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Terrorismus und FlughäfenInfrastrukturen sind generell bedroht

Man müsse sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass die Infrastruktur, ob nun an Flughäfen, Bahnhöfen oder bei Großveranstaltungen, unter der Bedrohung von Terroristen stünde, sagte der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt. Bei der Bekämfpung von Terrorismus, müsse Geld an der richtigen Stelle eingesetzt werden und nicht da, wo es um gefühlte Sicherheit gehe.

Heinrich Großbongardt im Gespräch mit Mario Dobovisek | 31.03.2016

Personen bei der Handgepäckkontrolle am Frankfurter Flughafen am 3.07.2014.
Personen bei der Handgepäckkontrolle am Frankfurter Flughafen. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Mario Dobovisek: Und am Telefon begrüße ich Heinrich Großbongardt, er ist Luftfahrtexperte. Er berät unter anderem auch Firmen aus der Luftfahrtbranche. Ich grüße Sie, Herr Großbongardt!
Heinrich Großbongardt: Schönen guten Tag!
Dobovisek: Wir hören also eine scharfe Kritik seitens der Polizei, seitens auch der Gewerkschaften an der Politik der offenen Flughäfen in Europa. Können Sie das nachvollziehen?
Großbongardt: Nein, das kann ich so nicht nachvollziehen. Ein Vergleich mit Israel zum Beispiel ist völlig abwegig. Israel ist ein Land, das seit Jahren in einer Art Kriegszustand lebt mit einem Ausmaß an Terrorismusbedrohung, das wir uns überhaupt nicht vorstellen können. Eine solche rigorose Kontrolle im Vorfeld ist an einem Flughafen mit 50, 60 Millionen Passagieren in Frankfurt, in Paris oder in München absolut nicht denkbar.
Dobovisek: Warum nicht?
Großbongardt: Erstens, Sie brauchen eine andere Infrastruktur, zweitens, Sie verlagern ja nur den Ort eines möglichen Anschlags. Der findet dann nicht mehr im Gebäude statt, sondern an den Zugangskontrollen. Und drittens, Sie haben ja ein viel größeres Volumen an Menschen, die Sie kontrollieren müssen. Es sind ja nicht nur die Passagiere, die durchleuchtet werden müssen, sondern jeder Taxifahrer, jeder Lieferant, die ganzen Familien, die Abholer, die müssen ja auch vorher ausreichend kontrolliert werden. Das heißt, die Aufgabe vervielfacht sich einfach noch mal.
"Man kann natürlich noch mal mehr Personal einsetzen"
Dobovisek: Wie könnte denn dann die Sicherheit an Flughäfen verbessert werden, um zumindest das Risiko solcher Anschläge, wie wir sie in Brüssel beobachten mussten, minimieren zu können.
Großbongardt: Es gibt ja viele Hinweise, dass im Fall von Brüssel die Schwachpunkte ganz woanders waren, nicht am Flughafen. Aber unabhängig davon, wir müssen uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass Infrastruktur, ob es nun Flughäfen sind oder ob es Bahnhöfe sind oder ob es Großveranstaltungen sind, unter der Bedrohung von Terroristen stehen. Es wird nicht möglich sein, an einem Flughafen da auf der Landseite, also auf der Seite vor den Sicherheitskontrollen eine vollständige Überwachung zu gewährleisten. Was man machen kann, ist, man kann natürlich noch mal mehr Personal einsetzen, es gibt Ansätze, die Kameraüberwachung beziehungsweise die Auswertung der Bilder der Überwachungskameras elektronisch vorzunehmen und Bewegungsmuster zu erkennen. Aber darüber hinaus lässt sich, denke ich, nicht mehr viel verbessern.
Dobovisek: Mehr Personal gleich höhere Kosten, in Zeiten von Billigfliegern und Kampfpreisen von teilweise unter zehn Euro je Ticket kaum vorstellbar.
Großbongardt: Ja, aber ich denke, es ist nicht der Kostenaspekt. Es ist der Wirksamkeitsaspekt. Wir müssen sehen, wenn man Terrorismus bekämpft, wenn man Sicherheit schafft, dass man das Geld an der richtigen Stelle einsetzt und nicht da, wo es ausschließlich vielleicht gefühlte Sicherheit schafft.
"In Deutschland wird das Flughafenpersonal stark kontrolliert"
Dobovisek: Niedriglöhne und harte Arbeitsbedingungen an Flughäfen - wie stark wird das Flughafenpersonal selbst kontrolliert?
Großbongardt: Das ist ein Thema. In Deutschland wird es stark kontrolliert. Jeder, der auf der, ich sage mal, Luftseite arbeitet, jenseits des Zauns, auf dem Vorfeld, in der Gepäckabfertigung, der Zugang zum Sicherheitsbereich hat, wird einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen und wird entsprechend überwacht. Wie es in anderen Ländern ist – womöglich, wenn es stimmt, was die Brüsseler Polizei sagte, gibt es da eventuell Schwachstellen.
Cargo-Sicherheit und bekannte Versender
Dobovisek: Kommen wir zu einem ganz anderen Bereich in der Luftfahrt, nämlich der Luftfracht, in Cargo-Flugzeugen unter dem Stichwort "bekannte Versender". Das sind, kurz gesagt, Firmen, die Fracht versenden und die entsprechenden Container bereits bei sich auf dem Gelände verschließen und verplomben können, eine Kontrolle am Flughafen würde es dann nicht mehr geben. Klingt für mich nach einem offenen Scheunentor. Gehen wir bei der Diskussion um schärfere Fluggastkontrollen in die falsche Richtung?
Großbongardt: Nein, ich glaube nicht. Das Thema Cargo-Sicherheit, bekannte Versender, funktioniert, denke ich, sehr gut. Wir sehen es auch, es gibt an der Stelle keine erfolgreichen Ansätze von Terroristen, irgendwie ein Flugzeug in die Luft zu sprengen. Das, was es mal gegeben hat, den Fund im Jemen vor, ich glaube, das liegt vier Jahre oder fünf Jahre zurück, seitdem hat es so was nicht mehr gegeben. Das funktioniert sehr gut und ist auch die einzige Möglichkeit, dieses Aufkommen an Fracht sinnvoll zu handeln.
Dobovisek: Was ist also jetzt als Erstes der wichtigste Schritt, um die Sicherheit zu verbessern?
Großbongardt: Der wichtigste Schritt, die Sicherheit zu verbessern, ist erstens Ruhe bewahren, und zweitens sehen, dass man die Terrorabwehr, die Überwachung von Gefährdern, von Rückkehrern nach Deutschland, nach Europa, dass man die besser in den Griff bekommt.
Dobovisek: Der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt über mehr Sicherheit an Flughäfen und in Flugzeugen nach den Terroranschlägen von Brüssel. Ich danke Ihnen für das Gespräch!
Großbongardt: Bitte sehr!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.