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StartseiteCorso"Als sei eine Seuche ausgebrochen"30.10.2019

Theater über Tagebau"Als sei eine Seuche ausgebrochen"

Entwurzelte Bäume, Häuser, Menschen - der Verlust der Heimat prägt die Braunkohleregion. Regisseurin Eva-Maria Baumeister hat das Thema künstlerisch umgesetzt. "Am Ende steht die große Frage: Muss man in diesem Land Grenzen überschreiten, um gehört zu werden", sagte sie im Dlf.

Eva-Maria Baumeister im Corsogespräch mit Susanne Luerweg

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Ein Abrissbagger zerstört am 09.01.2018 in Erkelenz - Immerath (Nordrhein-Westfalen) einen Turm des Immerather Doms. Der Ort Immerath muss dem nahenden Braunkohletagebau Garzweiler weichen.  (picturte-alliance/dpa/Federico Gambarini)
"Ein apokalyptischer Eindruck": Abriss des Immerather Doms am 09.01.2018 (picturte-alliance/dpa/Federico Gambarini)
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Ganze Dörfer sind schon verschwunden, 21 weitere Dörfer sollen folgen - komplett, kein Kirchturm wird mehr stehen, kein Gemeindehaus, kein Friedhof, den man noch besuchen kann wird übrig bleiben. Damit Braunkohle abgebaut werden kann, müssen Siedlungen weichen. Seit Jahren rücken die Bagger im Gebiet zwischen Köln und Aachen vor, räumen ganze Gegenden weg, um den Abbau voranzutreiben. Seit einigen Jahren formiert sich der Protest, vor allem im Hambacher Forst ist der Widerstand heftig. Baumhäuser sind entstanden, geräumt worden, ein Mensch ist gestorben, andere wurden verletzt, die Fronten zwischen Gegnern der Braunkohle und Befürwortern sind verhärtet.

Aber auch in den Orten, die noch da sind, wehren sich die Menschen. Die Regisseurin Eva-Maria Baumeister beschäftigt sich schon lange mit dem Thema verschwindende Orte, und widmet nun ihre neueste Arbeit den Dörfern im Braunkohlegebiet.

Apokalyptische Zustände

"2018 habe ich mich durch den Abriss des Immerather Doms damit beschäftigt, wie wirkt sich das Verschwinden auf Gemeinschaften aus", erklärte Baumeister im Deutschlandfunk. Die verlassenenen, verschwindenden Orte seien apokalyptisch, sagte sie und man habe das Gefühl, als sei dort eine Seuche ausgebrochen. Aber es ist keine Seuche, sondern menschengemacht."

Sie hat vor Ort sogenannte field recordings gemacht, Geräusche aufgenommen und Interviews mit Bewohnern und Bewohnerinnen geführt.

Solidarität und Widerstand

Parallel zum Theaterstück entsteht ein Hörspiel. Eva-Maria Baumeister hat gemerkt, wie unterschiedlich die Haltung auch vor Ort in den Dörfern im Braunkohlegebiet ist. "Es gibt viele Menschen für die es eine Retraumatisierung wäre, wenn das Dorf stehen bliebe", erzählte sie.

Auf dem Bild ist die Regisseurin Eva-Maria Baumeister zu sehen. Sie blickt lächelnd in die Kamera (Raphael Smarzoch)Die Regisseurin Eva-Maria Baumeister zu Besuch im Deutschlandfunk (Raphael Smarzoch)

Für ihre Theaterarbeit hat sie eine Figur erfunden, die sich wie ein roter Faden durch das Stück zieht. Angelehnt ist die fiktive Person an eine Architketin, die eine leise Art des Widerstandes für sich gefunden habe, so Baumeister. Neben den professionellen Akteurinnen und Akteuren wird auch ein Kirchenchor aus Gemeinden vor Ort auf der Bühne stehen, mit dem man gut zusammenarbeite, sagte die Regisseurin.

"Gemeinsames Singen erzählt viel über Solidarität", so Baumeister. Am Ende des Abends stehe die Frage der Solidarität: "Wo kann die stattfinden, wo sind die Grenzen?"

Die Menschen in den verschwindenden Orten haben schon in den 80er Jahren angefangen zu protestieren, lange bevor es den Paradigmenwechsel Klimaschutz gab, so Baumeister. Es war eine andere Form des Widerstands. "Wir haben alle legalen Mittel versucht", haben die Menschen Baumeister berichtet. Am Ende stehe deshalb nun die Frage: "Muss man in diesem Land Grenzen überschreiten, um gehört zu werden".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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