Freitag, 01. März 2024

Forschung
Warum es noch immer Tierversuche gibt

Mäuse, Ratten, Primaten – rund zwei Millionen Tierversuche werden jährlich in Deutschland durchgeführt. Dabei lehnen mehr als 80 Prozent der Deutschen Tests mit lebenden Tieren ab. Ein baldiges Ende der Tierversuche ist dennoch nicht zu erwarten.

31.12.2023
    Eine Maus wird in einem Labor von einer Person in medizinischer Schutzkleidung auf einer Hand gehalten.
    Mit 72 Prozent im Jahr 2022 machen Mäuse den größten Anteil an Versuchstieren in Deutschen Laboren aus. (imago / Panthermedia / Lightpoet via imago-images.de)
    Rund sieben Millionen Tierversuche werden in der Europäischen Union pro Jahr durchgeführt. Deutschland liegt auf Platz eins mit mehr als zwei Millionen Tierversuchen, hinzukommen noch einmal so viele Tiere, die für Tierversuche gezüchtet, aber für eine Organentnahme oder als „Überschuss“ getötet werden. Insgesamt sind es also rund fünf Millionen Tiere, die für Grundlagenforschung oder für Sicherheitstests in die Labore kommen: vor allem Mäuse, Fische, aber auch Katzen, Hunde und Affen.
    Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens Savanta vom März 2023 wünschen sich 84 Prozent der deutschen Bürgerinnen und Bürger ein Ende von Tierversuchen. Einen Meilenstein für die Gegner und Gegnerinnen gab es zuletzt 2013: Da trat in der EU ein Verbot in Kraft für den Verkauf von Kosmetika, die an Tieren getestet wurden. Seitdem hat sich wenig getan. Dabei gibt es Alternativmethoden wie die Organ-on-a-Chip-Technologie. Andere Forschende dagegen sagen: Wissenschaft ohne Tierversuche sei wissenschaftsfremd und unrealistisch.

    Inhalt

    Warum werden Tierversuche durchgeführt?

    Tierversuche dienen vor allem der Grundlagenforschung, „um Lebensvorgänge und Erkrankungen besser zu verstehen, neue Medikamente und Heilverfahren zu entwickeln“, sagt die Wissenschaftsinitiative Tierversuche verstehen. Durch diese Grundlagenforschung erlangen Forschende Erkenntnisse darüber, wie der komplexe Organismus von Lebewesen überhaupt funktioniert. So wurden mithilfe von Tierversuchen zum Beispiel Impfstoffe gegen Krankheiten wie Kinderlähmung und für Therapien bei HIV und Krebs entwickelt.
    Hinzukommt: Alle Medikamente, die in der EU zugelassen werden, müssen an Tieren getestet werden, bevor sie in die klinische Phase kommen, bevor also Menschen das potenzielle Medikament einnehmen dürfen. In den USA ist der Verzicht auf Tierversuche in der Arzneimittelentwicklung hingegen schon möglich.

    Welche Tiere werden für Tierversuche verwendet?

    Laut des Deutschen Tierschutzgesetzes darf zwar niemand "einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen". Im Rahmen der wissenschaftlichen Forschung erlaubt § 7 des Tierschutzgesetzes aber Ausnahmen. In der Praxis bedeutet das, dass in Deutschland vor allem Mäuse (72 Prozent, Bundesamt für Risikobewertung (BfR)), Fische (12 Prozent) und Ratten (6 Prozent), aber auch Kaninchen, Affen, Primaten, Meerschweinchen, Vögel, Schafe, Schweine, Katzen und Hunde für Forschungszwecke eingesetzt werden, und an ihnen mitunter Arzneimittel, chemische Produkte wie Pestizide oder Farben getestet werden.
    So wurden nach Angaben des Bundesamtes für Risikobewertung (BfR) im Jahr 2022 insgesamt 4.207.231 Millionen Tiere im Rahmen der jährlichen Versuchstiermeldung erfasst. Allein 711.939 Tiere davon wurden für wissenschaftliche Zwecke getötet. Im Vergleich zum Vorjahr sind die Zahlen insgesamt zwar zurückgegangen (2021: 5.058.242 Millionen erfasste Tiere und 644.207 Tiere für wissenschaftliche Zwecke getötet). Die Tierschutzorganisation Peta kritisiert aber, dass in Deutschland immer noch zu viele Tiere gequält und „für 'wissenschaftliche' Zwecke missbraucht“ werden. Bekräftigt wird diese Kritik durch eine Recherche des Norddeutschen Rundfunks. So hat eine bundesweite Umfrage des NDR ergeben, dass es bei Tierversuchen in deutschen Laboren massive Verstöße gibt.

    Was spricht für Tierversuche?

