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Startseite@mediasresLokalzeitung als Genossenschaft15.07.2019

"The Bristol Cable"Lokalzeitung als Genossenschaft

Die Macher der Online-Zeitung "The Bristol Cable" wollen zeigen, wie moderner Lokaljournalismus funktioniert: Sie veröffentlichen nicht massenweise Artikel, sondern einzelne selbst recherchierte Geschichten. Über die Themensetzung können Leser mitentscheiden – denn ihnen gehört die Zeitung.

Von Ada von der Decken

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Die Seitenwand eines Gebäudes, das blau-gelb gestrichen und mit orangefarbenen Mustern bemalt ist. Am Giebel steht die Aufschrift "The Bristol Cable". (Deutschlandradio/ von der Decken)
Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Online-Zeitung "The Bristol Cable" in der lokalen Medienlandschaft etabliert. (Deutschlandradio/ von der Decken)
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Eine der jüngsten Recherchen der Online-Zeitung "The Bristol Cable" sorgt über die Stadtgrenzen hinaus für Aufsehen. Auch die BBC greift den Skandal auf. Im Zentrum steht der Chef einer Eiscreme-Firma, die über Bristol verteilt an beliebten touristischen Plätzen Verkaufsstände betrieben hatte. Die Mitarbeiter seien ausgebeutet worden, Ausweispapiere seien abgenommen worden, wenn überhaupt sei nur ein äußerst geringer Lohn bezahlt worden.

Ein Mitarbeiter von "Bristol Cable" hatte Undercover für die Eis-Firma gearbeitet und konnte aus erster Hand von gesetzeswidrigen Arbeitsbedingungen berichten und Kontakt zu Betroffenen aufbauen.

Die Story erschien zunächst online - gespickt mit vielen Audios und Videos. Die Arbeit des Medien-Startups "The Bristol Cable" hatte dazu beigetragen, dass der Eis-Boss seine Geschäfte niederlegen musste.

"Zeit nehmen für die Recherche"

Eine solche jahrelange Recherche war möglich, weil die Mediengenossenschaft von den klassischen Zwängen im Nachrichtengeschäft abweicht und einen anderen Ansatz wagt, sagt Adam Cantwell-Corn, einer der Mitgründer.

"Unser Geschäftsmodell basiert nicht darauf, täglich fünf, sechs, zehn oder 20 Artikel zu veröffentlichen, um Online-Werbeeinnahmen zu generieren. Das verschafft uns auch die Möglichkeit, uns für die Recherche langwieriger Themen viel Zeit zu nehmen. Natürlich gibt es auch im klassischen Lokaljournalismus gute Journalisten. Aber das Geschäftsmodell erlaubt es ihnen in der Regel nicht, mal tiefer zu graben, Themen wirklich zu verfolgen oder mal aus einer Sackgasse wieder herauszufinden. Das alles können wir machen - und zwar gerade wegen unseres Geschäftsmodells."

Vier Männer und Frauen sitzen und lehnen an Tischen in der Redaktion des "Bristol Cable". (Deutschlandradio/ von der Decken)Blick in die Redaktion von "The Bristol Cable": Adam Cantwell-Corn (rechts) diskutiert mit Kollegen. (Deutschlandradio/ von der Decken)

Denn "The Bristol Cable" gehört den Lesern. Rund 2.000 Eigentümer hat die Genossenschaft heute. Erst vor knapp fünf Jahren trommelten Adam Cantwell-Corn und seine zwei Mitgründer mit einer Crowdfunding-Kampagne das Startkapital für das ungewöhnliche Medienunternehmen zusammen. Sie gründeten "The Bristol Cable" als Medien-Genossenschaft.

Großes Interesse bei den Nutzerinnen und Nutzern

Die Mission war von Anfang an klar: Sie wollten einen Lokaljournalismus schaffen, der es in Bezug auf Qualität und Wirkung mit den Publikationen auf nationaler oder internationaler Ebene aufnehmen könne, sagt Adam Cantwell-Corn. Zusätzlich zum Online-Auftritt erscheint vier Mal im Jahr eine gedruckte Gratis-Ausgabe der Genossenschaftszeitung, die in einer Auflage von 30.000 Stück verteilt wird.

Das Konzept kommt gut an. Fragt man in Bristol auf der Straße nach "The Bristol Cable", klingt das zum Beispiel so: "Ich mag, was die machen. Wie sie schreiben, finde ich sehr vertrauenswürdig. Sie zeigen einen anderen und manchmal womöglich ehrlicheren Blick auf die Themen."

Eine andere Leserin lobt den Mut und die Hartnäckigkeit der Zeitung. "Die packen auch kontroverse Themen an, arbeiten sich durch die Beweise durch und enthüllen Sachen, die sonst unentdeckt geblieben wären."

Für diese Leserin sei das der Grund gewesen, Mitglied bei der Medien-Genossenschaft zu werden. Zwischen einem und drei Pfund kostet das im Monat. Dafür haben die Leser Mitspracherechte: Sie können zum Beispiel regelmäßig über die Gewichtung von Themen abstimmen. Eine enge Bindung zwischen Redaktion und den Genossenschaftsmitgliedern wird zudem bei Veranstaltungen gepflegt, auf denen abendfüllend über aktuelle Artikel diskutiert wird. Die Redaktion hat zudem ein eigenes Medientraining für Nachwuchs-Journalisten aufgebaut.

Gemischte Finanzierung der Redaktion

Acht Vollzeitkräfte plus freie Mitarbeiter sind für "The Bristol Cable" tätig. Die monatlichen Zahlungen der 2.000 Mitglieder decken etwa 40 Prozent der Kosten. Der größere Anteil stammt aus einzelnen Rechercheförderungen, etwa von Stiftungen, die immer wieder neu beantragt werden müssen. "Ein schwieriges Unterfangen, sagt Gründer Adam Cantwell-Corn.

"Die Finanzierung bleibt schwierig, besonders im Lokaljournalismus, da ist im Moment kein Geschäftsmodell so richtig tragfähig. Es geht eher darum, wie stark man scheitert. Das ist wirklich ein Riesenthema für den Journalismus in Großbritannien und darüber hinaus. Also versuchen wir hier, neue verschiedene Lösungen für die Herausforderungen zu finden, wohlwissend, dass einige nicht funktionieren werden."

Die Medienmacher haben einen neuen innovativen Ansatz gewagt. Auch wenn die Finanzierung die größte Herausforderung bleibt. Die Medien-Genossenschaft "The Bristol Cable" hat gezeigt, dass sich moderner kritischer Journalismus auf lokaler Ebene umsetzen lässt und aufwändige Recherchen von den Lesern belohnt werden.

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