die Grenzregion als Vorbild für Minderheitenpolitik.

Von Andreas Beckmann

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Das erste Ortsschild in deutscher und dänischer Sprache wurde 2008 in Flensburg montiert (picture alliance/ dpa/ Timo Lindemann)
Das erste Ortsschild in deutscher und dänischer Sprache wurde 2008 in Flensburg montiert (picture alliance/ dpa/ Timo Lindemann)
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Henrik Becker-Christensen: "Es war ein heißer Wunsch in Dänemark, falls die Bevölkerung im nördlichen Teil vom alten Herzogtum Schleswig bei einer freien Volksabstimmung sich wünschte, nach Dänemark zurückzukommen, dann sollte es geschehen."

Bis es soweit war, mussten die Dänen über 50 Jahre warten, erzählt Henrik-Becker Christensen, Historiker am Institut für Grenzregionsforschung der Universität von Süddänemark in Apenrade. 1864 war Schleswig an Preußen gefallen und später ins Deutsche Reich integriert worden. Eine schon damals in Aussicht gestellte Volksabstimmung wurde nie durchgeführt. Sie kam erst nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Versailler Vertrag und wurde von einer internationalen Kommission beaufsichtigt. Die teilte Schleswig in zwei Zonen und ließ im Februar 1920 in der ersten abstimmen.

Das historische Herzogtum Schleswig wird geteilt

Henrik Becker-Christensen: "Die Mehrheit in der ersten Zone, das ist das heutige Nordschleswig, 75 Prozent davon war bei der Abstimmung für eine Zusammenlegung, sozusagen Wiedervereinigung, wie wir auf Dänisch sagen, mit Dänemark."

Weil in diesem bäuerlichen Landstrich ohnehin kaum Deutsche lebten, war das Ergebnis keine Überraschung. Viel unübersichtlicher ging es in Südschleswig zu, der Zone 2. Die Bevölkerung war bunt gemischt, aber mehrheitlich deutsch. Die Internationale Kommission legte fest, dass hier nicht en blog abgestimmt werden sollte, sondern Ort für Ort. Den Dänen gab das die Hoffnung, einzelne Gemeinden zu gewinnen, vor allem das wirtschaftlich bedeutende Flensburg. Entsprechend intensiv führten sie Wahlkampf, berichtet Caroline Weber, Regionalhistorikerin an der Universität Kiel.

"Wenn wir uns die dänischen Plakate angucken, dann fällt auf, dass wir in den meisten Plakaten sehr dominierend den Danebrog haben, das ist die dänische Nationalflagge, das ist eine rot gehaltene Flagge mit einem weißen Kreuz drauf,  und darunter steht dann ‚Stem dig Hjem’, das ist dänisch und bedeutet ‚Stimm dich heim’".

Um auch die deutsche Bevölkerung anzusprechen, entwickeln die Dänen eine für damalige Verhältnisse sehr moderne Kampagne.

Frauen als Zielgruppe

Caroline Weber: "Etwas konkreter und auch politischer ist ein zweites, sehr bekanntes Plakat, weil es eine ganz neue Wählergruppe anspricht, nämlich die Frauen. Denn nach Ende des Ersten Weltkrieges, 1918, waren Frauen auch stimmberechtigt. Und in diesem Wahlplakat sieht man einen kleinen Jungen, der in relativ einfacher, ärmlicher Kleidung in der Bildmitte positioniert ist. Der hält die dänische Flagge in der Hand, die hält er aber so lustlos nach unten, es ist ein relativ trauriges Bild, und dieses Wahlplakat gibt es in zwei Sprachen, einmal auf  Deutsch und einmal auf  Dänisch, und auf diesem Wahlplakat steht drauf: ‚Mutter, stimm dänisch, denk an mich!’ Und es symbolisiert in diesem Fall, dass das kleine Kind im Deutschen Reich, das ja nach dem Ersten Weltkrieg durch Repressionen, durch Arbeitslosigkeit und Hunger natürlich keine optimalen Startbedingungen erstmal hat, in Dänemark eine bessere Zukunft hat."

