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Terrorismusexperte erhofft sich Abschreckung vom Madrider El-Kaida-Urteil

Kai Hirschmann, stellvertretender Direktor des Instituts für Terrorforschung und Sicherheitspolitik in Essen, ist der Ansicht, dass ein hartes Urteil im Madrider Prozess auf Einsteiger und Mitläufer durchaus abschreckend wirken wird. Die Erkenntnis, dass sich eine militante Ideologie des Islams bediene, sei allerdings beim harten Kern nicht zu erwarten.

Moderation: Jochen Spengler |
    Spengler: Am Telefon ist Kai Hirschmann, stellvertretender Direktor des Instituts für Terrorforschung und Sicherheitspolitik in Essen. Guten Tag Herr Hirschmann.

    Hirschmann: Guten Tag!

    Spengler: Wenn wir einen Moment zurückblicken, welche Bedeutung hatte dieser Anschlag des El-Kaida-Netzwerks in Madrid? War es der erste Anschlag von El Kaida in Europa?

    Hirschmann: Es war nicht der erste Anschlag von El Kaida in Europa, denn wir hatten im Jahr zuvor im Herbst bereits Anschläge in Istanbul erlebt. Wir hatten auch zahlreiche Versuche zuvor erlebt, zurückgehend bis in das Jahr 2000, Anschläge in Europa vorzunehmen, beispielsweise der versuchte Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Straßburg im Dezember 2000. Aber Madrid war natürlich der erste Anschlag großen Ausmaßes, der mit der Dschihad-Ideologie, der mit dem gewaltbereiten Islamismus in Zusammenhang gebracht werden konnte und der ganz offensichtlich machte, dass diese Form des Terrorismus auch Europa zum Ziel hat.

    Spengler: Das heißt da wurde dann ganz klar, dass auch Europa gefährdet ist?

    Hirschmann: Es war vorher bereits in den einschlägigen Papieren davon die Rede gewesen, auch den Feind, als der die Kreuzfahrer begriffen werden, also die europäischen Nationen, in ihrem Herzen zu treffen. Das war immer ein Bestandteil von El-Kaida-Papieren oder von Dschihad-Papieren dieser Ideologie. Nur war es bis jetzt in Europa nie dazu gekommen, dass ein solcher Anschlag in die Tat umgesetzt werden konnte, auch weil teilweise die Sicherheitsbehörden sehr aufmerksam waren und entsprechende Planungen im Vorfeld verhinderten. Madrid machte halt sehr deutlich, dass insbesondere weiche Ziele, dass insbesondere Infrastruktureinrichtungen, kritische Infrastrukturen nicht vollständig zu schützen sind und sie daher auch als Ziele für den militanten Dschihad gelten.

    Spengler: Herr Hirschmann ist eigentlich inzwischen ganz, ganz eindeutig klar, dass die ETA nichts mit Madrid zu tun hatte?

    Hirschmann: Es bleiben sehr viele Restfragen, was Madrid betrifft, aber aufgrund der Faktenlage, die mir vorliegt, aufgrund der Informationen, die ich sammeln konnte, ist es ein Anschlag, der im militanten Islamismus, im Dschihad-Milieu anzusiedeln ist mit entsprechenden Querverbindungen nach Marokko und in den Maghreb hinein. Die ETA-Theorie war eine Theorie, die in der Tat die spanischen Sicherheitsbehörden zunächst ausgegeben hatten, die sich aber hinterher so als nicht haltbar erwies.

    Spengler: Außer dass man jetzt mit einem Urteil, was wir nun erwarten, die mörderischen Taten zum Teil jedenfalls sühnt, was wird bewirkt? Wird das Urteil entschlossene Terroristen abschrecken oder wird es zumindest Mitläufer abschrecken können?

    Hirschmann: Es könnte sein, dass es auf Mitläufer abschreckende Wirkung hat, wenn erkannt wird durch dieses Urteil, dass es sich dabei um eine militante Ideologie, um eine Idee in den Köpfen handelt, um eine Sekte, um eine Art Sektierertum, die auch eigentlich mit dem Islam nichts zu tun haben. Diese Leute benutzen den Islam, um daraus politische Forderungen und politische Handlungen und die Methode des Terrorismus abzuleiten, so dass man den harten Kern dieser Leute, die sich sektenartig diese Ideologie in ihre Köpfe gebracht haben, wohl mit einem solchen Urteil nicht abschrecken kann, weil sie dazu bereits zu weit radikalisiert, zu weit fanatisiert sind. Es kann aber bei sozusagen Einsteigern in die Szene, Leuten, die heute mit dieser wirklichen verschwindenden Minderheit des militanten Islam, der mit der Weltreligion Islam wenig gemeinsam hat, etwas bewirken. Wenn Leute damit in Berührung kommen, vermag so ein Urteil vielleicht Leute dazu zu bringen, unterscheiden zu können zwischen der Religion und Leuten, die die Religion für ihre Zwecke missbrauchen.

    Spengler: Kai Hirschmann, stellvertretender Direktor des Instituts für Terrorforschung und Sicherheitspolitik in Essen. Danke für das Gespräch, Herr Hirschmann.

    Hirschmann: Ich bedanke mich herzlich.