    Rund 500.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Krebs. So seien Tierversuche unverzichtbar für die Krebsforschung, denn sie „ermöglichen Mechanismen zu studieren, wie sie im Menschen aller Wahrscheinlichkeit nach auch vorkommen können“, sagt Mathias Heikenwälde vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Aufgrund dieser Erkenntnisse könne man versuchen, Krebstherapien im Tier zu überprüfen und zu testen, die anschließend beim Menschen angewandt werden können. So seien die Medikamente für die Immuntherapie - "ein Quantensprung in der Behandlung von Krebspatienten" - komplett an der Maus erforscht worden, so Mathias Heikenwälde. "Würde man Tierexperimente verhindern oder stoppen, dann würde man auch die Möglichkeit verhindern, solche Medikamente zu produzieren."
    Forschung an Tieren findet unter anderem auch am Bundesinstitut für Risikobewertung statt. Dort ist der Toxikologe Gilbert Schönfelder Abteilungsleiter und er glaubt nicht, dass Tierversuche zum jetzigen Zeitpunkt beendet werden sollten. Aus ihnen gewinne man durchaus wichtige Erkenntnisse für den Menschen. Deshalb forschen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am BfR auch an Mäusen – um ihre Belastungen im Tierversuch besser einschätzen und dadurch verringern zu können.
    Gilbert Schönfelder hofft aber, dass man Tierversuche irgendwann ganz ersetzen kann. Dafür brauche es aber mehr Geld und die Anerkennung der Methoden, sagt er. Die werde erschwert durch Grabenkämpfe; wenn man Forschenden, die Tierversuche durchführen, diskreditiere. Tierschutz-NGOs würden zum Teil mit Schreckensbildern arbeiten, mit alten Darstellungen. Heute achte man bei Tierversuchen sehr aufs Tierwohl; es gäbe strenge Richtlinien, um zum Beispiel Schmerzen bei den Tieren möglichst gering zu halten.

    Was sind Alternativmethoden?

    Ob Tierschutzorganisationen oder Tierärzte – seit Jahrzehnten gibt es viel Kritik an Tierversuchen. Tiere würden zu oft unnütz leiden. Die Medikamentenentwicklung würde zeigen, dass die Tierversuche als System gescheitert seien, sagt Gaby Neumann, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Verein Ärzte gegen Tierversuche. So würden mehr als 90 Prozent der Medikamente, die in Tierversuchen wirksam und sicher waren, in nachfolgenden Versuchen an Menschen scheitern, weil sie wirkungslos, oder zu hochgradigen Nebenwirkungen führen würden. Es werde eine falsche Sicherheit „vorgegaukelt“.
    Dabei wäre die medizinische Forschung soweit, komplett auf tierversuchsfreie Methoden umzusteigen, sagt Gaby Neumann. Eine Lösung seien sogenannte Miniorgane, die man mit Stammzellen aus jeder menschlichen Körperzelle herstellen könne. Diese Organe würden wie die Originalorgane, also wie ein „schlagendes Miniherz, oder eine urinproduzierende Niere“ funktionieren. Mit einer Art von Blutgefäßen könnte man diese Miniorgane sogar verbinden und so einen komplexen Kreislauf simulieren – die sogenannten Multi-Organ-Chips.
    Burkhard Kleuser, Toxikologe an der Freien Universität Berlin, gibt diesbezüglich aber zu bedenken, es sei relativ einfach, auf Tierversuche zu verzichten, wenn man ein einzelnes Organ untersuchen möchte. Schwierig werde es hingegen, wenn man das „Zusammenspiel“ von Organen untersuchen wolle. Der Mensch sei ein komplexer Organismus und das könne man bisher nicht abbilden. Wenn man komplett auf Tierversuche verzichte, bedeute das, direkt am Menschen eine neue Substanz zu testen, gibt Burkhard Kleuser zu bedenken. Und welcher Mensche würde das gerne tun, wenn ein Medikament vorher nicht an einem komplexen Organismus getestet worden sei?

    Was genau ist die Organ-on-a-Chip-Technologie?

    Bei der Organ-on-a-Chip-Technologie werden zum Beispiel Zellkulturen von der Lunge oder der Leber in einer Nährlösung gezüchtet und durch kleine Kanäle miteinander verbunden. Eine Mini-Pumpe symbolisiert das Herz und bringt benötigte Stoffe in den Kreislauf, der einen lebendigen Organismus nachstellen soll. Von solchen Multiorgan-Chips könne man beispielsweise Blut- und Urinproben nehmen und Medikamente testen, sagt Gaby Neumann.
    In Berlin hat sich das Unternehmen TissUse darauf spezialisiert. So schätzt Geschäftsführer Reyk Horland, dass Alternativ-Methoden-Modelle wie Multiorganchips oder auch KI-gestützte Computermodelle insgesamt bis zu 60 Prozent der Tierversuche ersetzen könnten, im Bereich der Sicherheitsbewertung oder in der Medikamentenentwicklung in Zukunft sogar bis zu 80 Prozent.

    Gibt es Tierversuche für Kosmetika?