Der Appell an die wirtschaftliche Vernunft kehrt auch auf vielen anderen Plakaten der dänischen Seite wieder, doch er verfängt nicht. Die Gemeinden der Zone 2 stimmt im März 1920 mit überwältigender Mehrheit für den Verbleib bei Deutschland. So wird Schleswig im Juni geteilt, der Norden geht zu Dänemark, der Süden bleibt deutsch. Die heute noch gültige Grenze wird besiegelt. Die Stimmung beruhigt sich allmählich, weil zuerst das Königreich Dänemark, dann aber auch das Deutsche Reich, der jeweiligen Minderheit weitgehende Rechte einräumen. Das wichtigste ist das sogenannte Gesinnungsprinzip, das sich in den 20er-Jahren durchsetzt, erklärt Henrik Becker-Christensen.

"Däne ist, wer will, Deutscher ist, wer will. Und dieses Gesinnungsprinzip sagt, der Staat darf nicht schnüffeln, ob es so ist, ob der Großvater Deutscher oder Däne war oder so, nein, man soll glauben, was die Person sagt, selber ihren Beschluss macht, ich bin Däne, ich bin Deutscher, und das soll von den Behörden anerkannt werden."

Mehrheiten und Minderheiten arrangieren sich friedlich

Praktisch heißt dass: beiderseits der Grenze dürfen Minderheiten eigene Vereine gründen und Schulen und Kirchengemeinden unterhalten. Die Traditionen des friedlichen Miteinanders, die beide Seiten im Herzogtum Schleswig unter dänischer Krone bis zum Aufkommen des Nationalismus im 19. Jahrhundert gepflegt hatten, scheinen wieder aufzuleben. Doch auf deutscher Seite, sagt Caroline Weber, hält sich quer durch alle gesellschaftlichen Schichten das Gefühl, die neue Grenze und die Abtretung Nord-Schleswigs seien Teil des sogenannten "Diktats von Versailles".

"Und die Idee, die Grenze noch einmal zu verschieben, wird dann auch in der regionalen Presse sehr stark gemacht. Dann wird dann von Vergewaltigung der Region, von einer Vergewaltigung des deutschen Reiches im Zuge dieser Abstimmung gesprochen, da wird eben der Wunsch geäußert, noch mal neu abzustimmen, da tauchen dann Formulierungen auf, dass der geschundene Leichnam des deutschen Reiches noch gefleddert wurde, dass die Alliierten, dass die Dänen wie Wölfe sich an diesem Deutschen Reich vergangen hätten, was dann letztlich von den Nationalsozialisten natürlich auch aufgegriffen wird."

Die NSDAP agitiert seit den frühen 30er-Jahren auf beiden Seiten der Grenze. Als Hitler 1933 in Berlin die Macht übertragen bekommt, glauben die Nazis, die Grenze zu Dänemark bald wieder nach Norden verschieben zu können, erzählt Oliver Auge, Professor für Regionalgeschichte an der Universität Kiel.

"Lokale NS-Funktionäre haben ja im April 1933 gleich einen Ostersturm versucht loszutreten, aber sie wurden rasch zurückgepfiffen aus Berlin. Und auch nach der Besetzung Dänemarks 1940 wurde, wiederum zur Enttäuschung der deutschen Minderheit in Dänemark, an dieser Grenze nicht gerüttelt."

Keine Grenzverschiebung im Zweiten Weltkrieg

Ausgerechnet diese Grenze war die einzige des Deutschen Reiches, die die Nationalsozialisten nicht in Frage stellten. Nach dem deutschen Einmarsch blieb Nordschleswig dänisch. Seine männliche Bevölkerung wurde nicht zur Wehrmacht eingezogen. Viele meldeten sich freiwillig zur Waffen-SS, auch Dänen.

Oliver Auge: "Die dänische Seite betont ja neuerdings auch, dass man am deutschen Krieg doch längere Zeit gut mitverdient hat. Die Werftindustrie in Dänemark zum Beispiel brummte hervorragend. Das wollte man von deutscher Seite nicht gefährden und andererseits fühlt man sich dem Norden, den nordischen Rassen stark verbunden und dachte, wenn der Endsieg erfolgt ist, wird ja diese Grenze ohnehin obsolet, weil dann ganz Dänemark Teil eines germanischen Reiches werden wird und insofern hat man es sein lassen."

Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands 1945 ergab sich plötzlich umgekehrt für die dänische Seite eine Gelegenheit, die Grenze nach Süden zu verschieben und sich ganz Schleswig einzuverleiben. Trotz einer entsprechenden Anfrage der britischen Besatzungsmacht zeigte die Regierung in Kopenhagen aber kein Interesse, betont Henrik Becker-Christensen.

