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Tierwohlsiegel
Mehr Transparenz in der Nutztierhaltung

Die Menschen wollten wissen, wie das Tier gelebt habe, dessen Fleisch auf ihrem Teller liege, sagen Verbraucherschützer. Die Bundesregierung hat deshalb eine neues Gütesiegel geschaffen, das hier für Klarheit sorgen soll. Für die Bauern ist die Teilnahme freiwillig.

Von Jule Reimer | 19.01.2017

Braun-weiße Kühe stehen auf einer Wiese.
Wie das Tier gelebt hat, ist oft unklar. Eine neue Kennzeichnung soll für Transparenz sorgen. (pa/dpa/Galuschka)
Ein breit angelegtes Gütesiegel für Fleisch: Hochkompliziert, sagen die einen. Mehr als überfällig, sagen die anderen, denn der Mehrheit der Verbraucher ist es mitnichten egal, wie es in Kuh-, Schwein- oder Hähnchen-Mastanlagen zugeht, haben Befragungen ergeben. Klaus Müller, Chef des Bundesverband Verbraucherzentralen:
"Wir wissen, dass die Verbraucher eine große Erwartungshaltung haben, präzise zu wissen, wie ging es dem Tier, das auf meinem Teller gelandet ist. Und bisher gibt es keine verlässliche Informationsgrundlage. Und deshalb ist es ein erster Schritt – dass Deutschland voran geht und ein freiwilliges zweistufiges Label schafft, wo ich jetzt weiß, wenn ich von diesem Tier was esse, dann ging es ihm vorher besser als gesetzlich vorgeschrieben."
Denn auch wenn der Konsument die wirklich schwarzen Schafe der Agrarbranche ausblendet: Selbst, was das Gesetz dem Nutztierhalter vorschreibt oder erlaubt, entspricht nicht immer dem, was allgemein unter einer tiergerechten Haltung verstanden wird. Drangvolle Enge, niemals Sonnenlicht oder Außenluft atmen; keine Möglichkeit, sich zu bewegen oder zu beschäftigen: Schweine und Hühner beginnen unter solchen Bedingungen, einander zu verletzen, weshalb Schnäbel kürzen und Ringelschwänze kupieren bislang in vielen Ställen eine völlig legale Praxis sind.
Tierwohl-Kennzeichnung ist freiwillig
Die bereits existierenden Siegel der Biobranche stehen für vergleichsweise sehr teure und eher kleine Fleischmengen. Neuland-Siegel und das Tierschutzlabel des Tierschutzbundes honorieren zwar in Form von höheren Preisen den Einsatz konventioneller Landwirte für mehr artgerechte Haltung, beide Siegel aus dem Nichtbiobereich bedienen jedoch bisher eher eine Marktnische.
Verbraucherschützer Klaus Müller weiß zumindest grob, welchen Anforderungen das neue staatliche Label genügen muss, das im Übrigen ein freiwilliges Angebot für Landwirte ist:
"Das Label muss für ganz konkret das Tier, was ich verzehre, aussagen, dass es mehr Platz hatte, mehr Tageslicht, mehr Beschäftigungsmöglichkeiten, vielleicht auch mehr Beschäftigungs- und Ablenkungsmöglichkeiten während es im Stall gestanden hat. Und über diese Kriterien müssen wir jetzt noch konkret ringen, die gibt es noch nicht."
Mehr Transparenz für den Konsumenten gefordert
Auch der Deutsche Bauernverband hat eine Initiative für mehr Tierwohl gestartet, die vom Einzelhandel mit kleinen Beiträgen gefördert wird. Allerdings wird für den Verbraucher mangels Kennzeichnung gar nicht sichtbar, ob er das Ergebnis der Anstrengung kauft – zu groß war wohl die Furcht im Verband, die große, nicht gekennzeichnete Masse der Fleischproduktion könnte so stigmatisiert werden. Verbraucherschützer Klaus Müller:
"Die bisherige Brancheninitiative Tierwohl des Bauernverbandes war eine gute Idee. Aber die Kriterien, die dort zu Grunde gelegt wurden, waren aus unserer Sicht viel zu niedrig und das größte Manko war: Es galt nicht für das Stück Fleisch, was ich mehr bezahlt sollte und insofern haben wir kritisiert, dass die Verbraucher hier nicht korrekt informiert wurden."
Die Biobranche fordert insgesamt mehr Transparenz gegenüber den Konsumenten. Was auf Packungen draufstehe, müsse auch drin sein, meint Elke Röder vom Bundesverband Naturkost Naturwaren (BNN):
"Wenn ein Nutztier nie auf der Weide oder nie im Stroh stand, dann darf das eben auf Produktverpackungen auch nicht so abgebildet werden. Und wenn ein Tier nicht ökologisch gehalten wurde, dann darf auf dem Produkt auch nicht ein sechseckiges Siegel erscheinen, das an das Biosiegel erinnert, aber möglicherweise ein Tierwohlsiegel sein soll."
Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt stellt das neue Tierwohllabel heute auf der Grünen Woche vor.