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Theaterstück "Super Collider"Diskursfeuerwerk im Weltall

Klassisches Theater mögen die Akteure von Showcase Beat Le Mot nicht. Sie rollen in riesigen aufblasbaren Bällen über die Bühne und bespritzen sich mit Babyöl, bis sie ausrutschen. Tiefsinnige Gespräche führen sie aber trotzdem.

Von Oliver Kranz | 11.12.2017

Bild aus der Performance "Super Collider" - eine junge Frau mit einem Mikrofon hinter einer Plexiglasscheibe in gelbem Licht
Im Hebbel am Ufer wird mit "Super Collider" keine Geschichte, aber viel Atmosphäre auf die Bühne gebracht (HAU / Atia Trofimoff.)
Bevor es losgeht, müssen sie sich eingrooven – vier Herren um die 50 in albernen bunten Hemden bewegen sich im Takt.

"Wir wollten etwas machen, was wir bis jetzt noch nie gemacht haben, nämlich ein Stück auch über unsere Gruppe",
sagt Veit Sprenger, einer der vier Akteure. Showcase Beat Le Mot sieht sich als Kollektiv. Der Einzelne soll nicht als Star hervortreten, sondern im großen Ganzen aufgehen. Die Gruppe bietet Schutz, schmort aber auch im eigenen Saft. Deshalb wurde für die neue Produktion eine Frau hinzu engagiert - die Tänzerin Dasniya Sommer. Der Titel "Super Collider" verweist auf den Teilchenbeschleuniger im Europäischen Kernforschungszentrum bei Genf.
"'Super Collider' ist natürlich ein Beschleuniger von Ideen etwas altgewordener Performer, zumindest wird uns das immer wieder gesagt - wir müssen uns mal beschleunigen."
"Alles geht immer von vorne los"
Am Anfang verdeckt eine Trennwand den Blick auf die Bühne. Als sie sich hebt, wird eine Raumstation sichtbar. Verschiedene Aufenthaltskapseln sind durch Tunnel miteinander verbunden. Die Männer, die sich in Neoprenanzüge gezwängt haben, kriechen mühsam hindurch. Dasniya Sommer hingegen kommt schnell voran. Ihr gehört der erste Monolog.
"Eine gelbe Sonne, eine rote Sonne, eine gelbe Sonne, eine grüne Sonne…"
Eine Geschichte wird nicht erzählt. Es geht allein um die Atmosphäre. Was tun Menschen, die in einer Raumstation um die Erde kreisen? Sie sagen Gedichte auf, sprechen über Alltäglichkeiten und philosophieren über das Weltall:
"Ein Orbit ist ein Kreis. Und ein Kreis endet am Anfang. Und dann geht es von vorne los. So ist es auch gedacht. Alles geht immer von vorne los."
Damit ist natürlich nicht nur das Weltall gemeint, sondern auch die Performance selbst. Showcase Beat Le Mot wirft die Diskursmaschine an. Es werden Philosophen, Schriftsteller und Politiker zitiert, nur um das Unbehagen der Gruppe am klassischen Theater auszudrücken. Das Publikum darf die Bühne betreten und hautnah miterleben, wie einer der Performer aus Knete einen Haufen formt.
"Also fürs Auge und fürs Ohr gibt es hier nichts. Hier ist alles diffus. Das Licht ist diffus, die Musik ist noisig und krachig. Die Leute können sich auf weiche, mit Schaumstoff gefüllte Sofas oder Sitzkissen legen - und später riecht es auch noch nach Babyöl und solchen Sachen. Und überhaupt, das soll an die Schönheit appellieren?"
Quatsch und Tiefsinn liegen nah beieinander
Die Idee, dass Kunst dem Wahren, Schönen und Guten verpflichtet sei, hat die Gruppe längst ad acta gelegt. Die Akteure rollen erst in riesigen aufblasbaren Bällen über die Bühne, dann bespritzen sie sich mit Babyöl und rutschen nackt über den Boden. Die Gespräche, die sie führen, haben kaum etwas mit ihren Aktionen zu tun. Da wird über das Böse philosophiert und beiläufig der Name Trump erwähnt. Dabei soll nicht der amerikanische Präsident kritisiert werden, sondern die Selbstgefälligkeit von Menschen, die die Schuld immer bei anderen suchen. Veit Sprenger sagt:
"Es wird immer so getan, wenn Trump nur weg wäre, dann wäre die Welt in Ordnung oder wenn diese Kaffeepads nur weg wären, dann wäre die Welt in Ordnung. Es wird sukzessive ein Täter nach dem anderen formuliert, nur um davon abzulenken, dass wir die eigentlichen Täter sind."
Quatsch und Tiefsinn liegen in der Showcase-Beat-Le-Mot-Raumstation nah beieinander. Die Produktion ist sicher nicht jedermanns Sache - aber wenn man sich auf sie einlässt, kann sie sehr witzig und anregend werden.
Die Produktion "Super Collider" feierte am 10.12. im HAU2 in Berlin Premiere - die nächsten Vorstellungen gibt es am 11.12., 12.12. und 13.12., jeweils um 19 Uhr.