    Seit die Europäische Kosmetikverordnung 2013 in Kraft getreten ist, dürfen Hersteller keine Tierversuche durchführen – weder für einzelne Inhaltsstoffe, noch für fertige Produkte. Den Kosmetikherstellern ist auch verboten, den Auftrag in andere Länder außerhalb der EU zu geben. Das gilt für Cremes und Kosmetik. Außerdem dürfen auch keine Kosmetikprodukte oder Inhaltsstoffe nach Deutschland importiert werden, die an Tieren getestet wurden.
    In der Kosmetik sind aber immer noch Inhaltsstoffe enthalten, die vor dem Verbot zugelassen wurden, also noch mit Tierversuchen. "Zum Beispiel die Bausteine von Oxidationshaarfarbe", erklärt die Chemikerin Kerstin Etzenbach-Effers von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Die europäische Regulierungsbehörde „ECHA“, die „European Chemicals Agency“ mit Sitz in Helsinki, verlangt außerdem von den Unternehmen zum Teil bei der Herstellung von Kosmetika nach wie vor Tests an Tieren.
    Ein großes Bündnis kämpft derweil weiter für das Tierwohl. Dafür sammelte die Bürgerinitiative „Safe Cruelty Free Cosmetics – Commit to a Europe Without Animal Testing“ gemeinsam mit Tierschutzorganisationen und Hunderten Unterstützern und Unterstützerinnen aus der Wirtschaft und Gesellschaft mehr als 1,2 Millionen Stimmen von EU-Bürgerinnen und Bürgern. Ihre Forderungen an die Politik: Das Verbot für Tierversuche bei Kosmetika zu stärken, die EU-Chemikalienregulierung zu überarbeiten und einen Fahrplan für das Ende von Tierversuchen in der Forschung, bei Sicherheitstests und in der Ausbildung aufzustellen.
    Die Europäische Kommission hat in ihrer Antwort auf die Bürgerinitiative bisher keine verbindliche Position eingenommen, was das Tierversuchsverbot bei Kosmetika betrifft. In den Bereichen Forschung und Ausbildung sei sie nicht der Ansicht, dass es hier einen gesetzlich bindenden Vorschlag für den Ausstieg aus Tierversuchen brauche. Die Chemikalienverordnung wolle sie allerdings jetzt überarbeiten.
    Im November urteilten die Richter und Richterinnen des europäischen Gerichtshofes zudem im Sinne der Chemikalienverordnung und gegen die Kosmetikrichtlinie. In der EU werden Tierversuche zur Kosmetika-Herstellung also bis auf Weiteres durchgeführt.
    Um zu wissen, welche Produkte wirklich ohne Stoffe auskommen, die an Tieren getestet wurden, kann man sich an Siegeln orientieren wie das Siegel "Hase mit schützender Hand", vom Internationalen Herstellerverband tierschutzgeprüfte Naturkosmetik, Kosmetik und Naturwaren – IHTN. Mit dem arbeitet auch der Tierschutzbund zusammen.

    Wie reagiert die deutsche Politik auf Tierversuche?

    Im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft im Bundestag wird gerade die Überarbeitung des Tierschutzgesetzes verhandelt. Die Grünen wollen für die Tiere schwerst belastende Tierversuche verbieten. Die FDP findet hingegen, dass Tierversuche bereits gut geregelt seien. Man sehe „schon jetzt einen sehr sicheren und tierfreundlichen Rahmen“, so der Sprecher für Forschung, Technologie und Innovation der FDP-Fraktion, Stephan Seiter. Er plädiere dafür, „unseren Forscherinnen und Forschern zuzugestehen, dass sie sich ihrer ethischen Verantwortung bewusst sind“. Verbote unterstütze seine Partei nicht.  
    Die SPD steht etwa in der Mitte zwischen Gelb und Grün: Aus dem Tierschutzgebot im Grundgesetz leite sich ab, dass es eine „absolute Schmerzens-Leidens-Obergrenze“ geben sollte; das jedoch sei im Einzelfall zu entscheiden, heißt es aus der Pressestelle der SPD-Fraktion. Alternativmethoden, also den Ersatz von Tierversuchen, wolle die SPD insgesamt noch gezielter unterstützen. Das Ganze scheint auf eine Art Minimalkonsens hinauszulaufen: Ein Extra-Fördertopf von Alternativmethoden soll neu aufgesetzt werden.  
    Laut Zoe Mayer, Abgeordnete für die Grünen und Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft im Bundestag, könnten es dafür im nächsten Jahr ein bis zwei Millionen Euro sein – ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Erforschung von neuen Testmethoden ist teuer, aber wichtig – genauso wie eine Grundsatzdebatte.
    „Wir führen ja auch aus gutem Grund keine Menschenversuche durch, die einen gewissen Belastungsgrad übersteigen. Bei Tieren gibt es das aktuell so gesehen nicht. Wir können selbst die schlimmsten Versuche an Tieren durchführen, an immer den gleichen Tieren, immer wieder auch an Primaten. Und ich denke, wir haben da auch gesellschaftlich die Verantwortung, noch mal besser zu reflektieren, (...) wo stimmt dann das Kosten-Nutzen-Verhältnis noch zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem Leid, was ein einzelnes Tier, ein Individuum wirklich durchmachen muss“, sagt Zoe Mayer.
    jad, Anna Loll