"Dann fürchtete man auch, Deutschland wird ja wieder stark, das hat man ja früher gesehen. Was wird das für das bilaterale Verhältnis bedeuten? Und auch noch entscheidend: Falls wir die Grenze nach Süden verschieben, werden wir eine sehr große deutsche Minderheit bekommen und man glaubte, man hatte schon Probleme genug mit den 30.000, die wir bis jetzt hatten."

Hunderttausende fliehen nach Schleswig-Holstein

Gleichzeitig schickte Kopenhagen seit dem Kriegsende Nahrungsmittellieferungen über die Grenze nach Schleswig-Holstein, ergänzt Frank Lubowitz, der in Flensburg lebt und in dänischen Apenrade die Forschungsstelle der Deutschen Minderheit in Dänemark leitet.

"Die Hilfslieferungen waren für die Angehörigen der dänischen Minderheit und das führte dazu, dass Familien in Not, bei denen der Ernährer durch Tod, Kriegsgefangenschaft oder als vermisster Soldat ausgefallen war, sich dafür entschieden, ich gehe zur dänischen Seite."

Hatten sich während des Krieges gerade mal 2 – 3.000 Menschen in Südschleswig zu ihren dänischen Wurzeln bekannt, waren es jetzt plötzlich über 70.000. "Speck-Dänen" hießen diese Leute im Volksmund und ihr plötzlicher Wunsch, zu Dänemark zu gehören, hatte auch damit zu tun, dass Hunderttausende Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten nach Schleswig-Holstein kamen.

Frank Lubowitz: "Es war also sozusagen eine Schleswigsche Heimat-Bewegung, die sich mit dem Wunsch, nach Dänemark zu kommen, zugleich gegen die Flüchtlinge im Lande richtete. Diese Hoffnung war v.a. auch dadurch hervorgerufen, dass man sagte, wenn wir die Grenze nach Süden verschieben, dann müssen all die Flüchtlinge, die hier im Land sind, das Land verlassen."

Dänische Minderheit in Deutschland gestärkt

Die Grenze blieb, wo sie war. Aber die dänische Bewegung wurde zu einem politischen Faktor im neuen Bundesland Schleswig-Holstein. 1947 und 1950 schaffte sie den Einzug ins Kieler Parlament. Doch die regierende CDU drängte sie zurück. 

Frank Lubowitz: "Da gab es Gesetzgebungen, die den Zugang zum Landtag mit einer 7,5 Prozent-Klausel beschränkten und damit der dänischen Bewegung die Möglichkeit nahmen, in den Landtag zu geraten."

Nachdem die Sperrklausel nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts auf 5 Prozent gesenkt werden musste, scheiterte der Südschleswigsche Wählerverband 1954 auch an dieser Hürde. Damit waren die Dänen in Schleswig-Holstein von politischer Teilhabe ausgeschlossen, während umgekehrt die viel kleinere deutsche Minderheit in Dänemark einen Vertreter ins nationale Parlament, das Folketing, entsenden durfte. Dieses Missverhältnis wurde für die Bundesrepublik 1955 zu einem außenpolitischen Problem, als sie Dänemarks Zustimmung für ihren Beitritt zur NATO brauchte. Nach kurzen Verhandlungen verkündeten beide Regierungen die Bonn-Kopenhagener Erklärungen, in denen sie der jeweiligen Minderheit in ihren Land volle Gleichberechtigung zusicherten. Praktisch bedeutete das nicht nur, dass der Südschleswigsche Wählerverband bei Landtagswahlen von der 5-Prozent-Klausel befreit wurde, erklärt Oliver Auge.

"Das bedeutet im weiteren Sinne, dass man eine gewisse kulturelle Autonomie genießen kann, jetzt gerade hier auf Seiten der dänischen Minderheit über ein eigenes Schulwesen, dass man sich politisch organisieren kann, und dass man auch Verbindungen zum Mutterland, also zu Dänemark, unterhalten kann."

Kulturelle Vielfalt auf beiden Seiten

Beiderseits der Grenze bekommen die Schulen und Kindergärten der Minderheiten seither vom Staat genauso viel Förderung wie die der Mehrheitsbevölkerung und die Abschlüsse werden voll anerkannt. Kulturinstitute wurden eröffnet, die die Sprache und das Brauchtum der Minderheiten pflegen. Schleswig-Holsteins Landesregierung legt in jeder Legislaturperiode einen Bericht zur Lage der Minderheiten vor. Ein sogenannter Grenzlandbeauftragter des Ministerpräsidenten steht ihnen als Ansprechpartner zur Verfügung. So hat das Land innerhalb der Bundesrepublik hinsichtlich des Minderheitenschutzes eine Vorreiterrolle übernommen.

Oliver Auge: "Bei diesen Minderheitengarantien sind dann jetzt im Nachgang, das war bei den Bonn-Kopenhagener Erklärungen noch nicht dabei, aber dann auch den Friesen als Minderheit und nachgehend auch den Sinti und Roma als einer Minderheit in Schleswig-Holstein die gleichen Rechte zugebilligt."

Friesen und Sinti und Roma werden sichtbarer

Als der Landtag 2012 Schutz und Förderung der Sinti und Roma in der Verfassung festschrieb, lobte deren Zentralrat diesen Schritt als "historisches Zeichen", auch wenn ihre häufige Diskriminierung im Alltag damit längst nicht überwunden ist. Von einer solchen Diskriminierung spüren die Friesen kaum etwas. Aber auch sie fühlten sich lange benachteiligt, bevor ihnen 1990 Schutz und Förderung zugesagt wurden, weiß Frank Lubowitz.

"Die Friesen sind im deutsch-dänischen Konflikt etwas unter den Tisch gefallen. Es gab eine friesische Bewegung im 19. Jahrhundert, als alle anderen National-Bewegungen auch aufkamen, die sagte, wir müssen als eigene Nation uns behaupten. Als dann die Entscheidung 1920 aufkam, gab es den Konflikt, dass einige sagten, wir als Friesen werden mit unserer Sprache und Kultur besser in einem dänischen Staat versorgt, und andere sagten ganz klar, wir sind deutsch."

Anders als Deutsche und Dänen hatten die Friesen 1920 keinen eigenen Staat im Rücken, der sie stärkte, und als gespaltene Minderheit konnten sie sich kaum Gehör verschaffen. In Dänemark ist ihre Zahl verschwindend gering und in Deutschland fühlen sich die etwa 50.000 Friesen heute vom Südschleswigschen Wählerverband politisch repräsentiert. Im Kreis Nordfriesland wurde Friesisch als zweite Sprache anerkannt und Ortschaften, Bahnhöfe und Behörden zweisprachig beschildert. Wegen solcher weithin sichtbaren Symbole bekommt die Grenzregion häufig Besuch von Delegationen aus ganz Europa, die sich für die Minderheitenpolitik interessieren. Doch Frank Lubowitz bezweifelt, ob die deutsch-dänische Grenzregion als Vorbild für andere geeignet ist. Dafür sei der nationale Konflikt hier doch zu untypisch.

"Man kann sagen, der nationale Konflikt ist bei uns ein relativ junger Konflikt, der erst 1830, 1840 eingesetzt hat und er ist kein Konflikt, der zwischen zwei Ethnien ausgebrochen ist und kein Konflikt, der zwischen zwei Religionen oder mehreren Religionen ausgebrochen ist."

Auch die Grenze wird wieder sichtbarer

Damit entfielen hier von Anfang an die beiden Streitpunkte, die am häufigsten zu Konflikten zwischen Volksgruppen führen und die diese oft so schwer lösbar machen. So war es vergleichsweise leicht, das deutsch-dänische Verhältnis im Laufe der letzten 100 Jahre zu entkrampfen und die damals so umstrittene Grenze fast verschwinden zu lassen. Doch zuletzt hat sich das geändert. Mittlerweile ist sie wieder gut sichtbar. Dänemark hat einen Zaun von der Nord- bis an die Ostsee gezogen, offiziell, um Wildschweine aufzuhalten. Und an den Grenzübergangsstellen wird seit vier Jahren wieder kontrolliert.

Frank Lubowitz: "Ich bin Grenzgänger Ich bin einmal kontrolliert worden in den vier Jahren, als ich einen ausländischen Gast im Auto hatte. Es werden, das kann ich jeden Tag sehen, diejenigen kontrolliert, die schwarzhaarig, schwarzbärtig sind." 

Deutsche und Dänen gehen respektvoll miteinander um. Beide Regierungen unterstützen die Minderheiten in ihrem Land mit viel Geld, aber auch mit politischen Erklärungen. Das heißt aber noch lange nicht, dass es im Alltag eines wieder nationalistischeren Europas nicht zu neuen Diskriminierungen kommt.

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